Zehn blattgoldverzierte Regeln zum Umgang mit Kameraleuten

Gastautor, 23. October 2007

Schon im frühesten Kindesalter wollte Micha, webweit bekannt als OasisUK zu “1, 2 oder 3” in die Sendung. Jedoch weder als dämlich vor irgendwelchen Toren herumhopsendes österreichisches, schweizer oder deutsches Teilnehmerbalg, noch als Biggi – sondern selbstverständlich in der höllencoolen Rolle des Kamerakinds. Es sollte jedoch nie dazu kommen, dass er sich die Bildrahmenfarbe aussuchen konnte um infiniten Ruhm zu ernten, wann immer ein von ihm aufgenommener Moment gesendet ward. Als kompensatorische Rache am Schicksal beschloss er später, Kameramensch beruflich zu “machen”. Hier und heute gibt er – exklusiv im Craplog – Tipps zum Verhalten gegenüber Menschen seiner Gattung.

OasisUK - the Cameraman
Illustration: OasisUK himself

Damit ein Kameramann so fröhlich bleibt wie auf diesem Bild gibt es ein paar einfache Verhaltensregeln für den Passanten, der einem Vertreter dieser doch recht selten gewordenen Gattung auf der Straße begegnet:

  1. Vermeiden Sie es mehrmals “unauffällig” durchs Bild zu laufen, sie sind auffälliger als Sie denken. Auch Winken, in die Kamera Lachen und das Stehenbleiben im Bild (oft einhergehend mit dem Anrufen von Verwandten und Bekannten, die nachschauen müssen ob sie Sie gerade im Fernsehen sehen) geziemt sich nicht. Machen Sie sich keine Illusionen: Sie werden so oder so aus dem fertigen Beitrag herausgeschnitten.
  2. Versuchen Sie nicht, ein Fachgespräch mit einem Kameramann anzufangen, den Sie in der Ausübung seines Berufes antreffen, nur weil Sie in den 70er Jahren eine Schmalfilmkamera besessen haben, oder in den 90er Jahren überlegt haben sich eine kleine Videokamera für den Familienurlaub anzuschaffen. Auch das wahllose Einstreuen von in den Medien gehörten technischen Fachausdrücken kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ihr Gegenüber Ihnen mit seinem messerscharfen technischen Sachverstand meilenweit überlegen ist. Er weiß sogar was die von Ihnen benutzten Begriffe bedeuten, und wird bestenfalls schmunzeln solange Sie daneben stehen, in jedem Fall aber wird er sie abends mit den Kollegen ebenso schallend auslachen wie seinen Chef oder die Moderatoren, die bei der gemeinsamen Arbeit ebenfalls gerne Fachbegriffe verwenden ohne zu wissen wovon sie sprechen.
  3. Wenn Sie schon vor einer Kamera die gerade aufnimmt (erkannbar zum Beispiel an dem roten Licht an der Vorder- und Rückseite, oder den 10 bis 20 Praktikanten die versuchen sie daran zu hindern durchs Bild zu laufen) durchs Bild laufen müssen, dann tun Sie dies bitte wie folgt: zügig, aber ohne zu rennen! Entschuldigen Sie sich nicht indem Sie vor der Kamera stehen bleiben und “Entschuldigen Sie!” oder “bin ich ihnen jetzt ins Bild gelaufen?” sagen, gehen Sie einfach weiter. Bitte ducken Sie sich nicht während Sie vorbeilaufen, das bringt nichts und ist -je nach Alter- auch nicht ganz ungefährlich. Gehen sie auf keinen Fall noch einmal zurück um zu schauen ob Sie gerade durchs Bild gelaufen sind (die Antwort lautet: ja…). Schauen sie AUF KEINEN FALL in die Kamera, das machen nur geltungssüchtige Nachrichtenredakteure und Moderatoren.
  4. Folgende Fragen will kein Kameramann hören, drucken Sie sich diese Liste aus, schreiben Sie sie zum Lernen 100 mal ab und rechnen Sie mit Gewalt, wenn Sie trotzdem einmal mir oder einem meiner Kollegen eine stellen:
    • “Ist das nicht schwer?” (Würden Sie einem Möbelpacker die selbe Frage stellen…?)
    • “Von welcher Zeitung/welchem Radiosender sind Sie denn?” (Das ist leider kein Witz, diese Frage wurde mir bereits mehrfach gestellt, und auch bei Kollegen entwickelt sie sich in den letzten Jahren zu einem verhassten Klassiker aus der Reihe “die dämlichsten Fragen aller Zeiten”…)
    • “was fotografieren/filmen Sie da?” (Willkommen im 21. Jahrhundert! Willkommen im Zeitalter der Tapes, DVDs und Festplattenrekorder! Eine Kamera filmt nicht, sie nimmt auf. Bei Film(!)produktionen wird gefilmt, aber da können Sie auch nicht stören da alles weiträumig abgesperrt ist.)
    • “Wann/wo wird denn das gesendet?” (nicht alles was irgendwo aufgenommen wird wird auch irgendwo gesendet. Interessant hierbei finde ich, dass mich noch nie (!) jemand nach “wo” UND “wann” gefragt hat, sondern immer nur entweder das eine oder das andere wissen wollte)
    • “Bist Du von MTV?” (Ja. Deswegen stehe ich mit einem Redakteur in einer Fußgängerzone einer Kleinstadt und mache eine Umfrage unter Rentnern.)
    • “Kann mein Enkel mal ein Praktikum bei Ihnen machen? Er ist 12 und soooo kreativ!” (Nein, ist er nicht.)
    • “Machen Sie das beruflich?” (Nein, ich gehe zum reinen Vergnügen auf Veranstaltungen wie “die IHK Hauptversammlung”, “IT-Cluster in Bayern – auf in die Zukunft!” oder auch “125 Jahre Stadtteilmuseum – ein Leben in Bildern”, mache dort rein privat Aufnahmen und zeige diese dann am Wochenende meinen Freunden, damit sie mich um mein aufregendes Leben beneiden.)
    • “Kennen Sie Günter Jauch?” (Es mag Sie vielleicht überraschen, aber hinter jeder Nummer auf Ihrer Fernbedienung verbirgt sich ein anderer Sender mit anderen Mitarbeitern, die sich nicht alle untereinander kennen. Ich beantworte diese Frage trotzdem immer gerne mit “ja”, schließlich habe ich ihn schon mal gesehen. Im Fernsehen natürlich.)
  5. Entgegen der allgemein üblichen Meinung sind nicht alle Leute die im Medienbereich arbeiten alkohol- oder nikotinabhängig. Nicht jeder Kameramann freut sich über ein ihm bei der Arbeit angebotenes Bier oder trägt stets ein Feuerzeug bei sich um vorbeiziehenden Rauchern Feuer anbieten zu können.
  6. Fragen Sie nicht ob Sie Ihren Lebenspartner, Nachbarn oder Ihr Haustier vor der Kamera grüßen dürfen, meines Wissens ist dies in Nachrichten- und Magazinbeiträgen in Deutschland relativ unüblich.
  7. Fassen Sie unter keinen Umständen Teile des Equipments an, es besteht die Gefahr eines Hexenschusses (beim Tragen der Geräte) und anschließend schwereren körperlichen Schmerzen (nach dem Fallenlassen der Kamera oder des Stativs wegen Ihres Hexenschusses).
  8. Auch hippe Medienmenschen freuen sich wenn sie von Personen die sie nicht kennen nicht automatisch mit “Du” angesprochen werden.
  9. Fragen Sie unter keinen Umständen nach einer Drehgenehmigung, Sie können davon ausgehen dass alles seine Ordnung hat. Haben Sie schon einmal einen Bauarbeiter bei der Arbeit gefragt ob er das was er gerade macht auch darf? Wenn Sie das Bedürfnis verspüren sollten doch nach einer Drehgenehmigung fragen zu müssen, unterdrücken Sie es! Kaufen Sie sich im nächstgelegenen Fachgeschäft für Schreibwaren einen kleinen Block und einen Stift und schreiben Sie alle Falschparker in Ihrer Stadt auf, um danach die Polizei darüber zu informieren, das wird Sie beruhigen.
  10. Geben Sie niemals, unter keinen Umständen, NIE NIE NIE einem Kameramann gestalterische Tipps wenn Sie nicht zum Team gehören. Es könnte passieren, dass er sie sich zu Herzen nimmt und das gedrehte Material dann aussieht wie Ihr letztes Urlaubsvideo, bei dessen Vorführung Ihre gesamte Verwandtschaft in einen koma-ähnlichen Tiefschlaf gefallen ist…

Wenn Sie diese Ratschläge befolgen können wir uns in Zukunft wieder besser auf unsere Arbeit konzentrieren, und dann wird das Fernsehprogramm vielleicht auch wieder besser, versprochen…

8 Kommentare

  1. maloXP sagte am 23. October 2007 um 20:36 Uhr:

    *chrchrchr* <- Ernie-Lachen. Sehr schöner Text. Hat mich an die uralten MAD-Hefte von vor dem Relaunch ’98 erinnert. Da gab es eine Rubrik “Kluge Antworten auf blöde Fragen”, dem kommt das schon recht nah.

  2. .markus sagte am 23. October 2007 um 20:48 Uhr:

    Sehr schön!
    Hättest du Lust Illustrator fürs Craplog zu werden? Du wirst auch zu 50% an den Einnahmen beteiligt, höhö! Scherz beiseite, tolle Zeichnung!

  3. Simon sagte am 24. October 2007 um 01:13 Uhr:

    Bleibt nur noch zu klären bei welchem Radiosender er arbeitet.

    Für hilfreiche Tipps bin ich immer da. Wann wird das denn gesendet?

  4. Harry Kuntz sagte am 24. October 2007 um 12:22 Uhr:

    Ich glaube, die Antworten auf blöde Fragen gibt es immer noch, nur sind sie nicht klug.

  5. Cordula sagte am 24. October 2007 um 20:10 Uhr:

    Sehr nett und sehr treffend. Fernsehen zieht Verrückte an, der alte Spruch bewahrheitet sich leider zu oft….aber was hast Du gegen die IHK-Hauptversammlung? Kann mir nichts unterhaltsameres vorstellen…Spiele wie “wer dreht den gelangweiltesten Menschen?” sind doch lustig 🙂

  6. oasisUK sagte am 24. October 2007 um 21:37 Uhr:

    Ich erinnere mich gerade an einen Praktikanten von der Fachoberschule der auf einem Drehtermin bei der IHK eingeschlafen ist: beneidenswert… 😉

  7. liebe kameramänner - Craplog.de sagte am 25. October 2007 um 10:32 Uhr:

    […] das craplog scheut sich nicht, die eigenen medaillen umzudrehen und auch das verhalten der kameraleuten zu hinterfragen, die mit ihrer überteuerten technik meinen alles zu […]

  8. maloXP sagte am 13. December 2007 um 21:38 Uhr:

Und was meinst Du?

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