Wie das Internetz unsere Kinder verdirbt

Frank, 21. November 2007

Cyberzombie
Foto: lorda (cc)

Was ist noch schlimmer als ein Mensch ohne Durchblick? Ein Mensch, der seinen offenkundlichen Unverstand wie einen stolz geschwollenen Phallus vor sich her trägt. Im Forum von Speichel Online schreibt User “Steinkauz” zu einem Artikel über Mobbing, das über MySpace erfolgte und einen Suizid zur Folge hatte (Thema logischerweise boulevardesk: “Das Web als Waffe: Braucht das Internet strengere Regeln?”) folgendes:

Mischt euch ein!

Okay, ich gehe das jetzt mal durch.

Ganz klar: Eltern müssen eine Kontrollmöglichkeit haben.

Schließlich lesen sie ja auch das Tagebuch der lieben Kleinen und betreten stets dann unverhofft das Zimmer (“Ich hab Schnittchen gemacht, wollt ihr welche?”), wenn die arg pubertierende Susi gerade Jungsgeschichten mit Freundin Tina austauscht. Wer weiß, vielleicht ist sie ja schwanger von diesem Grobian Mike? Als Elter muss man alles wissen, deswegen wird am Telefon natürlich auch mitgehört.

Zudem müssen Internetforen, in denen Kinder sich bewegen, strikt moderiert werden, um Auswüchsen vorzubeugen.

Auswüchse sind in dem Alter ganz normal. Man nennt das Akne. Ob Moderation da etwas bringt?

Eltern darf der Zugang nicht verwehrt werden (wie auf den deutschen Schülerchats üblich).

Man stelle sich das bitte situativ vor: Susis besorgter Vater will wissen, was sein Töchterchen in diesem “Net” so treibt und gibt oben in sein Internet ein: Schülerchat. Auf der sich öffnenden Seite steht groß, breit und in Comic Sans MS: Für Eltern und Leerer verbohten. Woraufhin Susis Vater die Hände verzweifelt vor dem Kopf zusammenschlägt und in Tränen ausbrechend jammert: “Ach ich armer Tropf, ich dürfe nicht hinein, steht da. Was nun? Nie werde ich aus Gründen der Sicherheit dem Seelenleben meines eigen Fleisches und Blutes auf den Grunde gehen können!” Ergriffen von Traurigkeit wendet er sich ab vom Bildschirm und weiß nicht weiter. Von anonymen Logins und virtuellen Identitäten hat er noch nie gehört. Eigentlich sollte er froh darüber sein, denn hätte er den Schülerchat als “kevin92” betreten, wäre er vermutlich erschüttert gewesen wegen der unfassbaren Leere, die in diesem und den meisten anderen Chatrooms während der letzten Jahre herrscht. Chatten ist sowas von 1999. Die Jugend von heute chattet höchstens mal per Instant Messenger, tummelt sich sonst eher in Communitys und MMORPGs. Wenn Susis Vater wüsste, was da vor sich geht, würde sich ihm die Toupetbehaarung kräuseln.

Täter müssen strafrechtlich verfolgt werden (- Beleidigung, Verleumdung, Stalking, besondere Grausamkeit – es gibt doch allerlei rechtliches Instrumentarium, um solchen Leutchen hierzulande das Handwerk zu legen).

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein! hört man’s da aus den Ecken der innerlich Gesicherten krähen und wären sie nicht so mit der Dämonisierung des Mediums als Terror-Kommunikationskanal und Vertriebsplattform für pädophile Pornographie beschäftigt, würden sie vielleicht merken, dass Anzahl und Volumen der rechtlichen Mittel in der Tat längst ausreichen, um per Web kriminelle Individuen (“Leutchen”) zu fassen. Allein – es fehlt anscheinend an technischem Sachverstand in den Ermittlungsbüros. Da kann es auch mal acht Monate dauern , bis ein Ermittler auf die Idee kommt, eine WHOIS-Abfrage durchzuführen, um den Besitzer einer Domain zu ermitteln.

m.E. haben Teenager nicht die Möglichkeit eine dringend notwendige Distanz zum Medium Internet aufzubauen.

Jawoll! Mehr Internetdistanz wünscht sich der Herr Steinkauz von einer Jugend, die neue Technologien nicht mit spitzen Fingern anfasst. Die die arroganten, von gefährlichem Halbwissen (man Vergleiche: Brigitte Zypries, die nicht weiß, was ein Browser ist, aber den Gegnern der Vorratsdatenspeicherung mangelnde Sachkenntnis vorwirft) geprägten Ratschläge jener stocksteifen Menschen zu Recht in den Wind schlagen, denen nach wie vor nicht klar ist, dass Internet-, Technik- und Medienkompetenz in den Arbeitswelten von heute und morgen wichtiger sein könnten als ein auswendig gelernter Erlkönig. Die machen ja eh nur Unfug in diesem Net, gell? Es vernebelt den Geist, wie früher deckungsgleich Schundromane, Comichefte, Telefone, Fernseher, Zombiefilme, Marihuana, Gameboys, Computerspiele und so weiter, nur dass man dank des Webs noch viel schneller versehentlich zum islamistischen Selbstmordattentäter mutieren kann.

Chatrooms können zur Sucht werden und stehen im Kinderzimmer neben dem Bett.

Ich bitte jeden, sich den Satz in all seiner Sinnhaftigkeit ein weiteres Mal vor Augen zu führen, ihn sich ggf. gerahmt als ewige Mahnung auf’s Nachttischen zu stellen.

Chatrooms können zur Sucht werden
und stehen im Kinderzimmer neben dem Bett.

Amen. Ich mit meinen naiven laienpsychologischen Ansichten bin ja der Meinung, dass man von so ziemlich allem abhängig werden kann, von Schokolade bis zum Händewaschen. Das Suchtverhalten ist immer der Ausdruck einer verlagerten Sehnsucht, eines individuellen Problems, das sich mehr oder weniger destruktiv äußert und damit die eigentliche Krankheit. Die Art der Sucht, also die konkrete Ausprägung des Suchtpotentials hingegen ist abhängig von Zeitgeist, Verfügbarkeit des jeweiligen Mittels und anderer äußerer Umstände. Um im Kontext von Steinkauzens Geseiher zu bleiben: Hätte Klein-Susi keinen Chatroom neben dem Bett zu stehen, den sie bis in die Puppen benutzt, um mit potentiellen Kinderschändern zu flirten, würde sie vielleicht Crack rauchen, um die bittere Wahrheit zu verdrängen, dass ihr Vater ein paranoider Kontrollfreak ist.

Der Feind sitzt im Schlafzimmer: Schlafstörungen, Leistungsabfall ua müssten Eltern und Lehrern Warnsignale genug sein.

Sodom! Gomorrha! Google! Wo früher die nachmitternächtlichen Wiederholung von Cobra 11 den Nachwuchs mit ihrer behäbigen Ödheit sanft in den Schlaf wogen, ist mit dem Internet das Leitmedium heute ein interaktives, bidirektionales, das Aufmerksamkeit und Mitdenken erfordert. Klar ist es schwerer, beim Websurfen einzupennen, na und? Nochmal: Schlafstörungen wegen des Internets sind nur ein Resultat vom Fehlgebrauch eines Mediums, dessen Ursachen aber stets woanders zu finden sein dürften.

Was, bzw. wer Leistungsabfall ist, bestimmen immer noch äußere Kriterien. Was aber, wenn diese Kriterien von vorgestern sind? Wenn bspw. die Institution Schule noch immer nichts weiter macht als zu selektieren, zu spalten, die Entfremdung vom Nächsten und sich selbst durch Aufzucht zu Konkurrenz und Verleugnung des eigenen Willens, eigener Stärken und Schwächen, voranzutreiben? Im Internet, in Blogs und Wikis, in Foren und Communities, kann sich jeder bilden und austauschen zu Themen, die ihn interessieren, weswegen diese Form von Wissensaneignung im Kontrast zu schulischer Lehre unendlich selbstbestimmter und liberaler ist.

Eltern: mischt euch ein! Stärkt Eure Kinder weit abseits der Internet-Erlebniswelt.

Im Grunde ist es müßig darauf zu verweisen, dass eine Trennung von “virtueller Welt” und Realität bei den meisten der Menschen in unserem Alter nicht mehr stattfindet. Warum auch? Das Internet ist Teil des Alltags, unseres Lebens. Wir sind damit aufgewachsen, es ist nichts neues, unbekanntes, kein Ort, an dem hinter jeder Ecke die Gefahr lauert. Wir verstehen das, die nicht. Auch wenn das nur Buchstaben sind, die da stehen, so ist uns doch völlig klar, dass dahinter jemand sitzt, der sie vom Kopf über die Hand per Tastatur ins Datennetz gehämmert hat. Wir sind uns dessen bewusst, dass das, was da steht, was auf diese Art kommuniziert wird, immer nur einen Teil der Identität des Gegenübers wiedergibt, dass es sich vielleicht auch um eine Maske handelt, die der andere aufgesetzt hat. Na und? Glaubt ihr etwa in der “echten” Welt wäre das anders?

Schulen: mischt Euch ein!

Oha. Der Staat soll’s richten? Nun, vielleicht wäre die Idee, ein Fach “Internet” und ein Fach “Medienkompetenz” zu installieren, in denen Kinder lernen, wie man eine Suchmaschine bedient, dass man behutsam in der Freigabe eigener Daten sein sollte und wie man irgendwo, z.B. auch in den klassischen Medien, getätigte Behauptungen anhand einer Webrecherche überprüft, gar nicht schlecht. Nur befürchte ich, dass in diesen Fächern heutzutage eher die Lehrer von ihren Schülern etwas lernen dürften als umgekehrt.

Wir ziehen gerade eine internetgeschädigte Generation von bindungsunfähigen Cyberzombies heran!

Und das ist natürlich ein verbalakrobatisch ziseliertes Schlußstatement. Mal abgesehen davon, dass das natürlich Quatsch ist – fragte man bei Steinkauz nach, wer denn nun “wir” sei in diesem Satz, wäre die Antwort “Ein Club von reaktionären Querulanten, die jede Magazinreportage, in der eine angebliche totale Verderbnis der Jugend anhand von irgendetwas konstatiert wird, für bare Münze nehmen und nur deswegen nicht mehr von apokalyptischen Fantasien schillernde Bestätigungsleserbriefe mehr an die Magazine verschicken, weil eine E-Mail, ein Artikel-Kommentar oder ein Forumsbeitrag heute ökonomischer sind” sicher nicht falsch. Erinnert sich eigentlich noch irgendjemand ans S-Bahn-Surfen? Das ward irgendwann mal als neuer Megatrend ausgemacht und die Boulevardmedien wurden nicht müde immer wieder vor möglichen Kopfamputationen durch den sogenannten “Rausch der Geschwindigkeit” zu warnen. Heute kräht kein Hahn mehr danach. Warum wohl?

Indes hat Steinkauzens wirres Pamphlet immerhin einen Nutzen: Auf eindrucksvolle Weise demonstriert es, dass jemand, der keine Ahnung hat von dem, was er äußert, besser die Tasten schweigen lassen sollte. Das ist zwar auch im Echtleben Gebot (“Wer keine Ahnung hat…”), jedoch die Zuwiderhandlung im Netz fataler, da es dort auf ewig schriftlich fixiert bleibt. Davon kann selbst die Jugend noch lernen. In dem Sinne: Mehr Eigenverantwortung!

18 Kommentare

  1. Steinkauz sagte am 21. November 2007 um 07:41 Uhr:

    Fleischereifachverkäuferinnen, mischt Euch ein! Verarmter Landadel, mischt Euch ein! “Texte” wie dieser sind der untrügliche Beweis: Wir ziehen gerade eine bindungsgeschädigte Generation von internetsunfähigen Zobercymbies heran!Zymerzobbies! Verzeihung, ich meine… Fach- und SaisonarbeiterInnen aller Länder, mischt Euch ein! Ich stehe neben mir im Kinderzimmer und muss ins Bett, spüre die gierigen Finger der Sucht bereits nach mir greifen.

  2. Paul sagte am 21. November 2007 um 08:32 Uhr:

    An sich richtig, aber leider sind nicht alle Surfer Jugendliche, die sich auskennen. Da sind auch ne Menge Polly-Pocket-Kinder dabei, die bei Knuddelz schön chatten, keine Ahnung haben und dann auf alle möglichen seltsamen Menschen, die ihnen böses wollen, treffen können.
    Deswegen das Internet als Hort des Bösen und Verderbten zu verdammen ist aber grundfalsch, bei dem Problem kommt man nur mit Wissen weiter. Also müsste es wirklich so ein Fach wie Medienkompetenz geben oder die Eltern müssten die Kinder aufklären.

  3. oasisUK sagte am 21. November 2007 um 15:23 Uhr:

    “Fleischereifachverkäuferinnen, mischt Euch ein! Verarmter Landadel, mischt Euch ein!” (steinkauz)

    Sozialpädagogen, mischt Euch ein!
    Fahrradfahrer dieser Stadt, mischt Euch ein!

    Ich glaube mir ist gerade aufgefallen wie Tocotronic Lieder machen… ;D

    Medienkompetenz als Unterrichtsfach ist eine hervorragende Idee, die leider daran scheitert dass es da wenige Fachkräfte gibt. Ich erinnere mich an das Telefonat mit meiner Freundin gestern abend, die Medienmanagement studiert und in einer Projektwoche nun von einem Typen unterrichtet wird der sich Kameramann nennt und nicht ist. Wenn in einem Studiengang für Medienberufe solche unfähigen Pfosten unterrichten müssen scheint es einen Mangel an Personal zu geben.

    Mündige Bürger, mischt Euch ein!
    Politiker, mischt Euch nicht ein!

  4. .markus sagte am 21. November 2007 um 16:48 Uhr:

    Einmischen? Aufmischen sollte man die mal alle!

    Wir ziehen gerade eine internetgeschädigte Generation von bindungsunfähigen Cyberzombies heran!

    Wir ziehen gerade eine gesellschaftsgeschädigte Generation von produktiven Wirtschaftszombies heran!

  5. Simon sagte am 21. November 2007 um 18:44 Uhr:

    ssa44144-3.JPG

  6. Paul sagte am 21. November 2007 um 19:37 Uhr:

    Wer braucht schon Medienkompezent, wenn er Glück lernen kann…

  7. Harry Kuntz sagte am 21. November 2007 um 20:02 Uhr:

    Man könnte ja den EU-Internetführerschein verbindlich machen. Wäre das nicht eine tolle Idee??

  8. maloXP sagte am 22. November 2007 um 11:13 Uhr:

    Man müsste an und für sich ein Album aufnehmen mit solchen Wortmeldungen. Darunter ein fluffiger Elektrobeat, ach nee – sowas hatten wir ja schon.

    Lob an Simon, der meine Ratschlag befolgt hat. Stellt sich bereits eine Besserung der Chatroomsucht ein?

    @ Paul: Die meisten Eltern sind vermutlich wirklich überfordert damit, Kinder Verantwortung und Reflexion des eigenen Medienverhaltens beizubringen. Und diese Glücksgeschichte… Pf… Gute Miene zum bösen Spiel wird einem da beigebracht. Aufopferungsvoller Leistungsträger zu sein und trotzdem den Schein von Zufriedenheit zu wahren. Letztlich ist das auch nix anderes als die Schwemme an “Positives Denken”-Ratgebern in den 90ern oder anderer religiöser bzw. New-Age-Mist.

    @ .markus: Ja.

    @ Harry: Nein.

    😀

    p.s.: @ oasisUK, leicht OffTopic: Bei jetzt.de 1.0 gab es ja diesen netten Tocotronic-CD-Cover-Generator. Ich hab noch zwei Screenshots von damals.
    toco1
    toco2

  9. oasisUK sagte am 23. November 2007 um 03:22 Uhr:

    Sehr geil… jetzt.de ist irgendwie an mir vorbei gegangen, muss direkt mal schauen ob mir mein Passwort noch einfällt.

  10. maloXP sagte am 23. November 2007 um 04:27 Uhr:

    Gib dir keine Mühe. Aus dem Ding ist ein Laden für die autistische Managerelite von morgen und Berlin-Mitte-Koksschlampen geworden.

  11. oasisUK sagte am 24. November 2007 um 14:03 Uhr:

    Oh, dann lass ich mal die Finger davon, sowas hab ich ja beruflich schon zur Genüge um mich… ;D

  12. Julez sagte am 26. November 2007 um 03:51 Uhr:

    Hi Kinnas,

    bin lange nicht mehr hier gewesen – im Internetcafe versagt der Explorer, wenn’s ums Craplog & Citronengras geht, Wochen der Krankheit, auch noch ohne mediale Leibspeise. Bin jetzt wieder auf Arbeit. Nutze daher jetzt die Gelegenheit für ein langes und befremdetes HÄ?!?!
    Ich bin verwirrt. Meine ich doch bei meinem letzten, leider durch den erwähnten IE abrupt unterbrochenen Besuch einen Artikel angelesen zu haben, der sich bitter und böse mit den neuesten Errungenschaften der Technik auseinandersetzt, so nach dem Motto, wie sehr uns das doch entmenschlicht etc., oder irre ich mich? Hm. Ich musste sehr lachen, auch über die beipflichtenden Kommentare, die es daraufhin hagelte, ihr marxistisch-brechtistischen (wie war das doch gleich mit der Entfremdung des Arbeiters durch die Maschine?) Hackerhirne. Ihr habt offenbar keine Ahnung, wie absurd und deplaziert derlei hier anmutet, könnt ihr doch sonst eure Begeisterung für de neuesten EDV-Raffinessen kaum verhehlen. Man stellt sich euch schon als halbe Cyborgs vor. (Oder ich zumindest, stellvertretend jetzt mal für die schrumpfende Minderheit der Technik-Verweigerer, Verfechter der Kommunikation aus erster Hand.)
    Und jetzt geht euch Technik auf einmal wieder über alles?? Der neue Gott, das Goldene Kalb, der Erlöser der Menschheit im Neuen Zeitalter, die ultimative Cyber-Erfahrung ohne Nebenwirkungen?
    Ihr Computernderds und Linken aus Leidenschaft, ihr habt einen so weiten medialen Horizont, dass ihr, glaube ich, für den beschränkten von anderen nicht nur kein Verständnis entwickeln könnt, sondern auch die einzelnen schlichten Bäume (und Sträucher und Zweiglein und Hundeschisse) vor lauter Wald nicht seht. Es erregt euren gerechten Zorn, wenn sich jemand ängstlich – mag sein, ignorant – zum Internet äußert, ihr verknüpft so etwas gleich mit dem großen Thema der Totalüberwachung, liegt nahe, schließlich beschäftigt ihr euch so damit, dass ihr bis über beide Ohren drinsteckt und irgendwie alles in diesem Zusammenhang seht und sehen müsst und auch dürft. Nur: Ich glaube, diese Menschen denken gar nicht so weit. Sie machen sich einfach Sorgen um ihre Kinder, das ist verständlich und legitim. Ich kann das verstehen, Technik im Allgemeinen und im besonderen diese rasante Ausdehnung des Internets auf alle Lebensbereiche macht mir Angst, vor allem wegen der sozialkulturellen Veränderung, die sie auslöst und fördert. Das kann man ja nun wirklich nicht abstreiten.
    Nicht alle sind so gesund und verantwortungsbewusst wie ihr, und nicht allen wird man diese Verantwortung beibringen können. Ich bin bestimmt die Letzte, die Überwachung la Schäuble befürwortet oder bereit ist, Abstriche beim Schutz der Privatsphäre zu machen, aber ich habe zwei kleine Geschwister, und sie sind alles andere als psychisch geerdet, und wenn ich an die Pädophilen denke, die sich nachweislich in den Teenie-Chatrooms rumtreiben, wird mir mulmig. (Ganz zu schweigen davon, dass ich meinen Bruder immer noch lieber ein Buch lesen sehe, als sich stundenlang vorm PC mit stumpfen Spielen zuzballern. Glaubt es oder nicht, er ist danach jeweils ein anderer Mensch.)
    Klar haben die Eltern bzw. die Älteren Angst, eben weil sie nicht bescheid wissen, deshalb muss man ihnen nicht gleich die Befürwortung der totalen Überwachung und aus der Luft gegriffene Hysterie in den Mund legen.
    Außerdem kann man das Internet ja wohl kaum mit Telefon oder TV vergleichen, also wirklich. Etwas Vergleichbares hat es überhaupt noch nie gegeben, finde ich, dies ist eine Premiere in der Menschheitsgeschichte, dementsprechend müssen wir erst lernen, damit umzugehen; das Internet ist die totale, die absolute Kommunikation: Jeder immer überall jederzeit mit jedem, gleichzeitig. Prinzipiell. (Klein Jenny wählt also nicht einfach nur eine Nummer aus dem Telefonbuch an, sondern lässt sich quasi gleichzeitig mit der ganzen Welt verbinden und bietet der ganze Welt ihre Identität dar. Geht ja wohl ein wenig weiter als telefonieren.)
    Es ist unheimlich schwer zu kontrollieren, quasi der letzte rechtlose – oder freie – Raum. Klar hat man Angst um sein Kind! Schließlich ist der Ausgangspunkt dieses Kommentars ein Selbstmord. Man macht es auch nicht besser, in dem man alle Gefahren harmlos redet oder behauptet, es wären gar keine da.
    Außerdem, bitte – der Vergleich mit dem S-Bahn-Surfen soll doch nicht etwa suggerieren, das Internet wäre auch nur ein “Trend”, nach dem in ein paar Jahren “kein Hahn mehr kräht”? Hast doch selbst herausgestrichen, wie wichtig und immer wichtiger in Zukunft Medienkompetenz sein wird, eben weil die neuen Medien einen immer größeren Teil unseres Lebens einnehmen, bestimmten und gestalten. Das ist es: In diesem Falle weiß jeder, dass es keine Mode ist und gerade deshalb ist es wichtig, möglichst früh geeignete Maßnahmen zu treffen, um Minderjährige zu schützen. Nicht, um sie zu überwachen. Das ist ein Unterschied. Ein Kind, um das sich die Eltern richtig kümmern, mag eine virtuelle Ersatzbefriedigung nicht nötig haben – aber allein der soziale Faktor, Medien als Statussymbole und der Gruppendruck in der Schule sorgen dafür, dass kaum ein Jugendlicher an Chatrooms vorbeikommen wird. Ob er nun drauf abfährt oder nicht.

  13. maloXP sagte am 26. November 2007 um 15:45 Uhr:

    U- und S-Bahn waren gewiss auch revolutionäre Erfindungen, die das Leben vieler Menschen signifikant verändert haben. Und so wie S-Bahn-Surfen ein Randphänomen des ÖPNV bleiben wird, werden sich übers Internet an Kinder heranmachende Lüstlinge eine Randerscheinung des Datennetzes bleiben. Alle paar Monate mal bei “Stern TV” hochgekocht, aber dennoch eine Nischenproblematik im Vergleich zu den zehn- oder hunderttausenden Fällen an Kindesmissbrauch, die jedes Jahr in der “Echtwelt” vorkommen. Genau wie der Mobbing-Fall in dem Spiegel-Artikel: Ich kann nur ahnen, wie viele Jugendliche sich wegen Mobbing jährlich das Leben nehmen. Das dürften einige sein, aber eine Meldung ist es erst dann wert, wenn MySpace ins Spiel kommt. Medien und Eltern kritisieren/ dämonisieren mit dem Internet einfach einen Teilausschnitt des Komplexes, nämlich lediglich das Trägermedium der Tatsache, dass die Welt Gefahren birgt – den Teil, den sie am wenigsten verstehen.

    Wer heute 18 Jahre alt ist, kann schon sein ganzes Leben mit dem Web verbracht haben. Es ist Normalität für sie, damit umzugehen. Dass es vielen wegen dessen Unüberschaubarkeit und Unkontrollierbarkeit Angst macht, finden sie eher lächerlich. Sie haben ihre Nischen dort, ihre Freunde und ihre Identitäten. Sorgen um die Kinder kann man sich “produktiver” machen, indem man sie dazu anhält zu verstehen, dass virtuelle Identitäten auch nur Rollen sind, die jemand einnimmt und dass sich hinter der polierten Fassade stets auch ein normaler Mensch verbirgt. Einer der durchaus ganz anders sein kann, als er vorgibt zu sein. Das ist ja per se gar nicht schlimm, sondern gehört zur Natur der Kommunikation im allgemeinen und kann sogar Spaß machen. Sich zu interessieren, was das Kind macht, im Gespräch zu reflektieren und ihm so kritische Distanz nahezubringen ist eindeutig besser, als zu sagen: Du wirst noch zum Cyberzombie mit viereckigen Augen, wenn Du immer nur vor dem Kasten mit den Kinderschändern und den Gewaltspielen sitzt. Kinder sind nicht blöd und lassen sich durch so etwas ganz gewiss nicht abhalten, diese Welt zu erforschen.

    Ach so, klar sind wir technikaffin. Aber erstens kommt es bei der Fülle an Autoren hier auch mal zu unterschiedlichen Meinungen und zweitens ist es etwas anderes, sich über blödsinnige Bemerkungen über das Internet lustig zu machen als zu befürworten, dass man mittels Chipimplantaten zum Cyborg mutiert.

  14. .markus sagte am 26. November 2007 um 16:24 Uhr:

    Ach so, klar sind wir technikaffin. Aber erstens kommt es bei der Fülle an Autoren hier auch mal zu unterschiedlichen Meinungen und zweitens ist es etwas anderes, sich über blödsinnige Bemerkungen über das Internet lustig zu machen als zu befürworten, dass man mittels Chipimplantaten zum Cyborg mutiert.

    Genau, ich mag z.B. Bananen 😉
    Ich für meinen Teil bin bestimmt nicht fortschrittsfeindlich, ich genieße die Vorzüge der Technik – wie man hier auch sieht.
    Jedoch, sollte man immer kritisch beäugen, was man sich da zu eigen macht. Und so ein “Hurra-ein-Wiki-Chip-im-Hirn”-Dingens, ist meiner Meinung nach eben sehr gefährlich, wenn man sich anschaut, dass das nicht nur ein paar kleine Kiddies sagten, sondern dass diese Meinung in Deutschlands meistverlinktesten Weblog propagiert wird.

    Und mal ehrlich. Das hohle Phrasengedresche von Steinkauz ist ja nun wirklich eine Steilvorlage oder?

  15. Julez sagte am 26. November 2007 um 17:18 Uhr:

    That’s the point. Für euch ist sie das. Ich sehe das aus einem ganz anderen Blickwinkel. Bzw. habe es auf den ersten Blick völlig anders gelesen als ihr.
    Ich möchte gar nicht weiter widersprechen, bis auf eine Sache: Das Internet IST in dieser Hinsicht etwas völlig Neues, da bleibe ich eisern, und mit schnellen Transportmitteln bestimmt nicht zu vergleichen, weil es eben nicht bloß auf den Körper, sondern auf den Geist, die Emotionen, die Identität des Benutzers einwirkt und all das beeinflussen kann in einer Weise, wie es kein anderes Medium zuvor geschafft hat, allein schon dadurch, dass es absolut interaktiv ist und nicht nur passiv konsumierbar, wie etwa TV, Radio, Printmedien. Das Vorgaukeln von möglichst “realistischen” virtuellen Erlebnissen, die aufs Zentralnervensystem einwirkende, Träume und Sehn-Süchte bewusst und eifrig befriedigende virtuelle Wirklichkeit ist ein gewaltiger Schritt über eine nie genommene Grenze. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass die kunstvoll konstruierten virtuellen Realitäten heute das höchste Suchtpotential der Welt haben, einfach weil sie die absolute Flucht, die absolute Phantasie, das absolute Abtauchen in den ersatzbefriedigenden Traum gewährleisten kann. In seiner Phantasie beim Comic-Lesen in eine phantastische Welt abzutauchen ist etwas gänzlich anderes als sich tatsächlich in einer komplett simulierten und körperlich erfahrbaren phantastischen Welt zu bewegen. Und es wird fleißig daran gearbeitet, die künstlichen Welten noch realistischer, noch verlockender, noch umfassender zu machen, und irgendwann werden die Menschen nicht mehr ficken, sondern einen Helm aufsetzen und sich den perfekten Fick mit dem perfekten Partner simulieren lassen, mit allem, was dazu gehört. Ganz zu schweigen von anderen menschlichen Beziehungen. (Ich habe vor ein paar Monaten zum ersten Mal von “Second Life” gehört, ohne Scheiß, und zwar während einer drögen Bahnfahrt im nur wenig undrögeren Bahn-Magazin, und die Werbeformulierung “…mit einem ” bezüglich weiterer ehrgeiziger Erweiterungen auf diesem Gebiet hat mir kurz den Boden unter den Füßen weggezogen.)Das nur am Rande.
    Seht ihr, deshalb finde ich’s so gut, dass ich mir hier eine umfassendere Weltsicht abholen kann, jedenfalls, was Medien betrifft. Danke.

  16. maloXP sagte am 29. November 2007 um 03:44 Uhr:

    @ Julez: Ja, Second Life ist auch so eine Sache. Es kräht kein Hahn danach. Hat auch nie. Mag sein, dass im Zuge des Medienhypes viele das mal ausprobiert haben, aber ich glaube letzten Endes tummeln sich da längerfristig bloß Redakteure von Nachrichtenmagazinen auf der Suche nach der nächsten Story (2nd Life: Es gibt dort jetzt auch Pferde, Vergewaltigungen und eine virtuelle Botschaft von Polynesien!). Ich glaube auch nicht, dass die Entwicklung der Technik zu immer realistischeren Simulationen der Wirklichkeit geht (mal abgesehen von den Grafikorgien moderner First Person Shooter wie Crysis), sondern eher zur Vereinfachung von Kommunikation und Vernetzung, zu einer — hier ist mal eine blitzblank polierte Phrase angebracht — Demokratisierung von Information.

  17. Julez sagte am 29. November 2007 um 17:32 Uhr:

    Ja, dazu natürlich auch, ohne Frage. Das ist ja das Gute.
    Aber das Online-/PC-Spiele etc. immer realistischer werden und als umso besser erachtet werden, je realistischer sie sind, steht ja wohl außer Frage, oder? Und dass die diversen virtuellen Welten sich prima dazu eignen, den Eskapismus der gelangweilten westlichen konsumüberfütterten Mittelständler zu fördern, darüber lässt sich, finde ich, auch kaum streiten. Außerdem gibt’s doch schon simuliertes 3-D-Cyber-Personal und Cybernutten, oder?? Ist zumindest alles in Arbeit.
    (!! -> Möchte nichts dämonisieren, meine Kritik gilt sowieso niemals den Dingen, sondern immer den Menschen.)
    Die Formulierung in diesem “Mobil”-Artikel, die ich so bizarr fand, ist überigens aus irgendeinem Grund abhanden gekommen. Ich schreib’s jetzt nochmal hin, mal sehen:
    “…virtuelles Erlebnis mit human touch” (!!)

  18. fa.me by domainna.me - Citronengras sagte am 18. July 2008 um 02:47 Uhr:

    […] – Die Abgründe des Internets, gesammelt verlinkt auf einer Seite. Wenn ihr halbwüchsiges Kind diese Seite betritt […]

Und was meinst Du?

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