Wenn Kunden zu sehr nerven

Frank, 22. June 2007

Zu den weniger segensreichen Aspekten eines Jobs in der Dienstleistungsbranche gehört die Tatsache, dass man ab und zu mit Kunden konfrontiert ist, die zu Personenkreisen gehören, mit denen man sich sonst nicht umgeben würde.

Ich verdiene mir ein paar kleine Brötchen dazu, indem ich in einer kleinen Friedrichshainer Videothek Menschen mit DVDs versorge. Zu diesen Menschen gehören selbstverständlich zwölfjährige Notstandsmacker (“Ey, wo hassu hier $aktuellster_Folterporno?”) wie hysterisch brüllende großbusige Weibsbilder mit Zwergpinscher, ohne Sinn im Leben außer Filme zu schauen (*hechel*: “Habta neue Blockbasta?!?!”). Gewaltbereite Hooligans (“Machste hier ‘ne Welle, oder wat?”) und Alkoholiker im Endstadium (riecht man). Wurstfingrige Pornogucker und junge Frauen, die sich für ihre “romantischen Komödien” entschuldigen glauben zu müssen – und zwar jedes verdammte Mal. Mischformen gibt’s ebenfalls. Aber kein Milieu meiner Kundschaft ist so nervig wie das der Nachgezogenen. Die Chicerie aus den in Stadtmagazinen von einst als Subkulturherd verschrienen Straßen. Nase “Ich komm grade aus der Galerie und will mir jetzt noch ‘nen Fellatio Fellini[1] holen” in den Wind und aus jeder Pore die Affektiertheit eines Wohlstandsschnösels schwitzend, dem die geographische Distanz vom Heimatort durch den Studienplatz in Berlin gleich doppelt nützt: Keine Studiengebühren einerseits und stagnierende elterliche Kontrolle andererseits (wobei finanzielle Subventionen von dieser Seite natürlich gleich bleiben). Die Kerle von denen sind hochgewachsen, tragen Fliegerbrille und Polohemd, die Mädels eher Pilzhaarschnitt und Legginge. Eine Mode aus dem Zerrspiegel, perpetuiert durch Menschen, die schon daheim immer die heißen Trends auftrugen, welche der weltgewandte Kosmopolit in seinem urbanen Schluffitum zwei Jahre zuvor bereits als obsolet klassifizierte. Berlin steckt also teilweise in einer Zeitschleife fest, so wie die Enterprise in der Star Trek-Folge “Deja Vu”, weil ständig neue Leute nachziehen, die glauben, die Mia-Möhre auf dem Haupte sei eben en vogue, aber das soll gerade nicht mein Thema sein.

vthek

Kam da neulich also so ein Typ mit seinem Kumpel an, stöbert im Laden, sucht sich zwei Filme aus und legt die Nummernclips auf den Tisch. Karte hat er nicht dabei. Ich frage nach dem werten Namen, er sagt ihn mir, ich gebe den Namen ein – doch: nix. Kunde nicht in der Datenbank.

Ich: Du bist bei uns nicht im Computer.
Kunde: Doch. War länger nicht mehr da.
Ich: Dann haben wir dich zwischendurch wohl gelöscht.
Kunde (knurrend): Aha.
Ich: Nach ein, zwei Jahren passiert das schonmal, wenn Du nicht ausleihst. Wir gehen dann davon aus, dass Du weggezogen bist. Tja, da müssen wir wohl einen neuen Vertrag machen. Gibst Du mir mal deinen Personalausweis?

Kunde schmeißt mir achtlos seinen Perso hin und feixt blöd mit seinem Freund. Der Perso ist in Düsseldorf ausgestellt.

Kunde: Kost’n das hier überhaupt?
Ich (abwesend, da mit dem Ausfüllen der Kundenvertrags-Daten beschäftigt, deute auf unsere Preisliste): Einssiebzig pro Tag bei Neufilmen.
Kunde: … Aha …
Ich: Willste die beiden Filme gleich bis morgen haben?
Kunde: Ja (?)
Ich: Macht dann Sechsachzig.
Kunde: SECHSACHZIG!!!???!!!1
Ich: Ja, zwei Neufilme zu einssiebzig für zwei Tage…
Kunde (unterbricht mich, zu seinem Kumpel gewandt): Ist ja unglaublich teuer!
Ich: Kannst die ja auch erstmal nur bis heute Abend nehmen… (Es war etwa 18:00 Uhr, in fünf Stunden sind zwei Filme normalerweise machbar). Sonst kannst Du auch noch morgen nachzahlen.
Kunde (zum Kumpel): Krass teuer, oder?
Ich (leicht angesäuert): Willst Du die Filme dann doch nicht?
Kunde (aufgesetzt jovial): Nee, ich nehm die schon, wollte mit meinem Kumpel heute Abend schön Video gucken.
Ich: Dann bitte hier unterschreiben…
Kunde unterschreibt, wirft mir schweigend einen Zehner hin, empfängt das Wechselgeld, stapft Richtung Ladentür und brüllt im Herausgehen:

SCHWEINETEUER!

Ich (leider nicht): Jetzt hör mir mal zu, du Prolet. Erst denken, dann sprechen und nicht soviel koksen bitte. Es sind 70 Cent mehr pro Tag und Film als bei der Konkurrenz mit ihren erst vor kurzem eingeführten bekackten Dumping-Preisen von einem Euro. Wie du siehst, ist dieser Laden kein Mitglied einer großen Kette, refinanziert sich also nicht über die pure Masse an verliehenen Filmen. Deswegen sind wir etwas teurer. Wir haben aber übrigens auch genügend Videos, die nur einen Euro kosten. Wir haben Spezialtarife. Und vor allem: Wir haben es hier mit einer Marktwirtschaft zu tun. Das heißt, niemand zwingt dich verdammtnocheins bei uns Filme auszuleihen. Du siehst nun nicht gerade so aus, dass du dir die paar Steine mehr nicht leisten könntest. Bedenke bitte die Relationen. Du kriegst hier zum Preis einer einzigen Kinokarte zwei Filme, die Du mit deinem Kumpel schauen kannst, wann du willst. Du kannst dabei Pause machen zum pinkeln, saufen, fressen und ficken. Wenn dir dieser Mehrwert keine Sechsachzig wert ist, dann tut’s mir leid. Sag mal, beschwerst Du dich eigentlich auch bei der Thekenkraft im Feinkostladen auf der “Kö”, dass die Preise bei Aldi viel billiger sind? Und jetzt gib mir die Filme zurück, du Querulant und wenn du dich hier noch einmal sehen lässt, bekommst du von mir einen gepflegten Tritt in deinen dekadenten rheinländischen Wohlstands-Hintern.

  1. Verzeihung, den Scherz konnte ich nicht auslassen. [zurück]

13 Kommentare

  1. oasisUK sagte am 23. June 2007 um 15:48 Uhr:

    Gibts eigentlich einen Namen für dieses Syndrom dass einem immer erst im nachhinein was schlagfertiges einfällt…?

    Die von Dir beschriebenen Leute sind mir bekannt, oft studieren sie BWL oder Jura, furchtbar. Hoffentlich brauche ich nie einen Anwalt…

  2. ovit sagte am 23. June 2007 um 20:02 Uhr:

    na da hat sich ja richtig was aufgestaut bei dir! 🙂
    lass es immer ruhig raus. das hilft.

  3. maloXP sagte am 23. June 2007 um 21:06 Uhr:

    Ja, dieses Blog hilft dabei gut. Wenn’s verschriftlicht ist, isses doch noch zu was zu was gut und gärt nicht mehr in einem.

  4. R. sagte am 22. July 2007 um 05:20 Uhr:

    Danke! sagt ein Friedrichshainer

  5. Julez sagte am 5. October 2007 um 22:49 Uhr:

    Liest keiner mehr, egal.

    Och, der Fellatio-Gag war doch ganz cool, hat mich an die “Ghost World”-Szene in der Videothek erinnert. 😉
    (Kunde: “Haben Sie ?”
    Videothekar: “Da müsst ich mal schauen… hm… ah ja, da haben wir ihn ja: , mit Mickey Rourke!”(vertraulich-süffisant:)”…Den finden Sie dann in der erotischen Abteilung!…”)

    @OasisUK: JA, dafür gibt’s ein Wort, jedenfalls in Frankreich, “L’esprit de l’escalier”, oder so ähnlich. Escalier – Treppe, weil einem die schlagfertigste Antwort quasi erst beim Treppe-Runtersteigen einfällt, nachdem die Tür hinter einem ins Schloss gekracht ist.
    Klugscheiß, klugscheiß.
    J.

  6. Julez sagte am 5. October 2007 um 22:51 Uhr:

    Hilfe! Wie kann ich denn hier editieren? *blödbin*
    In die Lücken soll natürlich “8 1/2” und “9 1/2” rein.

  7. maloXP sagte am 5. October 2007 um 23:17 Uhr:

    Was muss denn wo rein? Meinst Du 9 1/2 Wochen?

  8. Julez sagte am 6. October 2007 um 01:52 Uhr:

    Ok, korrekt heißt der kleine Dialog:
    Kunde: “Haben Sie 8½?” (ein Fellini-Klassiker)
    Und in der Antwort des Angestellten: “Ja, da haben wir ihn. 9½ Wochen, mit Mickey Rourke.”
    Anyway, egal. Rafft jetzt eh keiner mehr.

  9. Julez sagte am 6. October 2007 um 01:53 Uhr:

    ICH DREH DURCH WARUM GEHT DAS DENN NICHT?!?

    (Ich hab’s mal editiert. Muss an WordPress, der Blogsoftware, liegen. Wahrscheinlich parst das den Schrägstrich als Träger apokalyptischen Gefahrenpotentials einfach raus. Und die Zahlen drumherum gleich mit. –maloXP)

  10. Julez sagte am 6. October 2007 um 21:43 Uhr:

    Danke!
    Da sieht man, was Computer-Verwirrung einem antut. Der Fellini-Klassiker heißt natürlich lediglich “8 1/2”, ohne Wochen.

  11. maloXP sagte am 7. October 2007 um 00:36 Uhr:

    [x] done

    Ich konnte mit Fellini nie viel anfangen. Vermutlich gestörtes Verhältnis, weil ich mal einen Film von dem im Schulunterricht sah. Sowas kann einem jedes noch so große kulturelle Highlight versauen.

  12. Julez sagte am 7. October 2007 um 07:53 Uhr:

    Merci.

    Soll nicht heißen, dass ich je in meinem Leben einen Fellini-Film gesehen habe. Ich bewahr mir sowas für die richtige Stimmung auf. (Ich glaub allerdings, ich würd’s mögen.)
    Haben mal ‘ne Unterrichtseinheit Klaus Kinski/ Werner Herzog gehabt, hat mich aber eher angefixt statt abzuschrecken. Kann auch daran gelegen haben, dass es nicht mehr das Elite-Gym, sondern die kleine crappy Fachoberschule war, da war alles viel ok-er. Prinzipiell haste natürlich recht: Wen hat die Schule nicht kulturell traumatisiert…
    Übrigens beneide ich dich dennoch um den Job… Steht auf meiner Liste der coolen Jobs eher oben.

  13. Penetranz vs. Filmvergnügen - Craplog.de sagte am 14. February 2008 um 00:46 Uhr:

    […] Beitrag hängt irgendwie zusammen mit Wenn Kunden zu sehr nerven und Prosa wie sie sein soll: Auf der Arbeit] Dieser Beitrag wurde von Frank am Donnerstag, den 14. […]

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