Vorstellungsumtrunk bei Familie Z.

silent-diva, 29. January 2007

Beim heutigen rituellen Ausmisten einer meiner sogenannten “Tabu-Schubladen” fand ich eine interessante Aufzeichnung aus dem Jahre 2002. Anscheinend – nein, ich erinnere mich sogar! – war ich zu dieser Zeit fest entschlossen, ein Buch über die Komik des Aussiedlertums zu schreiben. Mit größtem Ems sammelte ich Anekdoten, Erinnerungen und Zitate aus dem Schatz meiner jugendlichen Erfahrung. Ich verwarf die Idee irgendwann, wohl weil der Schmock des Lebens mich überrannt hatte und weil ich erfuhr, dass auch “Der Junge mit der Gitarre” vor hatte, ein Buch zu schreiben, diese arme Wurst, hinter die ich mich stellte, denn er hatte schon ein Album draussen und ich nicht. Jedenfalls fiel mir heute ein loses Blatt zwischen die Finger, auf dem ich gelistet hatte, was ich unbedingt nicht vergessen darf, wenn ich meinen Hauptcharakter, namentlich Familie Z., benannt nach einer polnischen Suppe aus Roggen und groben Kartoffeln, zum ersten Mal auftreten lasse. Zu arg ist, was ich dort las – zumal es sich um nichts als die Wahrheit handelt. Nun werde ich, Stichpunkt für Stichpunkt abarbeitend, jene Familie aus meinen liebsten Erinnerungen zum neuen Leben erwecken.

Familie Z. lernte meine Familie auf einer Tupperware-Party kennen. Es hatte sich herumgesprochen, dass eine polnische Hausfrau alle benachbarten polnischen Hausfrauen in ihre Wohnung zum Kennenlernen lud. Froh, dass jemand einen ersten Schritt unternahm, die Nation in fremdem Land zu vereinen, zog meine Mutter los, die großzügige Gastgeberin kennen zu lernen. “Guttän Tack!” – so wurde Mama in Empfang genommen, begleitet von einem Duft nach öffentlicher Toilette, dem sogleich die Erklärung folgte: “Wier habbän Problämme miet Kanalisazionn.” Meine Mutter brachte von ihrem Treffen mit der hardcore-blondierten, grinsebärigen und auch sonst sehr herbzügigen Frau Z. einen OTTO-Katalog mit und erzählte uns, wie sie gezwungen worden war, sich im Beisein von Frau Z. telefonisch einen Ganzkörper-Overall mit Goldpailetten zu bestellen. Der Grund dafür war herzzerreissender Natur: Frau Z. besaß auch so einen und fände es bockstark, wenn meiner Mutter die textilen Freuden nicht entgingen.

Recht bald lernte ich den für mich relevanten Teil der Familie Z. kennen: die geistesschwache A. (ein Jahr älter als ich) und ihre übermäßig kecke Schwester E. (ein Jahr jünger als ich). Getroffen habe ich mich immer nur mit einer der beiden, da es sonst Krawall gegeben hätte. Mit E. verband mich Albernheit und Kreativität, während mit A. nicht viel zu machen war. Waren wir bei mir, wollte A. immer nur “Spiel des Wissens” spielen, was sie folgendermaßen kundgab: “Äääh de Wissä..!” – “Ich will ä wir de Wissens spieeeeeeeeeelöööön!” – das Spiel, wie man sich unschwer denken kann, hatte nicht die Chance, gemäß der Regeln stattzfinden, und so beschrenkten wir uns daraf, Planeten zu sortieren. Bei uns zuhause ging es aber allgemein nicht wirklich lustig zu. Ein Abenteuer war es dagegen, Familie Z. in ihrem Kabuff zu besuchen. Frau Z. hatte einen griechischen Fruchtbarkeitsgott mit einem Ständer bis zur Decke auf dem Fernsehapparat stationiert, an dem sie bestimmt viel Freude hatte, während sie im Blumensessel sitzend die Asche ihrer selbstgedrehten Zigarette in den überdimensionalen goldenen Fliegen-Aschenbächer bröckeln ließ. Und sah sie nach oben, wurde ihr die Exklusivität ihres neuen Lebens umso mehr bewusst – dort baumelte und bimmelte nämlich ein Christallkronleuchter, wie ihn sich vor hunderttausend Jahren nur Könige leisten konnten. Und apropos Royal, in der Vitrine winkte ihr eine aufgedonnerte Barbie-Puppe zu. Eine von diesen, die 50 Mark gekostet haben. Mit ausladendem Kleid aus Tüll und einer Frisur wie das Dreiwettertaft-Model.

Auch im Schlafzimmer ging es christlich und unchristlich zugleich zu. Frau Z. hatte – um ihren Lebensstandard dramatisch zu erhöhen, im OTTO-Katalog auch das weiße Puffbett mit eingebautem Radio und passendem Himmelbettgeschmeide bestellt. Ein drapierter Traum aus Rosa, auf der man bestimmt prima “Schiffbruch auf Kaffeefahrt” spielen konnte. In den Schubladen lagen meist benutzte Kondome, vorn zusammengeknotet. Über dem Bett hing ein riesengroßes Bild, das Jesus bei einer seiner Aktionen zeigte. Herr Z. war nämlich Hobbymaler. Er malte eigentlich alles. Am liebsten seine Frau. Diese starrte den Betrachter im engen Flur von einem garstigen Gemälde an, an das sie in Ritterrüstung gebannt worden war. Herr Z. übrigens trug einen fönhaubenmäßigen Afro und lief ständig furzend hin und her, wie es sich für einen Artisten seines Standes gehört. In der Tat übertraf sein Einfallsreichtum jede normalbegabte Vorstellung. Als E. und A. eines Tages die Tatsache beknatschten, keinen Tesafilm im Hause zu haben, um ihre Ponyposter aufzuhängen, griff Herr Z. einfach zu Hammer und Nägeln.

Als die Wohnung aufgrund der unerwarteten Belastungen zusammenzufallen begann, gewann Familie Z. im Lotto eine hübsche Summe und kaufte sich im benachbarten Kaff ein richtiges Haus. Dieses war so “richtig” nicht, denn es war eines dieser Häuser, die gebaut wurden für Menschen, die mir bis zum Nabel reichen. Null problemo!, dachte sich der Hobbyhandwerker Herr Z. und riss einfach die Decke raus. Betrat man nun das neue Haus zum ersten Mal, wähnte man sich in einem Spuk von ungeheurem Ausmaß. Jede Beschreibung des Gesamteindrucks erscheint mir an dieser Stelle euphemistisch. Es war eine misslungene, ekelerregende, Ästhetik negierende, magenverdrehende, Mensch, Sittich und Hamster verschreckende Mischung aus Hundertwasser, Munsters-Haus und “Eine schrecklich nette Familie”. Doch irgendwo hat man gedacht: joa, passt scho, wenn man den neusten Sprößling der Familie Z. auf dem Teppich sitzen sah, mit der Hand im Maul des ebenfalls neuen Köters. A. war inzwischen schwanger und erwartete ihren Auswurf mit nahender Mutterliebe, während E. sich den Bauchnabel, die Nase und die Augenbraue piercen ließ. Hing nunmehr nur noch mit E. ab und wir schnüffelten in ihrem seltsamen Zimmer, das nichts als schmuddeligen Teenagersex-Flair verstrahlte, Himbeerduftöl. Da kam sie auf die Idee, mir Homevideos zu zeigen. Ich musste gehen, nachdem sie mir die Stelle zeigte, an der sie am offenen Sarg ihres überfahrenen Onkels hockt und dessen Hand immer hebt und runterpatschen lässt. Es ist eine der letzten Episoden, an die ich mich erinnern kann, wenn nicht gar DIE letzte.

Hier liegt noch einiges im Argen, und noch sind so einige Stichpunkte offen. Vielleicht wird ja doch irgendwann ein Buch draus. Denn die tatsächliche Existenz dieser Familie macht mich einfach.. überglücklich.

1 Kommentar

  1. oasisUK sagte am 30. January 2007 um 20:44 Uhr:

    Das Buch würd ich nehmen, passt sehr gut zu meiner neuen Arbeitsstelle (der Regie bei BigBrother 7…)… 😉 Schau doch mal hier:

    http://www.lulu.com/de

    … vorbei, da kannst Du sogar Dein Buch als alternative Fragment-Sammlung veröffentlichen, ich mach Dir auch ein schickes Cover wenn Du magst… 😉

    Sind die Zs zufällig aus Köln? Wenn nicht haben sie einen Haufen Verandte die ich jeden Tag in der Bahn treffe…

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