Unverdient untot

Sebastian, 2. October 2007

“Denken Sie links?”, fragt der Kabarettist Rudolf Rolfs in einem seiner Aphorismen, und antwortet sich selbst mit der Gegenfrage: “Kann man rechts denken?”

Zugegeben, das ist etwas hart, aber wohl auch eine Frage der Definition dessen, was man unter “rechts” versteht. Dass es konservative Denker (und natürlich auch linke Dumpfbacken) gibt, sei unbestritten. Doch treibt man das Spiel weiter und fragt, ob man reaktionär denken könne, müsste schon eher ein entschiedenes Nein die Antwort sein, denn das Reaktionäre ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass es Denken durch Reflexe ersetzt. Vollends absurd wird es schließlich, wenn man fragt, ob man reaktionär Satire machen könne.

Einer, der das trotz allem versucht und dabei einigen der größten Kulturschaffenden der bundesrepublikanischen Geschichte aufs Grab gepinkelt hat, ist Anfang September vorerst gescheitert – ironischerweise und ausgerechnet am Markt. Die Rede ist von Bernd Zeller, der von 2004 bis 2007 die verblichene Grand Dame der hiesigen Satire, die Zeitschrift “Pardon”, zu reanimieren versucht hat. Wie es Reanimationen längst Verstorbener so an sich haben, war dabei bestenfalls ein Zombie herausgekommen – ein Wesen mit eingeschränkter Vitalität und dramatisch gewandelter Persönlichkeit, dessen Internet-Arm immer noch zuckt.

Zombie

Die “Pardon” war erstmals 1962 erschienen und hatte hervorragende Zeichner und Autoren wie Loriot, F.K. Waechter, Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, Hans Traxler, Günther Wallraff, Chlodwig Poth und einige mehr zu einer außergewöhnlichen publizistischen Stimme vereint. Auch betätigte sie sich als Satireguerilla, fungierte so unter anderem als Zünder der Anti-Atomkraft-Bewegung und nahm früh den publizistischen Kampf gegen Springers “Bild” auf, der dank Nörgel-Nigge nun seit ein paar Jahren wieder fortgesetzt wird. Nach zunehmendem Zwist unter den Herausgebern in den 70er Jahren boten Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler und Chlodwig Poth ihrer sogenannten “Neuen Frankfurter Schule” ab 1979 in der Titanic ein neues Zuhause. Pardon wurde 1982 eingestellt.

Angesichts der eindrucksvollen Geschichte des Blattes ist es kein Wunder, dass die angekündigte Wiederbelebung vor dreieinhalb Jahren Aufsehen erregte – umso mehr, da Leute wie Harald Schmidt, für den Zeller zuvor als Gagschreiber tätig gewesen war, Götz Alsmann, Roger Willemsen, Doris Dörrie und Wiglaf Droste ihre Mitarbeit zugesagt hatten. Doch das grandiose Comeback, das sich abzuzeichnen schien, fiel aus:

Ein halbes Jahr nach dem Neustart bangt “Pardon” schon um die Existenz. (…) Mit 11 000 verkauften Novemberheften ist die Leserzahl unter die von Chefredakteur und Verleger Zeller genannte Untergrenze von 15 000 Lesern gefallen. (…) Die prominenten Köpfe waren Zeller schon nach der ersten Ausgabe weggebrochen.

Dieses plötzliche Wegbrechen ist ähnlich bemerkenswert wie Zellers Weggang aus der Titanic-Redaktion nach nur einem Monat als Redakteur. Zeichnete sich vielleicht doch damals schon die bevorstehende Mutation des einstigen Zentralorgans kritischer Intelligenz zu etwas ab, das ungefähr so progressiv war wie die “Junge Freiheit” und sich auch humoristisch bald auf deren Niveau einpendeln sollte? Hier eine Kostprobe dessen, was zuletzt in Form des Webtickers von dem Projekt übrig blieb:

Abschuss bei Entführung [19.9.2007]

Verteidigungsminister Jung will entführte und als Waffe eingesetzte Flugzeuge vor Erreichen des Anschlagziels abschießen lassen. Die Terroristen brauchen dann gar keine Pilotenausbildung mehr zu machen, weil schon bei der Kaperung der Abschuss erfolgt.

Das ist der vollständige Beitrag, sic. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts mehr zu sehen. Und wenn folgende Miniatur auch einen gewissen Anfangsreiz aus ihrer dadaistisch Franz Josef Wagnerschen Tatterigkeit gewinnt, verfehlt sie dessen poetische Leichtfüßigkeit und vor allem die relative Modernität seines Konservatismus dennoch um Längen:

Kein Terror [9.9.2007]

In Deutschland wurden Terrorverdächtige festgenommen. Sie planten Anschläge als Reaktion auf die terrorfeindliche Hetze.
Sie gehören einer befreundeten Religion an, deshalb ist der offizielle Sprachgebrauch Terror des Friedens.
Von den Milliarden Gläubigen waren es nur drei, das ist statistisch gesehen überhaupt niemand.

Doch Anfang September 2007 stand ja das Aus für “Pardon” schon fest; begreiflich also, wenn Zeller nicht in Bestform und -laune war. Spulen wir also ein Jahr zurück und steigen am 21.9.2006 ein. Hier ging es zur Abwechslung mal um den

Islam. Unsere muslimischen Freunde reagierten beleidigt auf Papst Benedikt, der in einer Vorlesung eine kritische Dialogzeile aus dem 14. Jahrhundert zitierte. (…) Um die Moslems wieder zu beschwichtigen, verweisen wir auf die Papst-Fotostory in der nächsten Titanic.

Das Islam-Muffeln (“Muffeln” scheint wegen des müden Stils passender als “Bashing”), das im Schnitt die Kernsubstanz von etwa zwei Dritteln der Tickerbeiträge und Cartoons ausmacht, paart sich hier mit einem Feindbegünstigungsvorwurf an die Adresse der Ex-Kollegen von der Titanic. Mit ihnen hat Zeller auch ein knappes Jahr später noch keinen Frieden gemacht. So schreibt er am 10. August:

Ein guter Satiriker ist [Titanic-Chefredakteur a.D. Martin] Sonneborn zweifellos, denn immerhin war der bei Titanic, und die Jungs bei Titanic sind bekanntlich die neue Neue Frankfurter Schule. Ihm gelang ein toller Streich: er bezeichnete sich in einem Handbuch der Medienschaffenden als Linker Moralist. Das war eine großartige Persiflage auf den dumpflinken Moralanspruch.

Was damit gemeint ist, wird nicht erläutert, also offensichtlich vorausgesetzt. In dumpflinker Spitzfindigkeit könnte man einwenden, dass es “…als linken Moralisten” heißen müsste; es sei aber nur noch schnell ein dritter Kollegendiss erwähnt, als nämlich Zeller im April von einem Blog der Grumpy Man TVAxel-Springer-Akademie gelobt wurde und die Gelegenheit nutzte, im Kommentarbereich zu betonen, dass er nichts von Martin Sonneborn und sehr viel mehr von sich selbst hält. Hiermit im Einklang behauptet die Unterzeile des Pardon-Titels weiter unbeirrt: “Deutschlands führendes Satiremagazin”, ergänzt durch die Mutter aller Werbeslogans, die daneben steht: “Besser als die Konkurrenz”.

Zwischenzeitlich verteilte die Online-“Pardon” auch gerne mal Unterschichtwatschen. Über eine Studie, der zufolge sozial benachteiligte Kinder schlechter schlafen, hieß es, diese gingen wohl “noch was trinken, weil sie unter Schlaflosigkeit leiden”. Mit mehr Sympathie wurde im Rahmen eines Wettbewerbs die deutsche Opferbürgerseele bedacht, als “Pardon” dazu aufrief, “ein politischkorrektes Wort für Migrant / Migrationshintergrund” einzureichen, denn “in fünf Jahren wird auch dieser Ausdruck wieder negativ besetzt sein und man darf ihn nicht mehr sagen, weil das diskriminierend und rassistisch ist”. Auf gelegentliche Leserbriefschreiber, die sich über dieses Vordringen des einstigen Satiremagazins in Dimensionen des Braunbräsigen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, beschwerten, reagierte Zeller mit Publikumsbeschimpfung. In den Briefen dieser “Blogwarte” komme nur ein “Schrei nach Liebe” zum Ausdruck, spottete er, und legte ihnen nahe, sich doch zu taz.de – sinngemäß – zu verpissen. Angesichts der real existierenden “Pardon” zu diesem Zeitpunkt ein gar nicht mal so schlechter Rat.

Während die Medienwelt weitgehend ratlos schwieg, erschrak im Juni immerhin unser Co-Craplogger Pantoffelpunk über die dominanten Werbebanner auf der “Pardon”-Webseite: Achse des Guten, Lizas Welt, Politically Incorrect. Ja. Und wenn Zeller nun ankündigt, der “Geist von ‘Pardon'” werde “im Internet weiterleben”, und zwar in einer “Art von satirischem Blog” namens “Darvins Illustrierte”, steht zu befürchten, dass irgendwo im intellektuellen Bermudadreieck zwischen Neocons, Antideutschen und Brachialrassisten tatsächlich noch eine Nische frei ist.

“Das sind unsere Leser? Da kann man nur aufhören”, schrieb Zeller, als sich jemand über die “Pardon”-Kooperation mit “Politically Incorrect” beschwert hatte. Auf den ersten Blick eine beglückwünschenswerte Idee, auf den zweiten noch ein Beschwerdegrund: Von Wiederanfangen war nie die Rede.

Bilder: “Zombie” von Scurzuzu (cc), “Grumpy Man TV Flyer” von edmittance (cc)

13 Kommentare

  1. Harry Kuntz sagte am 2. October 2007 um 19:25 Uhr:

    Oh Gott, ja, gut, dass Du das ansprichst, bzw, Pantoffelpunks Beitrag habe ich damals nicht mitbekommen.

    Ich habe mir die vor 2 Jahren oder so mal gekauft und fand die auch garnicht übel. Vor allem die Cartoons sind/waren teilweise richtig gut. Als ich dann vor ein paar Wochen mal gucken wollte, ob deren Internetauftritt auch so übel ist wie der der Titanic, musste ich erst einmal schlucken angesichts der Banner.

    Die nennen das Meinungspluralismus. Aber müssten die PI-Leute nicht erstmal eine Meinung haben?

  2. pantoffelpunk sagte am 2. October 2007 um 21:23 Uhr:

    Zeller geriert sich so ein wenig, wie Käptn Ahab, der sein Leben lang versucht, den Unbesiegbaren zu plätten. mit NPD-Humor im Alleingang gegen die Titanic – das kann nichts werden und das Schlimme ist: Er wird es die ganze Zeit gewusst und sich allabendlich die Hucke vollgesoffen haben. Das Ergbnis könnte man lesen, wenn man sich die Pardon käufte. A pro pos, Sebastian, woher hast Du die Zitate … ? Du hast doch nicht etwa… doch? Du Armer. Jetzt erst mal ausruhen? Riechsalz gefällig?

  3. Sebastian sagte am 3. October 2007 um 20:51 Uhr:

    Oh, danke, aber ich bin wohlauf – die Zitate sind alle aus dem Netz.

  4. pantoffelpunk sagte am 4. October 2007 um 08:32 Uhr:

    Dann bin ich ja beruhigt…

  5. sm sagte am 7. October 2007 um 20:10 Uhr:

    oh mein gott!
    wie beschissen ist das denn!!!!

    das erinnert mich an eine schülerzeitung in der 5. klasse, wo die “redaktion” am liebsten unter jeden artikel schreiben würde: Hallo, bitte lachen, das ist jetzt LUSTIG!

    der unterschied idt: in fast jeder noch so miesen schülerzeitung ist mindestens ein brauchbarer gag.

    die pardon-website ist ja noch nicht einmal unfreiwillig komisch. dafür freiwillig debil.

    umso kurioser nimmt sich diese satireanleitung auf der website aus:
    pardon-magazin.de/st...pardon-Merkblatt.pdf

    hääääääääää?

    hier der absolut schlechteste gag aller zeiten:
    “Henryk M. Broder erhielt den mit 20.000 Euro dotierten Börne-Preis. Dass der Preis verdient ist, sieht man daran, wer sich jetzt darüber ärgert.”

  6. Sebastian sagte am 7. October 2007 um 22:15 Uhr:

    Aber dieses Merkblatt ist ja dann doch wieder witzig – das kannte ich noch gar nicht. Das hier ist doch zum Beispiel super:

    “Texte sollen präzise im Ausdruck und klar aufgebaut sein. Nichts mit Scheiße und Ficken. Nichts mit Unser Opa.”

    Oder der:

    Ich-Perspektive nur in Erzählungen, wo das Ich eben nicht der Erzähler ist [?!] bzw. die Geschichte für sich wirkt.”

    Und das mit dem Börnepreis, ist das ein Gag? Nicht einfach eine Meinung?

  7. SM sagte am 8. October 2007 um 16:00 Uhr:

    ich nehme an das sollte witzig sein. oder sarkastisch. oder ironisch. oder so. weil.
    ja weil

    scheisse ficken Gutmenschen halt!

  8. Der Schaumschlger mit dem repressiven E - Craplog.de sagte am 27. October 2007 um 14:19 Uhr:

    […] von Spiegel Online ist, man achte mal drauf, Reinhard Mohr; der Franz Josef Wagner der Satire ist Bernd Zeller ; und der Franz Josef Wagner der FAZ ist, wie mir inzwischen klar wurde, Marcel […]

  9. SM sagte am 4. February 2008 um 01:05 Uhr:

    seit neuestem verwendet man bei pardon den Begriff “Migrazis” für Migranten.

    Mit verlaub herr zeller, sie sind einfach ein Arschloch.

  10. Frank sagte am 4. February 2008 um 02:08 Uhr:

    Hammerhart. Dann schließ ich mich SMs Urteil mal an.

  11. Ragtimer sagte am 1. November 2008 um 10:30 Uhr:

    Angesichts der Tatsache, dass Migrantengewalt von Muslimen sich unverhältnismäßig oft gegen Juden und Schwule richtet, und ihre Verachtung der “dekadenten” westlichen Gesellschaft mit ihren Emanzen und ihrem Individualismus gilt, trifft “Migrazis” durchaus die Sache.

  12. Frank sagte am 1. November 2008 um 12:35 Uhr:

    @ Ragtimer:

    Angesichts der Tatsache, dass solche dämlichen Müllbeiträge von Leuten, die alles zusammenwerfen, was ihnen in den Kram passt und den ganzen Rest ausblenden, unverhältnismäßig oft in unseren Kommentaren landet und ihre Verachtung jedem gilt, der versucht zu differenzieren, der kein bipolares Weltbild hat und auch nicht glaubt, dass Abschottung, Ausweisung, eine Einteilung der Migranten nach „Nützlichkeit“ irgendetwas damit zu tun hat, wie das Menschenbild im 21. Jahrhundert ausmachen sollte, trifft „Kommentazis“ durchaus die Sache.

  13. sm sagte am 7. December 2008 um 14:21 Uhr:

    ich sags mal ganz poltisch keulenmäßig korrekt:
    Du dummer Rassist!
    Du Deutschnazi.

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