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Die Verlosung der Gesellschaft

Sebastian, 2. February 2009

Schenkt man Menschen Glauben, die sich in den letzten Tagen von ihrem Fernseher losreissen konnten “um noch einige Besorgungen zu machen”, stapelte sich die deutsche Verfügungsmasse (mal wieder) in deutschen Trinkhallen und sonstigen Lottoannahmestellen, um ein paar Kreuze zu machen, nicht, um sich Volksvertreter zu wählen, hier immerhin scheint das Volk verstanden zu haben, dass es nichts bringt, sondern um die “Steuer für Menschen, die kein Mathe können” (Quelle: irgendwo aufgeschnappt) abzuführen.

macs

(Spreeblick-Kommentatoren, Symbolbild)

Das ist noch halbwegs harmlos, da man diesen Unfug anonym durchziehen kann, wobei dieses Recht mit einer nicht unerheblichen Menge Geld abgegolten wird. Schlimm wird es, wenn Verlosungen an Bedingungen geknüpft werden, was vorhersehbar immer damit endet, dass sich eine nicht zu unterschätzende Masse nicht entblödet, einen peinlich-peinlichen (was soll man dazu sonst sagen?) Kommentar abzugeben, um einen begehrten Preis abzugreifen, der bis zur Sekunde vor dem Gewinnspiel noch überhaupt nicht begehrt, ja wahrscheinlich nicht einmal bekannt war. Denn sagt der Preisverleiher “Spring!”, folgt der Untertan und macht dazu noch wuff, und das meine ich nicht einmal im übertragenem Sinne, denn:

Kaum, dass Spreeblick per Twitter verlautbaren lässt, ein Handy unter die Leute zu bringen, wird der Kommentarbereich in nicht weniger als 2 Stunden mit weit über 100 Kommentaren geflutet von Leuten, die sich hin- und hergerissen sehen zwischen dem Drang, möglichst schnell einen Kommentar abzugeben, um bemerkt zu werden (endlich einmal!) und der Vorgabe, kreativ seine Geekness zu illustrieren. Durch diesen Zwiespalt völlig überfordert, versucht sich der Großteil am Humor und scheitert kläglich, wenn er Dinge schreibt wie

Meine Hündin heißt Beta und bellt «wtf» statt «wau». Wenn sie mal muss, dann kommt nur Code. Also bitte.

oder mehreren Dutzend Derivaten von

Das ist ja mal eine 1337e Verlosung. \/\/4|\|7 G1 plz. k thx?! cu. xD

was in diesem Fall immerhin insofern an Komik gewinnt, als dass dieser Kommentar um 13:37 Uhr abgegeben wurde.

Eine andere Qualität gewinnt dieser Gewinnspielirrsinn jedoch, wenn der Leser nicht mehr Teilnehmer, sondern Teil des Gewinnspiels wird, ja zum Gewinn selber. In einer unsäglichen Aktion rief Sascha Lobo zur allgemeinen Followerverlosung auf, in der die gegenseitige Vernetzung von Menschen degradiert wurde zu einem Witz zur Ankurbelung der Bekanntheit des neues Must-read und um noch einmal klarzustellen, wer hier der kreative ist. Auch die Teilnehmer waren sich des Blödsinns wohlbewusst und packten ihre Teilnahmetweets in selbstironische Watte á la “Diese #Followerverlosung ist ja total albern *grins*” o.ä., so genau kann ich das nicht zitieren, da mich bei diesen Tweets derart heftiger Juckreiz packte, dass ich spontan alle Teilnehmer aus meiner Liste warf. Es fehlte sowieso ein Kalibrierungsrichtwert zur Entschlackung, dieser erschien mir durchaus angemessen. Der Gewinner darf sich nun über ein paar Follower mehr freuen, denen er völlig egal ist, was ihn aber nicht weiter stören dürfte, ging es ihm doch wie allen anderen lediglich um die selbsttragende Aufmerksamkeit, die sich so auch ohne Inhalte schnell generieren lässt. Herzlichen Glückwunsch!

tzwitter

-, 16. June 2008

es gibt kaum einen dienst, den ich mehr hasse, als sms. die beschränktheit von maximal 160 zeichen, um sich auszudrücken, ist einfach nicht geeignet für die minimalsten ansprüche an eine hochsprache, sondern verkrüppelt sie gnadenlos, so dass am ende niemand mehr etwas damit anfangen kann. erklär’ mal deiner oma, was es mit k thx bye oder hdgggdl bzw. rofl, lol, omfg und wtf auf sich hat. die text-verknappung in unserer fast-food-welt sollte niemand mit den geringsten sprachlichen ambitionen unterstützen. man braucht nur über den grossen teich schielen: da haben die kids eine durchschnittliche aufmerksamkeitsspanne von der zeit, die im fernsehen nicht mit werbung gefüllt ist. im moment also ca. 20 minuten. in zukunft wohl noch weniger. dazu kommen noch kosten von ca. 0,19€, was 0,0011875€ pro zeichen macht. völliger schwachsinn, völliger wahnsinn, denn auf diesen preis pro zeichen kommt man auch nur, wenn man alle pro sms ausgeschöpft hat.

für mich ist es ein rätsel, dass es diesen sms-dienst immer noch gibt und dass sich seit dessen einführung technisch rein gar nichts getan hat. mittlerweile dürfte es ja wohl kein problem mehr sein, einen email-dienst für handys anzubieten; aber dann schreiben die leute wahrscheinlich mehr als 160 zeichen und daran lässt sich auch nicht so gut verdienen, also scheiss auf den fortschritt.

ins selbe horn, mit dieser unnützen zeichen-beschränktheit, bläst nun ein völlig unnötiger neuzeit-trend namens twitter. der witz: twitter läuft über ein web-interface, also technisch keine beschränkungen für text-ergüsse und trotzdem bekommt man pro “tweet” nur 140 zeichen! das sind 20 WENIGER als bei herkömmlichen sms! fuckthewhat. für was soll so etwas nützlich sein? in einem fernsehbeitrag konnte ich sehen, wie einer über sein handy (! sprich: garantiert NICHT kostenlos) seinen twitter-account aktuell hält, indem er einfach “zwitschert”, wo er sich befindet und was er macht. ganz toll. auf was soll das bitte hinauslaufen!? jetzt erstellen die menschen schon bewegungsprofile von sich selber. sehr gut! dann brauchen das nicht mehr die geheimdienste machen. vom nutzwert einer twitter-meldung, wie “ich sitze gerade auf dem klo in dem und dem restaurant”, ganz zu schweigen.

nee, nee. sowas kann und will ich nicht fördern. wenn man wirklich ernsthaft in erwägung zieht, sich mit schreiben zu beschäftigen, dann sollte man üben möglichst viel information in möglichst wenig text zu packen und vor allem sich keine beschränkungen in bezug auf die zu verwendenden zeichen zu setzen. sowas, wie oben erwähnt, verkrüppelt die sprache nur und wir haben heute weissgott genug probleme mit fürchterlichen anglizismen, fehlgeleiteten dativen und halbtoten genitiven, um nur drei der aktuellsten störungen zu nennen. ich habe nichts gegen wettbewerbe, bei denen es als jux erachtet wird, möglichst kreatives in 140 oder 160 zeichen zu packen, das kann durchaus witzig sein. aber das permanent zu machen ist keiner sprache dienlich und zudem: verkrüppelt dein schreiben, verkrüppelt dein geist! deshalb halte deinen geist fit und schreibe bitte mehr als 140 zeichen! oder lass’ das schreiben lieber und arbeite bei mcdonalds oder burger king. danke.