Schleudertrauma

Sebastian, 9. February 2013

Wenn cipha nicht so einen Hass auf die Moderne hätte, hier wäre überhaupt nichts mehr los, und die einzigen, die sich noch beschwüren, wären die paar verstreuten Leser, die hin und wieder fragen, warum da nichts mehr kommt. Die Wahrheit ist: Wir sind jetzt alle erwachsene Menschen mit Erwachsenenproblemen. Die Schreiber haben Job und Familie, Karriere und Prestige. Ich zum Beispiel bin jetzt 32 und schreibe demnächst meine Bachelorarbeit. Ich hätte den ultimativen Artikel zur #aufschrei-Debatte schreiben können, nach dem alle Kampfhandlungen eskaliert wären, richtig geil wäre das geworden, aber: kein Bock! Der postpubertäre Drang nach Abgrenzung durch Aggression weicht der Altersmilde, man geht nachlässig mit den ganzen Spastis undf dsfmONgosdsff ahahahsfkjhdgkldff DIESE SCHEISS WASCHMASCHINE SCHON WIEDER!

Ihr erinnert euch? Vor knapp drei Jahren brauchte ich einen ganzen Tag, um eine Waschmaschine anzuschließen und am Ende kamen wir nicht einmal ins Autokino, weil eben das Auto, das in seiner kurzen Zeit ohnehin viel zu viel mitmachen musste, zugeparkt war usw. natürlich erinnert ihr euch, es ist ein Klassiker. Und wie es mit Klassikern so ist, sie werden bis zum Erbrechen wiederholt, und so holte mich auch das Waschmaschinendrama wieder ein.

In unserer WG-Waschmaschine der Firma Thyssen (Baujahr ’41) lösten sich wohl schon vor geraumer Zeit von Zwangsarbeitern lieblos zusammengesetzte Einzelteile der Pumpe, so dass die Waschtrommel(!) eher einer Lotterietrommel glich, denn man wusste nie, ob man das Wasser gegen Ende manuell abpumpen (HAHAHA) musste oder eben nicht. Und als Studi-WG-Schluffis kriegten wir natürlich auch unseren Arsch nicht hoch, den Fehler irgendwie abzustellen, und Handwerker kamen schon mal gar nicht in Frage (vgl. Abschn. “Bürgy” in: Gehirnwäsche, Craplog, 2010). Natürlich sind Pumpenfehler wie Zahnschmerzen, sie verschlimmern sich eher noch. Und so war man am Ende mehrere Stunden mit einem Waschgang zu… gange, denn natürlich ließ sich das Wasser nicht einfach über einen Schlauch ablassen (bzw. erst nach einer Grundreinigung, aber da war’s schon egal), sondern über eine gewagte Konstruktion, die jeder Beschreibung spottet. Ich versuche es trotzdem einmal: Die Waschmaschine musste ein wenig nach hinten gekippt werden, um einen Edelstahlpokerkoffer als Stütze drunterzuschieben. Mit einer Tupperbrotdose wurde dann das Wasser vooorsichtig aus dem Flusensiebdeckel gelassen, wobei die Adhäsionskräfte des Wassers dieses auch in den hinteren Bereich weiterleiteten, wo es eher schlecht als recht von einem ebenfalls hinzulegenden Handtuch aufgefangen wurde. Da die Tupperbrotdose gerade groß genug ist, um ein Tupperbrot zu fassen, passten hier nur ein paar edle Tröpfchen des kühlen Nasses hinein. Die Notwendigkeit der Nutzung der Tupperbrotdose ergab sich aber nun einmal aus ihrer geringen Höhe. Das wenige Wasser musste dann jeweils in einen Popcorneimer geschifft werden, der wiederum ungefähr zweimal pro Abschöpfgang in die Toilette geleert werden musste. Abschöpfgänge gab es gegen Ende ungefähr 8 pro Waschgang, also 8 mal 2 Popocorneimer, also 16 mal 30 Tupperbrotdosen, also 480 mal pro Wäsche Tupperbrotdose unter die Waschmaschine stellen, konservativ geschätzt. Ihr könnt mir folgen?

Wernher von Braun und Kollegen bei der Konstruktion der Waschmaschine.

Wernher von Braun und Kollegen bei der Konstruktion der Waschmaschine.

Beim Herausziehen des Pokerkoffers wiederum schwappte noch Restwasser, das wegen der Schräglage nicht herausfließen konnte, nach vorne, so dass ein Pumpenteil sich wieder löste, so dass man schon wusste, dass man, sobald man fertig ist, noch einmal kurz die Maschine hochstellen musste, um das nunmehr vorgeschwappte Wasser rauslassen zu können. Zweimal.
Als ich also bei einer Wäsche ungefähr sechs Stunden brauchte, von denen ich vier genau vor der Waschmaschine saß, entschieden wir uns zum Neukauf. Für uns darf es natürlich nur das Billigste vom Billigsten sein, und so entschieden wir uns für ein chinesisches Modell, dessen Lärmschutz uns vor dem Lärm der Baustelle direkt vor meinem Fenster schützt. Mag der Mensch allgemein als lernfähig gelten, trifft dies auf speziell den Autor dieser Zeilen jedoch nicht zu. Denn wesentlicher Bestandteil des letzten Waschmaschinenterrors war ja, dass an der Waschmaschine ein Altteil klemmte, das wir noch gut hätten gebrauchen können, nämlich dieses Gewinde für den Siphon, wegen dem ich seinerzeit drei mal zum Baumarkt gefahren bin. Und natürlich haben wir eben jenes Teil auch dieses mal wieder am Ablaufschlauch der alten Maschine gelassen. Duh. Immerhin entspann sich hieraus nicht ein unendlich langer Kampf, sondern dieses Teil konnte recht zeitnah bei einem nahegelegenen Waschmaschinenservicemenschen ergattert werden, der etwas verloren in einem Meer aus Gebrauchtwaschinen schwamm. Bundesdienstleister alter Schule mit grauem Schnurrbart, Bierbauch und Werkstatt mit zotigen Sprüchen im hinteren Bereich, von wo er uns eben jenes Teil für lächerliches Geld im Vergleich zum unermesslichen Wert überließ.

Die Waschmaschine funktioniert also. Sie verrichtet ihren Dienst selbst am zweiten Tag ihrer Installation anstandlos. Und doch… Ich habe, gezeichnet von so vielen Schlachten, ein Schleudertrauma davongetragen. Steht die Maschine kurze 15 Sekunden still, weil sie in sich geht, sich irgendwie arrangieren muss in dieser Welt, irgendwelche inneren Schalter umlegen… ich kriege Angst. Ich gehe zu ihr, sage “Was ist los? Mach schon!” Es sind zähe Sekunden, bis sie sich dreht. Zeit, dass sich was dreht. Ich werde nie wieder das Gefühl haben, es mit einer intakten Waschmaschine zu tun zu haben. Das Vertrauen ist dahin. Es wird vermutlich nie wieder völlig hergestellt sein.

7 Kommentare

  1. Schleudertrauma | social issues and stuff sagte am 10. February 2013 um 00:02 Uhr:

    […] Weiter geht’s im Craplog, wo es hingehört. […]

  2. Frank sagte am 10. February 2013 um 00:17 Uhr:

    Du kannst gar nicht glauben, wie sehr ich gelacht habe; meine Frau auch.

  3. Sebastian sagte am 10. February 2013 um 00:33 Uhr:

    🙂

  4. Sebastian sagte am 10. February 2013 um 00:48 Uhr:

    Haha, ich habe irgendwo Popocorneimer geschrieben. Das lasse ich jetzt auch so.

  5. ovit sagte am 10. February 2013 um 13:18 Uhr:

    hervorragend. bei der 480 hab ich dann auch laut gelacht.

  6. herrpunkt sagte am 10. February 2013 um 14:25 Uhr:

    Nicht deinet- aber unserer Unterhaltung wegen, darf man auf eine Fortsetzung hoffen.

  7. Sebastian sagte am 10. February 2013 um 17:14 Uhr:

    Was das angeht müsst ihr euch bestimmt keine Sorgen machen.

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