Please Disurbanize

.markus, 8. April 2007

Beginnen wir am Anfang. Mit einer persönlichen Einleitung, die darauf aufgebaut ist, wie ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge vorm Fernseher saß. Ha! Da hatten es meine Augen noch wirklich gut. Meine Ohren, meine armen geplagten Ohren bluteten.
RTL II, Werbepause. Knut ist gut. Mit einsamen Singles flirten für 1.99 pro SMS. Dein persönliches Horoskop aufs Handy. Ihr kennt das ja. Ich nicht, ich bin weitgehend fernsehabstinent und jedesmal aufs neue fasziniert und entsetzt.

Mich überkommt nun der Drang wahllos Fäkalworte in den Mund zu nehmen, um zu beschreiben, was ich da sehen und hören musste, aber ich will und werde mir meine Flüche für wichtigeres aufbewahren.

Der medial ge(un)bildete Leser wird es anhand der Überschrift sicher schon geahnt haben. Es geht um:

Urbanize – Warten auf Dich

Dem glücklichen Unwissenden sei hiermit noch das Youtube-Video verlinkt.

Aber ihr kennt das Lied schon, man hat es in gleicher und ähnlicher Form schon tausendmal gehört.
Ein Micky-Maus-auf-Helium-Refrain. Schmalzseelig wird in bester Yvonne-Catterfield-Manier tut auf Mut und schmerzt auf Herz gereimt. Da die Zielgruppe wohl Bildersprachanalphabeten sind, werden die Lyrics in Schnörkelschrift als visuelle Unterstützung herangezogen. Die Videoregie scheint also auch irgendwann bemerkt zu haben, dass die klischeetriefende Ghettokulisse mit traurig blickender Frau und zwei Möchtegern-HipHop-Hampelmännern wohl nicht viel hergibt.

Es ist schon ein Kreuz, wenn man “Kreativer” in einer Plattenfirma ist (Das Paradox verstärkt die Aussage!) und das meine ich hier mal allgemein. Ständig wird von einem verlangt einen völlig neuen Typ Band zu kreieren, so dass man gar nicht mehr zum Koksen kommt. Man mischt dann bunt und wild alles Klischees, fügt der Musik untröstlichen Liebeskummer zu und fertig ist der neuste und geschmacklose Eintopf für die konsumwillige Jugend.

Die Pappnasen Pappfiguren im neusten Streich der klingeltonkompatiblen Musikmaschinerie heißen laut offizieller Homepage:

Marc (Lapaz) war ein typisches Ruhrpott-Kind. Er kämpfte sich durch den Herner Struggle. Das Recht des Stärkeren, mit dem er um sein Schulgeld erpresst wurde. Selbst vor Schlägen wurde nicht haltgemacht. Trotz allem verwirklichte er seine Träume…

Romans Leben drehte sich seit früher Kindheit nur um Musik. Seine ersten Erfahrungen machte er im Tonstudio seines Vaters, der Werbekomponist ist. Er klimperte auf dem Klavier und sang vom 4. Lebensjahr an, versuchte Songs seiner Idole aus Radio und TV zu covern, egal ob Pop oder Rock und produzierte den Grundschul-Abschluss-Song im Alter von 10 Jahren. Er versuchte sich in “Blümchen-like” – Eurotechno

(Kursivsetzungen von mir)

Auch wenn ich sowieso schon der Meinung bin, dass dieses Lied ein Mashup aller schlechten deutschen Pop & HipHop-Elemente der letzten Jahre ist, gibt es aber auch noch ganz andere Plagiatsvorwürfe gegen Urbanize, die ich hier mal wertungsfrei und sachlich aus dem Gästebuch zitiere:

hey ich wies ja ned aba ich kenn des lied warten auf dich schon voll lange des hat F-RAZ geschreiben ich hab des seit 3 jahren auf mayn pc und des hört sich viel besser an als des

Trotz versuchter ausführlicher Recherche lässt sich mittels der durchschnittlichen Aussagekraft eines gewöhnlichen YouTube-Kommentars nicht herausfinden, was an diesen Vorwürfen wahr ist.

Ist ja auch egal, ob schlecht selber gemacht, oder noch schlechter gecovert. Hier gilt sowieso der Superlativ!

9 Kommentare

  1. blog.argwohnheim » .urbanize - warten auf dich sagte am 8. April 2007 um 14:23 Uhr:

    […] mich könnt ihr lange warten. “Please Disurbanize” drüben im […]

  2. mike sagte am 8. April 2007 um 15:28 Uhr:

    Mashup aus Pop und Hiphop?
    Als ich noch ein kleiner Junge war, lang – sehr lang – ist’s her, da hat meine Mutter so ‘ne Rotze gehört.
    Damals, als das Gejaule noch Schlager hiess, fand ich’s auch zum Kotzen.

  3. ovit sagte am 8. April 2007 um 21:16 Uhr:

    haha. sehr unterhaltsam! ich steh mal eben an der wand und haue zu diesem lied meinen kopf im takt gegen eben jene.

  4. maloXP sagte am 9. April 2007 um 02:06 Uhr:

    Meine Freundin hat dann auch gleich noch das Original zu dem Beat herausgefunden. Klick:

    Sie so, völlig abgebrüht: “Kuschelrock drei oder vier”.

  5. ovit sagte am 9. April 2007 um 12:14 Uhr:

    danke für das original. das lag mir auf der zunge, aber ich kam nicht drauf. das ist doch meine jugend. da schmolz das herz der großen schwester doch immer zu! 😉

  6. .markus sagte am 9. April 2007 um 14:29 Uhr:

    Hach ja. Sowas kannste aber auch bloß nostalgisch oder voll auf Hormonüberausschüttung ertragen 😉

  7. jean sagte am 13. April 2007 um 17:38 Uhr:

    OMG ihr idioten -.-

    missgunst und eiversucht sag ich da nur^^

  8. Ilias Bender sagte am 13. April 2007 um 17:44 Uhr:

    Hab mich selten so amüsiert. Zugegeben, hier sind Kommentare und Bewertungen sichtlich sprachgewandter als von manchen Einträgen auf http://www.urbanize.de
    Ich persönlich bin auch eher verfechter der alten schule. Dennoch würd ich nicht von schlecht reden.
    In Zeiten wo Playback-Gehampel groß geschrieben wird und “Kotzende Frösche” Musiksender dominieren, empfinde ich die 2 Jungs zumindest als authentisch.
    Habe mir sogar mal im Internet die Versionen a la F-Ratz zu Gemüte geführt, und andere Songs von selbem. Das sind die gleichen Gesangsspuren wie im Musikvideo, während F-Raz (wer zur Hölle ist das, klingt irgendwie wie eine Kettensäge) leiert und sich abmüht die Töne zu treffen.
    Ich höre einfach die Musik die mir gefällt und lass den Jungs ihre Chance. Die anderen Songs auf deren Website find ich aber besser, haben mehr eigenes.

  9. silent t. sagte am 25. November 2007 um 00:58 Uhr:

    ach, craplog, craplog. warum hab ich dich verlassen? antwort: habe ich nie, mein sohn. hatte nur nie zeit zum posten, und auch nicht zum lesen. jetzt ist mir langweilig, und nun komm ich endlich zum konsum. blind reingegriffen in diesen artikel und tränen gelacht, vornehmlich wegen deinem stil, mein sanfter boi. ich applaudiere laut und nass. danke. danke dass es dich gibt. deine melli

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