Much Ado About Nothing

Gastautor, 16. May 2008

Craplog-Leser blackmailed, der sich als “20-jähriger Noch-Zivi und Bald-Student der zu viel Zeit hat und sich daher mit derlei Crap auseinandersetzen kann” beschreibt, hat uns unverlangt einen Blogoszönen-Rant eingesandt. Wir danken recht herzlich dafür.

Es ist Freitag nach Feierabend, und wir streifen ermattet den grauen Mantel des tristen Alltages von uns ab. Nach Erholung und Zerstreuung strebend begeben wir uns nach Klein-Bloggersdorf, einer Quelle der Inspiration und des freigeistigen Austausches. In diesem Paradies der kostenlosen Information finden wir alles, was das Herz begehrt: Analysen der plätschernden Tristesse von Büroalltagen, gespickt mit hochphilosophischen Einschüben, die bevorzugt in Form von Vögeln oder bunten Schmetterlingen in Erscheinung treten – wozu noch lesen? Spannende Erlebnisberichte von Top-Anwälten und Freizeitdetektiven, die den Leichen im Keller des Nachbarn auf der Spur sind – wozu noch Krimis und Thriller einschalten? Intelligente und dreifach linkbelegte Artikel zu den brennenden politischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit, noch dazu mit Subjektivität aufgefrischt – ein Fluchtweg vor der Mainstream-Informationsmaschine, die uns täglich mit immer den gleichen neutral verfassten, im Konjunktiv gehaltenen 08/15 Berichten überrollt. (Ha, Ha)
Wo wir auch hinsehen, es ist eine farbenfrohe, vielschichtige und hochdynamische Welt, dieses Klein-Bloggersdorf, denn sie aktualisiert sich sekündlich.

Guru

Wenn wir aber genauer hinsehen, zeichnet sich langsam ein anderes Bild ab: Wer sich durch zehn bis zwanzig private Blogs gearbeitet hat, ist auf mindestens drei Blog-Gurus gestoßen. Ihr kennt sie alle: Diese prächtigen Beispiele der totalen Verschmelzung vom Privatsphärenrest mit der medialen Außenwelt sind einer der traurigsten Auswüchse von Klein-Bloggersdorf. Sie schreiben oft in exzellentem Stil und können aus zwei nasepopelnd verbrachten Stunden einen Artikel zaubern, der von einer Handvoll mitunter fanatischer Anhänger als göttliche Eingebung gepriesen und umgehend nachgeahmt wird. Mediale Stilikonen dieser Art haben ihr Online-Zuhause perfekt eingerichtet, oft passend zu ihren einfallreichen Emo-Pseudonymen mal dunkel und einschüchternd, mal blumig strahlend. Die Seiten sind handwerklich hochwertig und zeugen von einiger Kenntnis in Sachen Kodierung und Design. Als kleine Zugabe schmückt man sich mit Verlinkungen auf die versammelte Blogprominenz – man kennt zwar keinen einzigen der verlinkten Leute, aber immerhin hat man eine Blog-Größe in der Liste stehen und suggeriert so Zusammengehörigkeit! (OMG)

Sie schreiben über das Leben. Über ihr Leben – und lassen die gesamte Öffentlichkeit daran teilhaben, ob nun gewollt oder nicht. Kindheitstraumata, Geschlechtskrankheiten, Stuhlgänge…das RTL2 des Internet findet ihr in Weblogs! Des Gurus Online-Selbst ist oft der Prototyp von Coolness bzw. Gelassenheit angesichts des großen Scheißhaufens namens Real Life und beschwört das Bild des totalen Durchblicks, was von vielen unzufriedenen, scheinbar langweiligen Usern, denen das Real Life auch auf den Sack geht, dankbar akzeptiert wird. Es gibt aber auch Berichte über rauschende Feten, sexuelle Kontakte, Einkäufe, Unfälle, Todesfälle und sogar (Achtung, Kultur) Rezensionen, Kritiken oder Leseempfehlungen, die aber in einer derart selbstverliebten Lässigkeit verfasst werden, die mir die Kotze hochkommen lässt.

Ein Blick auf das Upload-Datum dieser vor Kühnheit und Coolness nur so strotzenden Artikel lässt die Fassade dann schnell bröckeln, und wir erblicken das wahre Gesicht von „Blutelfe“, „Evilsadness“, „shivaa“ „Lonelygirl“, „emeralddream“…[1]

Da wird morgens um 5:50 der Artikel über die vorangegangenen, rauchend und „sinnend“ (Emo!) verbrachten Stunden hochgeladen, quasi als taufrische, noch nachklingende Erfahrung, die unbedingt mit allen geteilt werden muss, damit die große weite Welt jenseits von Klein-Bloggersdorf erfahren möge, wie toll man doch ist. Offensichtlich scheint der gemeine User aber noch nicht gemerkt zu haben, dass diese allwissenden Stilikonen wohl doch nur stinknormale Vollnerds wie du und ich sind, die teilweise ihre gesamte Freizeit einem Medium opfern, dass sie groß und strahlend erscheinen lässt, und dafür müssen sie noch nicht einmal sportlich oder gutaussehend sein. Nein, sie müssen nur 24/7 am PC hängen und ihr erbärmliches Selbst in ein state of the art PHP-Kleid hüllen. Wir, als Besucher von Klein-Bloggersdorf erkennen aber hoffentlich schnell, dass jene kleinen Randnotizen zwar angenehme Alternativen in Sachen voyeuristischer Abendunterhaltung, aber niemals vollständiger Ersatz für unsere eigenen Ideen und Vorstellungen sein können. Wir wenden uns also angewidert ab von dieser Wichtigtuerei und einem extremen Sendungsbewusstsein, das sich wohl nur niederschlagen kann, weil es das Internet gibt. Es ist immer noch Freitag Abend, und die Realität hat uns glücklicherweise wieder. Und an die lieben Gurus: Blog off, morons! Wir sind auch Nerds, aber wenn wir über Scheiße posten, dann nur über virtuelle Scheiße oder wenn Scheiße in der Welt passiert. Unsere eigene Scheiße bleibt friedliche, vom Internet gänzlich unberührte Scheiße. Also lasst die Scheiße.

Guru-Bild: boskizzi (cc)

  1. diese Liste kann ewig weitergeführt werden, man nehme ein Gefühl (Adjektiv oder Substantiv) und kombiniere es mit esoterischen Nomen oder auch Himmelskörpern: moon + sorrow = moonsorrow (Pseudonym erster Klasse!) [zurück]

9 Kommentare

  1. Henry sagte am 17. May 2008 um 09:18 Uhr:

    Drei Gründe, die gegen deinen Beitrag sprechen:

    Erstens, man braucht Abwechslung. Ich möchte beispielsweise nicht nur Spiegelfechter lesen, der in hohem Maße über politische Themen abquatscht. Ich möchte auch einfach mal die langweiligen Nebensächlichkeiten des Lebens von anderen wahrnehmen, damit ich nicht nur in meinem eigenen Scheiß ersaufe, sondern mich auch über den Scheiß anderer lustig machen kann. Wenn das auf dem Niveau von RTL2 geschieht, finde ich das natürlich auch schon wieder abartig, aber es ist ja nicht immer so.

    Zweitens, diese Leute haben ein Hobby, mit welchem sie versuchen zuerst einmal sich selbst auszudrücken und zweitens sich entspannen können. Über was sie schreiben, ist ihre Sache. Wenn sie ihre Probleme dadurch bekämpfen, indem sie einfach über ihren alltäglichen Scheiß reden, dann sollte man sie einfach machen lassen. Ich habe persönlich damit überhaupt kein Problem.

    Drittens, du kannst entscheiden, ob du mitliest oder nicht. Niemand wird dazu gezwungen, diesen Leuten beim Scheißequatschen zuzuhören.

  2. blackmailed sagte am 17. May 2008 um 13:20 Uhr:

    Meine nicht vorhandene Fähigkeit der klaren und verständlichen Darstellung von Sachverhalten fordert mal wieder ihren Tribut ^^

    zu Erstens: Du hast schon Recht, aber es gibt eine feine Grenze zwischen gelungener Unterhaltung durch Ausschlachtung privater Erfahrungen und unangemessener Teilhabe am Privatleben. Und ich glaube, dass diese Menschen oft um der Unterhaltung willen und um die Sensationsgeilheit der Meute zu befriedigen mehr von sich selbst preisgeben, als sie eigentlich wollten.

    zu Zweitens: Ja, über was sie schreiben ist ihre Sache, doch auch hier gibt es die guten Beispiele und die Leute, die “Selbstausdruck” missverstehen und eine total übertriebene Selbstinszenierung vom Stapel lassen. Das macht einen doch gleich viel interessanter – nur blöd, wenn das eigene Leben dann langweilig wird und man mehr und mehr vom Online-Selbst abhängig ist. Gesund ist das auch nicht.

    zu Drittens: Klar, ich kann mich entscheiden, nicht zu lesen, was verzapft wird. Aber die von mir angesprochenen Personen sollten sich um ihrer Selbst willen mal überlegen, ob ihr digitaler Geltungsdrang im Internet wirklich fruchtbaren Boden findet, oder ob sich manche Leute nur nach dem nächsten Fetzen Privatsphäre sehnen, den sie ihnen noch stehlen können. Das nennt sich dann manchmal auch “Bescheidenheit”.

    Im Übrigen gebe ich dir Recht, private Blogs sind oft unterhaltsam und in einigen Fällen wahre Juwelen.

  3. Henry sagte am 17. May 2008 um 14:43 Uhr:

    Ok, jetzt verstehe ich besser, worauf du eigentlich hinaus wolltest. Allerdings sehe ich weiterhin einen Konflikt zwischen der von dir angesprochenen Sensationsgeilheit und der heilenden und entspannenden Wirkung, die die Pseudoberühmtheit durch das Schreiben mit sich bringt.

    Ab wann man nun zu viel preisgegeben hat und alles, was damit zusammenhängt, ins Negative umschlägt, ist nicht wirklich nachzuvollziehen, da das für jeden Menschen anders ist.

    Was mich aber bei deinem Beitrag besonders zur Kritik angeregt hat, war die einseitige Betrachtung dieser Leute. Es klang alles nicht nach einer Warnung, wie du es in Drittens erklärst, sondern mehr nach einem simplen Heruntermachen ihrer zu weltoffenen Person.

  4. blackmailed sagte am 17. May 2008 um 16:58 Uhr:

    “Was mich aber bei deinem Beitrag besonders zur Kritik angeregt hat, war die einseitige Betrachtung dieser Leute. Es klang alles nicht nach einer Warnung, wie du es in Drittens erklärst, sondern mehr nach einem simplen Heruntermachen ihrer zu weltoffenen Person.”

    -> Yup, ich tendiere zum pauschalen Verurteilen und bin sprachlich nicht imstande, klar du differenzieren, oder aber ich lasse die wichtigen Gedanken wie “drittens” aus dem Artikel raus.

    Das mache ich dann ab und an durch exzessiven Gebrauch von Fäkalsprache wett.

  5. Achim sagte am 20. May 2008 um 21:40 Uhr:

    Nun, dann wäre doch zur Ausgeglichenheit ein Beitrag über deine Juwelen auch mal interessant zu lesen. Im übrigen habe ich nicht den Eindruck, daß du sprachlich ein Handicap hast, klar zu differenzieren, wohl zu pauschalen Vorurteilen. Aber, wodurch unterscheidet sich jetzt dein Beitrag so wirklich von den angepöbelten?

  6. Frank sagte am 21. May 2008 um 00:54 Uhr:

    @Achim:

    Nun mal halblang. Der Autor ist kein Blogger, er wollte nur seinem Ärger über gewisse dämliche Angewohnheiten in der Bloggerszene Luft verschaffen. Ferner hat er niemanden direkt angepöbelt (wäre meines Erachtens auch legitim gewesen). Und drittens, noch einmal: Wir haben hier im Craplog nicht im geringsten den Anspruch, irgendwie differenziert, abwägend oder relativierend abzustinken. Es ist einfach nur ein Ventil, Dude.

  7. .markus sagte am 21. May 2008 um 11:23 Uhr:

    “…da muss man doch mal differenzieren”
    Nein, muss man nicht!
    Das Abwägen von Argumenten und eine ausgewogene Sichtweise sind hier manchmal wirklich fehl am Platze. Wir sind sowieso noch viel zu kuschelig. Man müsste öfter dorthin hauen, wo es richtig weh tut.

  8. Harry Kuntz sagte am 21. May 2008 um 21:37 Uhr:

    Es gibt Dinge, da darf man nicht diskutieren, die muss man einfach machen!!!

  9. blackmailed sagte am 23. May 2008 um 14:33 Uhr:

    so siehts aus

Und was meinst Du?

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