Medien, Mütter, Märtyrer

Frank, 9. November 2007

Fragt man nach Begriffen, deren Sinnentleerung auf der Agenda von deutschen Medienschaffenden ganz weit oben zu stehen scheinen, sollte “Martyrium” nicht fehlen. Das Martyrium, die Allzweckwaffe des emporstrebenden Schreiberlings. Allgemein meint das Wort ja die Selbstaufopferung einer Person, um andere zu retten, meist noch im Kontext einer übergeordneten, hehren Idee. Bloß weiß das anscheinend kein Arsch mehr. Ich kann mir durchaus lebhaft die verhältnismäßig komplexe Assoziationskette im Hirn eines – lass es RTL-Nachrichten-Texters sein – vorstellen.

“Oh. Agenturmeldung wo ‘Entführung’ drinne steht” -> “lesen” -> “Hä?” -> “Nochmal lesen” -> “Entführung schon zu Ende? Falls ja: Vornehmes Wort ‘Martyrium’ im Bericht benutzen” -> “vielleicht Gehaltserhöhung” -> “Neues Auto” -> “Leasing?” -> usw…

märtyrer mangels mehrtürer
Märtyrer mangels Mehrtürer? (Scan aus einer US-amerikanischen Kreationisten-Kinderbibel von 1953, in deren Besitz ich tollerweise bin)

Egal wo – Wenn irgendwo auch nur ein Quentchen gelitten und darüber berichtet wird, kommt dieses Wort so sicher wie das Amen in der Kirche. Bloß für wen verdammichtnochmal opfert sich denn der anderthalbjährige Hans-Eberhard auf, wenn ihn sein sturzbesoffener Vater verprügelt? Für die Lage am Ausbildungsmarkt in 15 Jahren? Für die Schmerzmittelindustrie? Oder für die “Vermischtes”-Seite der Lokalpresse gar? In einen religiösen Kontext eingebettet könnte man fragen, was das für Loser-Märtyrer waren, die Noahs krude Sintfluttheorie nicht glaubten, um später alle miteinand’ an die Archenwand verzweifelnd wummernd jämmerlich zu ersaufen. Gelitten haben die auch, aber waren’s Märtyrer? Blöde Fragen soll man nicht beantworten und deshalb lass ich’s. Jedenfalls kann man sich, dank Google News, wenn man kein besseres Hobby hat, die aktuelle Martyrium-Berichterstattung[1] in den deutschsprachigen Medien sogar als RSS-Feed abonnieren. Die erschütterndste unter den aktuellen Meldungen stammt übrigens aus der Oberösterreichischen Rundschau und beschreibt die unbeschreibliche Aufopferung eines durch Vandalen bedrohten Blechblasinstruments:

Aus noch unbekannten Gründen öffneten bislang unbekannte Täter am frühen Samstag Morgen (…) den unversperrten Kofferraum eines Autos (…).

Die Unbekannten nahmen einen Instrumentenkoffer aus dem Kofferraum und fingen an, die darin gelagerte Trompete systematisch zu zerstören. Sie warfen das hochwertige Instrument mehrmals auf den Boden und sprangen mit den Füßen darauf.

Die Trompete wurde durch dieses Martyrium völlig zerstört und unbrauchbar gemacht. Der Schaden wird auf rund 3.000 Euro geschützt. (Hervorhebung von mir -maloXP)

milchpumpeAber eigentlich wollte ich die Medienschelte an der Stelle gar nicht so explizieren. Worauf ich stattdessen hinauswollte: Brüste. Besser gesagt: Brüste von Frauen. Noch besser gesagt: Brüste von Müttern. Ich halte Mütter, die ihr frisch geworfenes Junges stillen, unter Umständen sich sogar mit diesen unfassbar grausam aussehenden Milchpumpen malträtieren, um auf Vorrat zu milchen, für die wirklichen – im wahrsten Wortsinne – Märtyrer unserer Gesellschaft. Vorgestern las ich in der Zeitung… Mist, doch wieder Medienschelte! Egal. Vorgestern jedenfalls las ich in der Zeitung mal wieder so einen strunzdämlichen Artikel, der aber leider auch zu interessant als Zeugnis sozialer Tatbestände war, um ihn zu überlesen.

Muttermilch macht nicht alle Babys schlau
(…)

Muttermilch macht Kinder schlauer – aber nur dann, wenn der Nachwuchs eine bestimmte Variante des Stoffwechselgens FADS2 besitzt. (…)

Wie die Auswertung (verschiedener Studien) ergab, schnitten gestillte Kinder in den IQ-Tests besser ab als Kinder, die nie Muttermilch erhalten hatten. Im Durchschnitt erzielten sie rund sechs IQ-Punkte mehr.

Halloo°0O°o!!!!?!? Ich hoffe ja sehr dass die Eierköppe, die so einen Stuss erzählen, sich mal selber auf FADS2 getestet haben. Die Tatsache, ob man später Abi macht, Ökonomie studiert und Wirtschaftsweiser wird oder – als konträre Perspektive – klug, hat also mit der Muttermilch und irgendeiner Proteinausstülpung zu tun, ja? Und zwar im messbaren Bereich auf der omnipotenten Skala

IQ.

Meine Schwägerin hat eine Kommilitonin, auf deren Homepage steht in riesigen Lettern, dass sie einen Intelligenzquotienten von über 130 hat und Mitglied in dieser obskuren Geheimloge “Mensa” ist. Das allein ist schon anstrengend, macht sie mir gar unsymphatisch. Absurd allerdings wird es durch die Tatsache, dass das Mädel selbst im persönlichen Gespräch diese Information ständig nebenbei einfließen lässt. Als ob sie mit diesem – ja noch nicht einmal – Persönlichkeitsmerkmal hausieren gehen müsste. Auch sonst ist das Frollein übrigens inkompetent und wird vermutlich als steinalte einsame Jungfer sterben, die höchstens Trost daraus schöpft, dass sie alle Fragen bei “Wer wird Millionär” beantworten kann. Hatte ich erwähnt, dass sie einen IQ von über 130 hat?

Ell Oh Ell. Back to Topic. Ich glaube euch ja gerne, Biochemofundamentalisten, dass Stillen etwas mit dem Wesen des Kindes und seinem späteres Leben zu tun hat. Nur sehe ich es als Ausdruck und “Aufbaumaßnahme” eines Vertrauensverhältnisses zwischen Mutter und Kind, das die vielleicht wichtigste Basis für einen späteren – Jehova, ich hasse solche Vokabeln – gefestigten Charakter, der furchtlos aus den Widrigkeiten des Leben lernt. Um’s statistisch zu formulieren: Der Faktor Mutterliebe erhöht die Chance, dass das Kind gestillt wird und erhöht die Chance, dass das Kind klug wird. Aber Stillen ist dem Klugscheißen nicht kausal vorgelagert. Lernt erst mal Korrellationen zu analysieren, ihr Waschlappen, bevor ihr eure Erkenntnisse in die stets auf neue atemberaubende Erkenntnisse aus der elfenbeinbeigefarbenen Sphäre der Wissenschaft steil gehenden Gazetten postet. Und ihr Rezipienten, die ihr diesen “Erkenntnissen” Relevanz beimesst, müsst ihr euch wirklich an solche Zahlen klammern und damit der Durchtechnokratisierung der Welt Vorschub leisten? Sechs IQ-Punkte durch irgendeine Stoffwechselanomalie sind im Einfluss nicht zu vergleichen mit Ausschlafen und einem guten Frühstück am Tag des ganz und gar nicht allumfassenden Intelligenztests, ganz zu schweigen von einer wohldurchdachten Bildungspolitik. Mit Biologie allein lassen sich Gesellschaften nicht erklären.

buggyUnd Du, hippe junge Berlin Mitte-Schnicksen-Mutter, die du vorgestern apathisch vor der Wursttheke standest und zähe Minuten brauchtest, um dich zwischen Tee-, Zungenwurst oder einem anderen Belag für deine Abendbrotstulle zu entscheiden, während dein ca. einjähriger Sohn, minutenlang verzweifelt und eigentlich nicht überhörbar nach seiner Mami schrie…

Du solltest Dir beim nächsten Kind überlegen, ob Du nicht statt eines sündhaft teuren, repräsentativen, Hip-Kinderwagens-Buggys vielleicht ein konservativeres Modell, mit umgedrehter Gondel (nennt man das so?) auswählst. Das hätte nämlich gleich mehrere Vorteile. Dein Sprössling käme sich beim Ausflug nicht wie auf dem Präsentierteller vor, er hätte dich im Blick (was gewiss ganz automatisch beruhigend auf ihn wirkt), du hättest ihn im Blick und würdest dann und wann seiner Anwesenheit erinnert. Und schlussendlich wäre vielleicht sogar noch etwas Geld übrig, damit Du nicht im Discounter einkaufen müsstest.

  1. hier ohne Papst- und Christenkram verlinkt [zurück]

8 Kommentare

  1. uli sagte am 9. November 2007 um 08:54 Uhr:

    Also mein Kind ist fünf Monate und hat jetzt schon einen gefühlten 130er IQ. Nächste Woche lassen wir es vielleicht mal testen.
    Die Milchpumpe läuft hier Tag und Nacht und ab und zu nehme ich auch einen Schluck. Bllllllll! Chrchrhchrchr! Brrrrrrm! Pfffffff!

  2. .markus sagte am 9. November 2007 um 21:58 Uhr:

    Malo, ich will ein Kind von dir!

    (Können wir auch ohne Muttermilch aufziehen)

    Klasse Artikel!

  3. pantoffelpunk sagte am 9. November 2007 um 23:23 Uhr:

    Die Tatsache, dass die Population der Störche sowie die Geburtenrate gleichsam zurückgehen, lässt nicht zwingend rückschließen, dass der Storch die Kinder bringt.

  4. Sebastian sagte am 10. November 2007 um 00:15 Uhr:

    Sehr richtig, das. Ich wundere mich immer, dass noch nicht einmal die Ähnlichkeit solchen Forschungsdesigns mit der Kopfvermessungswissenschaft der Nazis diesen Eierköppen Mahnung genug ist, mit ihren Schlussfolgerungen ein wenig vorsichtiger zu sein. Ich habe mich mal unter dem Titel Rumraterei über diesen Quantifizierungswahn aufgeregt, der den Grad der Wissenschaftlichkeit umso höher einstuft, je mehr Zahlen und je weniger Gedanken präsentiert werden.

  5. Harry Kuntz sagte am 10. November 2007 um 16:47 Uhr:

    *Pff*, ich habe bei den Intelligenztests, die ich im Internet immer mache, regelmäßig einen IQ von 140. Wahrscheinlich, weil ich zu 35 % Autist bin (Quelle: Internet).

    Man, in dem Text ist wieder so viel drin, damit bin ich jetzt erstmal ein paar Stunden beschäftigt. Medien, Religion, Titten. Alles, was Spaß macht.

  6. verbindulix sagte am 15. November 2007 um 09:44 Uhr:

    Ich weiss nicht wie hoch mein IQ ist,er interessiert mich auch gar nicht so sonderlich. Wichtig ist doch allein die Frage ob man sich allmorgendlich beim Blick in den Spiegel noch selber erkennt.Wer dies vermag der steht, so
    glaube ich weit über jeglichen IQ-Test.Selbst mir
    fällt das manchmal schwer.Insofern hat doch jeder in sich gesehen sein eigenes,wenn auch kleines Matyrium,jeden Morgen zu überstehen.Aber wenn ich mal Matyrium oder IQ ganz außer Acht lasse würde mich mal die Frage interessieren wie lange hält sich eigentlich so’ne abgepumte Muttermilch.Lässt die sich auch passteurisieren?

  7. Julez sagte am 26. November 2007 um 04:22 Uhr:

    Muahahahahaaa!!

    Ja, das wär’s doch: Muttermilch aus dem Supermarkt, 1 Liter Tetrapack oder in Kaffeesahne-Paletten, garantiert ‘ne Marktlücke. Trink dich schlau mit Milch der Frau!
    Bestimmt finden sie irgendein Hormon, das man den berufsmäßigen Milchkühen dann spritzen wird, damit die Titten schwellen ohne das dazugehörige MARTYRIUM. Gibt’s dann auch garantiert als Creme, weil dieses besondere Enzym, das nur die Muttermilch hat, extrem hautstraffend wirkt. Aber nur so lange, bis man rauskriegt, dass das freie Elektron des Elementes FH7X2ZZ bei Menschen zwischen 55 und 78, die gerade eine Bandscheibenoperation hinter sich haben, krebserregend wirken kann… Skandal, sofort vom Markt nehmen!!
    Scherz beiseite, danke für den Artikel, war fällig, hat mich nur geärgert, dass die MENSA und der ganze IQ-Wahnsinn noch VIEL ZU gut weggekommen sind! Fast alles narzisstische, eingebildete, überkompensierende Loser, die auf ihre empirisch fundierten Testergebnisse abwichsen, Pardon.
    Hast du noch nicht bemerkt, Malo, dass die Titelseiten der Boulevard- und die Feueilleton-Seiten der Lokalzeitungen nahezu jeden Tag eine bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis ziert, wovon man alles klug oder dumm wird?? (“Professoren der Uni Hill-Bill, Crapstone, Masschussets, haben rausgefunden…”)Ist mir schon lange ein besonderer Dorn im Auge. Am schärfsten ist, dass sich alle diese Studien entweder gleich oder irgendwann widersprechen, sich selbst und gegenseitig.
    Hmm… Ich frag mich, ob der Intelligenzverlust, den ich durch den Ablick von gelben Enten auf dem Bildschirmschoner erlitten habe, durch den geistig stimulierenden Effekt von Anis unterm Kopfkissen ausgeglichen wird?? Und wieviele anspruchsvolle Dokumentationen und Politmagazine muss ich sehen, um die Verblödung durch eine halbe Stunde Nachmittagstalkshow auszugleichen??
    Fragen über Fragen…

  8. Jana sagte am 10. October 2012 um 18:14 Uhr:

    Also wenn Stillen ein Martyrium, dann ist es Vögeln auch. Beide klappt nicht sofort, aber wenn man den Bogen raus hat, hat man was davon.

    Nach gründlichem Überlegen finde ich den Vergleich gar nicht mal übel…

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