Latte Corrotto

Sebastian, 4. October 2007

In der Kaffeefrage bin ich wohl punktuell versnobt. Jene handelsüblichen Filterkaffeemaschinen, die nach ein paar Minuten mit lautem Blubbern und Sprotzen verkünden, dass der Kaffee fertig sei, spielen in meinem Leben schon lange keine Rolle mehr. Eine Weile benutzte ich eines der Dinger, die manchmal “Kaffeedrücker” oder sogar mit teutonischer Eleganz “Pressstempelkanne” genannt werden. Doch auch das ist vorbei.

Ich trinke meinen Kaffee immer schon mit Milch. Aber Milch aus dem Kühlschrank kühlt den Kaffee ab, und ein lauwarmer Kaffee ist nicht viel besser als ein lauwarmes Bier, was sich eventuell mitlesende Gastronomen bitte mal – auch im Hinblick auf ihre Gewinnspannen beim Kaffee – nachdrücklich hinter die Ohren schreiben. Als ich dann jedenfalls ein Espresso-Kännchen für den Gasherd geschenkt bekam, sagte ich B, kaufte einen Milchschäumer dazu und trinke nun regelmäßig einen schönen, nun ja, hüstel, Latte Macchiato.

Diese Versnobbung aber wird immer wieder hart bestraft, in meinem Fall z.B. heute. Es gibt im Life Cycle einer handelsüblichen Vollmilch – H-Milch steht in meinen Augen im direkten Widerspruch zur Vorstellbarkeit eines guten Lebens – eine Phase, in der sie zunächst noch normal aussieht, normal riecht und normal schmeckt, aber bereits die hässliche Fratze der bevorstehenden Verderbnis zeigt, sobald man sie erhitzt. Im Topf erblickt man anstelle der erwarteten sanftweißen Schneelandschaft ein Gebräu aus weißer Flüssigkeit, halbdurchsichtig-schlierigem Sud und matschigen Flocken. Man kippt das Zeug weg, testet die kalte Milch noch einmal, befindet sie für doch eigentlich gut und gibt kurzerhand einen Schuss kalter, unaufgeschäumter Milch in den schon wartenden Espresso. Sofort entstehen wieder diese Flocken, doch sie sind recht klein. Der Kaffee schmeckt normal, sieht nur eklig aus. Man kann ihn trinken, wenn man dabei wegsieht, und man möchte nicht auch noch den völlig unschuldigen Espresso wegschütten, zumal die Gelegenheit, einen Morgenkaffee zu trinken, ja nur einmal am Tag kommt.

Man trinkt den Becher nicht ganz aus, denn an seinem Boden hat sich gesammelt, was das Gebräu an Milchmatschfettflocken zu bieten hatte. Man stellt das Gemisch aus dunkler Brühe und hellen Flocken beiseite.

probably disgustWenn man nun eine halbe Stunde später den Becher und den Kochtopf ausspült, stellt man fest, dass der Sud inzwischen fleißig war. Der Matsch hat sich wie Superkleber an die Wände des Topfes geflanscht; die Reste des vorhin Weggeschütteten haben sich zu quallenähnlichen Verdichtungen hochkonzentrierten Abschaums zusammengezogen. Der Becher, durch die jetzt dunkel gewordenen Sedimente an den Innenwänden und die undefinierbare Schleimpfütze an seinem Boden verunstaltet, sieht so aus, als habe man ihn soeben dem Schutt in einem seit Jahren leerstehenden Haus entnommen. Aus ihm wälzt sich träge eine kleine Anzahl griesiger Flatschen ins Waschbecken, wo sie am Blech haften bleiben wie adipöse Nacktschnecken mit Hautekzemen und sich nur mit heißem Wasser unter Hochdruck in den Abfluss bewegen lassen. Während sie dort verschwinden, hört man die verzweifelten Schreie der Verdammten.

Vermutlich ist all das beabsichtigt. Die Milchpackung behauptet, ihr Inhalt sei noch mindestens zwei Tage haltbar. Dicht unter der cremefarbenen Oberfläche von Luxus und Genuss lauert das namenlose Böse – eine Lektion, die wir immer aufs Neue lernen müssen.

Bild: “probably disgust” von brooklyn (cc)

10 Kommentare

  1. ovit sagte am 5. October 2007 um 00:10 Uhr:

    hör mal, für den kaffeesuchtfaktor bin ich hier zuständig. und für den kaffeegenuss. mein espresso ist handgemahlen. so. und meine espressokanne kann crema. auf dem gasherd. so. und die bohnen sind bio und fair gehandelt. so. so. so. KAFFEEEEEE. ach kaffeee. ich will ja auch nur kaffee. und verschwende mehrere minuten am tag mit dem gedanken an kaffee. und klaute heute in einem espresso-kaffee laden eine kleine espresso-glas-tasse. also, ich wollte nur mal sagen, das man mit gutem kaffee bei mir punkten kann. in meinem milchschäumer – per hand – sieht es aber auch nicht immer gut aus. kann man spülen. hauptsach der kaffee schmeckt.

  2. Lotta sagte am 5. October 2007 um 00:11 Uhr:

    Hach, du sprichst mir aus der Seele! H-Milch ist mindestens so schlimm wie der Gottseibeiuns.
    Noch immer plappere ich mir den Mund fusselig, wenn mein Liebster gräßliche H-Milch angeschleppt hat (was sehr selten geworden ist)und die H-Milch gammelt im Kühlschrank vor sich hin. Ich, die ich mich weigere den ultrahocherhitzten Rotz zu trinken, sage nach einiger Zeit: So, die kann dann wohl weggekippt werden.
    Er sagt: Neinnein, die ist ja noch haltbar. Steht ja drauf!
    Aber in Wahrheit ist H-Milch, einmal offen, ja auch nur so kurz haltbar wie wunderbare frische Vollmilch. Allerdings schmeckt H-Milch, auch wenn noch kein Gammel, viel schlechter als frische Milch.
    Und da haben wir es, ich bin kein Kaffee-Snob, aber ein Milch-Snob. Und nichts geht über eine heiße Milch mit Honig, mit gutem Honig und guter Milch.
    Jedenfalls hat sich in diesem Haushalt ein Filteraufsatz zum Kaffee bereiten durchgesetzt. Spart Platz, macht heißen Kaffee und ist recht hübsch althergebracht.
    Und dein Text, der ist so ekelig direkt, dass mir nun ein klein wenig übel ist. Aber ich habe herzlich gelacht.

  3. blog.argwohnheim » .motzartkugeln sagte am 5. October 2007 um 00:25 Uhr:

    […] Latte Corrotto, öffentlicher Terror, Auf Schalke, wenn ich das schon höre und Gegen den Strom. […]

  4. Harry Kuntz sagte am 5. October 2007 um 07:16 Uhr:

    Schlimm sind Menschen, die H-Milch nicht in den Kühlschrank stellen, “weil man es ja nicht muss”. Na denn…

  5. Sebastian sagte am 5. October 2007 um 12:29 Uhr:

    Ovit – mit “regelmäßig … Latte Macchiato” meinte ich, so etwa alle anderthalb Stunden einen. Naja, nicht ganz. Kann deine Begeisterung also nachempfinden und muss zugeben, das Selbstmahlen hast du mir voraus. Noch. Ich sehe das schon kommen.

    Lotta – heiße Milch mit Honig habe ich als Kind getrunken, was das ganze nun nicht abwerten soll, aber: die Milchhaut. Mit der Milchhaut komme ich nicht klar.

  6. ovit sagte am 5. October 2007 um 12:56 Uhr:

    die 1 1/2 stunden bist du mir aber im voraus. aber ich sehe das auch schon kommen. har.

  7. Lotta sagte am 5. October 2007 um 15:46 Uhr:

    Die Milchhaut gibt’s heutzutage doch gar nicht mehr. Die Milchen sind derart entschlackt worden, da bildet sich fast nix, und das kann man mit einmal rühren verschwinden lassen.
    Wie schlimm es aber mal mit den Milchhäuten war, sieht man, wenn man teure SuperÖko-Demeter-Milch kauft. Da hat man zu oberst in der Flasche eine Rahmschicht hängen, schüttet man diese Milch in seinen Kaffee, schwimmen Fettaugen auf dem zarten Braun. Was ja nun auch nicht sonderlich ansehnlich ist.
    Macht man mit so ner Milch Honigmilch, gibt’s tatsächlich noch die oldschool Haut obendrauf, die kann dann schon mal abschrecken.

    Wird man von so viel Kaffee eigentlich nicht etwas, nun ja, überspannt? ūüėÄ

  8. musicsascha sagte am 5. October 2007 um 23:55 Uhr:

    was die *bähfurchtbarekligehaut* betrifft, nunja, da gibt es ein spezielles gerät, mit dem man die sich auf der – mindestens 3,8 % igen – milch befindende haut sicher, schnell, rückstandsfrei und vor allem ein für alle mal entfernen kann:

    ein löffel.

    hat man den gedanken an die *bähfurchtbarekligehaut* dann verdrängt, sind kakao und/oder milchmithonig gar köstliche getränke.

    alternativ bin ich ja sehr für tee.
    schwarz-heiss und ohne schnickschnack wie zucker, (künstliche) aromen oder kalk, denn kalk – und da sollten auch die kaffeetrinker sich schütteln – ist ja mal bäh-bäh.

    ach ja: zum thema latte macchiato…

  9. Harry Kuntz sagte am 6. October 2007 um 03:27 Uhr:

    Es gibt keinen Löffel.

  10. Sebastian sagte am 6. October 2007 um 11:59 Uhr:

    “Wird man von so viel Kaffee eigentlich nicht etwas, nun ja, überspannt?”

    Nein, das verwechselst du – ohne so viel Kaffee wird man überspannt.

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