Lassen Sie mich durch, ich bin frustriert

Frank, 18. January 2014

kinder-prenzlberg

Die taz gilt als linkes Blatt. Eines, das Verständnis aufbringt für die Belange von Migranten und Asylbewerbern, Behinderten und Alten, Arbeitslosen und Armen. Und trotzdem gibt einen reichlich exklusionistischen Artikel in der taz, der seit 2011 kursiert und mir jüngst mal wieder in die Facebook-Timeline gespült wurde. Eine Kaffeehauschefin zieht in „Die Weiber denken, sie wären besser“ über die so genannten „Macchiato-Mütter“ im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg her, einem Buchauszug aus „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“.

Diese im Artikel häufig als „Rinder“ bezeichneten Mütter seien rücksichtslos mit ihren Kinderwägen, wollten unbedingt ihren vegetarischen Bio-Fraß, hätten nix zu tun, stillten in der Öffentlichkeit und vertrieben damit Stammkundschaft, ihre Blagen in Jack Wolfskin-Jacken würden dauerverhätschelt, früher hingegen wurde nicht so ein Zirkus um die Kinder veranstaltet.

Zitat:

Mir stehts nämlich bis hier mit den Weibern hier im Prenzlauer Berg. Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter. Schön is dit nich! Die Weiber hier denken doch, die sind was Besseres. Weil sie Kiiiiinder haben! Huch! Is ja ganz was Neues, dass man sich fortpflanzen kann. Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen! Man könnte würgen, wer geht denn über so wat noch drüber? Friseur? Braucht so eine nich. Mal wat anderet als ne Jack-Wolfskin-Jacke? Nee, is nich. Der Alte zahlt ja, den haben se sicher mit dem Blag.

Mütter werden als signifikante Teilmenge des Berliner „Problemkiezes“ Prenzlauer Berg und dessen Überfremdung durch die Volksgruppen Schwaben/Touristen/Zugezogene bezeichnet. Diese Stadt ist im Wandel, immer. Kreuzberg auch, oder Neukölln. Dass sich ein ehemaliger Indie-Kiez in eine teure Wohngegend für die gehobenen Gehaltsklassen ändert, mag ärgerlich sein für jeden, der finanziell nicht mithalten kann. Allerdings ist das, was in diesem Artikel dargestellt wird, keine generalisierbare Realität. Es handelt sich um eine Ansammlung von Anekdoten, kuratiert von einer Person, die ihren kultivierten Hass auf eine bestimmte Teilmenge der Gesellschaft so zu belegen versucht. Dass diese Person zu einem Gutteil von dieser Gruppe finanziell abhängig ist, dürfte die Frustration verstärken. Die Tonart ist dabei ziemlich erschreckend:

$generalisierte_gruppe verhält sich immer blöd, die kommen hier hin und vertreiben alle, die können sich nicht benehmen, früher war’s hier schöner ohne die, die kriegen alles in den Arsch geschoben, sehen eklig aus, die fordern immer nur und leisten nix.

Bitte spaßeshalber mal im taz-Artikel Schwaben/Mütter durch Ausländer ersetzen. Und Rinder mit Schweinen. Na, klingelt was?

Wenn es sich nicht auswirken würde, könnte einem ein solcher Hass ja egal sein. Dann geht man eben tatsächlich nicht in ein Café, das so einer vergnatzten Dame gehört. Bloß ist dieser Artikel ein Artefakt eines neuen Hasses gegen Kinder und Familien, den ich als junger Vater in Berlin immer wieder verspüre. Der Artikel hat offensichtlich einen Nerv getroffen, sonst wäre er nicht über 25.000-mal auf Facebook geteilt worden.

Querulanten und Kinderhasser gab’s immer schon. Als ich ein Kind war, waren das Omas, die sich mit verschränktem Ellbogen auf Häkelkissen aus dem Fenster lehnten und „Get off my Lawn“ Gift und Galle spritzten, weil wir unten vor ihren Augen Fußball spielten. Nur hat das jetzt eine neue Qualität: Der Hass hat sich verselbständigt, das Wettern gegen Macchiato-Mütter in einem Atemzug mit Gentrifizierung und die schwäbische Sprachfärbung ist in Berlin en vogue, hinterfragt wird diese generalisierte Ablehnung nur selten. Leider brauchen wir Nachwuchs, wegen Demographie und so.

Dass Prenz’lberg ein subkulturelles Biotop darstellt, ist gar nicht zu bestreiten, dass Alteingesessene aus ihren 200 Euro-Mietverträgen von vor 20 Jahren herausgedrückt werden und dass es Mütter gibt, die es übertreiben in puncto Fürsorge und Förderwillen, auch nicht. Aber junge Eltern, die sich gut um ihre Kinder kümmern, sollten kein Feindbild sein. Von denen bräuchte es noch viel mehr.

Bild „Ham die alle nüscht anderet zu tun?“: pipihase

2 Kommentare

  1. Zentralaktivist sagte am 7. July 2014 um 21:29 Uhr:

    @Frank: der Plural von ‘Kinderwagen’ ist ‘Kinderwagen’.. Kinderwägen gibts m.E. nur in Süddeutschland. Und Kinder wiegen kann man mit einer Waage oder man hat sie im Arm und schaukelt sie. Oder.. ach nö…

  2. Misanthrop sagte am 2. July 2015 um 11:12 Uhr:

    Zitat: “Bloß ist dieser Artikel ein Artefakt eines neuen Hasses gegen Kinder und Familien, den ich als junger Vater in Berlin immer wieder verspüre.”

    Das liegt daran dass Elternschaft reaktionär macht. Sehe ich immer wieder bei linken Leuten, die, nachdem sie Eltern wurden, eine Art “hysterischer Eltern-Reflex” entwickeln. Dann fangen die an gegen Kinder- und Arbeitslose zu wettern und eine sozial-darwinistische Brutalität unter der Flagge “Wir sind die Guten” auszuleben, dass man sich als ehemaliger Bekannter von solchen Leuten nur noch schüttelt und schämt, jemals mit denen zu tun gehabt zu haben.

    Und genau das kommt in Berlin als Hauptstadt der Underdogs eben gar nicht gut an. Mein Rat an solche Leute: Dann verpisst Euch doch auf’s Land und in die Kleinstädte, wo es nur solche wie Euch gibt und Ihr Euch ungestört ausleben könnt.

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