Krisenexperiment Deutschland

silent-diva, 28. January 2007

schlandhaus

Wir Migranten.. wir wissen nicht, wohin mit unseren verformten Körpern und ausgedünnten Seelen, und haben schrullige Identitäten nötig die uns und Andere davon ablenken, dass wir auf anderen Wellen surfen als die Bewohner des Landes, das uns geschluckt hat. Ich fühle mich nicht als Deutsche, nicht als Polin, nicht als Kosmonautin, und ich glaube dass es ein Irrtum ist, anzunehmen, zumindest wenn man nach Identität fragt, dass Integration irgendetwas damit zu tun hat, es sich in einer Schnittmenge zwischen den Kulturen gemütlich zu machen, etwas Altes zu behalten, etwas Neues zu assimilieren und sich daraus ein Süppchen zu kochen. Von mir selbst weiß ich zu berichten, dass ich mich schon immer in einem Konflikt mit „Deutschland“ befand, dies jedoch nicht zur Folge hatte, dass ich verstärkt Kontakt zu meinen Landsleuten suchte. Ich glaube dass es über die mehr oder weniger einverleibte nationale Identität hinaus, die man aus der Heimat mitbringt, so etwas wie eine Migranten-Identität gibt, die viel stärkeren Einfluss auf das So-und-nicht-anders-fühlen hat als irgendwelche nationalen Spezialitäten. Das erklärt auch, dass diese kollektive Migranten-Identität dazu führt, dass Menschen sehr verschiedener kultureller Backgrounds – geeint durch die gemeinsame Migrationserfahrung – sich ausgezeichnet verstehen. Eine Freudseeligkeit, die selten anzutreffen ist in der Kombination Ausländer + Kartoffel. Wie komme ich auf all das? Ich möchte zum Thema Krisenexperiment hinführen, und für diejenigen, die Soziologie für eine lauschige Variante der Hausfrauen-Psychologie halten und therefore keine Ahnung haben, soll hier eine Definition des Wortes Krisenexperiment vorangestellt werden: Ein Krisenexperiment ist ein Verfahren das prüfen will, wo Normen bestehen und wie ihre Brechung die sozialen Akteure zu triezen vermag. Hierzu begibt man sich in die unter allen anderen Umständen kompromittierende Rolle des Störenfrieds und verhält sich in bestimmten Situationen der Situation nicht angemessen, z.B. siezt man seine Eltern, duzt seine Professoren (nicht zu empfehlen) oder bedient sich an der Trinkflasche des fremden Gegenübers in der Mensa. Über die Reaktionen bringt man dann in Erfahrung, wie stark oder flexibel soziale Regeln in einer Gesellschaft verankert sind. Soweit, so Augen verdrehen machend. Deutschland war für mich schon immer ein riesiges Krisenexperiment, ohne dass ich mir meiner Forscherrolle je bewusst war. Nun beginne ich zu begreifen. Ein Beispiel, das für das Krisenexperiment immer gerne herangezogen wird, ist das von der Grußformel „Wie geht’s?“ – laut Auskunft des Didaktikers würde man große Irritationen auslösen, wenn man diese Frage ehrlich beantworten würde, z.B. wie: „Ach, frag lieber nicht. Mein Sohn hat sich die Zähne ausgeschlagen und Fiffy wird morgen eingeschläfert…“ Angeblich, heißt es, dürfe man in dieser Situation mit „Ääähs..“ und „Öööhms…“ rechnen. Die einzig legitime Antwort sei: „Danke, gut.“ WIE BITTE…!? Als ich dieses erfuhr, wurde mir schlagartig klar, warum so viele Menschen mich komisch finden!!!! Ich habe auf die Frage „Wie geht’s?“ nämlich bisher immer mit der Wahrheit oder mit soviel Wahrheit wie ich für vertretbar hielt, geantwortet. Im Übrigen bin ich nicht die Einzige, die das alles nicht ganz verstanden hat. Mein Vater antwortete auf die Frage einmal mit „Geht so.“, worauf es entsetzt hieß: „WAS IST DENN PASSIERT!?!??“ – es führte zu viel Gelächter im Kreise der Familie und zu den ersten Ahnungen, dass in Deutschland alles bis zur Unmenschlichkeit verfloskelt ist. Mit alledem sei nur angedeutet, dass ich mich häufig in einer Situation wiedergefunden habe, die mich seltsam agieren ließ weil ich anders dachte als die da, allerdings möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass mir fast noch häufiger Situationen unterkommen, in denen nicht ich der Freak des Anstoßes bin, sondern Andere die des meinen! S. wird es mir wieder einmal dankend bestätigen: wir haben allzu oft das Gefühl, dass Andere ihre Spielchen mit uns treiben, wenn ihr Verhalten uns mal wieder nicht in den Kopf will und nun wissen wir es: sie treiben bestimmt Krisenexperimente. Zum Beispiel heute wieder. Ich betrete den etwas vollen PC-Saal und stelle mich an, auf einen frei werdenden Platz wartend. Plötzlich sehe ich, wie drei Tussis mich und den Rest der Schlange austricksen wollen, indem sie umherwuseln und dann wie von der Tarantel gestochen die freien Plätze ansteuern, sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sie sich hinten anstellen müssten und die Fresse zu halten hätten. HALLO!?? DAS IST HIER NICHT REISE NACH JERUSALEM!!?? Traurig aber wahr: in den meisten solcher Fälle handelt es sich um pure Dummheit und keine Krisenexperimente. Ich wüsste ja auch gern, was in den Leuten vorgeht, die sich in einem zur Stille gemahnendem Saal niederlassen, und dann ihr Handy klingelt, und dann fangen sie an zu quatschen, richtig laut und ungeniert, ohne irgendwas zu merken. Wie weit kann man’s treiben? Schlimm genug sind ja auch die Fotzen, die sich gemeinsam im PC-Saal niederlassen und dann ihren üblichen Kaffeetratsch abhalten nicht einen Gedanken an die fiesen Blicke verschwendend, die sie von den Stillesuchenden und Lernenden ernten. Beleidigt wird mit dem gefiederten Popo gewackelt, wenn einer mal was sagt wie: „Fresse.“ – naja.

Mal ein anderes Thema, schon längst fällig geworden: wir haben eine neue Putzfrau (im „privaten“ Studentenwohnheim). Besser gesagt: die Alte ist raus. Treue Leser werden sich gewiss an meine Erfahrungen mit der rot geschminkten Hühnerfrisur-Trulla erinnern, ich berichtete ausführlich und in O-Tönen. Wie erfuhr ich von meinem menschlichen Verlust? Ich wollte beim Vermieter ein Päckchen abholen, als mir seine Haushälterin aus dem Fenster einen Batzen unverständlichen Zeugs zuwarf. Dann stieg sie hinab zu meiner tropfregennassen Erscheinung (Märchenfans denken an die Prinzessin auf der Erbse und sie haben Recht, genau so will ich gesehen werden), informierte mich über den gar schrecklichen Zustand meines Zimmers (sie hätte mal „reingeschaut“) und den Fortgang von der putzenden Frau. Angeblich hätte sie den ganzen Putztag („DIENSTAG IST PUTZTAG! BITTE SORGEN SIE FÜR UNGEHINDERTES ARBEITEN!“) nur in irgendwelchen leeren und halbleeren Zimmern gesessen und getratscht, nicht richtig geputzt, nie irgendwas zu ende gemacht. Fand ich jetzt nicht völlig meinem Eindruck widersprechend, ich weiß noch, wie sie bei mir die Fenster putzte, die hernach um einiges dreckiger aussahen als zuvor…). Jedenfalls kam die Haushälterin dann auf den Trockner zu sprechen, der unten bei uns steht und von allen Hausbewohnern genutzt wird. Sie ließ sich darüber aus, dass der Trockner nie richtig trocknen würde, was ja auch kein Wunder sei, wenn anscheinend alle zu DUMM seien, um den Kanister zu leeren und das Sieb zu reinigen. Diese verdummende Verallgemeinerung der augenscheinlich um mindestens 100 IQ-Punkte reicheren Mithausbewohner ließ ich mir nicht bieten und wies die Frau darauf hin, dass ein Trockner in den meisten Haushalten immer noch nicht Gang und Gäbe sei und deshalb viele ganz einfach nicht wüssten, wie man einen Trockner bedient, die denken eben, Wäsche rein, Ding an, Wäsche raus, und das könne man ihnen schlecht zum Vorwurf machen, ich würde – nett wie ich bin – einen Zettel mit kurzer Gebrauchsanweisung anbringen. Darauf die Haushälterin: „Joh dann säje Se’s doch mol werrer!! isch sag blous PISA-Studie!! Ne?? isch will joh nedd böse sein, awwer die Kinner verdabbische in Deitschland!!“ – BRUAHAHAHA.

4 Kommentare

  1. vivec sagte am 28. January 2007 um 18:08 Uhr:

    Bitte mehr Absätze…

  2. maloXP sagte am 28. January 2007 um 20:27 Uhr:

    Ein großartiger Text! Ich find die Absätze okay.

    @ silent-diva: Erlaubst Du mir, den Text mit eins, zwei abstrakt passenden Illustrationen zu versehen?

  3. Paws sagte am 28. January 2007 um 21:06 Uhr:

    Im englischen ist es allerdings auch nichts anderes. Hier eine kleine Erklärung zur Frage: “How are you?”

    Ist keine Nachfrage danach, wie es einem wirklich geht, sondern lediglich ein Ersatz für “Guten Tag”, “Guten Morgen” usw., also eine allgemeine Begrüßungsformel, wie sie insbesondere das Bedienungspersonal häufig benutzt. Eine wirkliche Antwort wird nicht erwartet ! Die richtige Antwort lautet: Fine, thanks. How are you?

    (Quelle)

  4. silent-diva sagte am 29. January 2007 um 14:28 Uhr:

    Ja, Paws. Ich weiß um die Verfloskelung im Englischen, aber so kriegt man es auch in der Schule beigebracht. In Polen, wo ich herkomme, ist das etwas anders. Da sagt man “Wie geht’s?” und meint auch “Wie geht’s?”, wortwörtlich ins Deutsche übersetzt kommt es dann zu jenen inhaltlichen Verwirrungen..

    @Zitronengrasser: Klar darfst/sollst du!

Und was meinst Du?

Bitte beachten: Kommentare sind uns sehr willkommen. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Redebeiträge von Spinnern, Spammern und anderen Idioten zu löschen bzw. sinnentstellend zu verfremden. Kommentare müssen unter Umständen erst freigeschaltet werden, das dauert manchmal seine Zeit. Hab Geduld.