Es ist wie eine Sucht

Gastautor, 31. January 2007

Der folgende Text stammt von der jungen Dame “S.”, die ich persönlich kenne. Ich bat sie um Kontribution fürs Craplog und sie erfüllte mir diesen Wunsch. – maloXP

Max Goldt war es, der Inforadio und mich zusammen brachte. In einer Geschichte beschreibt er, dass er bei Haushaltstätigkeiten gerne diesen Berliner Sender höre. Da ich seinerzeit die unlustigen Scherze der sich selbst belachenden „RadioEins“-Moderatoren („Nur für Erwachsene”) satt hatte, dachte ich gespannt: Das will ich wohl mal ausprobieren.

Doch trotz Empfangsbalkenwurfnähe zum Fernsehturm wollte das Küchenradio kein Inforadio ausstrahlen; stattdessen spie es auf der kolportierten Frequenz eine absonderliche Mischung aus Kuschelrock-Hitsender und dem immergutdraufen Gekeife einer Mittdreißigjährigen, die vermutlich zu grell geschminkt in ihrem miefigen Studiokabuff hockte, auf die Küchenfensterbank. So sieht sie aus – zu 90%, die Radiolandschaft in der Hauptstadt.

Die Radiolandschaft in diesem Haushalt zeichnen sich vor allem durch ihre Retro-Bedienungsart aus; will man einen anderen Sender erreichen, muss man an einem hinterlistigen Rädchen drehen. Jedes Umschalten bedeutet einen langen Kampf gegen Störgeräusche und viel Rumgezurre an bindfadenartigen Antennen, weshalb wir gezwungen sind – so wir uns nicht die Laune verderben wollen – auf einem einzigen Sender sitzen zu bleiben. (Man kann auch sagen: Wir verheiraten uns mit einer Frequenz.)

Also gab ich meine Suche nach Inforadio auf, an diesem Spätwinterabend vor ein paar Jahren und drehte zurück auf RadioEins. Dort erwartete mich bereits, der zu dieser Zeit immer wieder gern gespielte Grusel-Song und Top-60 Chartbreaker „Treat Me Like A Woman“ von Shania Twain Lisa Stansfield.
Aber wie das Schicksal und meine Neugierde es wollten, setzte ich mich letztlich doch durch und besiegte die starrsinnigen Empfangsgeräte.
Seither plärrt Inforadio („…aus der Hauptstadt für Berlin und Brandenburg; von der Elbe bis zur Uckermark…“) mich beim Duschen an und sülzt uns häufig („…Informationen ohne Nebenwirkungen…“) während des Kochens in die Töpfe.

Mittlerweile habe ich gelernt diesen Sender mit seinen oft plumpen Moderatoren zu verabscheuen. Und doch – trotz vieler Umstiegsversuche auf andere Sender und der beharrlichen Selbstbeteuerung, dass Sender XY ja wirklich besser sei als Inforadio – ES IST WIE EINE SUCHT.

Fast täglich predigt man aus dieser öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt: „Die Konjunktur brummt. Ja wirklich, sie brummt!“ „Wir dürfen jetzt nicht nachlässig werden! Wir müssen die Reformen… Der Internationale Vergleich!!!“ „Wir leben unter veränderten Bedingungen – wegen der GLOBALISIERUNG!“ Und: „Wir werden immer immer älter…“
Hie und da ist Inforadio durchaus okay. Die “Mediennachlese” etwa, manchmal lässt man einen klugen Sozialrichter oder eine hinreißende Botanikerin zu Wort kommen. Im Zweifel ist das Programm aber immer schlecht: Spätestens wenn „Wirtschaft und Börse KOMPAKT” ausgerufen wird. Dann nämlich darf Wolf-Alexander Ortmann ran, um die wirklich allerneuesten Börsennews runterrasseln, ganz so als bestünde die Bundesrepublik zu 98% aus – oh wie gern benutzt Wolf-Alexander dieses Wort – Börsianern.

Während der Stoiber-Affäre ließ Inforadio es sich nicht nehmen innerhalb kürzester Zeit die CSU viermal zum “topaktuellen Tagesthema” auszurufen – beharrlich ignorierte man das tatsächlich Weltgeschehen. Und offerierte dem geneigten Hörer die dringensten Probleme unserer Zeit würden in der bayrische Provinz entschieden.
Dieser Sender wollte mir Kurt Biedenkopf während einer sehr zähen Sendestunde als Hartz IV-Friedensstifter („Ombudsmann”) verkaufen und machte dabei höchst unfein Werbung für Biedenkopfs Privatrenten-Propagandabuch „Die Ausbeutung der Enkel. Plädoyer für die Rückkehr zur Vernunft“.
Knautschgesicht Friedbert Pflüger ließ man lang, breit und unwidersprochen behaupten, die Lehrer der Rütli-Schule hätten seinerzeit um die prompte Auflösung ihrer Schule gebeten – und nicht um die Abschaffung der Institution Hauptschule. Sowieso, so suggerierten Pflüger und Interviewer im Gleichklang, wären das wirkliche Problem der Hauptschulen doch die Migranten, hauptsächlich die arabisch-stämmigen. Das dürfe man ja nicht laut sagen in diesen vermaledeiten „politisch korrekten“ Gefilden.

Die Talk-Granden des Senders Alfred Eichhorn mit seinem „Forum – Die Debatte im Inforadio“ und Ingo Kahles Sendung „Zwölfzweiundzwanzig“ beziehen ganz in Christiansen-Tradition kritiklos die Positionen deutscher Wirtschaftslobbyisten.
Von Sendungen wie „Abgedreht – Filme, Firmen, Festivals“; „Aufgegabelt – Essen und Trinken mit Rainer Veit“ (Zitat: Interviewer: „Was ist Ihre Küche?“ – Befragter Küchenchef: „Eine ganz normale, begreifbare Küche für jeden. Ich bin ja ein bisschen erdverbunden und versuche ab und zu etwas modernere Einflüsse mit einzubringen. Aber es ist immer alles sehr erdverbunden.“) oder „Domino – Arbeit, Leben, Geld“ mag ich gar nicht erst anfangen.
Besonders aber die Außen-Reportagen sind in ihrer überwältigenden Mehrzahl von so grauselig dilettantischer Machart, dass mir die Fremdscham immer wieder Krämpfe beschert.

Erst vergangene Woche ließ man einen Reporter mit mehreren Hausfrauen aus der Uckermark (oder einer ähnlichen Provinz innerhalb der Sendefrequenz) die „Grüne Woche“ , eine jährliche Ausstellung agrikultureller Produkte in Berlin, besuchen.
Jene Damen waren von unleidlicher Natur, mit misspiggyesken Gackerstimmen ausgestattet und einem offensichtlichen Hang zu vormittäglichem Alkoholgenuss.
Man karrte sie mit einem Bus vor das Berliner Messezentrum, dort plumpsten sie – bereits angesäuselt – dem tapferen Medienschaffenden vor die Füße.
Unschön und laut lachte die Bagage in die Mikrophone. Kaum hatte man die Agrarmesse betreten, da waren die Damen auch schon bepackt mit einem Pröbchenhaufen und gaben in einem fort schwärmerische Laute von sich – besonders der Obstschnaps fand Anklang.
So trabten Reporter und die uckermärkische Hausfrauenschaft über die „Grüne Woche“, man grunzte hier ein begeistertes „Hachisjatolltollisdasja!“ und schnodderten dort (es stand ein Esel herum) ein „So was bräucht’ ich für meinen Haushalt“ hin um das ganze mit einem über Jahrzehnte antrainierten Lachen zu quittieren, dass ganz ähnlich klang wie jenes dieser Homeshoppingsender-Moderatorinnen.
Kurz bevor die Hausfrauen ihre Abschiedsbegeisterung in den Äther rülpsen durften, teilte uns der Reporter mit, dass er und die Besucherinnen sich zwischenzeitlich auf der Messe aus den Augen verloren hatten…

Vermutlich fragte sich jeder Zuhörer, was genau die Inforadio-Macher bezweckten als sie diese überflüssige Reportage in Auftrag gaben, denn dass bei Inforadio die „Grüne Woche“ famos gefunden wird, blieb selbst sporadischen Hörern kaum verborgen. Vermuten kann ich als Ursache also nur die geheime sendereigene Bestrafungsinstanz für dieses abscheuliche Machwerk.
Mehrmals bereits drängte sich mir der Verdacht auf, dass Inforadio über ein sehr rigides internes Justizsystem verfügen muss. Ich erinnere mich da besonders an eine Reportagen-Reihe im vergangenen Sommer. Damals nämlich ließ man einen armen Reporter eine ganze Woche lang täglich sämtliche Bahnstrecken mit dem Fahrrad zurücklegen die aufgrund der Sparpolitik der Deutschen Bahn im Bereich Berlin und Brandenburg abgeschafft worden waren.
So konnte ich täglich dem Gejapse des Mannes lauschen, wie er immer wieder feststellte, dass er persönlich es sehr unangenehm fände wenn er allmorgendlich, wie die dortigen Pendler in Zukunft, vor seinem Arbeitstag eine anderthalbstündige Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen müsste.

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