Die Geschichte vom König mit dem Steingesicht

Sebastian, 20. August 2008

Sein breites Lächeln hatte etwas unangenehm Ergötzliches, und man wußte nicht, ob man ihm Prügel oder Beifall zollen sollte. – Heinrich Heine

Es wird spät manchmal. Ich streife dann durch die Fernsehlandschaft auf der Suche nach der Erlösung durch die Müdigkeit, welche jedoch zuweilen auf sich warten und mich mit meinen Qualen alleine lässt. Doch dieser Nächte trifft man häufig auf ein Reich voller Wunder und Magie. Jenseits auch rezeptionsmäßig längst ausgetretener Pfade voller Schmutz, Sex und Abzockkriminalität gibt es eine kleine Welt, die so heil ist, so wunderschön, dass man sich endlos in ihr verlieren möchte.

In einer idyllischen Berghütte inmitten einer wunderschönen Landschaft erschien mir ein Fabelwesen, so rein und voller Güte, so voller Glanz, dass ich Tränen in den Augen hatte. Es war eine zauberhafte, androgyne Fee, welche sich mir als Ekki vorstellte. Nicht nur ihr Aussehen war sagenhaft, nein, auch die Stimme so lieblich, dass ich Angst hatte, sie könnte an meinen Ohren in kleine, wunderschöne Kristalle zerschellen. Doch sie sprach in eigenen, vor Schönheit nicht wörtlich wiederzugebenen Versen: “Nicht ich bin es, den Du suchst. Ich bin nur die Dienerin das Höchsten von uns. Des Königs. Ich werde Dich nun durch sein Reich führen, und am Ende wirst auch Du ihn lobpreisen!” Und so sollte es sein…

Der König. Es fiel mir schwer zu glauben, dass Ekki, die Fee, Untertan eines anderen Wesens sein könnte. Wie schön musste der König sein? Was war der Zauber, der ihn umgab?
Als ich ihn sah, war ich erschrocken. Nein, dieser König war nicht schön. Er war auch nicht hässlich. Er war wie ein Stein, den man an einem Ufer eines Flusses fand. Glatt, abgeschliffen, unangreifbar. Emotionslos. Konnte das wahr sein? War dies der König, der über dieses wunderschöne Land regierte? “Ich sehe”, sprach Ekki, “ich sehe Dein Unverständnis. Doch höre meine Worte: Dies ist Ricky King, Herrscher über das Land der Instrumentalgitarrenmusik, Führer der Silberhaararmee, Bezwinger der Stratocaster!” Wie konnte ich das nicht glauben? Er trug die Insignien eines Königs: Goldene Stimmgabel, goldener Echo, goldene Europa. Dazu der majästetische Schild, den er vor sich hertrug, in Form einer weissen Harfe. Aber warum?… Warum dieses Gesicht aus Stein, dass nicht in der Lage war, sich auch nur einen Milimeter zu rühren?

“Warum dieser kalte Blick, fragst Du?” Der König sprach mich direkt an. “Auf mir lastet ein Fluch! Jahre habe ich gekämpft, in den finstersten Landen. Im ganzen Reich habe ich mich in die tiefsten Tiefen der Bierzelte, Küchenmärkte und Schützenfeste gewagt, um meine Weisen ans Volk zu bringen. Doch die Zeit hat an mir genagt, mein Freund, und wo ich einst der unangefochtene Feldherrscher war, treten jüngere an, mich herauszufordern. Ich bin des Klampfes müde und leid. Mein Gesicht ist nurmehr eine Maske, die ich auftrage, um meine Verbitterung zu kaschieren. Leider verlor ich die Kontrolle über diese Maske schon vor langer, langer Zeit.”

Und ich verstand. Ich drehte mich zu Ekki und sah, dass eine Träne seine (ihre?) porzellanartige Haut hinunterrann. Ich fing hemmungslos an zu weinen, und so tat es mir dann auch Ekki nach. Wir waren so traurig und frustriert über das Schicksal des Königs, Ricky King. Doch als wir ihn ansahen, geschah etwas mit uns. In uns. Ja, es war eine starre Maske, die sich auf Ricky Kings Gesicht gesetzt hatte, aber es war eine Maske des Lächelns. Und so geschah es, dass Ricky King sein Harfenschild hochhob und sprach:

“Grämet euch nicht, meine Lieben, grämet euch nicht. Nie habe ich meine eigentliche Macht verloren, die Macht, die Menschen mit meinen Weisen glücklich zu machen. Und auch ihr sollt wieder jauchzen und frohlocken. C’est verde!”


(Direktlink)

11 Kommentare

  1. Märchenonkel « social issues and stuff sagte am 20. August 2008 um 14:44 Uhr:

    […] Die Geschichte vom König mit dem Steingesicht […]

  2. Harry Kuntz sagte am 20. August 2008 um 15:45 Uhr:

    Hidden Tracks:

    Rickys Gästebeuch als Vorrausschau, dass auch unsere geliebten Sarah Connor-Fans eines Tages 40 sein werden.

    Eine Lobpreisung auf einer Volksmusikseite, mit einigen Beschreibungen, denen man sich durchaus anschließen kann.

    “Eine Melodie so schön wie zehn erlesene Whiskeys auf einmal, wie ein ganzer Abend Rosamunde Pilcher Filme, wie der perfekte Sportwagen, wie die Geburt des eigenen Babys, wie die erste Liebe unseres Lebens.”

  3. charaktersau sagte am 21. August 2008 um 14:20 Uhr:

    Ist dies ein MIDI-File, das Rikky hier optisch interpretiert?

  4. Frank sagte am 21. August 2008 um 15:04 Uhr:

    Das ist wirklich ein schöner Artikel. Das Grinsen dieses Typen lässt mich schaudern.

    Passend dazu übrigens die letzte Kalkofe-Folge mit den wunderbaren, weltbekannten Amigos.

  5. Duckhome sagte am 21. August 2008 um 18:44 Uhr:

    Aufgelesen: 61…

    • Meine ersten Erfahrungen mit identi.ca
    • Die Geschichte vom König mit dem Steingesicht
    • Bildungsauftrag
    • Die SPD sucht einen Wunderheiler
    • Was darf eine Jüdin in Deutschland gegen Israel sagen? …

  6. Lina sagte am 21. August 2008 um 23:07 Uhr:

    Wirklich sehr schöner Artikel. Dieser Mensch hat das dauergrinsen erfunden! Gruß Lina

  7. bunteskanzler sagte am 21. August 2008 um 23:34 Uhr:

    jetzt weiß ich von wo er hier

    alexander-marcus.com...ntasy-golfplatz2.png

    sein lächeln hat…

  8. Der Jan sagte am 23. August 2008 um 20:34 Uhr:

    smago.de… *kopfschüttel*
    Wie stösst man eigentlich auf so eine gruselige Seite? Würde allerdings gut in die Crapcrawling-Liste passen…

  9. Harry Kuntz sagte am 23. August 2008 um 22:35 Uhr:

    Über die bin ich bei den Recherchen zu Ricky King gestoßen. Gruselig? Auf jeden Fall alles sehr golden.

  10. Last night a TV saved my life « social issues and stuff sagte am 20. October 2008 um 11:54 Uhr:

    […] Teleshopping-Sendungen. Absolut zu recht, wie ich anmerken möchte. Meinen Teil dazu habe ich aber bereits beigetragen, außerdem ist Ricky King irgendwie verschollen. Angepriesen wird zur Zeit “der […]

  11. Ricky King | Netzfundstück der Woche sagte am 13. January 2009 um 12:27 Uhr:

    […] craplog.de […]

Und was meinst Du?

Bitte beachten: Kommentare sind uns sehr willkommen. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Redebeiträge von Spinnern, Spammern und anderen Idioten zu löschen bzw. sinnentstellend zu verfremden. Kommentare müssen unter Umständen erst freigeschaltet werden, das dauert manchmal seine Zeit. Hab Geduld.