Die Degeneriertheit deutschsprachigen Raps (mit Orgi69!)

Frank, 1. June 2007

Beiträge über populäre Musik bringen besonders viele lustige Kommentatoren ins CrapLog, das heben wir mittlerweile festgestellt. Wie praktisch, dass dieses Feld ewiglich beackert werden kann. So wie dieser komische Vogel dem ollen Prometheus jeden Abend neu die Leber aus dem Leib fraß (Iiih, Leber!), so findet sich auch stets aufs neue ein Popstar Popsternchen Pop-Lamettapartikel, der sich mit dem CrapLog’schen Hammer of Bogardan, also der zutiefst gerechten Kritik an Menschen, die Musik machen, messen lassen muss – die wenig überraschend regelmäßig die Erkenntnis reifen lässt, dass es sich eigentlich bloß um menschenähnliche Wesen, Wabbelmasse im Plastikkörper, von Photoshop in die Kenntlichkeit entstellt, handelt, die glauben Musik zu machen – indem merkwürdig atonale Geräusche abgesondert werden, die der Zeitgeist als R’n’B-Gesinge zu definieren glaubt.


Foto: mashroms (cc)

Aber auch Rap ist schlimm.

Vater: Sie gehen also heut’ mit meiner Tochter aus. Ja was machen sie denn sonst so?
Malte: Ich rock’ das Haus.
Vater: Nee, sie verstehen nicht. Ich mein’ was machen sie denn beruflich?
Malte: Äh, ich versuch mich als guter MC, klingt gut, nicht?
Vater: Vermutlich gehören sie zu den Berühmtheiten, die auf Bühnen steigen, hinter den Ohren doch ewig grün bleiben.
Malte: Jedenfalls nicht zu denen mit Schrebergarten,…
Vater: Was?
Malte: …Bürojob und Wochenendhaus in Bremerhaven.
Vater: Typen wie sie landen doch in der Klinik mit Leberschaden oder wegen Steuerhinterziehung im Peterwagen.
Malte: Das kann jeder sagen.
Vater: Und die ganzen Weibergeschichten? Ja, auf meine Tochter müssen sie wohl leider verzichten.

Über den wundervollen Hidden Track “Schwiegervater” auf Deichkinds Album “Bitte ziehen Sie durch” lachte man im Jahre 2000 noch. Heute ist man geneigt, das Misstrauen und die Abneigung des Vaters[1] gegen Hip Hop und Rapper nachvollziehen zu können, wenn nicht aus spießbürgerlichen Gründen, dann doch zumindest im kulturkritischen Kontext. Deutscher Hip Hop ist zum Abziehbild längst vergessener Tage verkommen. Eißfeldt/Delay funkt nur noch auf der Spaßwelle, während er vor Jahren noch mit giftigen RAF-Assoziationen provozierte und den Kölner Karneval als Terrorist verkleidet aufmischte. Freundeskreis, der mit (u.A.) “Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte” Initial-Entzünder des politischen Bewusstseins vieler war, ist von der Bildfläche verschwunden, wollen vielleicht (vor Weihnachten?) ein “Best-Of”-Album veröffentlichen. Fünf Sterne Deluxe und Fischmob, die Lehnsherren des Wortwitzes gibt’s nicht mehr. Alleine Dendemann bleibt sich, der Ironie und der Qualität treu, aber seine Pfütze des Eisbergs ist nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Rap der Eimsbütteler und Stuttgarter Schule hat resigniert – und das ist traurig.

Trotzdem ist deutscher Rap nach wie vor kommerziell erfolgreich. Nur macht man den heute nicht mehr wie früher mit Songbook, Intelligenz und Tütchenbau. Nein, heute reicht es im Prinzip, wenn man US-amerikanische Ghettoromantik inhaliert hat, sich mit Klunkern, Sportwagen und fast nackten, Willigkeit heuchelnden, Prostitukken umgibt, auf’s Klo geht (“groß”) und das Mikrofon an die Schüssel hält – die Kids kaufen’s und verleihen den Heiniz und Horztz dadurch eine durch nichts gerechtfertigte Authentizität. Schlimm an dieser, häufig aus – ich schäme mich dessen aufrichtig – Berlin stammenden Musik ist, dass sie von dummen Menschen gemacht wird. Schlimmer ist, dass sie von Menschen gemacht wird, die stolz auf ihre Dummheit sind. Am schlimmsten aber ist, dass diese selbsternannten Uberpimps heute Vorbildfunktion für Kinder aller sozialen Schichten haben. Da können Kool Savas, Bushido, Sido etc. noch so sehr ihre künstlerische Freiheit und die ironische Intention betonen – wer einen Blick auf die Schulhöfe der Republik wirft, kann sehen, wie ernst die häufig kolportierte allgemeine Verfügbarkeit sexueller Dienstleistungen, Konsummaterialismus und Rauschmittelgebrauch, Verherrlichung von Gewalt und Kriminalität als identitätsstiftende Leitbilder für junge, Identität suchende Menschen genommen werden. Fahre U-Bahn in Berlin kurz nach Schulschluß, egal ob in Neukölln oder Wilmersdorf, und du wünschst Dir einen Echtleben-Soundfilter für all die Hurenlöcher und Arschsöhne, die da stimmbrüchig durch die Luft schwirren.

Ein ganz besonders entartetes Beispiel für das, was deutschen Rap heute furchtbar macht ist King Orgasmus One. Da muss man eigentlich gar nicht viele Worte verlieren. Was der Typ für ein Schwachmat ist, erzählt er am besten selbst. Bemerkenswert an dem Typen ist, dass er selbst Alice Schwarzer neben sich nicht mehr als dogmafeministische verbohrte Gewitterziege, sondern eloquent und jemanden, der man zustimmt, erscheinen lässt.


(YouTube-Direktlinks: Teil 1 | Teil 2)

Das ist er. Rein und unverfälscht, in seiner Essenz: Crap. Aber Crap, und das ist ein bisschen beruhigend, zieht Satire an wie Pferdehintern Bremsen. Neben den unvermeidlichen Gangsterrap-Pauschaltouristen Icke und Er möchte ich an dieser Stelle “Mushiflo” lobend erwähnen. Sein Song “Ficken, Geld, Drogen, Nutten” ist einfach ein Hit – sofern man ihn sich nicht mehrmals hintereinander antut.

  1. Es handelt sich um den Vater von Annette, mit der Malte ausgehen will. [zurück]

14 Kommentare

  1. .markus sagte am 2. June 2007 um 12:56 Uhr:

    Die ganze Diskussionsrunde ist ja so intelligent wie zwei Reihen Kopfsalat, aber dass Herr King Orgasmus One sich da noch so dümmlich hervorheben kann, ist schon bemerkenswert.

    Ich empfehle “Rainer von Vielen” auf die Liste des wortwitzigen politischen deutschprachigen guten Raps zu setzen…

  2. Lotta sagte am 2. June 2007 um 16:37 Uhr:

    “Intelligent wie zwei Reihen Kopfsalat” finde ich eine wirklich treffende Zustandsbeschreibung dieser Diskussionsrunde. Keine Frage Orgi ist ein dummer Sexist, nichts desto trotz finde ich diese Runde um ihn kaum weniger unangenehm. Dass Frau Schwarzer anstatt Sexualität etwas verschämt und deshalb umso lauter: “Sexatäät” sagt, hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.
    Als so genannte Intellektuelle ist es zudem nun wirklich keine Kunst einen jungen Mann, der tumben Stolz dafür empfindet den „Porno-Rap“ erfunden zu haben, nach Strich und Faden vorzuführen. Zumal Schwarzer ihr gesamtes Publikum und sämtliche Diskutanten auf ihrer Seite weiß. Zustimmen kann ich einigen ihrer Aussagen, unerträglich finde ich Alice Schwarzer bei dieser eitlen Selbstdarstellung dennoch. Und dass unsere Gesellschaftliche Ordnung vor allem von King Orgasmus und seinen Freunden bedroht wird, halte ich für übertrieben.
    Ebenso wie ich das Schlussplädoyer der kurzhaarigen Dame katastrophal finde. „Erziehung kommt von ZIEHEN“ erklärt sie uns (na klar nur manipulierte Kinder werden gute Menschen…) und als einzige Möglichkeit dem Niedergang unserer Kultur zu begegnen, sieht die hektisch gestikulierende Frau die Rückbesinnung auf die grundlegenden Werte unserer Kultur – und das sind welche? Richtig: Christliche!
    Als Lösung biete Alice Schwarzer ihrem Publikum, das sie die ganze Sendung über in helle Panik versetzt hat, also erzieherische Manipulation und die christliche Religion.
    Da weiß ich wirklich nicht, was ich schlimmer finden soll: Heerscharen von verblödeten King Orgasmen mitsamt willfährigen, da dumm gehaltenen Frauen oder Armeen von selbstgerechten, gehorsamen Christen, die im Islam ebenso wie in jeder BH-Werbung den Untergang des Abendlandes sehen.

    Zum kaum mehr existenten, guten deutschen HipHop: Da kann ich Doppelkopf noch empfehlen. Die gibt’s zwar auch schon ewig nicht mehr, aber für Nächte am offenen Fenster eignen sich die wortgewandten, klugen Texte immer noch ausgezeichnet.

  3. Joaquins Musikblog sagte am 2. June 2007 um 17:47 Uhr:

    Deutscher Rap, Gewalt, Sexißmus und Blablabla…

    Mit dem Thema Rap, Gewalt, Sexißmus usw., befasst sich craplog ausführlich.

    Hier nun die entliehenen Videos von Maischbergers Sendung, mit dem Rapper und Pornoproduzent King Orgasmus One und der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer als Gastmoderatior…

  4. lesbares - blog.rebellen.info Berlin sagte am 6. June 2007 um 14:50 Uhr:

    […] Die Degeneriertheit deutschsprachigen Raps Deutscher Rap & Hip-Hop, der Craplog hört genau hin. […]

  5. Neues, Videos - Degeneriertheit des deutschsprachigen Raps? - soundbuero.de sagte am 8. June 2007 um 10:43 Uhr:

    […] kein Aushängeschild für gute und intelligente Musik sind, ist wahrscheinlich auch jedem klar. Doch den gesamten, guten deutschen HipHop auf zwei aktive Künstler zu minimieren ist wiederrum auch nicht richtig. Es gibt ihn doch immernoch, den guten, Wortgewandten und witzigen […]

  6. nichtschwimmer sagte am 8. June 2007 um 11:52 Uhr:

    “Zum kaum mehr existenten, guten deutschen HipHop:”
    is doch vollkommener quatsch. wenn man etwas nicht kennt, heißt es nicht das es nicht existiert. siehe trackback oben.

  7. maloXP sagte am 8. June 2007 um 12:49 Uhr:

    Hast ja recht. Drüben bei euch hab ich auch schon etwas zur Schreibart (nicht Schrei-bart, sondern Schreib-art) dieses Blogs gesagt. Manchmal formuliere ich indifferent. Sicher gibt’s die guten Sachen noch, aber als jemand der nicht (mehr) so drin ist, nimmt man die – eben – nicht wahr. Weil’s nicht mehr im Mainstream anlangt und die alten Recken auch nicht mehr so kicken.

  8. PropheT sagte am 9. June 2007 um 11:09 Uhr:

    “FickenGeldDrogenNutten” ist schlicht ein Meisterwerk. Ich finds nur toll.
    Zu Hip-Hop an sich: Ich persönlich habe kein Problem mit der Musik an sich, aber die “Kultur” die daran hängt missfällt mir ebenso wie den meisten Nichthoppern. Dabei zeigen doch grade Leute wie die Fanta4 dass die Musik auch ohne affiges Gepose funktionieren kann, so dass sogar Leute die sonst was total anderes hören die gut finden.

    Hinweisen sollte man auch darauf wie kaputt manche Kinder sind, seit HipHop die Welt zu beherrschen meint. Nehmen wir nur unseren Freund, den 13 Jährigen, der in seinen Baggies an der Bushaltestelle sitzt, eine Fluppe nach der andern verbraucht und mit Lautsprecher-Handy die anderen mit Songs wie “Ich hasse Tokio Hotel” von Eko Fresh beglückt.
    Ich bleibe aber dabei: Der HipHop ist im Begriffe niederzugehen und Trve Metal wird wieder an die Macht kommen! ;-D

  9. Regenerierter Deutscher Rap - blog.rebellen.info Berlin sagte am 9. June 2007 um 11:22 Uhr:

    […] sondern auch ästhetisch geschmacklos. Im Crapblog wurde, wie hier schon verlinkt, mit diesem Beitrag eine schöne Diskussion über die Degeneriertheit des deutschsprachigen Raps […]

  10. simon sagte am 11. June 2007 um 12:26 Uhr:

    Ich habe das Thema auch schon vermehrt aufgegriffen, daher zitiere ich mich einfach selbst:
    “Es gab und gibt immer alternative Trends, immer Künstler, die es wert sind, gepusht zu werden.”

    Weiteres hier:
    escapeyourmind.the-s...p-und-jugendsprache/

  11. plasmaoxyd sagte am 15. June 2007 um 13:04 Uhr:

    Die Sendung habe ich damals gesehen, und mich tags darauf darüber ausgelassen.
    http://plasmaoxyd.de/wp/?p=431
    Der Kerl is so dumm und sowas von unterbemittelt, das perfekte Opfer für jeden, der auch nur ein oder zwei Argumente für die Schwachsinnigkeit seines muskalischen Schaffens aufbringen kann.
    Die Sendung war an dem Abend besser als jeder Karneval …

  12. oasisUK sagte am 19. June 2007 um 00:20 Uhr:

    Mein Highlight: “Ist Ihnen sowas eigentlich peinlich?”

    Echt unfassbar…

  13. Spayre sagte am 2. December 2007 um 17:23 Uhr:

    Sorry lieber Blogschreiber, du hast es einfach nicht begriffen. Du bist derjenige der in den 90ern nicht verstanden hat warum eine ganze Generation die Böhsen Onkelz hört oder der in den siebzigern Ton, Steine, Scherben selbstgerecht und mit dem Brustton der moralischen Erhabenheit verurteilt hätte.

    Jugendliche hören Musik, die ihre Gefühlswelt widerspiegelt. Und für die meisten ist das nunmal nicht der kantenlose, glatte Mainstream-Hip-Hop der Fanta 4, der 5 Sterne oder gar FDK. Die meisten männlichen Jugendlichen tragen eine riesige Menge Aggressivität mit sich herum und Musik wie von den Böhsen Onkelz oder heute eines King Orgasmus, Frauenarzt, Taktloss oder die früheren Werke Sidos, Bushidos sind nunmal Stücke, die genau den emotionalen Nerv einer angepissten Jugend treffen.

    Angepasste Konformisten werden das nicht verstehen, Emotionen kann man nicht erklären.

  14. maloXP sagte am 2. December 2007 um 18:30 Uhr:

    Angepisst bzw. angepasst war die Jugend schon immer. Ich Konformist habe in meiner Jugend Nirvana, Limp fucking Bizkit, die Deftones und später Refused gehört, um meinen Aggressionballast musikalisch zu verarbeiten, das ist auch nichts anderes. Ich hab da ja Verständnis für, bloß gutfinden muss ich das nicht. Bei dem Zeug von Orgi habe ich auch eher das Gefühl, dass da einer seine pubertären Phickfantasien zur Belustigung einer sturzbesoffenen Gröhlmeute vertont. Das ist für mich die gleiche Liga wie Jürgen Drews und DJ Ötzi. Interessant finde ich in dem Zusammenhang die Assoziation, die du zwischen sexueller Demütigung von Frauen/Chauvinismus/Machismus auf der einen und Aggression auf der anderen Seite herzustellen scheinst. “Meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind dürftig, mein Bruder wurde von der gegnerischen Gang niedergemeuchelt, also muss i(s)ch jetzt auf der Stelle ein Dutzend Prostituierte mit meinem Megakolben vergewaltigen!!!1”? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wenn’s da eine metaphorische Ebene gibt, lade ich dich hiermit ein, sie uns zu erklären.

    Eigentlich ging es mir auch eher darum zu verdeutlichen, dass es einfach armlich ist, einen simplen bassbetonten Beat zu nehmen, ein bisschen Pornojargon zu verwenden und das ganze an 14jährige Hänflinge zu verticken, die denken das Ghetto käme damit direkt vor ihre Haustür in der Einfamilienhaussiedlung. Billige Produktion, vermischt mit Attitüde und damit den großen Reibach zu machen – das gab es auch in den Neunzigern schon. Nannte sich Eurodance.

Und was meinst Du?

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