Der Schaumschläger mit dem repressiven E

Sebastian, 27. October 2007

Nähme man sämtliche Presseerzeugnisse auf dem Markt einmal genauer unter die Lupe, stellte man womöglich fest, dass sie alle ihren je eigenen Franz Josef Wagner beschäftigen. Dessen unverwechselbare Melange aus radikaler Subjektivität, assoziativer Regellosigkeit, tüddelig-tatteriger Entrückung und couragierter Irrelevanz, gewürzt mit einer Prise Geist, der stets verneint, hat längst Nachahmer gefunden. Der Franz Josef Wagner von Spiegel Online ist, man achte mal drauf, Reinhard Mohr; der Franz Josef Wagner der Satire ist Bernd Zeller; und der Franz Josef Wagner der FAZ ist, wie mir inzwischen klar wurde, Marcel Reich-Ranicki.

Dieser beantwortet in einer Feuilletonkolumne der FAZ-Sonntagsausgabe Leserfragen zum Thema Literatur – mehr oder weniger. Er nimmt die Zuschriften jedenfalls zum Anlass, sich genüsslicher Selbstbespiegelung hinzugeben und in deren Dienst auch das nichtigste Sandkörnchen Substanz mit größtmöglicher Geste zu präsentieren, während sein Namedropping powered by Kindler fast genug Schaum schlägt, um darüber hinwegzutäuschen, dass die literarischen Urteile des Verfassers eines eigentlich nie sind: originell.

schaum

Der wagnereske Stil kommt gut in folgendem Beispiel vom 22. Juli d.J. zum Vorschein; ich zitiere Frage und Antwort ungekürzt.

Sind Ihnen neben Wedekind weitere Fülle bekannt, in denen Schriftsteller als Werbetexter arbeiteten? Und verbietet das nicht der Respekt vor der Kunst und dem Wort?

Viele Schriftsteller und auch Maler haben für die Werbung gearbeitet. Viele Komponisten, auch geniale, haben die Musik zu scheußlichen Filmen gemacht. Das ist verständlich. Nur wer nie gehungert hat, wird die Kühnheit haben, dies zu missbilligen.

Wer will, werfe einen Stein auf diese Dichter, Maler und Komponisten. Aber einer meiner Vorfahren, es ist lange her, warnte schon vor dem ersten Steinwurf. Er war ein kluger Mann, sein Wort gefällt mir sehr.

Das ist ja wenigstens noch ganz lustig und schad’t nüscht, wie meine Oma gesagt hätte. Ganz anders die Kolumne vom vergangenen Sonntag, die als Selbstentlarvung eines Schaumschlägers tief blicken lässt und sich aus einem Kunstbegriff speist, der über die sehr deutsche und wahrscheinlich analfixierte Unterscheidung zwischen U und E nicht hinauskommt und daher ästhetische Erbauung und geistiges Vorankommen eher unterbindet, als sie zu befördern.

Zunächst war ich einerseits erfreut, als ich bemerkte, dass gleich zwei Leserfragen zur Beantwortung ausgewählt waren, die sich über die geringe Aufmerksamkeit der Literaturkritik für Werke der Science-Fiction beklagten und um eine Erklärung dafür baten. Erfreut, weil ich die Klage höchst berechtigt finde. Einerseits. Denn andererseits sah ich vor dem inneren Auge bereits das “Bäh”, das unweigerlich aus dem Munde des Literaturkritikergottkaiserpapstes – ich hoffe, das ist der offizielle Titel – kommen musste, kommen, das dann auch kam, wenngleich verzögert und auf Umwegen. “Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen”, schreibt er zunächst.

Mit der Science-Fiction habe ich mich nie ernsthaft beschäftigt. Gewiss habe ich in meiner frühen Jugend Jules Verne gelesen und später, nach dem Krieg, also in den fünfziger Jahren, auch Lem.

Einer der Leser hatte Jules Verne als einen der wenigen SF-Autoren genannt, die – lange nach ihrem Tod – eine gewisse Bekanntheit erlangt haben, und sich nach Reich-Ranickis Beurteilung des Werks von Stanislaw Lem erkundigt.

Das ist ja soweit völlig in Ordnung – Entschuldigung, ich habe mich nie so recht dafür interessiert und muss passen. Auch wenn es einem Literaturkritikergottkaiserpapst ganz gut anstünde, sich wenigstens so weit damit beschäftigt zu haben, dass er wüsste, wovon er redet; es muss sich nicht jeder für Science-Fiction interessieren.

Aber so einfach ist es leider nicht. Seine Antwort hat einen doppelten, wenn nicht dreifachen Boden. Zunächst wirft er den Schaumschläger an.

Doch bald wurden diese Autoren von anderen verdrängt: von Shakespeare und Schiller, von Tolstoi und Tschechow, von Flaubert und …

… schmeiß einer mal noch wen mit F rüber, einen von den Großen bitte, der was her macht …

… Fontane.

Ja, danke, der geht. Dass Reich-Ranicki hier die Schriftsteller, die ihn begeisterten, um eines billigen Effekts willen nach Anfangsbuchstaben auswählt, dürfte wohl jeden von der Ernsthaftigkeit seiner Auseinandersetzung mit ihren Werken überzeugen.

Zu Lems Büchern bin ich nicht mehr zurückgekehrt, aber ich habe ihn in Warschau persönlich kennengelernt.

Damit ist der anekdotische Teil eingeleitet. Ich überspringe ein paar Zeilen.

Im Jahr 1956 sind wir zusammen gereist – quer durch die DDR.

Todesmutig mittenmang durch den kommunistischen Hexenkessel! Ein Teufelskerl. In den angeregten Gespr�chen mit Lem war allerdings nie

von seinem Werk die Rede, so hat er auch nicht erfahren, dass ich seine frühen Bücher schon vergessen und seine späteren überhaupt nie gelesen hatte.

In den fünfziger Jahren einige frühe Lem-Bücher gelesen und diese 1956 schon wieder vergessen. Nee klar. Vielen Dank auch für die fachkundige Stellungnahme.

Der Schlusssatz der Antwort klingt dann wieder versöhnlich:

Ich bitte meine Leser um Verständnis und Nachsicht, wir alle haben unsere Lücken.

Doch im vorangehenden Absatz, den ich übersprungen habe, lässt er den Hammer kreisen und zeigt damit, dass man die Versöhnungsgeste am Ende als pure Höflichkeit im Sinne von Entschuldigen Sie, dass ich in besseren Kreisen zu Hause bin lesen muss.

Es trifft schon zu, dass die Science-Fiction-Werke, so erfolgreich sie auch sind, in der Literaturkritik nur ein dürftiges Echo finden. Natürlich ist das kein Zufall. Der wichtigste Grund mag sein, dass die unzweifelhaften Vorzüge dieser Prosa mit Kunst nichts zu tun haben.

Krawumm. Ich frage mich ernsthaft, worin er diese unzweifelhaften Vorzüge auszumachen glaubt. In der Möglichkeit, Figuren mit lustigen Antennen auf den Köpfen auftreten zu lassen? Leider folgt kein einziges Wort der Erläuterung, sondern nur noch der obige Schlusssatz. Krawumm, Stille.

Wie Frank Herbert in Dune das Ineinandergreifen von politischer Herrschaft, wirtschaftlicher Monopolmacht und kulturell-religiösen Traditionslinien und sogar deren Verschwinden, Umformung und Neuentstehung im Lauf der Jahre und Jahrhunderte abbildet; wie das Ehepaar Steinmüller in Andymon das Experiment eines Neuanfangs für die Menschheit wagt und damit so viele Kernfragen des gesellschaftlichen Fortschritts und Utopismus anschaulich werden lässt; der Einfallsreichtum, mit dem Iain M. Banks in seiner Culture-Reihe das mächtige Potential des Menschengeschlechts in Symbiose mit der selbstgeschaffenen Technik ausbuchstabiert, um nur drei Beispiele zu nennen – all das sind Erweiterungen des geistigen Horizonts von philosophischer Qualität und unverfälschte, reiche Ausdrücke des menschlichen Strebens, über sich hinauszuwachsen; nicht anhand von mehr desselben, sondern anhand von Neuem. Das ist keine Kunst?

Es ist allzu naheliegend, aber anscheinend notwendig, auf Orwells 1984 und Huxleys Schöne neue Welt hinzuweisen – Romane, denen die zugespitzte Darstellung von alarmierenden Trends ihrer Zeit so gut gelingt, dass sie noch Jahrzehnte später ständig als warnende Symbole präsent und wirksam sind, geradezu Institutionen sind. Auch das, keine Kunst?

In der Abstraktion ist die Idee gut, einen Kunstbegriff zu pflegen, der das wirklich kulturell Neue, Wertvolle und Wichtige von alltäglichem Plätscherklamauk und kreativem Dilletantismus abgrenzt. Doch wie man hier sieht, hat sich dieser Kunstbegriff des Bürgertums in sein Gegenteil verkehrt, da er nicht zur Würdigung des Künstlertums, sondern nur noch als Blendwerk zu denkfauler Statusverteidigung dient. Goethe, Schiller, Mozart, Beethoven, Van Gogh, Rembrandt – das ist Kunst, ja ja, ich weiß, das hat man mir gesagt. Warum, braucht nicht erklärt zu werden; man muss es auch nicht verstehen, nur glauben. Alles andere ist keine Kunst; auch das braucht nicht erklärt zu werden. Man kann diese Unterscheidung sogar mit Sicherheit treffen, ohne sich ernsthaft mit den Werken beschäftigt zu haben; das steht oben ausdrücklich.

In der Abstraktion ist die Idee gut, in der Praxis die Welt noch nicht bereit. Das Geltungsbedürfnis der Kulturbürger übermannt ihr Erkenntnisstreben; heraus kommt ein repressiver Kunstbegriff. Er ist repressiv, weil er die Auseinandersetzung erübrigt, indem er von vornherein dekretiert, was gut ist und was nicht, und Fragen nach dem Warum unterbindet. Das Geistesleben steht still, damit der Jahrmarkt der Eitelkeiten (engl. Vanity Fair) brummen kann.

Die Vorstellung einer reiferen Menschheit ist Science-Fiction.

2001

Immerhin.

Bilder: der_ozean (cc), idealterna (cc)

10 Kommentare

  1. apropos Science Fiction « 63,5 mg sagte am 27. October 2007 um 17:15 Uhr:

    […] Die Vorstellung einer reiferen Menschheit ist Science-Fiction.   […]

  2. maloXP sagte am 27. October 2007 um 20:59 Uhr:

    Und wir streiten über Kameramänner… Prima Artikel! Mich regen alte Männer genauso auf, denen nicht nur der Gedanke an sich wichtig, sondern die darauf insistieren, dass ihr Werturteil von wie auch immer gearteter höherer Qualität ist. Das hat sowas eitel-klebriges. Die Art, wie bspw. Ralph Giordano (ich rede nicht von den jüngsten, tattergreisigen Ausfällen) häufig nicht bloß kritisiert, sondern zusätzlich betont dass die geäußerte Kritik von ihm und damit (implizit) einer höheren moralischen Instanz stammt (vgl. Giordano über Felicia Langer) erinnert mich ebenfalls daran.

  3. Fremdgeschrieben - Alarmschrei.de sagte am 29. October 2007 um 13:33 Uhr:

    […] Einordnung von Dingen als Kunst oder Nichtkunst erklärt vielleicht mein neuer Text im Craplog, Der Schaumschläger mit dem repressiven E. 2 Kommentare Dieser Text darf unter Angabe der Quelle Alarmschrei.de sowie der Lizenzierung […]

  4. ovit sagte am 29. October 2007 um 16:27 Uhr:

    ich habe just am samstag eine doku über herrn reich randinzki gesehen und ihn direkt als sehr nett empfunden. ein feiner und mittlerweile spürbar alter mensch.
    die frage nach der kunst und nichtkunst jedoch ist doch eine hochsubjektive. der kritiker entscheidet doch nicht für alle, sondern nur für sich. kunst entsteht im auge des betrachters, nicht anderswo.

  5. Sebastian sagte am 29. October 2007 um 17:30 Uhr:

    Öhm, das ist nun ein bisschen sehr individualistisch, warum werden die Kritiken dann gedruckt und gelesen? Aber ich stimme zu, wenn wir sagen: Kunst entsteht in den Augen der Betrachter, die sich dann darüber auseinandersetzen.

    Genau deswegen ärgert es mich ja, wenn diese Betrachter aufgrund überlieferter Werturteile die Augen vor bestimmten Werken verschließen. Weil dadurch das Entstehen von Kunst in diesem Sinne verhindert wird.

  6. ovit sagte am 29. October 2007 um 18:59 Uhr:

    aber es gibt doch immer redensführer. es ist doch auch schön, sich mit der meinung anderer auseinander zu setzen. diskurstheorie, oder so. und da kunst ja in einem selbst ist, kann doch auch nur durch die erfahrung einer anderen kritik erst auseinandersetzung erfolgen. also in einem gewissen maß. und natürlich: wer sich keine eigene meinung bilden kann, der übernimmt eben willenlos von anderen.

    kann man kritiker für ihr tun kritisieren? ich denke nicht. man kann nur zu einem anderen schluss kommen, oder zustimmend nicken. oder einen bereich dazwischen für sich entdecken. der reich-ranicki ist sicher ein schaumschläger und selbstdarsteller, aber das ist ihm auch durchaus bewusst und das leute lieber über das reden, wovon sie ahnung haben, doch auch irgendwie ein segen, oder? sonst hätten wir noch mehr dampfplauderer auf dieser welt.

  7. Harry Kuntz sagte am 2. November 2007 um 22:44 Uhr:

    Wenn ich mal ehrlich sein darf, für mich, also in meinen Betrachteraugen, ist das hier einer der bislang besten Artikel auf craplog. Wobei ich den alten Shit nicht kenne. Ich will aber auch so schreiben können. Nur, im Moment kotzt mich irgendwie garnichts an, ist doch scheisse. Hm… ich werde noch zum Selbstdarsteller, tschuldigung.

  8. Sebastian sagte am 4. November 2007 um 19:11 Uhr:

    Hey, vielen Dank! Und Kopf hoch – es kommen schon wieder schlimmere Zeiten.

  9. Eine Welt aus Papier - Craplog.de sagte am 3. January 2008 um 23:41 Uhr:

    […] anderem Zusammenhang habe ich einmal Reinhard Mohr als den Franz-Josef Wagner von Spiegel Online bezeichnet. Dazu qualifiziert ihn die Tatsache, dass er wie dieser nichts mehr mitkriegt, nichts mehr […]

  10. Shenanigans! - Alarmschrei.de sagte am 23. July 2008 um 01:48 Uhr:

    […] Reich-Ranickischen Literaturbegriffs übrigens hatte ich mich wundersamerweise auch schon mal beklagt, und wäre ich derart religiös, würde ich es vielleicht als Zeichen der Götter […]

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