Archiv für die Kategorie ‘Warum?’

öffentlicher terror

ciphaDOTnet, 4. October 2007

öffentliche verkehrsmittel sind folter. man erreicht die orte, die man gerne erreichen möchte, zu definitiven unzeiten. man sieht menschen, die man niemals sehen wollte und bekommt dinge mit, die man nicht im entferntesten hören wollte. man sitzt dicht gedrängt zusammen mit dem querschnitt der gesellschaft, auf den man gut und gerne auch verzichten könnte. es stinkt. am wochenende wird aus den fenstern gekotzt. kleine wichte hören auf ihren multimedia-handys unnütze musik in einer lautstärke, dass es der komplette zug hören kann, aber eigentlich gar nicht hören will. (wisst ihr noch, was ihr mit 10 oder so gehört habt!? there you go.) die anderen passagiere sind entweder zu dick, zu alt, zu jung oder zu hässlich. die romantische annahme, dass zumindest einmal pro tag eine natürliche schönheit vorbeikommt, die einem den tag dann rettet, ist nicht mehr als ein hirngespinst. ohne kopfhörer bist du verloren. am besten liest man mit gesenktem kopf irgendwas und wenn es nur die werbeseite vom saturn ist, nur damit man das elend nicht mitansehen muss. baby-gepläre, viel zu junge mütter. manager mit laptops und smartphone. handy-junkies. handy-junkies. handy-junkies. alle zwei minuten ein zwischenstopp. versiffte sitzplätze, mcdonalds-reste, ausgelaufene müllermilch-packungen, klebrige cola auf dem boden, fettige flecken von an die fenster gelehnten köpfen unbekannter herkunft, man kann die bakterien förmlich auf den stangen, haltegurten und stopptasten tanzen sehen. jemand niest, shit, dann nochmal, fuck, ich stehe auf, verzichte auf meinen sitzplatz und stehe lieber.

multipliziert man diese szenerie mit 18 monaten und addiert noch sämtliche attribute eines “ganz normalen tages mit öffentlichen verkehrsmitteln” dazu, die ich vergessen habe, kommt man auf nur ein ergebnis: terror. die tägliche dröhnung von durchschnittlich 30-45 minuten kann ich jedem empfehlen, der im grosstadtdschungel nach neuen extremsituationen sucht.

seit montag habe ich meine fahrlizenz wieder. die öffentlichen nehme ich nur noch, wenn ich wirklich stern-hagel-voll bin. und wenn der scheiss sprit 3 pro liter kostet: lieber fahre ich fahrrad, als dass ich mir diesen film nochmal gebe. from my cold dead hands. tschüss, ich fahr jetzt.

Unverdient untot

Sebastian, 2. October 2007

“Denken Sie links?”, fragt der Kabarettist Rudolf Rolfs in einem seiner Aphorismen, und antwortet sich selbst mit der Gegenfrage: “Kann man rechts denken?”

Zugegeben, das ist etwas hart, aber wohl auch eine Frage der Definition dessen, was man unter “rechts” versteht. Dass es konservative Denker (und natürlich auch linke Dumpfbacken) gibt, sei unbestritten. Doch treibt man das Spiel weiter und fragt, ob man reaktionär denken könne, müsste schon eher ein entschiedenes Nein die Antwort sein, denn das Reaktionäre ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass es Denken durch Reflexe ersetzt. Vollends absurd wird es schließlich, wenn man fragt, ob man reaktionär Satire machen könne.

Einer, der das trotz allem versucht und dabei einigen der größten Kulturschaffenden der bundesrepublikanischen Geschichte aufs Grab gepinkelt hat, ist Anfang September vorerst gescheitert – ironischerweise und ausgerechnet am Markt. Die Rede ist von Bernd Zeller, der von 2004 bis 2007 die verblichene Grand Dame der hiesigen Satire, die Zeitschrift “Pardon”, zu reanimieren versucht hat. Wie es Reanimationen längst Verstorbener so an sich haben, war dabei bestenfalls ein Zombie herausgekommen – ein Wesen mit eingeschränkter Vitalität und dramatisch gewandelter Persönlichkeit, dessen Internet-Arm immer noch zuckt.

Zombie

Die “Pardon” war erstmals 1962 erschienen und hatte hervorragende Zeichner und Autoren wie Loriot, F.K. Waechter, Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, Hans Traxler, Günther Wallraff, Chlodwig Poth und einige mehr zu einer außergewöhnlichen publizistischen Stimme vereint. Auch betätigte sie sich als Satireguerilla, fungierte so unter anderem als Zünder der Anti-Atomkraft-Bewegung und nahm früh den publizistischen Kampf gegen Springers “Bild” auf, der dank Nörgel-Nigge nun seit ein paar Jahren wieder fortgesetzt wird. Nach zunehmendem Zwist unter den Herausgebern in den 70er Jahren boten Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler und Chlodwig Poth ihrer sogenannten “Neuen Frankfurter Schule” ab 1979 in der Titanic ein neues Zuhause. Pardon wurde 1982 eingestellt.

Angesichts der eindrucksvollen Geschichte des Blattes ist es kein Wunder, dass die angekündigte Wiederbelebung vor dreieinhalb Jahren Aufsehen erregte – umso mehr, da Leute wie Harald Schmidt, für den Zeller zuvor als Gagschreiber tätig gewesen war, Götz Alsmann, Roger Willemsen, Doris Dörrie und Wiglaf Droste ihre Mitarbeit zugesagt hatten. Doch das grandiose Comeback, das sich abzuzeichnen schien, fiel aus:

Ein halbes Jahr nach dem Neustart bangt “Pardon” schon um die Existenz. (…) Mit 11 000 verkauften Novemberheften ist die Leserzahl unter die von Chefredakteur und Verleger Zeller genannte Untergrenze von 15 000 Lesern gefallen. (…) Die prominenten Köpfe waren Zeller schon nach der ersten Ausgabe weggebrochen.

Dieses plötzliche Wegbrechen ist ähnlich bemerkenswert wie Zellers Weggang aus der Titanic-Redaktion nach nur einem Monat als Redakteur. Zeichnete sich vielleicht doch damals schon die bevorstehende Mutation des einstigen Zentralorgans kritischer Intelligenz zu etwas ab, das ungefähr so progressiv war wie die “Junge Freiheit” und sich auch humoristisch bald auf deren Niveau einpendeln sollte? Hier eine Kostprobe dessen, was zuletzt in Form des Webtickers von dem Projekt übrig blieb:

Abschuss bei Entführung [19.9.2007]

Verteidigungsminister Jung will entführte und als Waffe eingesetzte Flugzeuge vor Erreichen des Anschlagziels abschießen lassen. Die Terroristen brauchen dann gar keine Pilotenausbildung mehr zu machen, weil schon bei der Kaperung der Abschuss erfolgt.

Das ist der vollständige Beitrag, sic. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts mehr zu sehen. Und wenn folgende Miniatur auch einen gewissen Anfangsreiz aus ihrer dadaistisch Franz Josef Wagnerschen Tatterigkeit gewinnt, verfehlt sie dessen poetische Leichtfüßigkeit und vor allem die relative Modernität seines Konservatismus dennoch um Längen:

Kein Terror [9.9.2007]

In Deutschland wurden Terrorverdächtige festgenommen. Sie planten Anschläge als Reaktion auf die terrorfeindliche Hetze.
Sie gehören einer befreundeten Religion an, deshalb ist der offizielle Sprachgebrauch Terror des Friedens.
Von den Milliarden Gläubigen waren es nur drei, das ist statistisch gesehen überhaupt niemand.

Doch Anfang September 2007 stand ja das Aus für “Pardon” schon fest; begreiflich also, wenn Zeller nicht in Bestform und -laune war. Spulen wir also ein Jahr zurück und steigen am 21.9.2006 ein. Hier ging es zur Abwechslung mal um den

Islam. Unsere muslimischen Freunde reagierten beleidigt auf Papst Benedikt, der in einer Vorlesung eine kritische Dialogzeile aus dem 14. Jahrhundert zitierte. (…) Um die Moslems wieder zu beschwichtigen, verweisen wir auf die Papst-Fotostory in der nächsten Titanic.

Das Islam-Muffeln (“Muffeln” scheint wegen des müden Stils passender als “Bashing”), das im Schnitt die Kernsubstanz von etwa zwei Dritteln der Tickerbeiträge und Cartoons ausmacht, paart sich hier mit einem Feindbegünstigungsvorwurf an die Adresse der Ex-Kollegen von der Titanic. Mit ihnen hat Zeller auch ein knappes Jahr später noch keinen Frieden gemacht. So schreibt er am 10. August:

Ein guter Satiriker ist [Titanic-Chefredakteur a.D. Martin] Sonneborn zweifellos, denn immerhin war der bei Titanic, und die Jungs bei Titanic sind bekanntlich die neue Neue Frankfurter Schule. Ihm gelang ein toller Streich: er bezeichnete sich in einem Handbuch der Medienschaffenden als Linker Moralist. Das war eine großartige Persiflage auf den dumpflinken Moralanspruch.

Was damit gemeint ist, wird nicht erläutert, also offensichtlich vorausgesetzt. In dumpflinker Spitzfindigkeit könnte man einwenden, dass es “…als linken Moralisten” heißen müsste; es sei aber nur noch schnell ein dritter Kollegendiss erwähnt, als nämlich Zeller im April von einem Blog der Grumpy Man TVAxel-Springer-Akademie gelobt wurde und die Gelegenheit nutzte, im Kommentarbereich zu betonen, dass er nichts von Martin Sonneborn und sehr viel mehr von sich selbst hält. Hiermit im Einklang behauptet die Unterzeile des Pardon-Titels weiter unbeirrt: “Deutschlands führendes Satiremagazin”, ergänzt durch die Mutter aller Werbeslogans, die daneben steht: “Besser als die Konkurrenz”.

Zwischenzeitlich verteilte die Online-“Pardon” auch gerne mal Unterschichtwatschen. Über eine Studie, der zufolge sozial benachteiligte Kinder schlechter schlafen, hieß es, diese gingen wohl “noch was trinken, weil sie unter Schlaflosigkeit leiden”. Mit mehr Sympathie wurde im Rahmen eines Wettbewerbs die deutsche Opferbürgerseele bedacht, als “Pardon” dazu aufrief, “ein politischkorrektes Wort für Migrant / Migrationshintergrund” einzureichen, denn “in fünf Jahren wird auch dieser Ausdruck wieder negativ besetzt sein und man darf ihn nicht mehr sagen, weil das diskriminierend und rassistisch ist”. Auf gelegentliche Leserbriefschreiber, die sich über dieses Vordringen des einstigen Satiremagazins in Dimensionen des Braunbräsigen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, beschwerten, reagierte Zeller mit Publikumsbeschimpfung. In den Briefen dieser “Blogwarte” komme nur ein “Schrei nach Liebe” zum Ausdruck, spottete er, und legte ihnen nahe, sich doch zu taz.de – sinngemäß – zu verpissen. Angesichts der real existierenden “Pardon” zu diesem Zeitpunkt ein gar nicht mal so schlechter Rat.

Während die Medienwelt weitgehend ratlos schwieg, erschrak im Juni immerhin unser Co-Craplogger Pantoffelpunk über die dominanten Werbebanner auf der “Pardon”-Webseite: Achse des Guten, Lizas Welt, Politically Incorrect. Ja. Und wenn Zeller nun ankündigt, der “Geist von ‘Pardon'” werde “im Internet weiterleben”, und zwar in einer “Art von satirischem Blog” namens “Darvins Illustrierte”, steht zu befürchten, dass irgendwo im intellektuellen Bermudadreieck zwischen Neocons, Antideutschen und Brachialrassisten tatsächlich noch eine Nische frei ist.

“Das sind unsere Leser? Da kann man nur aufhören”, schrieb Zeller, als sich jemand über die “Pardon”-Kooperation mit “Politically Incorrect” beschwert hatte. Auf den ersten Blick eine beglückwünschenswerte Idee, auf den zweiten noch ein Beschwerdegrund: Von Wiederanfangen war nie die Rede.

Bilder: “Zombie” von Scurzuzu (cc), “Grumpy Man TV Flyer” von edmittance (cc)

Verdammte Axt

Sebastian, 16. September 2007

paranoya

Gerade wieder im überfüllten Supermarkt voller Schweinebacken ein unverschämt überteuertes Stück Butter gekauft und mich noch mit der Zicke von Kassiererin gezofft, und erst dannach viel mir ein, dass ich mit den Antibiotika gar keine Milchp rodukte kombinieren darf, Mist hab nen scheiß Hunger und weiß jetzt nicht was ich essen soll lauter Werberamschim Briefkasten, weg mit dem Zeug, weg, verklagen sollte man euch, aberma richtig.,. Erstmal diese dumme Packungsbeilage weiterlesen die ungfähr so lang ist wie ne rolle kLopapier weiter ach nee ich hatte ja noch die Brötchen im Ofen, wann war das Mistding noch? Zumutung!, diese Penner bestimmt stehen irgendwo ganz billige Kräuter am wegesrand die gegen entzündung ganz einfach helfen, aber die Dreckpharmainsdustrie würden nix dran verdienen und die Ärzte lernens nicht im Studiumj also zack, Antibiotika hau wech die Scheiße Welche Nebenwirkungen sind möglich? Häufig: Müdigkeit, Agitiertheit, Verwirrung ich geb euch gleich müdigkeit, Agitiertheit Verwirrung und überteuerte butter ihr Gesindel, auch gerde erst ewider gleesen wiodln ldskll ah! chatte s hier irgendwo moment so vielzutun . boah nee dss krnf zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz

Disclaimer: Als ich diesen Text im Alarmschrei las, fand ich ihn sofort toll und zu 100% Craplog-kompatibel. Auf die freundliche Bitte hin, ihn hier parallel veröffentlichen zu dürfen, die ich an Sebastian mit allen mir bekannten Varianten von Nötigung und Erpressung herantrug, stimmte der Guteste schließlich zu. Das bringt mich dazu, noch einmal darauf hinzuweisen, dass wir immer auf der Suche nach schlechtgelaunten Gastbeiträgen sind sowie nach häufiger schlecht gelaunten Autoren sind. Bewerbungsmodalitäten hier. -maloXP

Bild: “Paranoya” von yell saccani (cc)

…denn das Rudel tollt, wenn der Rubel rollt!

.markus, 4. July 2007

Da man bei diesem Thema, die einzelnen Bäume – gegen die man pinkeln könnte – vor lauter Wald nicht mehr sehen kann, kommt hier nun die ungeschminkte Abrechnung mit der ganzen Sparte von Schmalspurtagebuchschreibern, den SEO-Jüngern, den Backlink-Checkern, Blogcharts-Geilen und den Google-Fischern, ja ja ganz genau, endlich!
Jedes Blog ist ein Unikat, weil jeder Blogger ein Individuum ist, sage ich gerne mal (jedenfalls im übertragenen Sinn) und will damit meinen, wie schwachsinnig eine Kategorisierung ist, mit der man sich als Gemeinschaft, als Blogosphäre ansieht.

Ich lag ja sowas von falsch.

Diese Blogosphäre gibt es und sie bezeichnet sich selbst auch völlig ironiefrei so. Hier werden die Mücken von A-Bloggern zu Elefanten aufgeblasen, hier wird Keyword-optimiert geschrieben und hier findet man die Gründe, warum sich Blogs nie als wirklich bedeutsames Medium etablieren konnten. Es sind die seichten Gewässer, in denen die Wellen Schaum schlagen und die gähnenden Abgründe der Langweile.
Es sind die Blogs, die für Traffic geschrieben und die auf Traffic optimiert werden. Die Blogger die sich fragen “Wie mache ich mein Blog bekannt”, bevor sie sich der weitaus wichtigeren Frage gestellt haben: “Warum sollte ich denn mein Blog überhaupt bekannt machen?”
Jeder kleine Furz, der ein paar Klickzahlen verspricht, wird getrackbackt und kommentiert. Jede Diskussion, von der man sich ein paar Besucher erhofft, wird durch sie verwässert. Man macht “Link-Love”-Spielchen und regt sich dann erbärmlicherweise darüber auf, wenn der Betreiber von deutscheblogcharts.de sie nicht in die Statistik einfließen lässt. Man geilt sich an dem Traffic auf, den man durch die Google-Zensur eines bekannten Pornovideoportals bekommt, man freut sich über jeden Suchmaschinen-Versager, der sich auf die Seite verirrt und dann auf eines der zahllosen Werbebanner klickt.
Derbes Unwohlsein entwickelt sich bei mir in der Magengrube, wenn ich wieder einmal über diese Ansammlung von Schwachsinn, tausend Mal nachgeplapperten Standardmeinungen und über diese trafficgeile Keywordschreibe stolpere.

“Yigg mich” schreit es einem aus zwischen der Werbung platzierten Beiträgen. “Klick mich”, blinkt es überall. “Linkst du mich, linke ich dich”, hört man überall. “Links sind die Währung der Blogosphäre “, sagen die gerne und schielen auf Technorati.

Es bereitete mir ehrlich gesagt Mühe diesen Artikel in der CrapLogschen Form zu schreiben, denn eigentlich ist das alles nur eins – traurig und überflüssig.

Politische Korrektheit in Zeiten öffentlichen Nahverkehrs

Frank, 29. June 2007

25thhour

In der letzten Szene von Spike Lees unterschätztem Film 25th Hour fährt ein konsternierter Edward Norton durch Post-9/11-New York und äußert im inneren Monolog einen unbändigen Hass auf diverse Ethnien, Religionen und Subkulturen. Der Hauptdarsteller war uns in der vorangegangenen Zeit tückisch ans Herz gewachsen. Einerseits die grundsolide Symphatie, die man als Zuschauer dem Protagonisten Monty entgegenbringt, andererseits dessen Broterwerb als Drogendealer, für den er zu Recht für sieben Jahre ins Gefängnis soll. Dieser aggressive Ausbruch zum Ende lässt einen erstmal verwirrt zurück. Na klar: Nach außen projezierter Selbsthass denkt der FAZ-Rezensent unerwartet psychologisch, während der filmstarts.de-Mann etwas hilflos die Fragwürdigkeit der Szene (moralisch? filmisch? qualitativ?) feststellt und Monty einen, nun ja, ambivalenten Charakter attestiert. Ach, kiek an…

Warum überhaupt Deutungsversuche? Vielleicht will der Drehbuchautor damit einfach das verbildlichen, was jeder von uns in sich trägt: Vorurteile, Stereotypen, Verallgemeinerungen, klischeehafte Zerrbilder von ganzen sozialen Gruppen. Wer das leugnet, smuggt doch nur rum. Die Frage ist schließlich nicht, ob man sowas hat, sondern vielmehr, wie man damit umgeht. Wer alle seine Aussagen und Gedanken dahin gehend überprüft, ob sie auf irgendwen ehrverletzend sein könnten; wer allen impliziten Regeln entsprechen will, wer nie seinem Bauchgrummeln – und sei es nur (oder gerade!) gedanklich – nachgibt, der leidet an Political Correctness. Im Endstadium. Eine Institution, die durchaus ihren Sinn hat, aber als Denkweisen strukturierendes Muster genauso fatal ist wie als Folie für all das, wogegen man ist. Zum letzten Punkt: silent-divas Ideologiekritik in der Bikinisaison.

Weiterlesen »

Wenn Kunden zu sehr nerven

Frank, 22. June 2007

Zu den weniger segensreichen Aspekten eines Jobs in der Dienstleistungsbranche gehört die Tatsache, dass man ab und zu mit Kunden konfrontiert ist, die zu Personenkreisen gehören, mit denen man sich sonst nicht umgeben würde.

Ich verdiene mir ein paar kleine Brötchen dazu, indem ich in einer kleinen Friedrichshainer Videothek Menschen mit DVDs versorge. Zu diesen Menschen gehören selbstverständlich zwölfjährige Notstandsmacker (“Ey, wo hassu hier $aktuellster_Folterporno?”) wie hysterisch brüllende großbusige Weibsbilder mit Zwergpinscher, ohne Sinn im Leben außer Filme zu schauen (*hechel*: “Habta neue Blockbasta?!?!”). Gewaltbereite Hooligans (“Machste hier ‘ne Welle, oder wat?”) und Alkoholiker im Endstadium (riecht man). Wurstfingrige Pornogucker und junge Frauen, die sich für ihre “romantischen Komödien” entschuldigen glauben zu müssen – und zwar jedes verdammte Mal. Mischformen gibt’s ebenfalls. Aber kein Milieu meiner Kundschaft ist so nervig wie das der Nachgezogenen. Die Chicerie aus den in Stadtmagazinen von einst als Subkulturherd verschrienen Straßen. Nase “Ich komm grade aus der Galerie und will mir jetzt noch ‘nen Fellatio Fellini[1] holen” in den Wind und aus jeder Pore die Affektiertheit eines Wohlstandsschnösels schwitzend, dem die geographische Distanz vom Heimatort durch den Studienplatz in Berlin gleich doppelt nützt: Keine Studiengebühren einerseits und stagnierende elterliche Kontrolle andererseits (wobei finanzielle Subventionen von dieser Seite natürlich gleich bleiben). Die Kerle von denen sind hochgewachsen, tragen Fliegerbrille und Polohemd, die Mädels eher Pilzhaarschnitt und Legginge. Eine Mode aus dem Zerrspiegel, perpetuiert durch Menschen, die schon daheim immer die heißen Trends auftrugen, welche der weltgewandte Kosmopolit in seinem urbanen Schluffitum zwei Jahre zuvor bereits als obsolet klassifizierte. Berlin steckt also teilweise in einer Zeitschleife fest, so wie die Enterprise in der Star Trek-Folge “Deja Vu”, weil ständig neue Leute nachziehen, die glauben, die Mia-Möhre auf dem Haupte sei eben en vogue, aber das soll gerade nicht mein Thema sein.

Weiterlesen »

  1. Verzeihung, den Scherz konnte ich nicht auslassen. [zurück]

Malte und das StudiVZ

ovit, 20. June 2007

Zum Thema StudiVZ wurde alles gesagt. Auf der Blogbar, auf Spreeblick und auf allen anderen Blogs, die sich an die großen Themen anhängen. Doch jetzt ist das StudiVZ die meistgeklickte Seite im Internet. Das geht so nicht, dachte sich Malte von Spreeblick und wärmt das Thema mal wieder auf.

Zuerst brauchen wir den Beweis, dass Studenten dumm sind. Der ist natürlich einfach. Da Blogs ja ausschließlich hochgebildete Menschen ansprechen – die Macher sind alle Teil der Bildungselite – müssen eben die Massenmedien herhalten:

Aber auch Spiegel Online und das ZDF berichteten und listeten die Recherche-Ergebnisse der Blogs auf. Es lief also aus Bloggersicht ganz wunderbar. Deutschlands Studenten lesen jedoch nicht nur keine Blogs, auch das größte Online-Magazin schreit in einen abgeholzten Wald hinein.

Die Motivation der Studenten ist auch leicht gefunden.

Sie wollen Kontakte vortäuschen wie die Erwachsenen bei Xing.

Und um das ganze auch mal mit Erfahrungen aus der eigenen erlebten Welt zu unterlegen, kommt die Freundin einer Freundin ins Spiel, die sich scheinbar gerne und aktiv und wohl auch mit einem gesunden Sendungsbewusstsein auf StudiVZ austobt.

Diese Freundin braucht also vermutlich keine aufklärerischen Artikel, sie braucht einen Psychologen. Besser: Eine Gehirnwäsche. Noch besser. Eine Gehirnhochglanzpolitur.

Verwerflich, wenn jemand Fotos von sich ins Internet stellt. Mit brauner Haut und weißen Zähnchen. Dagegen scheint es aber völlig in Ordnung, wenn man per Blog erstmal eine Diagnose stellt. Ich würde wenig Vergnügen empfinden, würde jemand über eine Ecke von mir behaupten, dass ich mal einen Psychotherapeuten aufsuchen sollte. Aber für Malte geht das in Ordnung. Ist ja schließlich auch nichts bei. (Vielleicht ist diese Freundin auch nur ein Produkt der Phantasie, damit sich so ein Eintrag auch ein bisschen ausschmückt…)

Girls with low Self-Esteem und Boys mit Kontaktneurodermitis, ist das die deutsche Studentenschaft?
Scheint so.

Ja. In deiner Welt schon.

Männer mit überzogenem Ego, die glauben, alles besser zu wissen, sieht so der deutsche Blogger aus? Scheint so.
Ausländer werden übrigens im StudiVZ und der deutschsprachigen Blogosphäre auch nicht zugelassen.

Anschließend stellt Björn Grau in den Kommentaren interessante Fragen:

Ging es nicht eigentlich in Maltes Post um den Einfluss der Blogosphäre als Informationsinstanz auf individuelle Entscheidungen, wie ich mich bezüglich bestimmter Firmen verhalte?

Ja Björn, es kann gerne darum gehen, wie DU dich bezüglich bestimmter Firmen verhalten kannst. Ist ja schließlich eine individuelle Entscheidung aus der wir keine allgemeingültige Handlungsnorm für alle Studenten und Studentinnen ableiten können und sollten. (Studierende sagt man nicht!)

Ging es vielleicht nicht auch um die Frage, warum die angeblich bildungselitäre Blogosphäre so wenig Einfluss hat auf die bei StudiVZ versammelte angebliche Bildungselite?

Laut Malte sind die Studenten zu dumm und brauchen Therapie! Das “angeblich” vor “bildungselitäre Blogosphäre” kann allerdings auch gestrichen werden.

Ging es NEBEN den oben genannten Punkten nicht lediglich zusätzlich um die Frage, warum die Bildungselite bei StudiVZ zu nicht unerheblichen Teilen durch Saufen, Sexismus, Voyeurismus und ähnliche Dummheiten unheimlich sinnentleerte Selbstbespaßung auffält?

Vielleicht bilden die dort registrierten Studenten ein Querschnitt der Realität ab? Und es sind ja auch noch Kinder und Jugendliche (die Erwachsenen sind bei XING!). Sollten die das dann nicht dürfen? Und wer bestimmt die Norm, wie man sich im Internet darzustellen hat? Alle möglichst gleich und anständig. Scheiß auf Diversifität. Jeder wie ein Blogger. Dann wäre unsere Welt moralisch völlig in Ordnung und die Menschheit wäre auch noch hochgebildet.

Habt Ihr schonmal darüber nachgedacht, dass naives Fragen (Wozu machen wir das hier eigentlich?) ein rhetorischer Kunstgriff sein kann?

Ja. Kann ein Kunstgriff sein. Der Artikel im allgemeinen scheint ein allumfassender Kunstgriff zu sein. Ins Klo nämlich.

Es wird also pauschalisiert und überspitzt, um die Probleme offen zu legen und da hinein dann mit dem moralischen Finger der fragt: wie können so viele Studenten nur so dumm sein?

Oder aber: wie kann man, wenn man von so vielen Leuten gelesen wird, sich nur solch dummes Zeug erlauben und 1.000.000 Millionen Usern das Vermögen absprechen, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen, ohne bei sich selbst anzufangen? Wenigstens ist da aber einer absolut kritikresistent. Denn wer alles besser weiß und kann, muss sich von Studenten nichts erzählen lassen. Bravo.

Klimaschutz in der Praxis

Frank, 16. May 2007

Meine Universität belegt seit neuestem eine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz. Denn, wie wir alle wissen, schützt man das Klima, indem man Strom spart. Und was wäre besser dazu geeignet, als diese neumodischen flachen Bildschirme, die ja höllisch viel Strom sparen sollen?

Die Universität Potsdam hat sich nicht lumpen lassen und in der Mensa am Komplex Griebnitzsee einen Flachbildschirm mit gefühlter Bildschirmdiagonale von 120 cm aufgehängt, der den ganzen Tag die in der Mensa angebotenen warmen Mahlzeiten anzeigt. Und nichts anderes. Darunter ist ein Acrylglas-Schildchen angebracht: “Ideenschmiede”. Na, da habt ihr ja eine feine Idee geschmiedet, Jungs und Mädels von der Gründerinitiative, und endlich dem Massenmord an Bäumen ein Ende gesetzt, die für die vormals aufgehängten papiernen Speisepläne draufgingen. Umwelt- und Imagemäßig ganz große Klasse. Allein, ich frage mich, ob da nicht noch Optimierungspotential in der Wertschöpfungskette ist. Zwar zeigt das Ding nämlich ab vier oder fünf, wenn’s kein Mittagessen mehr gibt, auch nichts mehr an – aber dann finde ich kann man das Ding doch ganz ausmachen. Andererseits, nachher geht das gar nicht richtig aus und das Gerät bleibt im Standby-Modus? Der verbraucht nämlich ganz besonders viel unnützen Strom, wie man ja weiß, und den gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Vermutlich bleibt die Röhre die ganze Nacht an, gell? Richtig so.

Flachbildschirm mit Käsespätzle
Kann man hier nicht so genau erkennen: Angebot 1 waren Allgäuer Käsespätzle mit Röstzwiebeln und Salat. Schmeckte etwas trocken.