Archiv für die Kategorie ‘Warum?’

Politische Korrektheit in Zeiten öffentlichen Nahverkehrs

Frank, 29. Juni 2007

25thhour

In der letzten Szene von Spike Lees unterschätztem Film 25th Hour fährt ein konsternierter Edward Norton durch Post-9/11-New York und äußert im inneren Monolog einen unbändigen Hass auf diverse Ethnien, Religionen und Subkulturen. Der Hauptdarsteller war uns in der vorangegangenen Zeit tückisch ans Herz gewachsen. Einerseits die grundsolide Symphatie, die man als Zuschauer dem Protagonisten Monty entgegenbringt, andererseits dessen Broterwerb als Drogendealer, für den er zu Recht für sieben Jahre ins Gefängnis soll. Dieser aggressive Ausbruch zum Ende lässt einen erstmal verwirrt zurück. Na klar: Nach außen projezierter Selbsthass denkt der FAZ-Rezensent unerwartet psychologisch, während der filmstarts.de-Mann etwas hilflos die Fragwürdigkeit der Szene (moralisch? filmisch? qualitativ?) feststellt und Monty einen, nun ja, ambivalenten Charakter attestiert. Ach, kiek an…

Warum überhaupt Deutungsversuche? Vielleicht will der Drehbuchautor damit einfach das verbildlichen, was jeder von uns in sich trägt: Vorurteile, Stereotypen, Verallgemeinerungen, klischeehafte Zerrbilder von ganzen sozialen Gruppen. Wer das leugnet, smuggt doch nur rum. Die Frage ist schließlich nicht, ob man sowas hat, sondern vielmehr, wie man damit umgeht. Wer alle seine Aussagen und Gedanken dahin gehend überprüft, ob sie auf irgendwen ehrverletzend sein könnten; wer allen impliziten Regeln entsprechen will, wer nie seinem Bauchgrummeln – und sei es nur (oder gerade!) gedanklich – nachgibt, der leidet an Political Correctness. Im Endstadium. Eine Institution, die durchaus ihren Sinn hat, aber als Denkweisen strukturierendes Muster genauso fatal ist wie als Folie für all das, wogegen man ist. Zum letzten Punkt: silent-divas Ideologiekritik in der Bikinisaison.

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Wenn Kunden zu sehr nerven

Frank, 22. Juni 2007

Zu den weniger segensreichen Aspekten eines Jobs in der Dienstleistungsbranche gehört die Tatsache, dass man ab und zu mit Kunden konfrontiert ist, die zu Personenkreisen gehören, mit denen man sich sonst nicht umgeben würde.

Ich verdiene mir ein paar kleine Brötchen dazu, indem ich in einer kleinen Friedrichshainer Videothek Menschen mit DVDs versorge. Zu diesen Menschen gehören selbstverständlich zwölfjährige Notstandsmacker (“Ey, wo hassu hier $aktuellster_Folterporno?”) wie hysterisch brüllende großbusige Weibsbilder mit Zwergpinscher, ohne Sinn im Leben außer Filme zu schauen (*hechel*: “Habta neue Blockbasta?!?!”). Gewaltbereite Hooligans (“Machste hier ‘ne Welle, oder wat?”) und Alkoholiker im Endstadium (riecht man). Wurstfingrige Pornogucker und junge Frauen, die sich für ihre “romantischen Komödien” entschuldigen glauben zu müssen – und zwar jedes verdammte Mal. Mischformen gibt’s ebenfalls. Aber kein Milieu meiner Kundschaft ist so nervig wie das der Nachgezogenen. Die Chicerie aus den in Stadtmagazinen von einst als Subkulturherd verschrienen Straßen. Nase “Ich komm grade aus der Galerie und will mir jetzt noch ‘nen Fellatio Fellini[1] holen” in den Wind und aus jeder Pore die Affektiertheit eines Wohlstandsschnösels schwitzend, dem die geographische Distanz vom Heimatort durch den Studienplatz in Berlin gleich doppelt nützt: Keine Studiengebühren einerseits und stagnierende elterliche Kontrolle andererseits (wobei finanzielle Subventionen von dieser Seite natürlich gleich bleiben). Die Kerle von denen sind hochgewachsen, tragen Fliegerbrille und Polohemd, die Mädels eher Pilzhaarschnitt und Legginge. Eine Mode aus dem Zerrspiegel, perpetuiert durch Menschen, die schon daheim immer die heißen Trends auftrugen, welche der weltgewandte Kosmopolit in seinem urbanen Schluffitum zwei Jahre zuvor bereits als obsolet klassifizierte. Berlin steckt also teilweise in einer Zeitschleife fest, so wie die Enterprise in der Star Trek-Folge “Deja Vu”, weil ständig neue Leute nachziehen, die glauben, die Mia-Möhre auf dem Haupte sei eben en vogue, aber das soll gerade nicht mein Thema sein.

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  1. Verzeihung, den Scherz konnte ich nicht auslassen. [zurück]

Malte und das StudiVZ

ovit, 20. Juni 2007

Zum Thema StudiVZ wurde alles gesagt. Auf der Blogbar, auf Spreeblick und auf allen anderen Blogs, die sich an die großen Themen anhängen. Doch jetzt ist das StudiVZ die meistgeklickte Seite im Internet. Das geht so nicht, dachte sich Malte von Spreeblick und wärmt das Thema mal wieder auf.

Zuerst brauchen wir den Beweis, dass Studenten dumm sind. Der ist natürlich einfach. Da Blogs ja ausschließlich hochgebildete Menschen ansprechen – die Macher sind alle Teil der Bildungselite – müssen eben die Massenmedien herhalten:

Aber auch Spiegel Online und das ZDF berichteten und listeten die Recherche-Ergebnisse der Blogs auf. Es lief also aus Bloggersicht ganz wunderbar. Deutschlands Studenten lesen jedoch nicht nur keine Blogs, auch das größte Online-Magazin schreit in einen abgeholzten Wald hinein.

Die Motivation der Studenten ist auch leicht gefunden.

Sie wollen Kontakte vortäuschen wie die Erwachsenen bei Xing.

Und um das ganze auch mal mit Erfahrungen aus der eigenen erlebten Welt zu unterlegen, kommt die Freundin einer Freundin ins Spiel, die sich scheinbar gerne und aktiv und wohl auch mit einem gesunden Sendungsbewusstsein auf StudiVZ austobt.

Diese Freundin braucht also vermutlich keine aufklärerischen Artikel, sie braucht einen Psychologen. Besser: Eine Gehirnwäsche. Noch besser. Eine Gehirnhochglanzpolitur.

Verwerflich, wenn jemand Fotos von sich ins Internet stellt. Mit brauner Haut und weißen Zähnchen. Dagegen scheint es aber völlig in Ordnung, wenn man per Blog erstmal eine Diagnose stellt. Ich würde wenig Vergnügen empfinden, würde jemand über eine Ecke von mir behaupten, dass ich mal einen Psychotherapeuten aufsuchen sollte. Aber für Malte geht das in Ordnung. Ist ja schließlich auch nichts bei. (Vielleicht ist diese Freundin auch nur ein Produkt der Phantasie, damit sich so ein Eintrag auch ein bisschen ausschmückt…)

Girls with low Self-Esteem und Boys mit Kontaktneurodermitis, ist das die deutsche Studentenschaft?
Scheint so.

Ja. In deiner Welt schon.

Männer mit überzogenem Ego, die glauben, alles besser zu wissen, sieht so der deutsche Blogger aus? Scheint so.
Ausländer werden übrigens im StudiVZ und der deutschsprachigen Blogosphäre auch nicht zugelassen.

Anschließend stellt Björn Grau in den Kommentaren interessante Fragen:

Ging es nicht eigentlich in Maltes Post um den Einfluss der Blogosphäre als Informationsinstanz auf individuelle Entscheidungen, wie ich mich bezüglich bestimmter Firmen verhalte?

Ja Björn, es kann gerne darum gehen, wie DU dich bezüglich bestimmter Firmen verhalten kannst. Ist ja schließlich eine individuelle Entscheidung aus der wir keine allgemeingültige Handlungsnorm für alle Studenten und Studentinnen ableiten können und sollten. (Studierende sagt man nicht!)

Ging es vielleicht nicht auch um die Frage, warum die angeblich bildungselitäre Blogosphäre so wenig Einfluss hat auf die bei StudiVZ versammelte angebliche Bildungselite?

Laut Malte sind die Studenten zu dumm und brauchen Therapie! Das “angeblich” vor “bildungselitäre Blogosphäre” kann allerdings auch gestrichen werden.

Ging es NEBEN den oben genannten Punkten nicht lediglich zusätzlich um die Frage, warum die Bildungselite bei StudiVZ zu nicht unerheblichen Teilen durch Saufen, Sexismus, Voyeurismus und ähnliche Dummheiten unheimlich sinnentleerte Selbstbespaßung auffält?

Vielleicht bilden die dort registrierten Studenten ein Querschnitt der Realität ab? Und es sind ja auch noch Kinder und Jugendliche (die Erwachsenen sind bei XING!). Sollten die das dann nicht dürfen? Und wer bestimmt die Norm, wie man sich im Internet darzustellen hat? Alle möglichst gleich und anständig. Scheiß auf Diversifität. Jeder wie ein Blogger. Dann wäre unsere Welt moralisch völlig in Ordnung und die Menschheit wäre auch noch hochgebildet.

Habt Ihr schonmal darüber nachgedacht, dass naives Fragen (”Wozu machen wir das hier eigentlich?”) ein rhetorischer Kunstgriff sein kann?

Ja. Kann ein Kunstgriff sein. Der Artikel im allgemeinen scheint ein allumfassender Kunstgriff zu sein. Ins Klo nämlich.

Es wird also pauschalisiert und überspitzt, um die Probleme offen zu legen und da hinein dann mit dem moralischen Finger der fragt: wie können so viele Studenten nur so dumm sein?

Oder aber: wie kann man, wenn man von so vielen Leuten gelesen wird, sich nur solch dummes Zeug erlauben und 1.000.000 Millionen Usern das Vermögen absprechen, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen, ohne bei sich selbst anzufangen? Wenigstens ist da aber einer absolut kritikresistent. Denn wer alles besser weiß und kann, muss sich von Studenten nichts erzählen lassen. Bravo.

Klimaschutz in der Praxis

Frank, 16. Mai 2007

Meine Universität belegt seit neuestem eine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz. Denn, wie wir alle wissen, schützt man das Klima, indem man Strom spart. Und was wäre besser dazu geeignet, als diese neumodischen flachen Bildschirme, die ja höllisch viel Strom sparen sollen?

Die Universität Potsdam hat sich nicht lumpen lassen und in der Mensa am Komplex Griebnitzsee einen Flachbildschirm mit gefühlter Bildschirmdiagonale von 120 cm aufgehängt, der den ganzen Tag die in der Mensa angebotenen warmen Mahlzeiten anzeigt. Und nichts anderes. Darunter ist ein Acrylglas-Schildchen angebracht: “Ideenschmiede”. Na, da habt ihr ja eine feine Idee geschmiedet, Jungs und Mädels von der Gründerinitiative, und endlich dem Massenmord an Bäumen ein Ende gesetzt, die für die vormals aufgehängten papiernen Speisepläne draufgingen. Umwelt- und Imagemäßig ganz große Klasse. Allein, ich frage mich, ob da nicht noch Optimierungspotential in der Wertschöpfungskette ist. Zwar zeigt das Ding nämlich ab vier oder fünf, wenn’s kein Mittagessen mehr gibt, auch nichts mehr an – aber dann finde ich kann man das Ding doch ganz ausmachen. Andererseits, nachher geht das gar nicht richtig aus und das Gerät bleibt im Standby-Modus? Der verbraucht nämlich ganz besonders viel unnützen Strom, wie man ja weiß, und den gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Vermutlich bleibt die Röhre die ganze Nacht an, gell? Richtig so.

Flachbildschirm mit Käsespätzle
Kann man hier nicht so genau erkennen: Angebot 1 waren Allgäuer Käsespätzle mit Röstzwiebeln und Salat. Schmeckte etwas trocken.

Die Malzahnsche Grundverblödung

Frank, 29. März 2007

Lieber Claus C. Malzahn,

schön, dass Sie in ihrem gestrigen SPIEGEL Online-Kommentar glauben, für “uns” Deutsche sprechen zu müssen und “uns” eine kollektive Realitätsverschiebung, ja – Bigotterie hinsichtlich des Verhältnisses zu den USA attestieren. Ja, Herr Malzahn, ich bin also Deutschland und Sie mein Therapeut. Ich spreche wohl mal besser nur für mich selber, wenn ich an dieser Stelle konstatiere, dass ich folgendes aus ganzem Herzen finde: Sie sind ein ausgemachter Hirni. Ich habe schon lange nicht mehr so einen grenzdebilen Schwachsinn wie diesen “Ich bin eine beleidigte Neocon-Leberwurst und alle ausser mir sind Nazi-Pazifisten”-Text auf – wo wohl? – Spiegel Online gelesen.

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Werbeschmutz statt Umweltschutz

ovit, 21. März 2007

Tatort: Berlin Oberbaumbrücke.

Berlin bei Nacht hat was. Die Oberbaumbrücke bietet einen fantastischen Blick über die Stadt, mit dem Abend und der hereinbrechenden Nacht knipsen die Menschen in ihren Wohnungen die Lichter an und alles ergibt eine wunderbare Kulisse für den Spaziergang. Jedoch hat dieses Lichtermeer auch etwas verschwenderisches. Eine wahnsinnige Lichtglocke steht über der Stadt.

Die Eigenwerbung des Universal Gebäudes ist bekannt. Die müssen es ja haben, denkt man sich. Und dann am Ende der Brücke eine Litfaßsäule, die natürlich die gesamte Nacht beleuchtet ist, aber das reicht ja heutzutage auch kaum noch. Das menschliche Auge ist so an die Werbung gewöhnt, dass es sie kaum noch wahrnimmt. Also packt man einen riesigen Halogenstrahler oben drauf, der dann die ganze Nacht über ein gleißenden Lichtstrahl in den Himmel schickt. Und 20 Meter weiter die nächste beleuchtete Werbetafel und so gestaltet sich das gesamte zu sehende Bild. Und am Horizont die riesige iPod Werbung am Eckhaus Wahrschauer Straße. Stilvoll in Szene gesetzt mit einer großen Menge Scheinwerfer. Kostet ja nicht so viel, der Strom, und gerade eine Firma wie Apple hat es ja, aber moment, Strom kostet ja nicht nur Geld, sondern verschmutzt ja auch noch die Umwelt!

Gott sei Dank reden wir darüber, die Glühbirnen endlich zu verbieten. Da werde ich mir heute direkt mal einen großen Schwung Energiesparlampen kaufen. Damit genug Strom übrig bleibt für die unzählbare beleuchtete Werbung des Nachts. Vielleicht sollten wir uns fragen wo denn Umweltschutz anfängt und vielleicht sollten wir die Rechnung, was Werbung Nachts einbringt und welche Kosten und Folgen das alles hat, nicht aufstellen, sondern so etwas schlichtweg verbieten. Es wäre ein Anfang. Und ich drehe mir dann auch bestimmt bald mal ein paar Energiesparlampen rein.

Ein Artikel über die kleinsten Hunde, die stets am lautesten bellen

Gastautor, 15. März 2007

Der Verfasser dieses Artikels ist dem Craplog.de-Team bekannt. Aus naheliegenden Gründen zieht er es vor, anonym zu bleiben. Die Links im Artikel sind aus denselben Gründen anonymisiert.

Das Weblog Politically Incorrect kennen diejenigen unter euch sicher, die mit Neugier gerne mal auch an entlegenen Ecken im weiten Raum der deutschen Blogvernetzungen schnüffeln – und zwar den Ecken, die schon so riechen als ob dort überregelmäßig oft das Bein gehoben wird. Ziemlich großspurig, vielverlinkt und mit einer durchaus bewundernswerten Standhaftigkeit ausgestattet, versucht der Bergisch-Gladbacher Turnpauker Stefan H. den deutschen Volksgenossen die Gefahr von der islamischen Infiltration Deutschlands näherzubringen. Wer könnt’s ihm verdenken? Schließlich waren die Türken schonmal drauf und dran, hätte Eugen von Savoyen sie nicht 1719 bis hinter Belgrad zurückgeschlagen. Deswegen warnt und warnt es, tagtäglich, ohne Unterlass aus PI heraus. Helfen tut H. dabei ein Stab von “Spürnasen”, die kontinuierlich die Zeitungsarchive westlicher Wurstblätter und -Blogs nach Nachrichten durchwühlen, die die eigene Existenzlegitimität mit Biegen und Brechen irgendwie sedimentieren können. Um der Brühe einen moderaten Anstrich zu verpassen, klebt man sich die Aufkleber “Pro-Israel” und “Pro-Amerikanisch” ins Logo, fertig ist die Meinungsfreiheitstapete für die Ressentiment-Bude. Weiterlesen »

Merkwürdige Werbekampagnen

Frank, 15. Februar 2007

Zuckerbröckchen
Foto: markbarkaway (cc)

Für die seltsamsten Dinge wird ja geworben. Eine der abstrusesten Kampagnen ever dürfte irgendwann Mitte der 90er jene für Zucker gewesen sein. Es ging dabei nicht um eine spezifische Marke, Form, Herkunft oder ähnliches. Nein – mit dem draufgängerischen Slogan “Mit Zucker lacht das Leben” wurde das süße Pulver ganz allgemein angepriesen. Anders als bei Milch (Mottos: “denn nur die Milch machts”, “Milch ist meine Stärke”), die ja immerhin auf Schulhöfen gegen Limo, Saft, Kola, Sprudel und Schorle antritt gibt es nämlich keine wirkliche Alternative zu Zucker. Weiterlesen »