Archiv für die Kategorie ‘Stilfragen, deren Antwort “Nein” ist’

Lomogirl auf Berlintournee

Frank, 2. July 2011

retroriker

Coole Texte fangen so an:

Ich sitz’ in Osnabrück im Hotel und schau’ einen Porno
mit Handlung
No Brain, no Pain
Was mache ich hier eigentlich?
Bin ich doof, bin ich tot oder is mir einfach langweilig?
No Brain, no Pain

Weniger coole Texte fangen hingegen so an:

Ich fahre ohne Ziel und Zeitdruck mit der Ringbahn um die Stadt herum, beobachte Menschen, schreibe Dinge auf, lasse mich inspirieren und versuche, mich zu entspannen.

Und so ist dann das Elaborat von freitag.de-Redakteurin Mike Hanke Maike Hank eine öde Beschreibung einer sowieso schon langweiligen Handlung: Mit der Ringbahn um Berlin drumrumzufahren.

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Es ist einfach Rockmusik

Frank, 28. May 2010

Rockmusik von Hurra-Patriotismus-Wiedergängern, die sich WM-mäßig dem Millionenmarkt hirnloser Wir-sind-wieder-wer-Schwachmaten mit Riff-starkem Patridiotenpathos anbiedern und dabei irgendwo zwischen Wolle Petry für Arme (optisch) und Scorpions für noch Ärmere (musikalisch) changieren, aber immer noch Rockmusik irgendwo, ja.

[via Peer per Mail]

Löschen, Sperren, whatever

Frank, 1. May 2010

Wie schmal der Grat zwischen dem heiligen Zorn über Kinderpornographie und der Begeisterung für Nachwuchstalente in der Unterhaltungsindustrie ist, zeigt dieses Video. Zitat aus den Kommentaren: „These girls are amazing! I love watching this over and over again!“ Kann man ja mal zum Anlass nehmen, den leider komplett versifften Begriff der Moral ein wenig zu entstauben (nachdem man die Kotze weggewischt hat). Shamulations! [via reddit]

Liebe iPadophile,

Frank, 5. April 2010

ipad-jobseigentlich gibt es doch keinen Grund, so blöde herumzulavieren. Statt des hie wie da eingestellten Fotos mit “Kuckt mal, wie hübsch meine Website auf dem iPad aussieht”-Untertitelung geht doch an sich auch “Kuckt mal wie geil ich bin, ich hab das Teil als erster und wenn ihr jetzt ankommt und dran interessiert seid, seid ihr neidisch und wenn ihr nicht interessiert seid, dann tut ihr nur so und seid auch neidisch, ihr ARMEN SÄCKE!” Warum also so verklausuliert? Wenn ihr euch mithilfe proletarischen Großkotzprotztums irgendwie potenter fühlt, dann spritzt lasst es doch einfach raus. So wie hier. Oh, und bitte: Erspart mir euer weltmännisch nebenher dahingerotztes “Ist halt auch nur’n Computer” morgen Abend oder übermorgen früh.

Danke für nichts.

Höret mein Wort: Ihr seid alle scheiße!

Frank, 2. April 2009

dem Herr sein Sohn, Buenos Aires

Sich seitenlang und -breit über die Irrelevanz einer so genannten Bloggerkonferenz auszulassen, die man auch einfach ignorieren könnte, ist etwas bigott. Jedes Jahr denselben, nur leicht variierten Text zum Thema abzusetzen, in dem sich über die mangelnde Innovationskraft anderer echauffiert wird, genauso. Aber am allerekligsten ist wohl, wenn Leute, deren Eitelkeit und/oder moralischer Absolutheitsanspruch auch sonst aus jedem Wort, jeder Zeile quillt, sich lautstark über die Eitelkeit anderer beklagen.

Heißer Tipp: Man muss nicht zu allem eine Meinung haben.

Bild: kevin.j (cc)

Kakophonie to the Max — Ein Craplog-Jahresrückblick zum Fest

Nämlich mehrere, 24. December 2008

Oh Geißel der Informationsgesellschaft, die Du uns die Unsitte bescherst, Jahresrückblicke auf allen Kanälen bereits Anfang Dezember auszustrahlen! Was soll dies alberne Gehabe? Weltbewegende Ereignisse, die in der Mitte des Monats oder gar “zwischen den Jahren” geschehen, werden von Dir überhaupt nicht bedacht und geraten langfristig in weltgeschichtliche Vergessenheit. Jahresrückblicke gäbe es in einer gerechten Welt erst am Ende des Jahres, zu dieser Meinung stehe ich, allem Spießertumgeunke zum Trotz, hart wie ein südafrikanischer Rohdiamant. Nun ja, wir, das Craplog-Team sind auch nicht besser und präsentieren unser persönliches Jahresresümée ebenfalls lange vor der zweitausendundachtbeendenden Stunde pickeliger Teenager, deren dumpfes Vergnügen darin besteht, aus Fenstern Passanten mit Chinaböllern zu bewerfen.

Zu unserer Verteidigung: Dieser Jahresrückblick ist komplett vernachlässigbar, eigentlich sollte ihn niemand lesen. Dies ist nicht Jauch, sondern eher Jauche. In einer düsteren Stunde nämlich setzten sich die Craplog-Autoren ovit, Simon, Harry Kuntz und Frank zusammen, um den Lauf des Jahres ausschließlich anhand der veröffentlichten Artikel in dieser Publikation nachzuzeichnen. Im Ergebnis zeigen sich dabei zwei maßgebliche Unzulänglichkeiten: Inhalt und Form. Nämlich schrieben wir unser Elaborat mit Hilfe der kollaborativen Textverarbeitung, die der Dienst etherpad.com anbietet. Soll heißen: Vier Autoren arbeiten gemeinsam gleichzeitig ohne Sinn und Verstand an einem Text, niemand (vor allem ovit) hält sich an irgendwelche Regeln, keiner hat einen Plan, nichts funktioniert so richtig, es herrscht Chaos und was zum Schluß rauskommt, wird veröffentlicht.

Da dein Feedreader aber im Moment sowieso nicht gerade das potenteste Glied aller Optionen zur Webbespaßung ist (und Du sowieso schon bis hierhin gelangt bist), kannst Du den Text auch gleich ganz lesen. Habe Spaß!

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Much Ado About Nothing

Gastautor, 16. May 2008

Craplog-Leser blackmailed, der sich als “20-jähriger Noch-Zivi und Bald-Student der zu viel Zeit hat und sich daher mit derlei Crap auseinandersetzen kann” beschreibt, hat uns unverlangt einen Blogoszönen-Rant eingesandt. Wir danken recht herzlich dafür.

Es ist Freitag nach Feierabend, und wir streifen ermattet den grauen Mantel des tristen Alltages von uns ab. Nach Erholung und Zerstreuung strebend begeben wir uns nach Klein-Bloggersdorf, einer Quelle der Inspiration und des freigeistigen Austausches. In diesem Paradies der kostenlosen Information finden wir alles, was das Herz begehrt: Analysen der plätschernden Tristesse von Büroalltagen, gespickt mit hochphilosophischen Einschüben, die bevorzugt in Form von Vögeln oder bunten Schmetterlingen in Erscheinung treten – wozu noch lesen? Spannende Erlebnisberichte von Top-Anwälten und Freizeitdetektiven, die den Leichen im Keller des Nachbarn auf der Spur sind – wozu noch Krimis und Thriller einschalten? Intelligente und dreifach linkbelegte Artikel zu den brennenden politischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit, noch dazu mit Subjektivität aufgefrischt – ein Fluchtweg vor der Mainstream-Informationsmaschine, die uns täglich mit immer den gleichen neutral verfassten, im Konjunktiv gehaltenen 08/15 Berichten überrollt. (Ha, Ha)
Wo wir auch hinsehen, es ist eine farbenfrohe, vielschichtige und hochdynamische Welt, dieses Klein-Bloggersdorf, denn sie aktualisiert sich sekündlich.

Guru

Wenn wir aber genauer hinsehen, zeichnet sich langsam ein anderes Bild ab: Wer sich durch zehn bis zwanzig private Blogs gearbeitet hat, ist auf mindestens drei Blog-Gurus gestoßen. Ihr kennt sie alle: Diese prächtigen Beispiele der totalen Verschmelzung vom Privatsphärenrest mit der medialen Außenwelt sind einer der traurigsten Auswüchse von Klein-Bloggersdorf. Sie schreiben oft in exzellentem Stil und können aus zwei nasepopelnd verbrachten Stunden einen Artikel zaubern, der von einer Handvoll mitunter fanatischer Anhänger als göttliche Eingebung gepriesen und umgehend nachgeahmt wird. Mediale Stilikonen dieser Art haben ihr Online-Zuhause perfekt eingerichtet, oft passend zu ihren einfallreichen Emo-Pseudonymen mal dunkel und einschüchternd, mal blumig strahlend. Die Seiten sind handwerklich hochwertig und zeugen von einiger Kenntnis in Sachen Kodierung und Design. Als kleine Zugabe schmückt man sich mit Verlinkungen auf die versammelte Blogprominenz – man kennt zwar keinen einzigen der verlinkten Leute, aber immerhin hat man eine Blog-Größe in der Liste stehen und suggeriert so Zusammengehörigkeit! (OMG)

Sie schreiben über das Leben. Über ihr Leben – und lassen die gesamte Öffentlichkeit daran teilhaben, ob nun gewollt oder nicht. Kindheitstraumata, Geschlechtskrankheiten, Stuhlgänge…das RTL2 des Internet findet ihr in Weblogs! Des Gurus Online-Selbst ist oft der Prototyp von Coolness bzw. Gelassenheit angesichts des großen Scheißhaufens namens Real Life und beschwört das Bild des totalen Durchblicks, was von vielen unzufriedenen, scheinbar langweiligen Usern, denen das Real Life auch auf den Sack geht, dankbar akzeptiert wird. Es gibt aber auch Berichte über rauschende Feten, sexuelle Kontakte, Einkäufe, Unfälle, Todesfälle und sogar (Achtung, Kultur) Rezensionen, Kritiken oder Leseempfehlungen, die aber in einer derart selbstverliebten Lässigkeit verfasst werden, die mir die Kotze hochkommen lässt.

Ein Blick auf das Upload-Datum dieser vor Kühnheit und Coolness nur so strotzenden Artikel lässt die Fassade dann schnell bröckeln, und wir erblicken das wahre Gesicht von „Blutelfe“, „Evilsadness“, „shivaa“ „Lonelygirl“, „emeralddream“…[1]

Da wird morgens um 5:50 der Artikel über die vorangegangenen, rauchend und „sinnend“ (Emo!) verbrachten Stunden hochgeladen, quasi als taufrische, noch nachklingende Erfahrung, die unbedingt mit allen geteilt werden muss, damit die große weite Welt jenseits von Klein-Bloggersdorf erfahren möge, wie toll man doch ist. Offensichtlich scheint der gemeine User aber noch nicht gemerkt zu haben, dass diese allwissenden Stilikonen wohl doch nur stinknormale Vollnerds wie du und ich sind, die teilweise ihre gesamte Freizeit einem Medium opfern, dass sie groß und strahlend erscheinen lässt, und dafür müssen sie noch nicht einmal sportlich oder gutaussehend sein. Nein, sie müssen nur 24/7 am PC hängen und ihr erbärmliches Selbst in ein state of the art PHP-Kleid hüllen. Wir, als Besucher von Klein-Bloggersdorf erkennen aber hoffentlich schnell, dass jene kleinen Randnotizen zwar angenehme Alternativen in Sachen voyeuristischer Abendunterhaltung, aber niemals vollständiger Ersatz für unsere eigenen Ideen und Vorstellungen sein können. Wir wenden uns also angewidert ab von dieser Wichtigtuerei und einem extremen Sendungsbewusstsein, das sich wohl nur niederschlagen kann, weil es das Internet gibt. Es ist immer noch Freitag Abend, und die Realität hat uns glücklicherweise wieder. Und an die lieben Gurus: Blog off, morons! Wir sind auch Nerds, aber wenn wir über Scheiße posten, dann nur über virtuelle Scheiße oder wenn Scheiße in der Welt passiert. Unsere eigene Scheiße bleibt friedliche, vom Internet gänzlich unberührte Scheiße. Also lasst die Scheiße.

Guru-Bild: boskizzi (cc)

  1. diese Liste kann ewig weitergeführt werden, man nehme ein Gefühl (Adjektiv oder Substantiv) und kombiniere es mit esoterischen Nomen oder auch Himmelskörpern: moon + sorrow = moonsorrow (Pseudonym erster Klasse!) [zurück]

Wie ich aufhörte, mich über Jimi Blue zu ärgen und lernte, Wilson Gonzales zu hassen

Frank, 23. April 2008

Die Geschichte der sich plötzlich zu höherem berufen fühlenden C-Prominenz ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Und auch heute gibt es noch viele Halbstarke, die glauben, weil sie hin und wieder auf der Straße erkannt werden und einen Fanclub besitzen (jeder hat einen Fanclub — selbst Mark Oh, Ralf Moeller und Kader Loth), müssten sie ihr innerstes nach außen kehren und endlich ihrer wahren Bestimmung folgen. Sie starten eine Gesangskarriere.

jimiblueDas frischeste Beispiel aus dieser nie enden wollenden Kette aus Dilletanz ist: Jimi Blue Ochsenknecht. Ja, ein so abgefahrener Aufdruck im gerade erst erhaltenen Perso — der Junge ist 16 — lässt natürlich die Option “Künstlername” wegfallen. Ladies and Gentlemen, wir reden ergo über: Jimi Blue. Was sollte der Sohn eines Ochsenknechts anderes werden als ein Kuhhirte, mag sich der unbeschlagene Leser fragen. Nun, leider spie der Himmel den Fank (nicht zu verwechseln mit dem Pank) auf das wurstlippige Opfer der eigenen Adoleszenz. Man mag sich ungern vorstellen, welcher zwielichtige Berater dem Ex-Kinderstar empfahl, es doch zur Abwechslung mal mit akustischer Soße zu probieren, aber Fakt ist, dass das Potential zum Größenwahn in ihm somit endgültig geweckt ward. Und so inszeniert sich im Lied “Hey Jimi” ungelenk und pseudolässig eine grotesk entstellte teutonische Kopie von Justin Timberlake in einer Staffage von Cheerleaderinnen, die debil grinsend mit ihren Arbeitsmarktqualifikationen wackeln, umrahmt von dreidimensionalen Buchstabenskulpturen und skurril-bunten Farben, die aber nun die Biederkeit in der das Gesamtwerk resultiert nicht im Geringsten zu übertünchen wissen.

Über die gleichsam schon abartig unterirdisch miese Ballade “All alone”, in der der junge Mann eine Rap-Performance noch (weit!) unter dem Niveau von Oli P. in seinen durchsten Zeiten abliefert, kann ich hier wegen akuter Gesichtspalme nur kurz eine exemplarische Stelle zitieren.

So here I am – starring at the wall
I can’t believe – that you’re really gone
My girlfriend, my only, my homie
Since you left I’m feeling cold and lonely

Zu recht!

Wenn das junge Ding im Fanfragen-Videozusammenschnitt, welches gerade die Startseite seiner Internetpräsenz ziert, auf die Frage, ob er sich denn sein Leben ohne die “Musik” und “Schauspiel”-“Karriere” vorstellen könne, antwortet

Nee, auf gar keinen Fall, weil… Sonst würd ich das nicht machen und (Es folgt ein kurzes Innehalten, mit gespreizten Fingern zeigt er seinen Handrücken, welcher sich schräg abwärts bewegt — Rappergestus!) … Yo!

dann ahnt man, welchen Einfluss amerikanischer Ghettokitsch auf den bürgerlichen Nachwuchs hierzulande hatte und hat: keinen Guten.

BildDoch ist das genug der Fremdscham für heute? Weit gefehlt. Denn Jimi Blue Ochsenknecht hat noch einen Bruder: Wilson Gonzales Ochsenknecht! Der ist 18 und macht ebenfalls Musik, laut Wikipedia “ganz im Gegenteil zur Rap-bezogenen Musik des Bruders” unter Einfluss von “Bands wie Queens of the Stone Age, Arctic Monkeys und Led Zeppelin”. Und das bringt selbst mich dazu, die ironische Distanz fallenzulassen. Ich bin fassungslos. Das ist nicht nur vermessen, das ist nicht nur peinlich — das ist Schrott! Da scheppert ein Schlagzeug arythmisch vor sich hin, da wird kaum ein Ton im Gesang getroffen, da werden im Video die ohnehin schon albernen Motive “Luftschlangen”, “Heimtrainergeradel” und “Wasserschwälle in Zeitlupe” endlos repetiert. Und vorgetragen von jemandem, der sich jung und hip fühlt, weil er vielleicht mal in einem RTL-Extra-Bericht von 2003 über (mittlerweile ja nun auch nicht mehr so) hippe Bands wie den Arctic Monkeys gehört hat und sich entsprechend kleidet, während das Liedthema “New York” nicht im mindestens berührt wird. Nein, nichtmal eine halbwegs ordentliche Produktion schafft es, das völlige Fehlen an musikalischer Begabung bei Wilson Ochsenknecht zu verstecken. Aber wenn es doch nur das wäre, fehlendes Talent kann man immer noch mit Attitüde oder Charme ausgleichen. Nein — dieses akustische Machwerk ist so komplett seelenlos, Daniel Küblböck in eskaliert, schlicht: Musik gewordener Brechreiz. Weswegen ich ausdrücklich davor warne, im folgenden Video auf den Abspielknopf zu drücken.