Archiv für die Kategorie ‘Menschenskinder’

Anarchy in the BRD

Frank, 5. März 2008

BVG-Streik
Bild: thosch66 (cc)

In Berlin wird der Nahverkehr bestreikt. Ab heute stehen die Busse, U-Bahnen, Straßenbahnen und Fahren still, ab Montag, falls die GDL Eier hat, auch die S- und Regionalbahnen. Dass dadurch umso mehr Autos auf den Straßen sein werden, ist abzusehen, genau wie die dadurch noch derberen Staus zu Berufsverkehrzeiten. Hallelujah, das war ja gestern schon ein Gewusel. Man ahnte, dass die vielen Leute in der U5 alle nochmal wichtige Besorgungen machen wollten, am Alex oder so, bevor’s für 10 Tage nicht mehr geht. Als ob uns jetzt irgendwas Atomares bevorstünde: Schnell noch mal ein Kaffeeservice im Kaufhof erstanden, ein Uhrenradio bei Saturn ergattert, Rinderhack in Weißmehltunke bei Burger King vertilgt. Das Ende ist nah, carpe fucking diem!

Mich fragt ja keiner, aber ich finde so lange wir Freunde haben, auf die wir uns verlassen können, ist noch nicht alles verloren. Drum müssen wir jetzt auch bei den Amis fragen, ob sie uns vielleicht mit einigen liebevoll “Rosinenbomber 2.0″ genannt werdenden Armeeflugzeugen aushelfen, welche die ganz besonders dringend Transportbedürftigen von einem Punkt zum anderen befördern. Die Achse Tegel – Schönefeld, mit Zwischenstopp in Tempelhof wäre doch ganz effizient, einmal quer über Berlin, und auch Fridolf, nein – Friehelm, nein – Friedbert Pflüger (Nichtberliner wissen aus gutem Grund nicht, wer das ist) hätte sein Steckenpferd befriedigt, innerstädtische Lärm- und Dreckherde in relevanter, geschichtsbewusster Nutzung zu erhalten. Was gewiss ein angenehmes Gefühl in ihm hervorruft.

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Penetranz vs. Filmvergnügen

Frank, 14. Februar 2008

Videothek

Lieber Kunde,

es ist doch gar nicht so schwer zu verstehen. Schau mal: Ich kann dir keine Mitgliedskarte ausstellen, wenn kein Vertrag von dir da ist. Und ich kann mit dir keinen Vertrag machen, wenn Du dich nicht ausweisen kannst. Da ist mir egal, was mein Kollege gestern gesagt haben mag und da kannst Du mich belatschen so lange Du willst — es geht einfach nicht.

Wenn deine sinnlosen Überredungsversuche dann aber noch minutenlang mit mantraartiger Wiederholung des Null-Arguments “Ich wohn gleich um die Ecke” in den nach einem eh schon beschissenen Arbeitstag wohlverdienten Feierabend hinein angereichert werden — dann, mein Lieber, ist es bei aller Liebe zum Kunden absolut kein Wunder, wenn ich irgendwann gepflegt in die Luft gehe.

Herzlichst,

deine Ausleihschlampe freundliche Servicekraft aus der Videothek

[Dieser Beitrag hängt irgendwie zusammen mit Wenn Kunden zu sehr nerven und Prosa wie sie sein soll: Auf der Arbeit]

Chefredakteure, miese Wortspiele, Blogs, SEO-Spammer: Alles Arschlöcher

Frank, 6. Februar 2008

Vögel
Danke, Gott. Für’s Spatzenpfifferl!

Eigentlich sollte ich mir abgewöhnen, Blogs zu lesen. Warum? Weil’s mir Spaß macht. Ja, das ist paradox, aber auch ein Beispiel, wie man einen Blogartikel halbwegs elegant einleiten könnte.

Bei neun von zehn mir unbekannten Blogs finden sich aber statt solch netter Hooks am Anfang von Artikeln zu Themen die mich interessieren könnten, die ich vielleicht sogar wahnsinnig gerne lesen würde, lediglich Massengräber von YouTube-Videos, Plugin-Spielwiesen, unreflektiertes Werbegeseiher der Apple-Templer, öde Ereignisse aus dem öden Leben öder Menschen, A-Blogger-Speichelgelecke, Spam jeder Art, SEO-Dreck und vor allem – die Beulenpest unter den Blogkrankheiten – Spatzenpfifferl

Diesen hübschen Begriff habe ich soeben höchstselbst erfunden. Er beschreibt jene Blogartikel, die keinen Arsch interessieren, weil das Thema durch ist, überall behandelt wird, jeder eine Meinung dazu hat, kurz: die Spatzen den Artikelinhalt bereits von den Dächern pfeifen. Nehmen wir zum Beispiel Stefan Aust. Der wurde ja vor ein paar Monaten von der Spiegel-Belegschaft durch Vertrags-Nichtverlängerung abgestraft, mutmaßlich dafür, ein tyrannischer Volldepp zu sein. Okay, das war die Nachricht, mehr muss man darüber nicht verlieren. Was aber macht die Blogosphäre? Ergeht sich dutzendweise in Wortspielorgien (“Aus! für Aust”, “Aust die Maus”, “Aust-ritt”, “Aust, das Spiel ist Aus!”, “Austgespielt”, “Stefan Aus”, “Austisten unter sich” und viele mehr) und mutmaßt langweiligerweise, wer denn der Nachfolger des enthusiastischen Windradhassers und Pornoblättchenkolumnisten mit Pferdefaible wird – als ob nicht völlig klar wäre, dass der nächste “auf dem Thron” als Grundvoraussetzung nur ein ebensolcher Dödel werden kann. Ist ja dann auch so gekommen, zu 50 Prozent mindestens.

Jetzt schlägt’s jedoch 13: Stefan Aust ist nicht nur ein Penner, sondern auch noch ein geldgeiler Idiot, versucht sich knapp 5 Millionen vor Gericht zu ergaunern, wird deswegen verfrüht geschasst — und wo muss ich das erfahren? In meinem Feedreader, einem Medienblog, unter der grenzdebil wortverspielten Überschrift: “Aust und vorbei”.

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Warum ich die Nazi Twins bei weitem nicht so dermaßen zum Kotzen finde wie Roland Koch

Frank, 5. Januar 2008

Tazi-Nwins

Wäre ich momentan nicht so müde, ausgemachtem Schwachsinn mit Argumenten zu begegnen, ich tät’ was Ähnliches schreiben zu den absonderlichen Absonderungen von Koch/Merkel/Beckstein wie der Spiegelfechter. Nur nicht so pointiert und eloquent. Also schell rüber mit dir, Leser.

Oh noch da? Selbst schuld. Hier also unpointiert und ineloquent.

Nein, es ist nichts Falsches daran, darauf hinzuweisen, dass junge Leute mit Migrationshintergrund häufiger kriminell und gewalttätig werden. Das ist Realität, empirisch belegbar. Nur ist es vom Kontext der Äußerung und von der Bereitschaft, Gründe zu sehen und Schlüsse zu ziehen, ob es angemessen ist, darauf hinzuweisen. Zustimmen könnte ein vernünftig denkender Mensch wohl, wenn da einer sagt: Nein, der Koran oder ein irgendwie rassisch bedingt niederes Wesen des Kümmeltürk hat damit nix zu tun — Vielmehr ist es ein teuflischer Kreislauf aus mangelnder Integrationsbereitschaft auf beiden Seiten, gepaart mit Xenophobie bei den Einheimischen, prekären Lebensverhältnissen, Distinktion, Ghettoisierung in einigen urbanen Gegenden sowie der allgemein mangelhaften sozialen Mobilität in Deutschland, der zu so etwas führt. Aber kann man denn von Deutschlands Spitzensondermüllfabrikateuren “Bild”, RTL 2 eine halbwegs differenzierte Sichtweise erwarten? Nö, das versteht der Konsument doch gar nicht, was das heißen soll. Wie soll er denn auch? Der liest doch immer “Bild” und schaut RTL 2!

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Schießbefehl, anyone?

Sebastian, 7. Dezember 2007

“So’n Quatsch. Wird eh nix bei rumkommen.” Das war in etwa meine Reaktion, als ich von der inzwischen zurückgezogenen Strafanzeige der stellvertretenden Vorsitzenden der leider so textflussfeindlich benannten Partei Die Linke gegen Wikipedia las. Unter dem Motto “Nazis raus aus Wikipedia”, hieß es in der entsprechenden Presseerklärung:

Seine erfreulich offene Struktur macht “Wiki” leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien.

Es kann und darf nicht sein, dass Einträge aus NS-Quellen zitieren und weit über das, rechtlich geschützte, Maß an Aufklärung hinaus Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen Verwendung finden.

Neben meinem Grusel über das Politikersprech “es kann und darf nicht sein” habe ich mich erstmal gefragt, ob das denn der Fall ist, dass Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen weit übers rechtlich geschützte Maß an Aufklärung hinaus Verwendung finden – dass politische Eiferer aller Couleur versuchen, Wikipedia-Artikel in ihrem Sinne zurechtzuschminken, wäre ja nichts Neues. Und in der Tat berichtet Springers Welt, die interessanterweise mehr Wohlwollen für antifaschistische Bemühungen aufzubringen scheint als so manch schönwetterprogressives Webmagazin und Blog:

Das Forum bei Wikipedia gibt Hinweise auf mehrere Attacken von Rechts in den vergangenen Wochen. Eine kritische Autorin hat beispielsweise “eingeschlichenen Nazi-POV” in einem Artikel über HJ-Fahrtenmesser bemerkt und gelöscht. Mit Nazi-POV ist der rechtsextreme Standpunkt des vorigen Verfassers (engl. point of view, abgekürzt POV) gemeint. Früher im November hatte dieselbe Autorin auf die von einem Wikipedia-Benutzer namens OldJo hochgeladenen Hakenkreuze auf Bildern verwiesen. (…) Diese dienten “keinen enzyklopädischen, historisch-kritischen Zwecken”, bemängelte die Beobachterin. Eine andere Nutzerin berichtete über weitere Beiträge, die als “reine Naziemblem-Container” dienten.

Die bloße Möglichkeit ignorierend, dass so etwas ein Problem sein könnte (noch einmal die Welt: “‘Wir sagen nicht, dass es solche Probleme nicht gibt’, sagt Wikipedia-Sprecher Klempert”), und obwohl schnell bekannt wurde, dass auch Schuberts Genossen die Anzeige nicht unbedingt toll finden, erklärten viele die Partei als solche zur Urheberin der Anzeige: “Linkspartei verklagt Wikipedia” (Netzpolitik), “Die Linke zeigt wikipedia an” (Heise); nur wenig richtiger Golem.de: “‘Die Linke’-Führung zeigt Wikipedia an”; und mit bedenklich erhöhtem Blutdruck Probloggerworld: “Wikipedia und die Zensur durch Linksfaschisten”.


“Dienstgrade und Kragenspiegel der Politischen Organisation (PO) der NSDAP” (Quelle: Wikipedia)

Immerhin zeigt dieser Titel schon mal, woher der Wind eigentlich weht, und liefert so zumindest eine Teilerklärung dafür, dass man sich vierlerorts mit dem “so’n Quatsch, wird eh nix bei rumkommen”, das ich weiterhin für angemessen halte, begnügen konnte. Ähnlich z.B. heißt es im Pottblog:

… durch ihre jüngste Aktion dürfte die stellvertretende Vorsitzende der SED/PDS/Linkspartei/wie_die_Mauerpartei_auch_ gerade_immer_heißen_mag schlagartig bekannter werden …

Mauerpartei ist gut – weil die Mauer nichts mit einer weltpolitischen Lage zu tun hatte und nur gebaut wurde, weil eine Sekte von geistig verwirrten Mauerfetischisten an die Macht kam, die Spaß daran hatten, Leute einzusperren, und die außer Mauern zu bauen auch den lieben langen Tag nix gemacht haben, während zu der Zeit, als SED-Leute die Mauer bauten, es in der dann wohl als Nazipartei zu bezeichnenden CDU von Nazis nur so wimmelte.

Ähnlich beispielhaft für den Aufstand der Zwonuller ist der Beitrag im Spreeblick:

Um als Politikerin für Netzschlagzeilen zu sorgen hilft es enorm, wenn man nicht weiß, was ein Browser ist. Noch wirkungsvoller ist es aber, wenn man keinen Schimmer hat, wie die Wikipedia funktioniert.

In der Pressemitteilung ist doch aber von “erfreulich offener Struktur” die Rede, und es heißt, die Wikipedia lebe davon, dass “jede und jeder seinen Beitrag (…) leisten kann”. (Dass jede seinen Beitrag leisten kann? Als Gott den Mann schuf, übte sie nur? Doch ich schweife ab.) Die offene Struktur ist Schubert also bekannt, und wenn sie schreibt, diese mache Wikipedia zu einem “wenig kontrollierbaren Einfallstor…”, dann anscheinend auch, dass es durchaus eine Selbstkontrolle gibt, die sie allerdings für nicht ausreichend befindet. Heißt “Keinen Schimmer” also soviel wie “du bist doof, nimm mir mein Spielzeug nicht weg” – ein Affekt, der möglicherweise die zweite Teilerklärung für die Aufregung darstellt? Und spielt es überhaupt eine Rolle, wenn ich meine, eine Webseite mache braune Propaganda, ob ich weiß, wie das intern und technisch funktioniert?

“Nazis raus!” fordert Schubert nicht nur für die Wikipedia, sondern für das gesamte Internet und lässt die Antwort auf die Frage “Und wohin?” dabei offen.


“Parteisymbol: Adler mit Hakenkreuz im Lorbeerkranz in den Fängen. Nicht zu verwechseln mit dem Reichsadler, da (aus Perspektive des Adlers) der ‘Parteiadler’ nach links, der Reichsadler hingegen nach rechts schaut.” (Quelle: ebenda)

Über diese Bemerkung kann man lange rätseln. Ich persönlich hätte auch kein Problem damit, wenn sich einer meiner Gäste als Nazi outete, ihn hinauszuwerfen und die Frage, wohin er gehen solle, dabei offenzulassen. Worum geht es denn hier, ein Heim für Nazis? Ist der Gedanke so abwegig, dass es einen stärkenden Effekt für Nazis haben könnte, wenn Nazi-Bild- und Textmaterial frei zugänglich ist? Wenn auf einer Webseite gegen Juden gehetzt wird (sorry, aber das tun Nazis manchmal), ist es sinnlos, die Seite zu verbieten/zu schließen, weil man ja nicht weiß, wo die Antisemiten dann hingehen (sollen), die sich zuvor auf dieser Seite wohlgefühlt hatten? Oder geht es gar nicht um Nazis, sondern nur um die Witzischkeit des Wortspiels? Oder liegt der Schluss nahe, den Wolf Schneider einst für den Umgang mit kryptischen Formulierungen empfahl: “Wahrscheinlich ist gar nichts gemeint”?

Gerüchte, dass Frau Schubert im nächsten Schritt Arcor zur Sperrung der Wikipedia zwingen will, sind ebensolche.

Ja, Arcor soll derzeit allen Ernstes den Zugang zu Google sperren, weil über Google Pornos auffindbar sind; damit hat aber Schubert oder sonstwer aus ihrer Partei nichts zu tun – vielmehr geht es dabei um das Wegklagen von Inhalten, die möglicherweise dem guten Geschäft von Geschäftemachern im Weg stehen könnten, ebenso wie derzeit bei Stefan Niggemeier, wobei im ungünstigsten Fall die Folge sein könnte, dass Foren und Blogkommentare künftig grundsätzlich moderiert werden müssen, was den Tod für den lebendigen Austausch im Netz bedeuten könnte – aber nein, die wahre Gefahr, wie auch Arnulf Baring immer wieder betont, kommt von links, in diesem Fall in Gestalt der Liebe zu staatlicher Zensur, die die Linken ja mit der Muttermilch aufgesogen haben; es ist wohl so: Wenn irgendwer eine alberne Strafanzeige in den Wind furzt, sieht man in Deutschland gleich den Ivan ums Haus schleichen.

Disclaimer: Spreeblick arbeitet gerade selbst an diversen Kampagnen, darunter “Arbeitslosigkeit raus!”, “Gewalt niederschlagen!” und “Der Schnupfen soll für immer weggehen!”.

Ach so! Nazis sind so ‘ne Art Schnupfen, quasi! Ha-tschi, kann halt passieren, dass ‘ne 20-jährige Schwangere im Bus herumgeschubst und geschlagen wird, weil Konsens ist, dass man “für Ausländer keinen Platz” habe, oder dass einer 17-jährigen ein Hakenkreuz in die Haut geritzt wird, dass bereits die statistische Kategorie “Nicht-rechte Jugendliche” eingeführt werden musste, weil diese ein gefährdeter Personenkreis sind, dass Schauspieler und Tänzer nach der Premierenfeier krankenhausreif geprügelt werden und die Täter keine ernstzunehmenden Konsequenzen fürchten müssen etc. pp. Ein Schnupfen!

Selbst wenn man die Anzeige als blinden Aktionismus bezeichnen kann – ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich mit zermatschter Fresse im Krankenhaus läge, während die Täter feixend über den Marktplatz spazieren, wäre mir ein blinder Aktionismus lieber als gar keiner, weil ich daran sähe, dass man das Problem wahrnimmt und möglicherweise sogar gewillt ist, dagegen vorzugehen. Wenn man mal mit einem Opfer rechter Gewalt gesprochen hat, das mit Tränen in den Augen beinahe gefleht hat, die Betroffenheits- und Solidaritätsadressen seien ja nett und schön, aber man solle doch auch und vor allem etwas tun, dann hat man begriffen, dass die Apathie der Öffentlichkeit mit ihrer Standby-Betroffenheit auf Dauer brutaler ist als ein Schlag ins Gesicht – denn das blaue Auge heilt, das Unrecht und die Bedrohung bleiben.


“Die Partei. Allegorische Skulptur von Arno Breker.” (Quelle: ebenda. Lizenz: GNU)

Aber klar, man kann das alles auch als Schnupfen betrachten und das wahre Böse eher in einem juristischen Rohrkrepierer von links am Nikolaustag vermuten. So wie der Spreeblick und seine Leser. “Das ist doch bloß ineffiziente Symptombekämpfung. Ich fordere ein Geburtsverbot für Neonazis!” Jahaha, Nazis sind nun mal da, kann man nix machen. “Die PDS aehh SED … quatsch … Die Linke!!! scheinen noch nicht so ganz in der Demokratie angekommen?” Die Demokratie, deren Behaglichkeit, in der wir digitale Boheme uns gerade so schön eingerichtet haben, nun mal einen Preis hat, zum Beispiel ein paar marodierende Nazis und ein paar Polizisten und Richter, die jene protegieren? “… macht ‘Wiki’ leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien… Leider aber auch für linke und linksextreme Ideologien.” Ja, ob nun Autonome gegen schwerbewaffnete Polizisten antreten oder eine Mehrheit von besoffenen Faschos gegen Behinderte, Obdachlose, Schwule und kleine Mädchen: dieselbe Soße, genau wie NS-Deutschland und DDR – als ob Kinkerlitzchen wie Weltkrieg und Genozid einen Unterschied ausmachten, alles dieselbe Soße! “jeez, inzwischen wird mir von den betonköppen von der sed fast genau so schlecht wie von der braunen pest…”, “Waren ja schon immer ein wenig realitätsfern. Die Mauer ham se der Welt ja auch als antifaschistischen Schutzwall verkauft…”, “Warum die Aufregung? In der DDR hat das doch auch funktioniert. Arbeitslose, Obdachlose, Nazis – gab’s doch alles nicht, und das allein durch totschweigen. War eben doch nicht alles schlecht damals … Man denke nur an Autobahnen (ach ne, war was anderes)”. Ach Quatsch, was anderes, wieso denn.

Aber dann gibt es natürlich auch Kommentare wie diesen:

Was ich wirklich schlimm finde am Internet: Man erfährt immer sofort, wenn sich irgendein Idiot mal wieder völlig zum Horst gemacht hat. (…)

Man erfährt es allerdings nur deshalb immer sofort, weil kaum ein Blogger es sich verkneifen kann, noch mal anders aufzuschreiben, was er gerade in seinem Nachbarblog gelesen hat. Leute, genau – da hat nicht jemand einen Vorstoß zur Abschaffung der Demokratie oder zum Wiederaufbau der Mauer oder zur Übertragung des Internets in staatliche Verwaltung gemacht, sondern sich zum Horst, ganz einfach. Können wir es dabei bitte belassen? Und wenn wir schon meinen, Nazis gehörten zur Demokratie dazu, hiervon abweichende Auffassungen wenigstens tolerieren? Das wäre herzallerliebst, danke sehr.

Vorratsdatenspeicherung? Ich find’s eigentlich ganz gut.

Frank, 28. November 2007

Stoppt die Datenspeicherung auf Vorrat

Es gibt dieser Tage keine konsensfähigere Meinung in der deutschen Blogosphäre als die, dass Wolfgang Schäuble wahnsinnig, die Vorratsdatenspeicherung scheiße ist. Stimmt ja im Prinzip auch (der Titel dieses Eintrags ist nur ein Eyecatcher). Es folgt eine vom hochprozentigen Geist des Jedoch geschlürft habende Einfügung.

Vorschlag meinerseits: Könnte man nicht übereinkommen, dass ein solch lustiges Eselsöhrchen rechts-oben oder ein Layer-Werbung-Style-Botschäftchen nur noch jene auf dem eigenen Blog installieren, die den gegenwärtigen Kurs in Richtung totaler Überwachungsstaat gut finden? Natürlich müsste man die Message dementsprechend ändern, vielleicht in “09.11.2007: Geburtsstunde von Stabilität, Sicherheit sowie Effizienz in der Bekämpfung von Terrorismus und Raubmordkopien “, aber bestimmt geht das ganz einfach. Die Technik ist ja da.

Der Grund für meinen Unmut: Anfangs war’s ja ganz neckisch, aber mittlerweile, da sie jeder hat, gehen mir die Ja-auch-ich-bin-dagegen-Wimpel vom AK Vorrat viehisch auf den Sack. Das ist wie mit TV-Werbungen, die auf einem Gag basieren: Am Anfang, vielleicht die ersten drei Male oder so, schmunzelt man noch. Wenn aber die kurzröckige Blondine auch nach drei Jahren noch das Schlagzeugfell kaputttrommelt und hysterisch lachend fragt, wo der Deinhard-Sekt stehe, ist der Punkt längst erreicht, an dem aus Aufmerksamkeit ein Gemisch aus Anödung und Genervtheit entsteht. Zurück zu den Pagepeels: Sie sind hässlich, bewegen sich (auf einer Website hat sich in der Regel nichts zu bewegen), erhöhen die Ladezeit der Seite, erforden unnötige Mausbewegungen und -klicks, versperren den Blick auf die Seite und deren Anzeige geht auch nicht per Werbeblocker zu verhindern. Und überhaupt: Das Anliegen mag okay sein, aber zu glauben nur weil man ein Bild postet, einen Link setzt oder sich per Sidebar-Button mit irgendeiner Aktion, die gerade die Runde macht, solidarisiert, würde man irgendwas bewirken, ist ziemlich naiv. Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen, sprich: das Rudel der Ignoranten ist nicht zu besiegen, indem man neue Rudel bildet, die sich von ersteren nur durch halbherzige symbolische Gesten unterscheiden.

Versteh mich nicht falsch. Auch ich finde, dass Kommunikation und Aufklärung, ja auch die konzertierte Aktion wichtige Mittel gegen das Unbill in der Welt sind. Aber dann doch bitte richtig und nicht so Live Aid-mäßig[1]. Wenn Du gegen Schäuble bist, dann schreib darüber, warum. Was Du mitbekommen hast, wie es dich heute betrifft, was Du befürchtest, was Du dabei empfindest. Es muss ja nicht gleich ein so fantastischer Rundumschlag wie “Ich bin müde” von Björn sein, schreib einfach etwas anderes als das, was alle schreiben. Geh auf die Straße, fordere politische Konsequenzen (z.B. den Rücktritt von IM “GröVaZ” Schäuble). Beschäftige dich damit wie du deine Bürgerrechte auch im Polizeistaat wahrst (z.B. mit E-Mail-Verschlüsselung), geh die richtigen Parteien wählen (z.B nicht die CDU). Schmiere Botschaften des Unmuts an Häuserwände (z.B. einen per tinyurl verkürzten Link auf regimekritische Websites). Red mit deinen Freunden und deiner Familie, was die politischen Entwicklungen für sie bedeuten und wenn Vati am Abendbrotstisch meint, er habe ja nichts zu verbergen ist das der richtige Moment ihm zu eröffnen, dass Du die Schmuddelheftchen in der Sockenschublade schon vor Jahren entdeckt hast. Tu einfach was. Sich ein doofes Banner ins Blog zu pappen reicht bei weitem nicht.

  1. “LiveAid-mäßig” bedeutet in diesem Fall nicht bloß, sich als Popmusiker zur Egopflege mit Machthabern zu treffen und unheimlich wichtig in die Kamera zu schauen, sondern auch jede Form des abgeschmackten Protests. Wie etwa das symbolische Zugrabetragen von Gesundheit oder Bildung in einem Pappsarg, auf dem “Gesundheit” bzw. “Bildung” steht, auf Demonstrationen, mit dem man’s todsicher in die Tagesschau schafft. [zurück]

Wie das Internetz unsere Kinder verdirbt

Frank, 21. November 2007

Cyberzombie
Foto: lorda (cc)

Was ist noch schlimmer als ein Mensch ohne Durchblick? Ein Mensch, der seinen offenkundlichen Unverstand wie einen stolz geschwollenen Phallus vor sich her trägt. Im Forum von Speichel Online schreibt User “Steinkauz” zu einem Artikel über Mobbing, das über MySpace erfolgte und einen Suizid zur Folge hatte (Thema logischerweise boulevardesk: “Das Web als Waffe: Braucht das Internet strengere Regeln?”) folgendes:

Mischt euch ein!

Okay, ich gehe das jetzt mal durch.

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Medien, Mütter, Märtyrer

Frank, 9. November 2007

Fragt man nach Begriffen, deren Sinnentleerung auf der Agenda von deutschen Medienschaffenden ganz weit oben zu stehen scheinen, sollte “Martyrium” nicht fehlen. Das Martyrium, die Allzweckwaffe des emporstrebenden Schreiberlings. Allgemein meint das Wort ja die Selbstaufopferung einer Person, um andere zu retten, meist noch im Kontext einer übergeordneten, hehren Idee. Bloß weiß das anscheinend kein Arsch mehr. Ich kann mir durchaus lebhaft die verhältnismäßig komplexe Assoziationskette im Hirn eines – lass es RTL-Nachrichten-Texters sein – vorstellen.

“Oh. Agenturmeldung wo ‘Entführung’ drinne steht” -> “lesen” -> “Hä?” -> “Nochmal lesen” -> “Entführung schon zu Ende? Falls ja: Vornehmes Wort ‘Martyrium’ im Bericht benutzen” -> “vielleicht Gehaltserhöhung” -> “Neues Auto” -> “Leasing?” -> usw…

märtyrer mangels mehrtürer
Märtyrer mangels Mehrtürer? (Scan aus einer US-amerikanischen Kreationisten-Kinderbibel von 1953, in deren Besitz ich tollerweise bin)

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