Archiv für die Kategorie ‘Menschenskinder’

bild-auf, bild-ab, bild-in-dein-gesicht

cipha, 3. September 2008

micro$oft ist momentan auf einem konsequenten weg, so schnell wie möglich die 10.000-patente-marke zu knacken. bei diesem projekt wird jeglicher rotz zum patent angemeldet, aber was sie sich aktuell geleistet haben sprengt nicht nur die vorstellungskraft einer jamaika-bob-mannschaft: wenn ihr ein wenig mit der handelsüblichen computer-tastatur vertraut seid, werden euch zwei tasten mal zwischendurch aufgefallen sein, die schlicht das wörtchen “bild” und zwei pfeile nach oben und nach unten tragen. dies dient nicht nur der verzierung, sondern erlaubt euch vielmehr, bei einer computer-seite, z.b. in textverarbeitungsprogrammen, vertikal vor- und zurückzuscrollen. die gehören nun nicht mehr eurer tastatur, euch selbst schon gar nicht, sondern neuerdings unserem lieblings-monopolisten aus redmond, washington, usa. das beste kommt aber jetzt: der ultimative beweis, dass diese tasten auch wirklich micro$hit gehören, wird mit einer 0815-ibm-tastatur aus dem jahr 1981 erbracht, bei der die tasten schon dabei sind.

w00t!? also erstmal: wenn es sich bei den ibm-tastaturen tatsächlich um die ersten mit dieser funktion handelt, wieso bekommt dann m$ das patent und nicht ibm? wie kann überhaupt ein software-hersteller(!) ein patent auf ein hardware-feature bekommen? und schliesslich: gibt es eine möglichkeit, dass der konzern künftig gebühren für das verbauen dieser beiden tasten erheben darf oder was? muss ich meine tasten jetzt ausbauen und zurückgeben? amerika, du bist sehr witzig. und irgendwie auch behämmert. microsoft hats erfunden, schon klar.

wirklich lächerlich wird das alles, wenn man sich mal etwas genauer mit der herkunft der computer-tastatur beschäftigt. deren grossvater war nämlich kein geringerer als die schreibmaschine, die 1821 das erste mal erschien. wieso meldet m$ nicht einfach ein patent darauf an? dann hätten sie eine ganze armada weiterer tasten in ihrem patent-ghetto. zumal ca. 1870 dank remington und sholes die ersten geräte mit qwerty-layout auftauchten, das heute grossflächig verwendung findet (oder bei uns eben qwertz).

die tastatur war nie eine erfindung von m$, auch nicht von ibm und ich bin sogar der meinung, dass es reiner zufall ist mit diesen bildauf- und bildab-tasten. die sollen mich nicht vollabern, das erste micro$oft word erschien erst ende oktober 1983. würde sich der echte kopf jetzt bitte melden, so kann das nämlich nicht weitergehen. was für ein krampf…

[quelle: /. - microsoft patents "Pg Up" and "Pg Dn"]

Die Windmühlen des Marco K

Frank, 22. August 2008

Marco K ist ein junger Schreiberling, der für die Freiheit einsteht. Und er nimmt sich Freiheiten, konsequent. Etwa jene, bei “eigentümlich frei” ganz im Gegensatz zu den verhassten Latte Macchiato süffelnden “Luxussozialisten” Kinderarbeit zu verteidigen und in der rechtskonservativen “Blauen Narzisse” die Brothers Keepers als “schwarze Hassprediger” zu bezeichnen. Auch in seinen sonstigen Absonderungen verdeutlicht der junge Mann, dass dort wo sich unbeschwerter Nationalismus und ökonomistischer Marktfetisch in zärtlicher Umarmung vereinen, der gemeine Kotzbrocken seine Heimstatt hat, einem Ort, wo auch linkspolitische, Staats- und Überfremdungsparanoia an den Wänden wuchern wie prächtig gepflegte Schimmelpilzkulturen.

Sein eigenes Blog nennt K programmatisch opponent.de. K opponiert zum Beispiel gegen den fiesen Mindestlohn. Denn der ist interventionistisch, genau wie grundsätzlich alle fixierten Standards der Menschenwürde. Weil man den Lesern seines Blogs ja mal etwas zum Lachen, was Witziges, Bissiges an die Hand geben will, verzog er sich jüngst in den Keller und kam kurz darauf mit folgender Collage wieder heraus:

Humor wie '33: Hitler und der Mindestlohn

Ich schlapp mich lach. Hitler! Förrr den Mindestlohn! Auf einer Seite des Deutschen Gewerkschaftsbunds! Prust. Na klar, denn im Nationalsozialismus steckt ja auch der Sozialismus drin, gell? Zum Niederknien (und Fußbodenpizza backen).

Der Deutsche Gewerkschaftsbund bekam das spitz und fand’s nicht komisch. So erhielt K gestern einen Brief mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrter Herr K,

hiermit fordern wir Sie auf, den auf Ihrer Internetseite www.opponent.de eingestellten, der im Wesentlichen Inhalte unserer Internetseite www.mindestlohn.de sowie das DGB-Logo zeigt, umgehend von ihrer Internetseite zu nehmen. Sollte dies nicht bis

Freitag, den 22. August 2008, 10.00 Uhr vormittags

geschehen, behalten wir uns ausdrücklich alle in Betracht kommenden strafrechtlichen wie zivilrechtlichen Schritte gegen Sie vor. Wir weisen Sie insbesondere darauf hin, dass Sie keine Erlaubnis haben, das DGB-Logo zu verwenden.

Mit freundlichem Gruß

Reinhard D

Klar ist es etwas harsch, auf einen popeligen Blogger und seine solcherlei geradezu Mitleid erregende Versuche, lustig zu sein, zu reagieren. Aber es ist ihr gutes Recht. Zumal der DGB rechtsmittelmäßig sicher adäquat ausstaffiert ist und auch gleich eine Abmahnung hätte verschicken können. Und dass das kostet, weiß man ja seit den diversen “Brötchengates”, die die deutsche Bloglandschaft erschütterten.

Oh tempora, oh mores! Der stalinofaschistische DGB droht uns Monokulti-Heten mit Staatsgewalt plärrt es da aus dem Opponentenblog. Um Solidarität heischend erklärt K:

Ich akzeptiere die Drohung mit Initiierung staatlicher Gewalt gegen mich durch den DGB-Bundesvorstand nicht und werde der Aufforderung aus ethischen Gründen nicht nachkommen. (…bla…)

Darüber hinaus empfinde ich die Drohung durch den DGB nicht nur als Beweis für die Humorlosigkeit der Gewerkschaftsbürokraten, was schließlich noch zu verschmerzen wäre, sondern als offenen Angriff auf die unantastbaren Freiheiten des Individuums, welche die Grundlage für eine friedliche und freie Gesellschaft bilden, im Unterschied zu einem menschenverachtenden, freiheitsfeindlichen Regime wie etwa der DDR, das durch die deutsche Gewerkschaftsbewegung maßgeblich gestützt wurde. (…bla…)

Gewerkschaftsvertreter haben heute einmal mehr ihre Maske fallen gelassen, hinter der sich die hässliche Fratze der Menschen- und Freiheitsfeindlichkeit verbirgt. Die Drohung gegen mich wird nicht dazu führen, dass ich mich dem Willen des DGB beuge. Vielmehr sehe ich es ab sofort als primär an, Widerstand gegen (staatlich protegierte) Gewerkschaften auf allen Ebenen zu leisten und zu unterstützen.

Ich möchte alle Menschen, insbesondere alle Blogger, dazu aufrufen, dem Abmahnwahn hierzulande, dem Drohen mit staatlicher Gewalt, den Einschüchterungsversuchen staatlicher, halbstaatlicher und privater Akteure nicht schweigend zu begegnen, sondern aktiv Widerstand zu leisten. Freiheit ist ein zerbrechliches Gut, das jeden Tag wieder erkämpft und bewahrt werden muss. Einmal verloren, ist die Freiheit nur unter größten Opfern zurückzuerlangen. Gehen wir den Weg in die Tyrannei, den dieses Land schon all zu lange beschritten hat, nicht weiter!

K spielt sich also auf als Vertreter von Meinungsfreiheit, Kämpfer gegen Zensur und Staat, hier verkörpert in Gewerkschaft und Justiz. Nun ja, jedem seinen eigenen Größenwahn. Lieber Marco, darf ich fragen, ob du dich, wenn du bei der Steuererklärung schummelst, wie William Wallace fühlst, beim Schwarzfahren wie Che Guevara, beim besoffenen Autofahren wie Mahatma Gandhi?

Von mir, lieber Marco, gibt’s keine Solidarität, allerhöchstens etwas Mitleid. Denn es hat schon etwas Don Quixote-artiges, sich selbst und das eigene verkackte Weltbild so aufzublähen, dass man meint aus einer nicht lustigen, nein – wirklich einfach nicht lustigen, grafischen Nazi-Gleichsetzung eine Verteidigung angeblich liberaler Werte zu konstruieren. Vorzugeben, dass eine solch erbärmliche Albernheit Satire sei, anderen vorzuwerfen, sie seien humorlos, wenn sie den Humor darin nicht entdecken.

Anderswo kommt man in der Besprechung des Falles gleich mit Arbeiterdichtern:

Kurt Tucholsky (1890-1935) war ein linker Intelletikueller, trat für die Arbeiterbewegung ein und seine Werke wurden wie viele andere auch im Mai 1933 von wildgewordenen Nationalsozialistischen Studenten verbrannt.

Der Schriftsteller, Journalist und Gesellschaftskritiker ist bis heute eine viel- und gernzitierte Persönlichkeit. Eines seiner bekanntesten Zitate lautet

“Was darf Satire? Alles.”

Kurt Tucholsky hatte durchaus recht. Aber wenn so etwas wie obiges Werk schon die Schöpfungshöhe von Satire erreicht, dann bin ich dafür den Begriff gleich ganz zu entgrenzen. Dann wäre ich dafür — und das meine ich hier nur metaphorisch — auch einen Tritt in die Fresse als Satire zu liberalisieren. Lustig wär’s zumindest.

[via gulli]

all ur linkz are belong to uz

cipha, 30. Juli 2008

was haltet ihr davon, wenn ich euch sagen würde: ab morgen gibt es im web keine links mehr! würdet ihr weinen, weil eines der wichtigsten features des web plötzlich fehlte oder würdet ihr es sehen wie dieser kompetente spanien-liebhaber, der behauptet, dank google braucht man ja keine verknüpfungen mehr?

ich sehe mich als einen experten des web, der wirklich viel darüber gelesen hat und eigentlich verstanden hat, was es so besonders macht. dabei hilft einem die sicht der dinge aus der feder einer der hauptentwickler des www, robert cailliau: “die wiege des web”.

ich meine zu wissen, aber da kann ich mich auch täuschen, dass ein besonderer aspekt am hypertext wirklich diese referenzialität ist. tim berners-lee hat das mal schön mit der metapher der assoziationsfähigkeit des gehirns beschrieben, wie das web funktioniert. das leuchtet ein: ich kann ja “springen”, von link zu text zu video zu bild zu text usw. usf; wie mein gehirn. dieses prinzip ist doch einer der grundpfeiler des web oder habe ich das nicht verstanden!? das ist doch auch einer der gründe, wieso die bibliothek von alexandria gegen wikipedia nur eine dorfbibliothek ist. wissen (und nicht nur das) ist doch so viel schneller lernbar, von zusätzlichen features wie hintergründiges zum thema oder quellenangaben mal komplett abgesehen.

fazit: links sind nicht nur nützlich, sie sind eine der quintessenzen dieses mediums. sie sind die tore, durch die man sich in diesem schier unendlichen kaninchenbau von ort zu ort “warpen” kann; von gedanke zu gedanke springen kann; von einem problem zu einer lösung des problems kommen kann. fielen sie plötzlich weg, was bliebe uns dann noch vom web? wir hätten nur ein genauso langweiliges, genauso hölzernes und kaum interaktives medium, wie die auf papier. so, schluss jetzt, und wenn alle stricke reissen:

all ur linkz are belong to uz!

wir kümmern uns um die. kommt zu papa, ihr armen hyperlink-seelchen! bei mir seid ihr sicher.

adobe trash

cipha, 4. Juli 2008

adobe flash trash macht meinen rechner unbrauchbar.

wenn ich surfe, und das mache ich in 99,9% der fälle mit firefox, habe ich immer notorisch viele tabs offen. kann auch mal vorkommen, über wochen hinweg. jetzt gibt es dieses phänomen, dass immer webseiten, die adobe flash nutzen, eine ungeheure last an den prozessor abgeben. normalerweise, ich kann so viele tabs offen lassen, wie ich will, liegt meine cpu-temperatur zwischen 50° und 60°. damit lässt sich formidabel arbeiten. wird auf einer website jedoch flash genutzt, womöglich noch mehrmals gleichzeitig, über anzeigen, eingebundene videos oder wasweissich, ächzt meine maschine (amd turion64, 1,8ghz; vergleichbar mit 3ghz intel) wie unter hardcore-vollast mit 85°. das sind nur noch 10° unter der maximaltemperatur! 10°! dann tot!

es liegt niemals an den browser-entwicklern. dieses problem hatte ich in so ziemlich jeder version des firefox. ich hasse nackte browserfenster. ich liebe dieses “gedächtnis-feature”, das mir auch noch nach wochen zeigt, was wichtig ist/war. da jetzt den übeltäter herauszufiltern, der für den hitze-overkill verantwortlich ist, ist praktisch unmöglich.

verdammt. heute gibt es kaum noch seiten im www, wo kein flash eingesetzt wird. die idee an sich hat ja auch was verlockendes: die möglichkeit eines mashups mit tollen videos oder spielen oder eigenen radiosendern sucht seinesgleichen. dennoch bin ich der meinung, im jahr 2008, das web hat inzwischen den führerschein, könnte man da nicht verlangen, dass adobe mal seine vielen millionen in eine korrekte flash-version steckt? ist das zuviel verlangt!? müssen erst alle zu einer schwulen parallellösung aus redmond, brainwashington, wechseln? wäre eine computerwelt nicht viel sonniger, in der adobe flash trash auch auf pcs eingesetzt werden kann, die unter 2ghz rechenleistung liegen? bin ich eigentlich schuld an allem?

fakt ist: dieser quasi-standard, den adobe mit seiner flash-entwicklung bereits jetzt etabliert hat, ist praktisch unumkehrbar. auch das w3c weigert sich beharrlich, dieses omnipräsente embed-tag endlich zu adaptieren, kommt aber auch nicht mit einer eigenen passablen lösung aus seiner deckung heraus. was kann man tun? nix. proprietärer murks regiert. ich bin schuld, ich will es ja nutzen. bullshit. hoffentlich zerschiesst es mir mal den prozessor. ist ja nur meine maschine. war ja kostenlos und umsonst. danke adobe. für nichts!

Wie bin ich Gast, wie sollt ich’s sein?

.markus, 30. Juni 2008

Gäste sind das A und O der Gastronomie und auch noch das G S T R N M I E. Hunderte Bücher informieren, belehren und maßregeln den dienstbeflissenen Bediensteten im Umgang mit dem Kunden. Das Verhalten des Gastes selber, das sich eigentlich nur im Rahmen der natürlichen Höflichkeit und Aufmerksamkeit bewegen braucht, wird leider kaum angesprochen. Die allermeisten Gäste sind unkompliziert, manche gehen aber nur von einem einseitigen Kommunikationsmodell aus. Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf, damit der Kellner nicht irgendwann die Theke mit den Zähnen küsst oder sich mit einer Kuchengabel böse Dinge antut.

Grundlegendes

Artikulation – die erste Silbe betont es – ist eine Kunst. Ein Leitthema, das sich hier durch alle Lektionen ziehen wird. Um grundlegenden Missverständnissen vorzubeugen, hilft es sehr, das Gewünschte in klarer (Aus-)Sprache und einer angemessenen Lautstärke zu bestellen. Selbst Frauen und babypopoglatten Jünglingen muss man allzu oft einen (metaphorischen) Bart andichten, wenn sie mal wieder “Nuschelsuppe” bestellen.

Lektion I – Die Auswahl und Bestellung

Dass Menschen in Verträgen nicht das Kleingedruckte lesen ist bedauerlich, aber nachvollziehbar. Doch auch größere Buchstaben scheinen manchmal keine besondere Anziehungskraft auszuüben. Gewisse Leute müssten unter meterhohen Stahlbetonbuchstaben begraben werden, um das Gewicht der Worte zu begreifen. Die Speisekarte ist keine Unterart der Tischdekoration, sondern tunlichst zu benutzen.
Der ausgesprochenen Bestellung geht ein Entscheidungsprozess voran, den der Gast allein durchmachen muss. Der Kellner (sollte!) kennt zwar Speis und Trank der Speise- und Getränkekarte, kann empfehlen und erklären, muss aber nicht existenziell an grundlegenden persönlichen Entscheidungsschwierigkeiten beteiligt sein. Bevor man also die Hand in die Höhe reckt, demonstrativ die Karte ablegt oder den Kellner mit Blicken anfunkt, sollte man zumindest die Stoßrichtung seiner Expedition in gastronomische Gefilde festlegen. Bei philosophischen Fragen, wie etwa “Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier?” ist der Kellner nur bedingt fähig zu antworten. Ihn als interaktive Dropdown-Menükarte zu benutzen, kann für alle Beteiligten anstrengend sein. Warum erst einen Kaffee bestellen, wenn’s doch ein Cappuccino sein soll? Warum nicht gleich ein Weizen oder Pils bestellen, anstatt nur dumpf “Bier” zu sagen.

Lektion II – Der Tischservice

Die Auswahl ist getroffen, der Gast kann sich nun zurücklehnen und es sich gemütlich machen. Dabei wird gerne der Tascheninhalt über den Tisch ausgebreitet und das Großformat der Tageszeitung voll ausgenutzt. Ungemütlich ist das für den Träger von Speis und Trank, wenn die Stellfläche zwischen den Utensilien nur wenige Quadratzentimeter Tischplatte freilässt. Nicht jeder Kellner ist promovierter Zirkusjongleur und kann drei Teller balancierend mit dem vorderen Glied am kleinen Finger eine Zeitung falten oder Handys, Zigarettenschachteln und Geldbeutel zu einem Platz sparenden Turm stapeln – gerade wenn ihn der Gast dabei anschaut, wie Frühstücksfernsehen auf RTL II. Eine leichte Seitwärtsbewegung des Oberkörpers könnte die Tellerübergabe zudem noch mehr vereinfachen.

Gespeist und getrunken, der Gast ist fertig. Auch hier ist die Ausnutzung der vollen Tischplatte sehr beliebt und die Überreste und Utensilien einer Mahlzeit verteilen sich über diese. Von einem Gast kann man kaum verlangen, dass er die Teller stapelt, aber vielleicht, dass er zumindest eine halbwegs strategisch geschickte Platzierung für das notwendige Abräumen durch den Kellner wählt.

Lektion III – Der Zahlvorgang

Es lustiges Spielchen, spontan und gönnerhaft den Freund zum Essen einzuladen, oder zumindest einen Teil der Rechnung zu übernehmen, für den Kassierenden mitunter jedoch ein anstrengendes Verfahren, wenn sich eine genierte Bezahlungsdiskussion entspinnt, in deren Verlauf sich sekündlich die Bezahlanteile ändern. Die Goldmedaillen in der Kopfrechen-Olympiade sind rar, man darf also nicht unbedingt davon ausgehen, dass gerade dieser Kellner der Träger einer solchen ist. Während des Bezahlvorgangs zusätzlich ins Spiel gebrachte Scheine und Münzen, erhöhen zusätzlich den Verwirrfaktor. Trinkgeld nimmt der Bedienstete gern, aber genuschelte Trinkgeldsummen (siehe Grundlegendes) sorgen leicht für Missverständnisse und kurzzeitigen Unverhältnissen der Geldbörsen.

Lektion IV – Das Verlassen des Lokals

Das Verabschieden bietet ein reiches Repertoire an Wörtern und Sätzen, wovon gerne Gebrauch machen kann, um als Gast dem bemühten Angestellten der Gastronomie eine kleine letzte Höflichkeit zu erweisen.

Von Kartoffelkisten und Dosenravioli

Frank, 10. Juni 2008

Gebührenfinaziertes Qualitätsfernsehen gibt es wirklich. Wilfried Schmickler redet sich in den WDR-Mitternachtsspitzen in äußerst Craplog-kompatible Rage hinsichtlich des parteiübergreifend abgehobenen Lamentierens über die so genannten Minderleister. Sprich: Leute wie dich und mich, denen das Nichtstun in verantwortungsvollen Positionen nicht qua Geburt in die Wiege geeumelt wurde.

Oben erwähnter Thilo Sarrazin muss, nebenbei, bei seinem “Kochen mit Hartz IV”-Experiment herumgemogelt habe, stellt zumindest Mark von der Opposition fest. Verwunderlich ist das vor allem deshalb, weil man bei 46 Nebenjobs doch an sich eine ordentliche Energiezufuhr benötigt. Aber die Leistungselite kann sowas halt.

[via: Freundin und Autismuskritik]

Much Ado About Nothing

Gastautor, 16. Mai 2008

Craplog-Leser blackmailed, der sich als “20-jähriger Noch-Zivi und Bald-Student der zu viel Zeit hat und sich daher mit derlei Crap auseinandersetzen kann” beschreibt, hat uns unverlangt einen Blogoszönen-Rant eingesandt. Wir danken recht herzlich dafür.

Es ist Freitag nach Feierabend, und wir streifen ermattet den grauen Mantel des tristen Alltages von uns ab. Nach Erholung und Zerstreuung strebend begeben wir uns nach Klein-Bloggersdorf, einer Quelle der Inspiration und des freigeistigen Austausches. In diesem Paradies der kostenlosen Information finden wir alles, was das Herz begehrt: Analysen der plätschernden Tristesse von Büroalltagen, gespickt mit hochphilosophischen Einschüben, die bevorzugt in Form von Vögeln oder bunten Schmetterlingen in Erscheinung treten – wozu noch lesen? Spannende Erlebnisberichte von Top-Anwälten und Freizeitdetektiven, die den Leichen im Keller des Nachbarn auf der Spur sind – wozu noch Krimis und Thriller einschalten? Intelligente und dreifach linkbelegte Artikel zu den brennenden politischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit, noch dazu mit Subjektivität aufgefrischt – ein Fluchtweg vor der Mainstream-Informationsmaschine, die uns täglich mit immer den gleichen neutral verfassten, im Konjunktiv gehaltenen 08/15 Berichten überrollt. (Ha, Ha)
Wo wir auch hinsehen, es ist eine farbenfrohe, vielschichtige und hochdynamische Welt, dieses Klein-Bloggersdorf, denn sie aktualisiert sich sekündlich.

Guru

Wenn wir aber genauer hinsehen, zeichnet sich langsam ein anderes Bild ab: Wer sich durch zehn bis zwanzig private Blogs gearbeitet hat, ist auf mindestens drei Blog-Gurus gestoßen. Ihr kennt sie alle: Diese prächtigen Beispiele der totalen Verschmelzung vom Privatsphärenrest mit der medialen Außenwelt sind einer der traurigsten Auswüchse von Klein-Bloggersdorf. Sie schreiben oft in exzellentem Stil und können aus zwei nasepopelnd verbrachten Stunden einen Artikel zaubern, der von einer Handvoll mitunter fanatischer Anhänger als göttliche Eingebung gepriesen und umgehend nachgeahmt wird. Mediale Stilikonen dieser Art haben ihr Online-Zuhause perfekt eingerichtet, oft passend zu ihren einfallreichen Emo-Pseudonymen mal dunkel und einschüchternd, mal blumig strahlend. Die Seiten sind handwerklich hochwertig und zeugen von einiger Kenntnis in Sachen Kodierung und Design. Als kleine Zugabe schmückt man sich mit Verlinkungen auf die versammelte Blogprominenz – man kennt zwar keinen einzigen der verlinkten Leute, aber immerhin hat man eine Blog-Größe in der Liste stehen und suggeriert so Zusammengehörigkeit! (OMG)

Sie schreiben über das Leben. Über ihr Leben – und lassen die gesamte Öffentlichkeit daran teilhaben, ob nun gewollt oder nicht. Kindheitstraumata, Geschlechtskrankheiten, Stuhlgänge…das RTL2 des Internet findet ihr in Weblogs! Des Gurus Online-Selbst ist oft der Prototyp von Coolness bzw. Gelassenheit angesichts des großen Scheißhaufens namens Real Life und beschwört das Bild des totalen Durchblicks, was von vielen unzufriedenen, scheinbar langweiligen Usern, denen das Real Life auch auf den Sack geht, dankbar akzeptiert wird. Es gibt aber auch Berichte über rauschende Feten, sexuelle Kontakte, Einkäufe, Unfälle, Todesfälle und sogar (Achtung, Kultur) Rezensionen, Kritiken oder Leseempfehlungen, die aber in einer derart selbstverliebten Lässigkeit verfasst werden, die mir die Kotze hochkommen lässt.

Ein Blick auf das Upload-Datum dieser vor Kühnheit und Coolness nur so strotzenden Artikel lässt die Fassade dann schnell bröckeln, und wir erblicken das wahre Gesicht von „Blutelfe“, „Evilsadness“, „shivaa“ „Lonelygirl“, „emeralddream“…[1]

Da wird morgens um 5:50 der Artikel über die vorangegangenen, rauchend und „sinnend“ (Emo!) verbrachten Stunden hochgeladen, quasi als taufrische, noch nachklingende Erfahrung, die unbedingt mit allen geteilt werden muss, damit die große weite Welt jenseits von Klein-Bloggersdorf erfahren möge, wie toll man doch ist. Offensichtlich scheint der gemeine User aber noch nicht gemerkt zu haben, dass diese allwissenden Stilikonen wohl doch nur stinknormale Vollnerds wie du und ich sind, die teilweise ihre gesamte Freizeit einem Medium opfern, dass sie groß und strahlend erscheinen lässt, und dafür müssen sie noch nicht einmal sportlich oder gutaussehend sein. Nein, sie müssen nur 24/7 am PC hängen und ihr erbärmliches Selbst in ein state of the art PHP-Kleid hüllen. Wir, als Besucher von Klein-Bloggersdorf erkennen aber hoffentlich schnell, dass jene kleinen Randnotizen zwar angenehme Alternativen in Sachen voyeuristischer Abendunterhaltung, aber niemals vollständiger Ersatz für unsere eigenen Ideen und Vorstellungen sein können. Wir wenden uns also angewidert ab von dieser Wichtigtuerei und einem extremen Sendungsbewusstsein, das sich wohl nur niederschlagen kann, weil es das Internet gibt. Es ist immer noch Freitag Abend, und die Realität hat uns glücklicherweise wieder. Und an die lieben Gurus: Blog off, morons! Wir sind auch Nerds, aber wenn wir über Scheiße posten, dann nur über virtuelle Scheiße oder wenn Scheiße in der Welt passiert. Unsere eigene Scheiße bleibt friedliche, vom Internet gänzlich unberührte Scheiße. Also lasst die Scheiße.

Guru-Bild: boskizzi (cc)

  1. diese Liste kann ewig weitergeführt werden, man nehme ein Gefühl (Adjektiv oder Substantiv) und kombiniere es mit esoterischen Nomen oder auch Himmelskörpern: moon + sorrow = moonsorrow (Pseudonym erster Klasse!) [zurück]

ich weiß nicht wieso ich euch so hasse, fahrradfahrer dieser stadt

ovit, 14. März 2008

sich über den streik aufzuregen, das ist zu einfach, dachte ich, das haben wir ja auch schon gemacht, dachte ich, da kannst du dich ja gleich über jedes dahergelaufen popsternchen aufregen, dachte ich, als ich heute morgen aus platzmangel in der s-bahn halb auf einem fahrrad lag und genüsslich meinen kaffee to go trank. meine rückenwirbel verschoben sich allmählich und mit steigendem schmerzgrad und der wachsenden erkenntnis, dass sich in naher zukunft keine chance der bewegung ergeben würde, verfluchte ich die ganze welt auf das schlimmste.
ein seltsames phänomen spielt sich bei einem streik im öffentlichen nahverkehr ab. da sollte man meinen, die menschen greifen auf ihre fahrräder zurück um unabhängig von diesen verkehrsmitteln zu sein, aber ganze anders der mensch er ist, als er sein sollte. er rennt mit seinem rad richtung s-bahn und guckt, ob da nicht noch ein quadratmeterchen platz für ihn und sein rad ist. scheißegal, ob überhaupt noch menschen reinpassen, der arme radfahrer ist vom streik schließlich ganz besonders betroffen. im kollektiv stehen sie mit ihren versifften und verdreckten rädern auf den bahnsteigen und drängen in die bahn hinein. scheißegal auch, dass gerade stoßzeit ist.
ein befreundeter radfahrer versuchte eben jenes auch, allerdings mit der erkenntnis, dass es keinen sinn hat, sein rad mitzunehmen, weil man mit einem rad gar nicht in die bahn hineinpasst. das sehen horden von menschen ohne verstand aber mal komplett anders und im besten falle erwarten sie dann rücksicht von ihren mitmenschen, da es für sie ja besonders schlimm ist, dass sie da mit dem fahrrad sich reinquetschen müssen, wo grundsätzlich gar kein platz mehr ist und gucken dann aufgeregt hoch mit dem blick “jetzt mach doch mal platz hier, ich hab doch schließlich ein fahrad unterm arm, sieht doch jeder!”
der besitzer des fahrrads, auf dessen korb ich heute meine morgendlichen rückenübungen vollbrachte, wollte dann irgendwann raus aus der bahn, jedoch steigt man am hackeschen markt nicht aus und so fuhr er also eine station weiter richtung friedrichstraße um mit der dort aussteigenden menschenmasse endlich die bahn zu verlassen. hätte ich nicht gerade musik gehört, so hätte ich vielleicht auch noch gehört, was er den menschen an den kopf geworfen hat, die ihm und seinem fahrrad vorher den ausstieg verwehrt haben. vielleicht hätte er mehr tun sollen als nur dem vordermann auf die schulter zu klopfen, um sein anliegen zu verdeutlichen.
aber es war mir ein genuss, seine erregung, seinen ärger, seine verzweiflung zu sehen. mir ging es dank ihm auch nicht anders.