Archiv für die Kategorie ‘Kalte Wut’

Über die Reparatur und Optimierung von Kindern

.markus, 16. October 2007

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Kinder sind unsere Zukunft. Ein Satz, der in jeder Bildungsdebatte als unangefochtenes Fundament festzementiert wird. Darüber planen die Architekten der Staatspädagogik und Bildungspolitik jedoch ein garstiges Haus, in dem wir und unsere Kinder lernen sollen. So sehr die Debatte über die Bildung auch gespalten scheint, eins eint die Disputanten, die Optimierung von heranwachsenden vollfunktionstüchtigen Arbeitskräften, die im jungen Alter für den globalen Wirtschaftsmarktkampf gerüstet werden sollen.
Die einseitige Ausrichtung der Bildung auf Wirtschaftlichkeit und Produktivität erschreckt mich immer mehr, weil es der symptomatische Ausdruck eines neoliberalen und wirtschaftsfaschistischen Menschenbildes ist, dem auch das zynische Wort “Humankapital” entspringt.

Solche Fernsehdebatten sind entsetzlich. Neben dem unbändigen Wunsch volltrunken und pöbelnd dabei zu sitzen und schallend laut, über jeden dummen Spruch, über jeder hohle Phrase zu lachen, überkommt mich eine schaudernde Gänsehaut, wenn ich solch Vokabular und Gedanken höre.
Wenn die aktuelle Forschung festgestellt hat, dass 30% (Oder so. Fakten, Fakten, Fakten gibts im Focus) der Gehirnkapazität bei einem fünfjährigen Kind ungenutzt bleiben, schreit das förmlich nach einer schulischen Frühförderung. Man könnte einem Neugeborenen ja auch gleich mal das Alphabet vor den Latz knallen, wenn es das Licht der Welt erblickt. Da schlummert noch ungeahntes Potential! Ansonsten, Kinder sind eine denkbar schlechte Kapitalanlage mit furchtbar mieser Rendite für Eltern und für Vater Staat. Erst der teure Kindergarten, dann die Schule – das undankbare Pack schließt mit einem durchschnittlichen Abitur und bricht sein Studium später ab, fehlt dann der Wirtschaft als Leistungsträger und Konsument.
Etwas anderes als Akademiker geht schon mal gar nicht und als solcher hat man sich gefälligst zu vermehren, um putzige kleine Akademikerkinder in die Welt zu setzen. In klassischen Ausbildungsberufen kann man ja schlecht so zwei, drei, vier Nobelpreise am Tag für Deutschland holen und im internationalen Vergleich, sich auch nicht mehr sehen lassen. Schreiner, Friseur, Elektriker, die kannste alle vergessen. Hat keine Zukunft, wir müssen unsere Kinder optimieren, Bildungsschäden reparieren und unsere Defizite ausgleichen. Sonst kacken wir ab und die Japaner mit ihren Bildungskasernen überholen uns, überbervölkern die Welt mit Nobelpreisgewinnern und PISA-Spitzensitzplätzen in der ersten Reihe.

Dass unser Bildungssystem krankt, ist keine Frage. Es krankt aber wegen (und an) der Ausrichtung auf wirtschaftliche Interessen und an der mangelnden Bereitschaft in Menschen und nicht in “Humankapital” zu investieren – zu investieren mit Stellenwert, Personal und Geld.
Bildung ist nicht Wissen, Qualität ist nicht Quantität und der Wert von Bildung kann nicht in wirtschaftlichen Größen gemessen werden. Kinder sind unsere Zukunft, so oder so – was für eine, das ist noch die Frage.

Foto: Cyborg (cc)

herr, lass brennende kippenstummel regnen – oder hirn

ovit, 10. October 2007

Da steht er nun, Ernst Erwin Huber[1] auf dem neuen Balkon seiner neuen 3-Zimmer Wohnung. Seit er endlich diesen neuen Job in der Medienbranche gefunden hat und die SEO-optimierte Affliate-AdLink-AdSense-Werbung auf seinem drittklassigen Weblog läuft, geht es mit ihm wirklich bergauf. Erst fand er eine Freundin, die er endlich auch mal gar nicht so hässlich findet und dann geht es auch so schnell, dass beide zusammenziehen. Ernst Erwin kann sein Glück kaum fassen. Jetzt steht er in einem Yuppie-Bezirk, in dem die Gentrifizierung schon im vollsten Gange ist, auf seinem neuen Balkon und steckt sich erstmal eine Zigarette an.
Früher lebte Ernst Erwin in einem Großstadtbezirk, der für den Prozess der Verdrängung nie interessant sein wird, und rauchte auf dem Balkon eines Plattenbaus und jeder Rülpser hallte durch den verlassenen Hinterhof wider. Diese Ruhe kotzte Ernst Erwin an. Doch jetzt ist alles anders, dachte Ernst Erwin, und freute sich diebisch wie toll belebt das alles am Tag und in der Nacht ist. Und mit ganz viel Glück lässt ihn die Freundin heute Abend noch ein bisschen fummeln, dachte Ernst Erwin und schnippte seine aufgerauchte Zigarette genüsslich vom Balkon, um es sich vor seinem neuen Flat-Screen-Fernseher gemütlich zu machen, den er bei der Media-Markt-Eröffnung unter Einsatz seiner beiden Ellenbogen ergattern konnte.
So kommt es, dass ich den Kiez von Ernst Erwin durchqueren muss, um die Ecke der Gegend zu gelangen, in der die Geschäfte alle 3 Monate mit einem neuen Inhaber und im besten Falle mit einer neuen Idee auftauchen und natürlich auch immer verschwinden. Die Musik hat sich langsam und allmählich beruhigt und ich fühle, wie ein paar Sinne und Kräfte den Weg in meinen Körper zurückfinden. Vor mir zwei Frauen, eine davon mit einem Kinderwagen und plötzlich ein roter Strich, der vom Himmel Richtung Erde saust und sich genau in den Kinderwagen reinbewegt. Da stehen also nun diese beiden Frauen, schlagen auf den Schlafsack des kleinen im Kinderwagen verweilenden Babys sein, um die brennende Asche schnellstmöglich zu entfernen, das Kind mit einem Riesenschrecken in den Augen und ein Assi, der die Mutter noch ankeift, das sie bloß nicht das Baby aus dem Kinderwagen heben soll, wenn sie diesen schon mit ihrer Zigarette anzünden muss. Die Information, dass diese Zigarette “von oben” kam, quittierte er mit einem mehrfachen Fauchen und Zischen.
Da erfüllte sich das erste mal eine Grundpanik in dieser Stadt, die ich nicht nur zu Sylvester empfinde. Bisher sah ich brennende Zigarettenstummel in meiner Kapuze oder in den Nacken fallen, jedoch noch nie sah ich es in einem Kinderwagen und erst recht nicht so dicht an junger und unversehrter Haut.
Der Blick in den Nachthimmel war sinnlos, denn einer dieser verfickten Ernst Erwins saß schon lange wieder vor dem Fernseher und spielte an seiner Nudel herum, rücksichtslos, wie seine Erziehung es ihm beigebracht hat, aber solange er sich eine überteuerte Wohnung in einem “trendigen” Bezirk leisten kann, hat er allen Grund ausschließlich an sich selbst zu denken und nicht an die Menschen, die den ganzen Tag auf dem Weg vor seiner Wohnung von links nach rechts gehen. Verklagen auf Verhaften muss man solche Vollpfosten, alles nach $129a, mir egal, aber irgendwie muss man die Idiotie bekämpfen. Und freier Wohnraum entsteht dann auch.

Foto: Sindre-Wimberger (cc)

  1. Name von der Redaktion geändert [zurück]

öffentlicher terror

ciphaDOTnet, 4. October 2007

öffentliche verkehrsmittel sind folter. man erreicht die orte, die man gerne erreichen möchte, zu definitiven unzeiten. man sieht menschen, die man niemals sehen wollte und bekommt dinge mit, die man nicht im entferntesten hören wollte. man sitzt dicht gedrängt zusammen mit dem querschnitt der gesellschaft, auf den man gut und gerne auch verzichten könnte. es stinkt. am wochenende wird aus den fenstern gekotzt. kleine wichte hören auf ihren multimedia-handys unnütze musik in einer lautstärke, dass es der komplette zug hören kann, aber eigentlich gar nicht hören will. (wisst ihr noch, was ihr mit 10 oder so gehört habt!? there you go.) die anderen passagiere sind entweder zu dick, zu alt, zu jung oder zu hässlich. die romantische annahme, dass zumindest einmal pro tag eine natürliche schönheit vorbeikommt, die einem den tag dann rettet, ist nicht mehr als ein hirngespinst. ohne kopfhörer bist du verloren. am besten liest man mit gesenktem kopf irgendwas und wenn es nur die werbeseite vom saturn ist, nur damit man das elend nicht mitansehen muss. baby-gepläre, viel zu junge mütter. manager mit laptops und smartphone. handy-junkies. handy-junkies. handy-junkies. alle zwei minuten ein zwischenstopp. versiffte sitzplätze, mcdonalds-reste, ausgelaufene müllermilch-packungen, klebrige cola auf dem boden, fettige flecken von an die fenster gelehnten köpfen unbekannter herkunft, man kann die bakterien förmlich auf den stangen, haltegurten und stopptasten tanzen sehen. jemand niest, shit, dann nochmal, fuck, ich stehe auf, verzichte auf meinen sitzplatz und stehe lieber.

multipliziert man diese szenerie mit 18 monaten und addiert noch sämtliche attribute eines “ganz normalen tages mit öffentlichen verkehrsmitteln” dazu, die ich vergessen habe, kommt man auf nur ein ergebnis: terror. die tägliche dröhnung von durchschnittlich 30-45 minuten kann ich jedem empfehlen, der im grosstadtdschungel nach neuen extremsituationen sucht.

seit montag habe ich meine fahrlizenz wieder. die öffentlichen nehme ich nur noch, wenn ich wirklich stern-hagel-voll bin. und wenn der scheiss sprit 3 pro liter kostet: lieber fahre ich fahrrad, als dass ich mir diesen film nochmal gebe. from my cold dead hands. tschüss, ich fahr jetzt.

Endlich Urlaub

Frank, 2. October 2007

flughafen

Man ist gelandet. Der Hals ist ausgedörrt, weil die Stewardessen und Stewards die Getränke nur in Fingerhüte auszuschenken angewiesen sind, weil: Sparmaßnahmen. Man befindet sich in der hässlichsten Flughafenhalle der Welt, hat sich stundenlang den Hintern komatös gesessen, keine Lust mehr auf all die dämlichen Leute um einen herum und weiß, dass einem noch eine beschwerliche stundenlange Busfahrt bevorsteht, der Temperaturunterschied macht einem schon hier drin zu schaffen – und dann das.

Kofferkulis sind die riesigen Einkaufswagen-ähnlichen Gefährte, auf die man das zu 90% sowieso unnötig in den Urlaub mitgebrachte Zeug stapelt, um daraufhin derlei vollgepackt das wegen der willkürlichen Richtungsänderungen unsteuerbare Gefährt in die Hacken ausnahmslos jeder am Wegesrand stehenden Omi fährt.

Amok möchte ich laufen, wenn bei der Gepäckausgabe am Flughafen die Leute mitsamt ihrer kompletten Familie und einem ebensolchen, natürlich quer gestellten, Kofferkuli in erster Reihe das Gepäcklaufband blockieren. JA SACHT MA, HERRSCHAFTEN, ISCH GLAUBET HACKT! Da! Da naht schon mein Gepäck und ich komme nicht dran, weil ihr hier rudelweise Maulaffen feilhaltet und euch breitmacht als gäbs niemand anders auf der Welt? Argh!

Ich konnte die Aufregung über blöd geparkte Autos (Wenn der da nicht so stünde, könnten da zwei andere reinpassen!!1) nie nachvollziehen. Bis zum 2. September 2007 um 19:00 Uhr, in einem Betonquader irgendwo am Mittelmeer.

(Dieser Text ist zweitverwertet, aber im Sinne der hiesigen Gepflogenheiten erweitert. Er erschien zuvor im Rahmen eines umfassenderen Urlaubsberichtes in meinem eigenen Blog.)

Verdammte Axt

Sebastian, 16. September 2007

paranoya

Gerade wieder im überfüllten Supermarkt voller Schweinebacken ein unverschämt überteuertes Stück Butter gekauft und mich noch mit der Zicke von Kassiererin gezofft, und erst dannach viel mir ein, dass ich mit den Antibiotika gar keine Milchp rodukte kombinieren darf, Mist hab nen scheiß Hunger und weiß jetzt nicht was ich essen soll lauter Werberamschim Briefkasten, weg mit dem Zeug, weg, verklagen sollte man euch, aberma richtig.,. Erstmal diese dumme Packungsbeilage weiterlesen die ungfähr so lang ist wie ne rolle kLopapier weiter ach nee ich hatte ja noch die Brötchen im Ofen, wann war das Mistding noch? Zumutung!, diese Penner bestimmt stehen irgendwo ganz billige Kräuter am wegesrand die gegen entzündung ganz einfach helfen, aber die Dreckpharmainsdustrie würden nix dran verdienen und die Ärzte lernens nicht im Studiumj also zack, Antibiotika hau wech die Scheiße Welche Nebenwirkungen sind möglich? Häufig: Müdigkeit, Agitiertheit, Verwirrung ich geb euch gleich müdigkeit, Agitiertheit Verwirrung und überteuerte butter ihr Gesindel, auch gerde erst ewider gleesen wiodln ldskll ah! chatte s hier irgendwo moment so vielzutun . boah nee dss krnf zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz

Disclaimer: Als ich diesen Text im Alarmschrei las, fand ich ihn sofort toll und zu 100% Craplog-kompatibel. Auf die freundliche Bitte hin, ihn hier parallel veröffentlichen zu dürfen, die ich an Sebastian mit allen mir bekannten Varianten von Nötigung und Erpressung herantrug, stimmte der Guteste schließlich zu. Das bringt mich dazu, noch einmal darauf hinzuweisen, dass wir immer auf der Suche nach schlechtgelaunten Gastbeiträgen sind sowie nach häufiger schlecht gelaunten Autoren sind. Bewerbungsmodalitäten hier. -maloXP

Bild: “Paranoya” von yell saccani (cc)

…denn das Rudel tollt, wenn der Rubel rollt!

.markus, 4. July 2007

Da man bei diesem Thema, die einzelnen Bäume – gegen die man pinkeln könnte – vor lauter Wald nicht mehr sehen kann, kommt hier nun die ungeschminkte Abrechnung mit der ganzen Sparte von Schmalspurtagebuchschreibern, den SEO-Jüngern, den Backlink-Checkern, Blogcharts-Geilen und den Google-Fischern, ja ja ganz genau, endlich!
Jedes Blog ist ein Unikat, weil jeder Blogger ein Individuum ist, sage ich gerne mal (jedenfalls im übertragenen Sinn) und will damit meinen, wie schwachsinnig eine Kategorisierung ist, mit der man sich als Gemeinschaft, als Blogosphäre ansieht.

Ich lag ja sowas von falsch.

Diese Blogosphäre gibt es und sie bezeichnet sich selbst auch völlig ironiefrei so. Hier werden die Mücken von A-Bloggern zu Elefanten aufgeblasen, hier wird Keyword-optimiert geschrieben und hier findet man die Gründe, warum sich Blogs nie als wirklich bedeutsames Medium etablieren konnten. Es sind die seichten Gewässer, in denen die Wellen Schaum schlagen und die gähnenden Abgründe der Langweile.
Es sind die Blogs, die für Traffic geschrieben und die auf Traffic optimiert werden. Die Blogger die sich fragen “Wie mache ich mein Blog bekannt”, bevor sie sich der weitaus wichtigeren Frage gestellt haben: “Warum sollte ich denn mein Blog überhaupt bekannt machen?”
Jeder kleine Furz, der ein paar Klickzahlen verspricht, wird getrackbackt und kommentiert. Jede Diskussion, von der man sich ein paar Besucher erhofft, wird durch sie verwässert. Man macht “Link-Love”-Spielchen und regt sich dann erbärmlicherweise darüber auf, wenn der Betreiber von deutscheblogcharts.de sie nicht in die Statistik einfließen lässt. Man geilt sich an dem Traffic auf, den man durch die Google-Zensur eines bekannten Pornovideoportals bekommt, man freut sich über jeden Suchmaschinen-Versager, der sich auf die Seite verirrt und dann auf eines der zahllosen Werbebanner klickt.
Derbes Unwohlsein entwickelt sich bei mir in der Magengrube, wenn ich wieder einmal über diese Ansammlung von Schwachsinn, tausend Mal nachgeplapperten Standardmeinungen und über diese trafficgeile Keywordschreibe stolpere.

“Yigg mich” schreit es einem aus zwischen der Werbung platzierten Beiträgen. “Klick mich”, blinkt es überall. “Linkst du mich, linke ich dich”, hört man überall. “Links sind die Währung der Blogosphäre “, sagen die gerne und schielen auf Technorati.

Es bereitete mir ehrlich gesagt Mühe diesen Artikel in der CrapLogschen Form zu schreiben, denn eigentlich ist das alles nur eins – traurig und überflüssig.

Politische Korrektheit in Zeiten öffentlichen Nahverkehrs

Frank, 29. June 2007

25thhour

In der letzten Szene von Spike Lees unterschätztem Film 25th Hour fährt ein konsternierter Edward Norton durch Post-9/11-New York und äußert im inneren Monolog einen unbändigen Hass auf diverse Ethnien, Religionen und Subkulturen. Der Hauptdarsteller war uns in der vorangegangenen Zeit tückisch ans Herz gewachsen. Einerseits die grundsolide Symphatie, die man als Zuschauer dem Protagonisten Monty entgegenbringt, andererseits dessen Broterwerb als Drogendealer, für den er zu Recht für sieben Jahre ins Gefängnis soll. Dieser aggressive Ausbruch zum Ende lässt einen erstmal verwirrt zurück. Na klar: Nach außen projezierter Selbsthass denkt der FAZ-Rezensent unerwartet psychologisch, während der filmstarts.de-Mann etwas hilflos die Fragwürdigkeit der Szene (moralisch? filmisch? qualitativ?) feststellt und Monty einen, nun ja, ambivalenten Charakter attestiert. Ach, kiek an…

Warum überhaupt Deutungsversuche? Vielleicht will der Drehbuchautor damit einfach das verbildlichen, was jeder von uns in sich trägt: Vorurteile, Stereotypen, Verallgemeinerungen, klischeehafte Zerrbilder von ganzen sozialen Gruppen. Wer das leugnet, smuggt doch nur rum. Die Frage ist schließlich nicht, ob man sowas hat, sondern vielmehr, wie man damit umgeht. Wer alle seine Aussagen und Gedanken dahin gehend überprüft, ob sie auf irgendwen ehrverletzend sein könnten; wer allen impliziten Regeln entsprechen will, wer nie seinem Bauchgrummeln – und sei es nur (oder gerade!) gedanklich – nachgibt, der leidet an Political Correctness. Im Endstadium. Eine Institution, die durchaus ihren Sinn hat, aber als Denkweisen strukturierendes Muster genauso fatal ist wie als Folie für all das, wogegen man ist. Zum letzten Punkt: silent-divas Ideologiekritik in der Bikinisaison.

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Das Unangepasste Verhalten Großstädtischer Studenten Zu Stoßzeiten

ovit, 24. June 2007

Wenn mir eins bei der Bewegung in der Öffentlichkeit wichtig ist, dann ist es Rücksichtnahme auf Mitmenschen, und zwar in der Form, dass man einfach nur ungern anderen im Weg steht, sie behindert, sie aufhält, sie anrempelt, ihre Wege kreuzt usw. Jeder steuert seinen Beitrag zum Erhalt der sozialen Ordnung bei. Verhält sich jeder der Situation angemessen, gibt es kaum Konfliktpotential und erst recht keinen anhaltenden Hass.
Die Pause zwischen Vorlesungen ist kurz und sie findet für alle Studenten gleichzeitig statt. Um die Mittagszeit herum scheint auch ideale Studentenzeit zu sein. Entweder befindet man sich zwischen den Veranstaltungen und man gönnt sich ein “gutes” Frühstück zu niedrigen Preisen. Jedenfalls ist dieser Zustand ein Ausnahmezustand. Überall sind Menschen die in Richtung Kartenaufladegerät strömen oder gleich in Richtung Essen oder sich mit einem Essen ausgestattet auf den Hinterhof setzen.
Der Eingang zu dieser Mensa ist schmal. Die Schwingtüren sind nicht ausladend (auch nicht einladend) und ein Strom Menschen zwängt sich rein, der Andere raus. Kein Grund aber, sich in diesem Bereich nicht auch ein bisschen Zeit für ein kleines Pläuschen zu nehmen. Auch wenn ständig Leute auf einen auflaufen, trifft man regelmäßig kleiner 2er und 3er Grüppchen an, die es sich im Eingangsbereich gemütlich machen. Sich unterhaltende Studenten verbrauchen scheinbar zu viel Aufmerksamkeit für ihre hochgestochenen Mensadiskussionen, dass ihnen ihre eigene überflüssige Existenz und ihre unfassbare Deplatziertheit kaum noch auffällt. Stau hin oder her: das Thema wird jetzt noch beendet!, so zischt es wohl durch ihre Köpfe. Zu gerne würde ich den Ellbogen ausfahren, aber damit würde ich vor allem den Menschen stören, der sich mit seinem Essen in der Hand auf der anderen Seite versucht durchzuquetschen.
Gleiches Desaster am Kartenaufladegerät. Seine Bedienung wird mit einem Zettel erklärt: “Erst Geld reinstecken, dann Karte vor das Gerät halten.” Puh! Das ist für einen großstädtischen Studenten harter Tobak. Wurde doch gerade sehr viel Energie für das im Weg rumstehen verplempert und jetzt auch noch Geld in einen Automaten stecken und irgendwie so eine Karte aufladen. Da wird also Karte rangehalten und das Geld reingesteckt in allen möglichen Abfolgen nur nie in der dort groß angegebenen. Die Schlangen an der Essensausgabe werden merklich länger und man steht hinter Menschen, die noch 10 Euro auf ihrer Karte haben und schon wieder völlig überfordert sind und scheinbar dringend mehr Geld auf der Karte benötigen. Man müsste sich den Hinterkopf schnappen, diesen heftig gegen die Bedienungsanleitung befördern und darauf hoffen, dass es irgendeine Wirkung hervorruft. Kleine Gruppen sah ich vor diesem Gerät stehen und rätseln, und zwar nicht nur zum Semesteranfang, sondern auch mittendrin und fast am Ende.
So viel zum Thema “unsere zukünftigen Bildungselite”. Wie sollen diese Menschen komplexe gesellschaftlich relevante Vorgänge steuern, wenn sie ihr eigenes Handeln nicht steuern können, einfachste Dinge des Zusammenlebens und der Maschinen nicht beherrschen, ja, manchmal frag ich mich, wie die Mensa nur so viel Dummheit auf einmal anziehen kann. Irgendwo steht da wohl ein Idiotiemagnet rum. Tag für Tag und Woche für Woche.

P.S. die Frau, die am Imbissschalter neben diesem Gerät steht, ruft immer, wenn jemand mal wieder versagt “Erst das Geld, dann die Karte” rüber. Dieser Satz wird ihr am Ende der Schicht mit Sicherheit zum Hals raushängen. Und diese Frau arbeitet jeden Tag an diesem Schalter. Dieser Frau widme ich diesen Eintrag. Denn diese Frau bekommt jeden Tag die volle Härte der Idiotie zu spüren. Diese Frau tut mir leid.