Archiv für die Kategorie ‘Ist das ernst gemeint?’
Die kommerzielle Okkupation des öffentlichen Raumes ist auch nicht mehr das, was sie mal war (Teil 1)

Hallo Hersteller des “wohl berühmtesten Schokoladenriegels der Welt”. Ein paar Euro mehr an die Werbeabteilung, für einen geringfügig pfiffigeren Claim, waren nicht drin?
Der dämlichste Blogkommentar aller Zeiten? Mindestens!
Gar nicht erst hart an der Grenze, sondern weit darüber hinaus ist ein Kommentar, den ich im Blog der PC-Spielezeitschrift Gamestar fand. Folgende Ausgangssituation: Ein verdienter deutscher Spieleprogrammierer stirbt. Der ehemalige Redakteur Mick Schnelle verfasst einen Nachruf. Nach dem für’s GS-Blog üblichen adoleszenten Kommentargeplänkel (“Erster” – “Doch nicht^^”), offenbart ein junger Leser seine ganz persönlichen Vorstellungen und Relationen in Sachen Taktgefühl, Weltbild und – schlicht – Logik via Blogkommentar:

Da kracht mein Kopf doch dreimal (mindestens!) laut krachend auf die Tischplatte, weil mir der Schmerz versichern soll, dass ich noch nicht in der Hölle bin. Hallooooo?!?! Mal abgesehen davon, dass es alleine in Mittel- und Südamerika von Cortez bis Pinochet dutzende bessere Beispiele für das personifizierte Böse gibt als ausgerechnet Fidel Castro – wie beschränkt muss man denn sein, Saddam als Beispiel für die absurde These heranzuziehen, dass “das Böse” eine größere Lebensspanne habe? Ach so: “aber vielleicht auch nicht, GRINS!!!!1elf”. Paraphrase: Ich habe keine Ahnung, brabbel aber trotzdem drauf los, weil ich ja dazu stehe, keine Ahnung zu haben. HNNNNG!
Fidel, Saddam, die Verwandtschaft. In einer Reihe – als Steigerung? Na gut… Vielleicht dachte der junge Mann ja an die Blähungen von Tante Elke und baute sich innerlich eine assoziative Verknüfung zu Saddams Giftgas-Völkermord…
Herr, lass Hirn regnen!
Es ist wie eine Sucht
Der folgende Text stammt von der jungen Dame “S.”, die ich persönlich kenne. Ich bat sie um Kontribution fürs Craplog und sie erfüllte mir diesen Wunsch. – maloXP
Max Goldt war es, der Inforadio und mich zusammen brachte. In einer Geschichte beschreibt er, dass er bei Haushaltstätigkeiten gerne diesen Berliner Sender höre. Da ich seinerzeit die unlustigen Scherze der sich selbst belachenden „RadioEins“-Moderatoren („Nur für Erwachsene”) satt hatte, dachte ich gespannt: Das will ich wohl mal ausprobieren.
Doch trotz Empfangsbalkenwurfnähe zum Fernsehturm wollte das Küchenradio kein Inforadio ausstrahlen; stattdessen spie es auf der kolportierten Frequenz eine absonderliche Mischung aus Kuschelrock-Hitsender und dem immergutdraufen Gekeife einer Mittdreißigjährigen, die vermutlich zu grell geschminkt in ihrem miefigen Studiokabuff hockte, auf die Küchenfensterbank. So sieht sie aus – zu 90%, die Radiolandschaft in der Hauptstadt.
Wirf mal das Stöckchen rüber!

Die Beantwortung von Fragebögen scheint dem Menschen von Natur aus im Blut zu liegen. Nachdem eine kurze Hemmschwelle überwunden und mit dem Ausfüllen eines Fragebogen begonnen wurde, wird alles was möglich ist, angekreuzt und ausgefüllt und mit bestem Gewissen beantwortet. Als Ausnahme muss das Befüllen von Amtsformularen gelten. Die sehen zwar manchmal aus wie Fragebögen und werden mit ähnlichem Unwissen ausgefüllt, haben einen unterirdischen Spaßfaktor und sind eher ein Horrortrip.
Um die eigenen Antworten aber auch richtig einzuschätzen, bringt ein Fragebogen auch nur dann etwas, wenn möglichst viele ihn ausfüllen. Das ist wie in der Marktforschung. Da befragt man zur Sonntagsfrage nicht nur eine Person, sondern eher mal lieber ein paar Hundert. Das nennt man dann repräsentative Umfrage. Darum enden diese neuen, digitalen Fragebögen üblicherweise mit der Frage, wer denn noch bitte die eben gerade beantworteten Fragen beantworten soll. Bis hierhin kann man über die Blödheit der Fragen, die Unlust in den Antworten und die Unsinnigkeit des Weiterreichens schimpfen, doch dann landen alle Menschen üblicherweise in der Tierwelt. Da wird der Fragebogen nicht von dem Herrn XY übernommen oder man hat ihn nicht bei Frau YX gefunden sondern man bekommt STÖCKCHEN zugeworfen. Und die hebt man dann auf, abgerichtet wie man ist, aber bringt dieses eben nicht zurück (Hunde können sowas!) sondern kaut lieber selbst etwas auf diesem STÖCKCHEN herum, um es am Ende wieder weg zu schmeißen, also zu den nächsten Menschen, die auf Hund machen.
Das ist mittlerweile so ein geflügeltes Wort und so von der breiten Masse akzeptiert, dass das Schneeballsystem in der Fachsprache schon in Stöckchensystem umbenannt wurde. Denn darauf fällt der abgerichtete Hund Mensch wieder herein. Bei dem Wort Schneeballsystem läuten direkt die Alarmglocken, liegt irgendwo aber so ein STÖCKCHEN herum, hebt er es schnell auf und wirft es an mindestens fünf Leute weiter. Denn wenn man das nicht macht, dann passiert in den nächsten 48 Stunden ein Unglück, das Konto wird zum Beispiel ausgeraubt, oder ein Kind stirbt in Afrika, oder die Hunde übernehmen die Kontrolle über die Menschheit. Verübeln würde ich es ihnen nicht.
Burtal
Hört man deutschen Hip Hop, lauscht man einer eigentümliche Form von energetischer Eloquenz und extremer Eleganz. Wilde Poesie mit mannhafter Pose vermengt, vermochten im letzten Jahrzehnt (und ja auch in diesem) eine ganze Jugendbewegung zu prägen. Ein Stil, eine Lebensauffassung gar, verbreitete sich, sprang über von Vorstadt zu Vorstadt, gewann immer mehr an Substanz und vermochte es, Würdenträger wie Sido und andere in die Feuilletons der Burgeoisie zu hieven. Die wurden in solchen Haushalten gelesen, deren Nachwuchs, oben im Jugendzimmer unter dem Dach, den Hip Hop schon längst verinnerlicht hatte. Und wenn man heute durch Zufall auf ein offenes Weblog trifft, in dem das gewaltlose, das verbale Kräftemessen zelebriert wird, wenn man die komplexen Syntaxen und Metren, die stilvollendeten Reime erblickt, dann geht einem das Herz über und man vermeint, den ersten Regungen eines neuen Hölderlin beizuwohnen:
ich spürh den frosch in meinen halz mein herz lässt sich nicht öffnen /
mein schwanz is lang wie vom pferd und er presst mich in die höhe /
der grund meines lebens ist leiden und denn sinn des leben zu finden /
wer sich mir in den weg stellt den werd ich ess geben von hinten/(…)
egal ich kämpf weiter mit hass, ich glaub ich werder nicht normal /
beim battel werden deine kleider ganz nass, und ich werde dann burtal/
ihr wisst nicht was für eine dreprission mich dann nachts anfällt /
es ist nicht normal wie wenn von deinem unterleib, dein schwanz abfällt/
BloodyP: Schmerz
Rolltreppen
Meistens geht die unmotorisierte Treppe schneller. ‘S liegt in der Natur der Sache: In touristischen Einzugsgebieten offenbart sich häufig die Inkompatibilität des Touristen-an-sich mit dem urbanen Leben eindrucksvoll, indem auf einer Rolltreppe gestanden wird.
Im gleißenden Licht der Lebens-, aber auch der Rolltreppenmitte in das Obergeschoss S-Bahnsteig am Alexanderplatz fährt er oder sie aufwärts, bepackt mit La Fayette- und KaDeWe-Tüten und scheint es zu genießen, das die Sonne in prachtvoller Langsamkeit immer mehr Partien seines Oberkörpers erhellt und Fragen nach der Relativität von Bewegung ihren/seinen Geist stroboskopartig durchzucken, während ich innerlich, wenige Zentimeter hinter bewusster Person, Go fuck yourself fluche.
Artig darum bittend, vorbei gelassen zu werden, ist mir schon im Ansatz klar, dass es zwecklos ist. Dass die blockierende Person sich erst einmal umdrehen wird und mir mit latent dümmlichem, fragendem Blick etwas Irrelevantes mitteilen will, dass entweder Shoppingabsicht, Herkunft oder “Müsst ihr Städter immer so hektisch sein?” sein könnte, ehe sie mich vorbeilässt, ich aber sowieso keine Chance habe die Bahn zu erwischen, die mich als letzte hätte pünktlich zum Uniseminar befördern können, weil in dem Moment in dem ich den Bahnsteig erreiche – die Tür schließt.
Diese Situation ist weder Einzelfall, noch gibt es für sie keine Steigerungen: Schlimm wird’s bei Paaren, die halten Händchen. Oder Schulklassen, die blöken, blockieren und riechen schlecht.
Links gehen, rechts stehen ist eine alte Weisheit, die uns Marie von Ebner-Eschenbach oder irgendjemand anders hinterließ. Eine Regel, die zwar schlecht ist für die Rolltreppe wegen der ungleichmäßigen Gewichtsbelastung des Geräts, gut hingegen für das Nervenkostum der Mitmenschen, vor allem der “Ureinwohner”. Wegen der viel beschworenen Eigenverantwortung aber, wie gesagt, sollte man – wenn in Eile – am besten gleich die “normale” Treppe nehmen. Wenn es denn eine gibt! Die nagenden Fragen jedoch verbleiben unverzagt: Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass es in Berlin Menschen gibt, die keinen Urlaub machen, die Ziele im wörtlichen Sinn haben? Ja, gibt’s denn nicht wenigstens ein paar Rolltreppen als Anschauungs- und Lernobjekt bei euch? Oder anders: Hat Baden-Würtemberg keine Einkaufszentren?



