Archiv für die Kategorie ‘Ist das ernst gemeint?’

Peer reviewed

Sebastian, 20. März 2008

Du hast es geschafft, Peer, die Leute reden wieder von Dir, nachdem sie dachten Du wärst weg, auf und davon und krepiert. Shit, das ist zu emotional, ich bin ganz ruhig, rational, ich geh back zum Anfang und sag es Dir noch einmal.

Lieber Peer, Du bist jetzt also ein Gangsta-Rapper, nein, viel witziger, ein RaPeer, oh wow. Umgeben von tighten Bitches, die Dich würde-und hüllenlos umschmeicheln und hippen Slangausdrücken direkt aus dem PONS-Wörterbuch der Jugendsprache 2008 schickst Du Dich an, der Jungwählerschaft mit dem eher wenig subtilen Raptitel “I love Cash” den Segen des Geldes nahezubringen. Bzw, haha, ist ja alles nur ein kleiner Gag der PR-Agentur Deines Ministeriums, welche sich offensichtlich in tiefstem Zorn und voller Rachelust von Dir trennt. (Kleine Zwischenfrage, aber wtf? Wozu braucht ein Ministerium eigentlich eine PR-Agentur? Damit der Bürger sich nicht für ein anderes Finanzministerium entscheidet? Lass es, ich kenne die Antwort: Dem Bürger soll kommuniziert werdschnaaaarch. Andere hätten die Idee, die sich in etwa auf dem Niveau der Flashgams der späten 90er befindet, übrigens für einen Bruchteil des vermutlich unfassbar riesigen Budgets realisiert.)

johnnyCash

Don’t fuck with Cash.

Denn es sei Dir hiermit gesagt: Das ist ganz, ganz große Scheisse. Die Idee, Politiker auf Gedeih und Verderb auf jung zu trimmen, habe ich in dem Augenblick für verfehlt erklärt, als ich im Schleswig-Holsteinischen Wahlkampf 2000 mit ansehen musste, wie Volker Rühe (CDU) in einer Disco zu “fetziger” Technomusik “gegroovt” hat. Ich habe heute noch Phantomschmerzen an den Stellen, an denen sich früher die für’s Fremdschämen zuständigen Synapsen befanden. Und grade jetzt pocht es wieder ganz gewaltig.

Witzig ist aber die Idee, dass man Dir einen echten Afro aufsetzen kann, denn der Rap hat seine Roots ja bekanntermaßen in der schwarzen Kultur (schon die Sklaven auf den Baumwollfeldern haben Sprechgesang performt, da ihnen das Singen verboten war, Quelle: Eine Beepworld-Seite eines 16-jährigen Nachwuchsrappers). Gut, die Inhalte waren damals noch andere, ging es doch eher um die Anprangerung sozialer Missstände, was heute wohl nicht mehr “cool” ist, aber dem Geiste der Rebellion entsprechend als Mitglied der altehrwürdigen SPD das Kapital als solches zu feiern, hat natürlich auch was, insofern finde ich die Aktion schon “real” (sprich: riel). Tipp: Weiter Cash geil finden, aber als Beat die Internationale drunterlegen, das wäre fett.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich im Bundestag genug Mitarbeiter finden, die für euch das Internet bedienen, denn dank viralem Marketing, katalysiert durch den ein wenig aufdringlichen Button neben Deinem DJ-Pult, wird das “Ding” sicher bald seine Runde durch sämtliche Büros Deiner Homies machen. Peace, I’m outtahe.

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

.markus, 9. März 2008

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Bild (cc)

Wenn man den ideologischen Populismus der letzten Politikdebatten folgt, muss man fast annehmen, wir sind nur noch einen Schritt von DDR-Verhältnissen entfernt. Die Linke schreckt gerade die letzten Hunde hinter dem Ofen hervor, die noch einmal die Parolen aus dem Kalten Krieg bellen dürfen und überhaupt bemüht man sich reflexartig aller dumpfen Vergleiche mit der DDR. Das treibt dann so bizarre Blüten, dass der als “Schraubenkönig” betitelte Milliardär Reinhold Würth sich öffentlich um sein Vermögen Sorgen machen darf und die Bundesrepublik Deutschland bereits auf einem “geradlinigen Weg in eine DDR-ähnliche Zeit, in eine Edel-DDR” sieht.

Edel-DDR. Ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Edel-DDR. Mir zucken die Synapsen noch vom Lachkrampf, Herr Würth. Edel-DDR. Das müssen Sie mir erklären. Was bitteschön ist eine Edel-DDR?

Wer zu brauchen Spott, kein Sorgeschäd hat

Frank, 2. März 2008

Geschäftige Betreiber der Website “germanypop”!

germanypop

Es gibt ein paar Fehler, die man nicht begehen sollte, wenn man, wie man so schön sagt, startupt. Zum Beispiel:

  • Versuchen, eine hinlänglich bekannte Geschäftsidee, hier: Social Bookmarking a la Digg, in der 728sten Version auf den Markt bringen. Ohne irgendeinein auch nur im Ansatz erkennbares Alleinstellungsmerkmal.
  • In Blogs Kommentare ohne Bezug zum eigentlichen Thema, aber mit der URL zu eurer tollen Seite posten, welche selbst ein Blinder am Krückstock als werblichen Kommentar / Maßnahme zum “Suchmaschinenmarketing”, oder schlicht Spam, identifiziert.
  • Einen solchen Müllkommentar gleich mehrmals in identischer Form einzureichen.
  • In dieser Pseudo-Pressemitteilung auch noch ein skurriles Verständnis der deutschen Sprache an den Tag legen.
    Jake
  • Anhand der Kommentar-IP-Adresse problemfrei als in Malaysia beheimatet zu erkennen sein. Was prinzipiell kein Problem wäre, wenn ihr da nicht ein deutschsprachiges Portal aufziehen wolltet.
  • Als Seitentitel ausgerechnet ein absolut ausgelutschtes Wort wie
    pop
    wählen und weiterhin behaupten, dass es sich dabei um eine eingetragene Marke handele.
  • Als Seiten-Untertitel orthographisch strange, jedoch größenwahnsinnig oszillierend
    popularitat
    zu wählen.
  • Trotz illustrer Themenkategorien wie “News”, “Wissenschaft & Tech” sowie “Gerüchte & Schwätzt” (!) erst für einen einzigen “Social Bookmark” gesorgt haben,
  • bei dem es sich zudem lediglich um ein überhaupt nicht lustiges YouTube-Video namens “Lustige Affen” handelt, eingereicht von einem User namens “langweilen”. Einem Ausschnitt aus einer amerikanischen Version dieser unsäglichen “Pleiten, Pech und Ausgerutscht”-Sendungen, welcher im ersten, übrigens auch überhaupt nicht lustigen, Audiokommentar ausgerechnet ein Sprüchlein über “failed dotcoms” absondert.

Nee, um ehrlich zu sein regt mich das nicht auf. Ich find’ das höchstens niedlich. Immerhin — und das zeichnet euch aus, ist ja keine Selbstverständlichkeit usw. usf. — seid ihr ein Web 2.0-Unternehmen, welches sich (in der Fußzeile) dazu bekennt, dass die ausgestellten Inhalte nutzergeneriert sind.

Dies ist Benutzer-generierte Inhalte, wie sie lizenziert unter der Quelle, oder kann Public Domain-Inhalten.

Die Mannschaft der Craplog Wünsche von germanypop alles zur Mannschaft erdenklich Eigenschaft und zu vielem Erfolg.

Wo muss ich unterschreiben?

Frank, 1. Februar 2008

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Foto: MarkKelley (cc)

Ich möchte bitte mitmachen, wenn’s jetzt in den Krieg geht. Ich will Verantwortung übernehmen für mein Vaterland. Ich hab damals zwar nur Zivi gemacht, aber im Krankenhaus, Unfallstation, das kann nützlich sein. Ich spiel auch am Computer viel sowas. Scharfschütze und Grenadier im zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Das Feeling hab ich, ich trau mir das zu! Mir geht’s um die Nation. Meine Ehre, die Verteidigung meines Staates. Nicht so Nazi-mäßig, eher so freundlich wie bei der WM. Gegen wen kämpft man da eigentlich? Ich glaub ja nicht, dass das immer so schlimm ist wie alle sagen, im Film und so… Na, mit dem Abballern von Leuten. Ich meine, dafür macht man das doch. Ist eben dein Job. Die Entscheidung treffen andere — die über dir sind das Hirn, du bist die Hand und gut. Okay, bei Kindern isses natürlich schade drum, wenn da was passiert mit denen. Aber Terror ist schließlich eine ernstes Problem. Ist ja nicht irgendwer, der da um Unterstützung fragt, sondern die NATO. Unsere Freunde! Diese Tarnanzüge sind wirklich krass. Autos mit Vierradantrieb fahren und nicht an den Benzinpreis denken müssen. Kann man auch Panzer fahren mit normalem Führerschein (Probezeit habe ich grade überstanden)? Ich hab mal einen Film gesehen, da sind die Amis mit dem Tank durch die Wüste, Irak, und haben so richtig laut, mitten im Gefecht, Bloodhound Gang gehört. We don’t need no water, let the motherfucker burn. Burn, motherfucker, burn. War das geil! Überhaupt, ein geiler Job. Mein Kumpel ist auch beim Bund, der sagt, so eine Kameradschaft wie da, die findet man sonst nicht. Super Aufstiegsmöglichkeiten und studieren kann ich auch noch. Also: Wo muss ich unterschreiben?

Strg + A -> Entf

Frank, 26. Januar 2008

The authors have deleted this blog.

Wenn man ein Blogprojekt mitadministriert, trotz schwankender Motivation im Saldo enorm viel hineininvestiert, hier macht, da hilft, dort für Fragen zur Verfügung steht, Domains registriert, Datenbanken anlegt, layoutet und ganz nebenbei auch noch manchen Artikel schreibt, weil man an die Sache glaubt und mit manchen Marotten der Mitstreiter eingedenk des Bewusstseins, dass man solche auch selber hat, zu tolerieren bereit ist — dann ist es schon ein dicker Hund, aus dem Sommerurlaub zurückzukehren und festzustellen, dass der Blogzugang gesperrt wurde, das interne Forum umgezogen ist auf eine Adresse, die einem nicht mitgeteilt wird und auf die verwirrte Frage, warum denn dies, nichts als Schweigen erntet; sich die restliche Kommunikation auf Umwege über Dritte beschränkt.

Regelrecht zum Kotzen ist es dann jedoch, wenn man auf die Information hin, dass das Projekt eingestellt wird, in einem Kommentar darum bittet, dass zumindest die vielerorts als Referenz verlinkten bisherigen Texte an alter Stelle beim kostenlosen Bloghoster verbleiben mögen — woraufhin am nächsten Tag, ohne auch nur den entferntesten Hinweis darauf dass man doch zumindest die eigenen alten Texte schnellstens sichern möge, das gesamte Blog gelöscht ist.

Lieber Unterstützer-Mob von “Politically Incorrect” und angeschlossenen Anstalten,

Gastautor, 9. Januar 2008

euer Sendungsbewusstsein in allen Ehren, aber …

Politisch abgeknibbelt
  1. bringt es einfach nichts, mit euren dämlichen Aufklebern die Laternenpfähle am Berliner Alexanderplatz zu tapezieren. Denn — ich sage das nicht ohne Heimatstolz — Agitprop von rechtsradikalen Spinnern hat hierzustadte, trotz einer lebhaften Kultur solcher kleinen Botschaften im öffentlichen Raum, in der Regel keine lange Lebensdauer. Nachdem ich gestern persönlich zwei Sticker unkenntlich machte (mit einem 5 Cent-Stück ist das ganz einfach) entdeckte ich mit Freude, dass sich auch andere — wie nennt ihr uns unhysterische Normaldenker doch gleich? — linksfaschistische Multikulti-Gutmenschen bereits an mehreren eurer armseligen Stickerlies zu schaffen gemacht haben. Tja…
  2. ist es uns Craploggern zwar eine große Ehre auf eurer tollen neuen Linkliste in der Rubrik “Feindesland – Die Antipoden: Linke, Grüne, ANTIFA-Batzen” zu stehen, nur scheint ihr nicht zu verstanden haben, dass sich unser Blog bei weitem nicht nur mit euch, sondern mit diversen Ausprägungen und Facetten von Idiotie befassen, also auch mit unpolitischem Kram wie: Post und Telekom, Sarah Connor, Eso-Quacksalberei, Bananen, dem öffentlichen Nahverkehr, Animated GIFs, Literaturkritikern ohne Ahnung und überhaupt allerlei. Wir wollen uns auch gar nicht nur mit euch beschäftigen, denn das macht einen ja kirre auf die Dauer und so wichtig seid ihr auch nicht. So ist eure Linkliste eben nur eine weitere Seite, bei der, sollte ein entsprechender HTTP-Referrer aufschlagen, direkt an Helge weitergereicht wird. Danke, WP-Ban. Und wenn doch mal einer durchkommt? Nun, es hat noch immer Spaß gemacht, einen jener pamphletischen und von Xenophobie getränkten Kommentare von euch düsteren Gestalten, das Gesicht zur Faust geballt, zu konkretisieren oder nötigenfalls (bei schlechter Laune des Admins) ins Datennirvana zu befördern.

*peng*

peng
Foto: JoshMock (cc)

AW: Eugenik und die allgemeine Gebärpflicht

.markus, 27. Dezember 2007

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Foto:pokpok313 (cc )

Klicke-di-Klick. Such. Klick. Klick. Klick. Such. Klick. Das Internet ist eine phantastische Möglichkeit um auf Dinge zu stoßen, von denen man bisher meinte, sie würden gar nicht existieren. Von den wunderbaren Seiten der Vernetzung mag ich hier nicht reden – wir befinden wir uns auf dem CrapLog – sondern von den Abgründen der freien Meinungsäußerung. Über den Senf von Leuten, die nicht einmal wissen, was Würstchen sind. Über den Wahnsinn, der manchmal nur 2-3 Klicks entfernt ist.
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Schießbefehl, anyone?

Sebastian, 7. Dezember 2007

“So’n Quatsch. Wird eh nix bei rumkommen.” Das war in etwa meine Reaktion, als ich von der inzwischen zurückgezogenen Strafanzeige der stellvertretenden Vorsitzenden der leider so textflussfeindlich benannten Partei Die Linke gegen Wikipedia las. Unter dem Motto “Nazis raus aus Wikipedia”, hieß es in der entsprechenden Presseerklärung:

Seine erfreulich offene Struktur macht “Wiki” leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien.

Es kann und darf nicht sein, dass Einträge aus NS-Quellen zitieren und weit über das, rechtlich geschützte, Maß an Aufklärung hinaus Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen Verwendung finden.

Neben meinem Grusel über das Politikersprech “es kann und darf nicht sein” habe ich mich erstmal gefragt, ob das denn der Fall ist, dass Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen weit übers rechtlich geschützte Maß an Aufklärung hinaus Verwendung finden – dass politische Eiferer aller Couleur versuchen, Wikipedia-Artikel in ihrem Sinne zurechtzuschminken, wäre ja nichts Neues. Und in der Tat berichtet Springers Welt, die interessanterweise mehr Wohlwollen für antifaschistische Bemühungen aufzubringen scheint als so manch schönwetterprogressives Webmagazin und Blog:

Das Forum bei Wikipedia gibt Hinweise auf mehrere Attacken von Rechts in den vergangenen Wochen. Eine kritische Autorin hat beispielsweise “eingeschlichenen Nazi-POV” in einem Artikel über HJ-Fahrtenmesser bemerkt und gelöscht. Mit Nazi-POV ist der rechtsextreme Standpunkt des vorigen Verfassers (engl. point of view, abgekürzt POV) gemeint. Früher im November hatte dieselbe Autorin auf die von einem Wikipedia-Benutzer namens OldJo hochgeladenen Hakenkreuze auf Bildern verwiesen. (…) Diese dienten “keinen enzyklopädischen, historisch-kritischen Zwecken”, bemängelte die Beobachterin. Eine andere Nutzerin berichtete über weitere Beiträge, die als “reine Naziemblem-Container” dienten.

Die bloße Möglichkeit ignorierend, dass so etwas ein Problem sein könnte (noch einmal die Welt: “‘Wir sagen nicht, dass es solche Probleme nicht gibt’, sagt Wikipedia-Sprecher Klempert”), und obwohl schnell bekannt wurde, dass auch Schuberts Genossen die Anzeige nicht unbedingt toll finden, erklärten viele die Partei als solche zur Urheberin der Anzeige: “Linkspartei verklagt Wikipedia” (Netzpolitik), “Die Linke zeigt wikipedia an” (Heise); nur wenig richtiger Golem.de: “‘Die Linke’-Führung zeigt Wikipedia an”; und mit bedenklich erhöhtem Blutdruck Probloggerworld: “Wikipedia und die Zensur durch Linksfaschisten”.


“Dienstgrade und Kragenspiegel der Politischen Organisation (PO) der NSDAP” (Quelle: Wikipedia)

Immerhin zeigt dieser Titel schon mal, woher der Wind eigentlich weht, und liefert so zumindest eine Teilerklärung dafür, dass man sich vierlerorts mit dem “so’n Quatsch, wird eh nix bei rumkommen”, das ich weiterhin für angemessen halte, begnügen konnte. Ähnlich z.B. heißt es im Pottblog:

… durch ihre jüngste Aktion dürfte die stellvertretende Vorsitzende der SED/PDS/Linkspartei/wie_die_Mauerpartei_auch_ gerade_immer_heißen_mag schlagartig bekannter werden …

Mauerpartei ist gut – weil die Mauer nichts mit einer weltpolitischen Lage zu tun hatte und nur gebaut wurde, weil eine Sekte von geistig verwirrten Mauerfetischisten an die Macht kam, die Spaß daran hatten, Leute einzusperren, und die außer Mauern zu bauen auch den lieben langen Tag nix gemacht haben, während zu der Zeit, als SED-Leute die Mauer bauten, es in der dann wohl als Nazipartei zu bezeichnenden CDU von Nazis nur so wimmelte.

Ähnlich beispielhaft für den Aufstand der Zwonuller ist der Beitrag im Spreeblick:

Um als Politikerin für Netzschlagzeilen zu sorgen hilft es enorm, wenn man nicht weiß, was ein Browser ist. Noch wirkungsvoller ist es aber, wenn man keinen Schimmer hat, wie die Wikipedia funktioniert.

In der Pressemitteilung ist doch aber von “erfreulich offener Struktur” die Rede, und es heißt, die Wikipedia lebe davon, dass “jede und jeder seinen Beitrag (…) leisten kann”. (Dass jede seinen Beitrag leisten kann? Als Gott den Mann schuf, übte sie nur? Doch ich schweife ab.) Die offene Struktur ist Schubert also bekannt, und wenn sie schreibt, diese mache Wikipedia zu einem “wenig kontrollierbaren Einfallstor…”, dann anscheinend auch, dass es durchaus eine Selbstkontrolle gibt, die sie allerdings für nicht ausreichend befindet. Heißt “Keinen Schimmer” also soviel wie “du bist doof, nimm mir mein Spielzeug nicht weg” – ein Affekt, der möglicherweise die zweite Teilerklärung für die Aufregung darstellt? Und spielt es überhaupt eine Rolle, wenn ich meine, eine Webseite mache braune Propaganda, ob ich weiß, wie das intern und technisch funktioniert?

“Nazis raus!” fordert Schubert nicht nur für die Wikipedia, sondern für das gesamte Internet und lässt die Antwort auf die Frage “Und wohin?” dabei offen.


“Parteisymbol: Adler mit Hakenkreuz im Lorbeerkranz in den Fängen. Nicht zu verwechseln mit dem Reichsadler, da (aus Perspektive des Adlers) der ‘Parteiadler’ nach links, der Reichsadler hingegen nach rechts schaut.” (Quelle: ebenda)

Über diese Bemerkung kann man lange rätseln. Ich persönlich hätte auch kein Problem damit, wenn sich einer meiner Gäste als Nazi outete, ihn hinauszuwerfen und die Frage, wohin er gehen solle, dabei offenzulassen. Worum geht es denn hier, ein Heim für Nazis? Ist der Gedanke so abwegig, dass es einen stärkenden Effekt für Nazis haben könnte, wenn Nazi-Bild- und Textmaterial frei zugänglich ist? Wenn auf einer Webseite gegen Juden gehetzt wird (sorry, aber das tun Nazis manchmal), ist es sinnlos, die Seite zu verbieten/zu schließen, weil man ja nicht weiß, wo die Antisemiten dann hingehen (sollen), die sich zuvor auf dieser Seite wohlgefühlt hatten? Oder geht es gar nicht um Nazis, sondern nur um die Witzischkeit des Wortspiels? Oder liegt der Schluss nahe, den Wolf Schneider einst für den Umgang mit kryptischen Formulierungen empfahl: “Wahrscheinlich ist gar nichts gemeint”?

Gerüchte, dass Frau Schubert im nächsten Schritt Arcor zur Sperrung der Wikipedia zwingen will, sind ebensolche.

Ja, Arcor soll derzeit allen Ernstes den Zugang zu Google sperren, weil über Google Pornos auffindbar sind; damit hat aber Schubert oder sonstwer aus ihrer Partei nichts zu tun – vielmehr geht es dabei um das Wegklagen von Inhalten, die möglicherweise dem guten Geschäft von Geschäftemachern im Weg stehen könnten, ebenso wie derzeit bei Stefan Niggemeier, wobei im ungünstigsten Fall die Folge sein könnte, dass Foren und Blogkommentare künftig grundsätzlich moderiert werden müssen, was den Tod für den lebendigen Austausch im Netz bedeuten könnte – aber nein, die wahre Gefahr, wie auch Arnulf Baring immer wieder betont, kommt von links, in diesem Fall in Gestalt der Liebe zu staatlicher Zensur, die die Linken ja mit der Muttermilch aufgesogen haben; es ist wohl so: Wenn irgendwer eine alberne Strafanzeige in den Wind furzt, sieht man in Deutschland gleich den Ivan ums Haus schleichen.

Disclaimer: Spreeblick arbeitet gerade selbst an diversen Kampagnen, darunter “Arbeitslosigkeit raus!”, “Gewalt niederschlagen!” und “Der Schnupfen soll für immer weggehen!”.

Ach so! Nazis sind so ‘ne Art Schnupfen, quasi! Ha-tschi, kann halt passieren, dass ‘ne 20-jährige Schwangere im Bus herumgeschubst und geschlagen wird, weil Konsens ist, dass man “für Ausländer keinen Platz” habe, oder dass einer 17-jährigen ein Hakenkreuz in die Haut geritzt wird, dass bereits die statistische Kategorie “Nicht-rechte Jugendliche” eingeführt werden musste, weil diese ein gefährdeter Personenkreis sind, dass Schauspieler und Tänzer nach der Premierenfeier krankenhausreif geprügelt werden und die Täter keine ernstzunehmenden Konsequenzen fürchten müssen etc. pp. Ein Schnupfen!

Selbst wenn man die Anzeige als blinden Aktionismus bezeichnen kann – ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich mit zermatschter Fresse im Krankenhaus läge, während die Täter feixend über den Marktplatz spazieren, wäre mir ein blinder Aktionismus lieber als gar keiner, weil ich daran sähe, dass man das Problem wahrnimmt und möglicherweise sogar gewillt ist, dagegen vorzugehen. Wenn man mal mit einem Opfer rechter Gewalt gesprochen hat, das mit Tränen in den Augen beinahe gefleht hat, die Betroffenheits- und Solidaritätsadressen seien ja nett und schön, aber man solle doch auch und vor allem etwas tun, dann hat man begriffen, dass die Apathie der Öffentlichkeit mit ihrer Standby-Betroffenheit auf Dauer brutaler ist als ein Schlag ins Gesicht – denn das blaue Auge heilt, das Unrecht und die Bedrohung bleiben.


“Die Partei. Allegorische Skulptur von Arno Breker.” (Quelle: ebenda. Lizenz: GNU)

Aber klar, man kann das alles auch als Schnupfen betrachten und das wahre Böse eher in einem juristischen Rohrkrepierer von links am Nikolaustag vermuten. So wie der Spreeblick und seine Leser. “Das ist doch bloß ineffiziente Symptombekämpfung. Ich fordere ein Geburtsverbot für Neonazis!” Jahaha, Nazis sind nun mal da, kann man nix machen. “Die PDS aehh SED … quatsch … Die Linke!!! scheinen noch nicht so ganz in der Demokratie angekommen?” Die Demokratie, deren Behaglichkeit, in der wir digitale Boheme uns gerade so schön eingerichtet haben, nun mal einen Preis hat, zum Beispiel ein paar marodierende Nazis und ein paar Polizisten und Richter, die jene protegieren? “… macht ‘Wiki’ leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien… Leider aber auch für linke und linksextreme Ideologien.” Ja, ob nun Autonome gegen schwerbewaffnete Polizisten antreten oder eine Mehrheit von besoffenen Faschos gegen Behinderte, Obdachlose, Schwule und kleine Mädchen: dieselbe Soße, genau wie NS-Deutschland und DDR – als ob Kinkerlitzchen wie Weltkrieg und Genozid einen Unterschied ausmachten, alles dieselbe Soße! “jeez, inzwischen wird mir von den betonköppen von der sed fast genau so schlecht wie von der braunen pest…”, “Waren ja schon immer ein wenig realitätsfern. Die Mauer ham se der Welt ja auch als antifaschistischen Schutzwall verkauft…”, “Warum die Aufregung? In der DDR hat das doch auch funktioniert. Arbeitslose, Obdachlose, Nazis – gab’s doch alles nicht, und das allein durch totschweigen. War eben doch nicht alles schlecht damals … Man denke nur an Autobahnen (ach ne, war was anderes)”. Ach Quatsch, was anderes, wieso denn.

Aber dann gibt es natürlich auch Kommentare wie diesen:

Was ich wirklich schlimm finde am Internet: Man erfährt immer sofort, wenn sich irgendein Idiot mal wieder völlig zum Horst gemacht hat. (…)

Man erfährt es allerdings nur deshalb immer sofort, weil kaum ein Blogger es sich verkneifen kann, noch mal anders aufzuschreiben, was er gerade in seinem Nachbarblog gelesen hat. Leute, genau – da hat nicht jemand einen Vorstoß zur Abschaffung der Demokratie oder zum Wiederaufbau der Mauer oder zur Übertragung des Internets in staatliche Verwaltung gemacht, sondern sich zum Horst, ganz einfach. Können wir es dabei bitte belassen? Und wenn wir schon meinen, Nazis gehörten zur Demokratie dazu, hiervon abweichende Auffassungen wenigstens tolerieren? Das wäre herzallerliebst, danke sehr.