Archiv für die Kategorie ‘Audiovisuelle Machwerke’

Chop Suey

.markus, 29. January 2007

Originalität ist nicht reproduzierbar und das macht sie zu einem so seltenen Gut in der Copy & Paste-Netzkultur.
Die ungemein wichtige Vereinfachung der Technik, die plötzlich jedermann Publikationsmöglichkeiten und Publikum im Internet bietet, hätte Joseph “Jeder-Mensch-ist-ein-Künstler” Beuys gefallen. Aber lassen wir den werten Herrn Beuys erstmal aussprechen:

…damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt…Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.

Der Begriff Originalität ist per Definition mit dem Schöpferischen verbunden, aber wir wären hier nicht auf der Plattform der ungeschminkten Abrechnungen, wenn es jetzt nicht um das genaue Gegenteil gehen würde.

Auf YouTube.com

Am Anfang waren Lippensynchronisationen bekannter Songs ja noch originell und witzig.

YouTube gab es noch nicht, man zog sich kurze Funclips mit (bestenfalls) ISDN-Geschwindigkeit von statischen HTML-Seiten. Damals war nicht alles besser, aber der Wald (Metapher!) war wenigstens kleiner. Einen letzten Hauch von Originalität hatte etwa dieses Video hier:


(YouTube-Direktlink)

Danach versank die Idee im Morast der 3-Minuten-Youtube-Ruhm-Fraktion und wurde zu einem der größten Misthaufen in der schönen neuen Welt des User-Generated-Content.

Die einzige Hemmschwelle zum Veröffentlichen von grausigen Versuchen der Lippensynchronisation scheint heute das Drücken des Aufnahmeknopfes zu sein – und das ist für eine intuitiv-technikaffine Jugend wahrlich ein geringes Hindernis.

Und so ziehen in meinen dunkelsten Träumen Heere von Abmahnanwälten durch die Kloaken von Youtube, verklagen alles auf Urheberrecht und Schmerzensgeld und Richter verhängen die Prügelstrafe.

No matter what I do, I do it just for you

Frank, 22. January 2007

klaws

Castingshows sind nicht deswegen blöd, weil sie Müll sind. Der Großteil aktueller Fernsehunterhaltung ist das.

Castingshows sind blöd, weil man sich immer mal wieder dann doch verschämt dabei erwischt, sabbertriefend und vakuösen Hirnes “mitzufiebern”, wenn sich ein paar arme Tropfe von minderbemittelten Nord- oder Ostdeutschen dauer-ankacken lassen, weil sie sich zu wenig aufopfern für den Fast-Food-Popkultur-Endsieg, der bloß aus weiterer Selbstaufopferung, Prostitution und andauerndem Kampf gegen die Selbsterkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit besteht. Mir ging’s zuletzt in der Pizzeria so, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Drei runde Fladen zu belegen, zu backen und einzupacken dauert schon so seine Zeit. Im TV lief RTL, eine Tanzshow. Ein schwuler Schwarzer wird in einem Intro als “Alessandro – Der Schweigsame” o.Ä. charakterisiert. Anschließend hüpft dieser mit überzeichnenden Gesten (die dort wohl verlangt werden) zu irgendwelchen beliebigen Tönen auf einer Turnmatte herum. Nach einer Minute fragt die Moderatorin, blond, Perlweißgrinsen, den Atomlesen Atemlosen, wie’s denn so war. Nichsozufrieden, Publikum spitze, danke an meinen Freund… Der nächste bitte! Pizza fertig.

Weißt Du was? Manchmal schau ich sowas gerne.

Warum sollte man leugnen, dass man das tut, “wenn’s halt grad kommt”? Ein kleiner sensationsgeiler Voyeur steckt doch in uns allen. Man muss die Schwachmaten da ja nicht mögen. Popstars, DSDS und alle Klonformate taugen 2007 genauso wenig, den Niedergang von Kultur und Jugend zu konstatieren wie z.B. Klingeltöne. Es gibt das einfach, ein Unterschichtsphänomen, das Alltagskultur geworden ist, so what? Wesentlich anstrengender als blechernes Rapgedudel oder bleiernes Popgefistel sind die, die sich als Gralshüter des guten Geschmacks aufspielen (während sie in anderen Kontexten Ironie und die topmoderne Koketterie mit Trashkultur zum Stil erheben). Wer sich dessen schämt, Bohlen zu gucken, dem D! beim Quengeln zuzuhören, Leuten beim Rumhampeln und Schlittschuhlaufen zuzusehen – sollte besser schweigen, anstatt in despektierlicher Ironie über andere zu urteilen, die dazu stehen. Was nicht heißen soll, dass dort nicht ausnahmslos Dreck produziert würde. Nur ist es eben unterhaltsamer Dreck, wenn man gerade für Dreck empfänglich ist.

Nebenbei: Das Erzeugnis von Castingshows sind Perversionen der Popmusik. Wenn das dort vermittelte Stilbild aber noch weiter verzerrt wird – so etwa wie wenn man Brei immer und immer wieder püriert – dann kommt so etwas heraus wie das, was Mr. Batz da fand: Ein Kobold mit “Superstar”-Frisurpracht namens Declan Galbraith trällert das Nationalheiligtum “An Angel” von der Kelly Family (Remember Angelo?), stilistisch ein brünftiger Lemming, der zuviel gekokst hat (Man beachte den Gesichtsausdruck!), in Flori Silbereisens neuer Stadlstation “Am laufenden Band”. Sieh selbst, geht das noch schlimmer? Ich habe es mir bis zum Schluß angesehen.

(Bild und Titel dieses Beitrags entstammen dem furchtbaren “Behind the Sun” von Alexander Klaws)

Krampflachen

.markus, 27. November 2006

Er ist der wohl begnadetste Komiker aller Zeiten. Die Pointen seiner Gags sind subtil und treffen voll ins Schwarze. Das Programm mit dem er quer durch Deutschland tourt, ist ein Feuerwerk an genialen Wortspielen, es sprüht nur so von Witz, es überschlagen sich die gelungenen Seitenhiebe auf bisher unbekannte Abgründe der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Und wenn er erst mal auf der Bühne steht, merkt man, dass es außer ihm keinen zweiten geben kann. Er ist der geborene – was sag ich – der berufene Entertainer. Von seiner Gestik, seinem Sinn für Dramaturgie und seiner Bühnenpräsenz, könnte sich jeder Komödiant vom Schwäbischen Meer bis zur Nordsee eine gewaltige Scheibe abschneiden.

Es soll ja Komiker geben, die einen Holzhammer-Humor praktizieren, ich nenne dies das “Haha-Vorlachen”, eine Art von Humor, den man bei Gemeinderatsversammlungen und Firmenbesprechungen antrifft, damit die Untergebenen wissen, an welcher Stelle sie gefälligst laut prustend zu lachen haben. Dieser Humor wirkt vor allem in einer Atmosphäre, in der die Leute von 2-3 Bier schon ein bisschen betüdelt sind und die stickige Luft für Sauerstoffmangel auf der Großhirnrinde sorgt. Es ist die selbe Atmosphäre, die Leute kollektiv im Takt klatschen lässt, sobald eine Musik im Vierviertel-Takt einsetzt.

Nicht so dieser Komiker. Die Gags zünden auf großartige und hinterhältige Weise und eh sichs der Zuschauer versieht, rollt er kugelnd, kringelnd und lachend über den Boden. Eine Show dieses Entertainers ist für die Bauchmuskeln so gut, dass sie 150 Sit-Ups im Fitnesscenter ersetzt.

Komiker sind heute viele. Er hat aber auch noch ein Buch geschrieben, das man mit Fug und Recht als die Bibel der Komik bezeichnen kann, aber ich habe es nie geschafft es ganz durchgelesen, weil man mit Tränen in den Augen (vor Lachen natürlich!) schlecht lesen kann. Es ist wohl das beste humoristische Machwerk seit dem “Buch der Komödie” von Aristoteles, das aber leider verschollen ist.

Ach?

Von welchem Komiker ich spreche?

Ich spreche nicht von Mario Barth.

Bestimmt nicht. In keinster Weise. Im Gegenteil. Er ist für mich langweiliger, als es das ‘Warten auf Godot‘ der beiden Landstreicher Wladimir und Estragon sein muss, oder eine Echtzeitinszenierung des Archaikums.