Blutiger Boden

Frank, 22. August 2007

300

Ich konnte es mir nicht verkneifen. Ich habe mir 300 angesehen. Und: Es passt einfach alles in diesem Film. Die völlige Kritiklosigkeit, gar Glorifizierung frühkindlicher Abhärtung gegen das eigene Empfinden, der Mutterschaft primär als Lieferantin neuen Soldatenmaterials, der Gnadenlosigkeit gegenüber dem Gegner, der Euthanasie, der Dämonisierung des Fremden, des ehrenvollen Todes, der Selbstaufopferung für Ehre und Ruhm, der Unaussprechlichkeit von Trauer, die Überhöhung der Schlachtfeld-Kameradschaft statt echter zwischenmenschlicher Bindungen, Überhöhung der eigenen (vereinigten) Nation, die Riefenstahlsche Körperästhetik, die Ablehnung von allem, das weiblich oder homosexuell konnotiert ist, die Darstellung von Politik und Diplomatie als “schmutziges Geschäft” im Kontrast zum ehrlichen, “aufrechten” Kampf, die hohlen Phrasen von Freiheit, die im Grunde nur Selbstbehauptung des eigenen Systems der Inhumanitas meint, die Ablehnung von Kapitulation, selbt angesichts der sicheren Niederlage.

Kurzum: Dieser Film vertritt eine vollkommen abartige, erstklassig faschistische Pseudoromantik.

301Ein kompletter Scheißfilm! Die Ideale, die darin transportiert werden sind zudem nicht ungefährlich. Könnte mir gut vorstellen, dass “300”, wenn es ihn damals schon gegeben hätte, nochmal etwas Restmotivation beim Volkssturm rausgekitzelt hätte. Entsprechend ist der Film seit Tagen übrigens der absolute Bestseller bei uns in der Videothek. Davon abgesehen, dass es natürlich Unfug ist, aus dem Plot des Films eine ideologische Mobilmachung für einen bevorstehenden Iranfeldzug zu sehen ist[1], lässt sich ein solcher Mist doch weder durch visuelle Opulenz noch durch das beliebte “Ist halt Popcornkino”-Argument entschuldigen. Was ist das überhaupt für ein Trend, dass für eine bestimmte Klientel Filme nur noch gut sind, wenn sie aufwändig in Szene gesetzte Körperteilamputationen enthalten? Vielleicht sollte sich dieses Segment der Videothekenkunden-Sozialstruktur mal Gedanken über den eigenen Gefühlshaushalt machen.

Übrigens: Wer hat’s schon im Vorfeld gewusst, dass der Film so mies ist? Mein mich weise bereits gewarnt habendes Weib. Typisch.

  1. Ins Blaue schätze ich mal, dass drei Viertel der Filmzuschauer nicht wissen, dass Persien heute der Iran ist [zurück]

19 Kommentare

  1. Lotta sagte am 22. August 2007 um 22:48 Uhr:

    Zur Fußnote:
    Ist doch egal wer der Feind ist, Hauptsache man hat einen. Ob man nun weiß, die Perser gehören irgendwie historisch zu den heutigen Iranern oder nicht, wenn der Film schön blutig ist und man danach so richtig Bock auf Schlachten hat, oder wenigstens ein bisschen mehr das Gefühl bekommt, es sei völlig normal wenn Menschen andere Menschen in Stücke hacken, dann reicht’s doch völlig.

    Ach ja, 1A Rezi, Alter.

  2. ovit sagte am 23. August 2007 um 10:11 Uhr:

    was ist denn das für ein beschissener eintrag hier? schreib ich gleich mal einen eintrag drüber! 😉

    also, ich fand den film ja okay. doch wohl sehr 1:1 zum comic, aber 1:1 ist ja eigentlich nun auch schon vorbei.

    ich mag ja auch rammstein, und die wussten mit einer ähnlichen ästhetik zu provozieren und waren damit schnell eine rechte band. aber ich bin ja hier für den pluralismus und habe auch nicht die rechte, den beitrag zu editieren.

  3. juf sagte am 27. August 2007 um 20:55 Uhr:

    Das Problem ist ja nicht die Ästhetik, zu der kann man nur geschmacklich Stellung beziehen, sondern die Werte, die der Film vermittelt. Und die hat der Artikel hervorragend heraus gearbeitet. Der Film ist eben nicht “nur Entertaiment”

  4. plasmaoxyd sagte am 3. September 2007 um 16:00 Uhr:

    Es gibt viele spaßige Filme, die gar keine oder nur sehr fragwürdige Wertevorstellungen transportieren. Mir hat der Film gefallen, weil ich einer bin, der sich von großen Hollywood-Prunk gerne blenden lässt, selbst wenn ich mich mit der Moral der Handlungen im Film keineswegs identifizieren kann. Die Altersbeschränkung des Filmes sollte allerdings bei 18 statt 16 liegen, denn wer mit 18 noch kein gefestigtes Weltbild hat, und sich von so einem Film “verbiegen” lässt, der hätte auch nichts mit einer Produktion anfangen können, die weniger “faschistisch” an die Sache herangeht.

  5. postmaster sagte am 4. September 2007 um 13:54 Uhr:

    Baah, was eine einseitig arrogante Rezension.
    Vielleicht sollte man sich solch schwülstige Gefühlsausbrüche lieber für die nächste Laudatio beim 80. Geburtstag seines Großvaters aufheben oder sowas. Grauselig. Da schau ich mir den Film doch lieber selber an und mach mir mein eigenes Bild, als mich von so einem extrem subjektiven Meinungsverwurschtelungsversuch beeinflussen zu lassen…
    Brrr, grauselig…

  6. maloXP sagte am 5. September 2007 um 12:33 Uhr:

    Tag postmaster,

    wenn du nach objektiven Kriterien suchst, nach denen du dir zu schauende Filme aussuchst, empfehle ich dir, zukünftig keine Blogs mehr zu lesen, am besten auch keine Kino- und DVD-Gazetten. Zieh stattdessen am besten die Amazon-Bewertungen in ihrer Gesamtheit heran und bilde dir dir dein Urteil aufgrund des arithmetischen Mittels der Bewertungen, bereinigt um die oberen und unteren 10 Prozent (Ausreißer). Oder frag mal meinen Coautor ovit, der kennt sich mit statistischen Verfahren noch etwas besser aus.

    Was meinen “extrem subjektiven Meinungsverwurschtelungsversuch” angeht, gelobe ich hiermit Besserung. Ich werde nie wieder meine Meinung in einen Blogartikel einfließen lassen. Ästhetik ist schließlich nicht umsonst normiert!

  7. toml sagte am 6. September 2007 um 00:39 Uhr:

    Sehr guter Artikel! Sehr merkwürdige Einstellung: postmaster! Sehr gut reagiert: maloXP. Nur stört mich:
    “Mein mich weise bereits gewarnt habendes Weib. Typisch.” Erst so kritisch, dann dieser Rückfall hin zur Abwertung der eigenen weiblichen Partnerin mit dem Begriff “Weib”, der wohl aus der 300-Zeit stammen könnte, die der Artikel sich wähnte, doch hinter sich gelassen zu haben.

  8. maloXP sagte am 6. September 2007 um 13:34 Uhr:

    Wenn du wüsstest, wie sie mich zeitweise zu nennen pflegt… Ansonsten bin ich gendertechnisch auf dem Stand der Zeit, sei dir dessen versichert.

  9. ovit sagte am 6. September 2007 um 18:18 Uhr:

    “Da schau ich mir den Film doch lieber selber an und mach mir mein eigenes Bild, als mich von so einem extrem subjektiven Meinungsverwurschtelungsversuch beeinflussen zu lassen”

    also davon würde ich dem postmaster ja schwer abraten. auch wenn der vorwurf der subjektivität, wo wir hier doch mit allen mitteln versuchen möglichst objektiv zu sein, schwer lastet.

    aber ich schau mir filme, die mich wirklich interessieren auch schon lange nicht mehr an. ich such bei technorati und schon habe ich eine zeitersparnis von über 90 minuten. wahnsinn. dieses web2.0 ding ist grandios. muss man nicht mal mehr in die videothek gehen.

    ansonsten ist der ansatz des arithmetischen mittels von maloXP nur zu begrüßen. wobei ich sagen würde, dass wir die oben und unteren 10% keinesfalls bereinigen müssen, denn genau dafür berechnen wir ja das arithmetische mittel.
    ansonsten würde sich hier wie immer eine kleine multivariate analyse anbieten, was bei einer ausprägung von “300” ja auch sehr gut machbar wäre.

    oder:

    hej hej wait a minute mister postermaster

  10. Herschel sagte am 21. September 2007 um 15:49 Uhr:

    die rolle der frau im film hast du nicht ganz erwischt – sie ist nicht nur gebärmaschine, sondern gleichberechtigt.

  11. Lotta sagte am 21. September 2007 um 22:20 Uhr:

    Herschel, du hast mich neugierig gemacht.
    Nicht nur Gebärmaschine, sondern gleichberechtigt – das geht zusammen? Ja wie denn?

  12. .markus sagte am 21. September 2007 um 22:36 Uhr:

    Erst die Küche putzen und dann Jagen gehen? Hihi…

  13. maloXP sagte am 22. September 2007 um 03:52 Uhr:

    @ herschel: Gleichberechtigt? Ah, ich ahne was Du meinst. Die Dame atmet rein ideell den Atem von Freiheit und Emanzipation, weil sie ihrem Mann in die Augen schaut und es wagt, auch ungefragt das Wort an ihn zu richten. Was ihr freilich auch nichts hilft, als sie sich, um im Parlament zumindest angehört zu werden, erstmal gepflegt vergewaltigen lassen muss.

  14. Herschel sagte am 22. September 2007 um 13:20 Uhr:

    @lotta&.markus: was ist los, habt ihr probleme maloXPs artikel nachzuvollziehen, oder seid ihr einfach nur zu beschäftigt meine behauptung zu widerlegen?

    @maloXP: erstmal danke für die sachliche antwort.

    gleichberechtigt ist auch zu hoch gegriffen, ich habe mich beim kommentieren wohl etwas gehen lassen. jedenfalls beziehe ich mich auf die stelle, als der bote der perser sich auf den schlips getreten fühlt, dass eine frau das wort an ihn richtet.

    natürlich muss sie sich vergewaltigen lassen, um vor dem parlament angehört zu werden, aber du kannst nicht behaupten frauen werden als gebärmaschinen dargestellt, die sonst nichts zu melden haben.

    außerdem ist die gezeigte rolle der frau im historischen kontext gesehen ziemlich fortschrittlich. wäre die entwicklung von diesem punkt ausgehend voran geschritten, wären wir heute in sachen gleichberechtigung weiter.

    allerdings gibt es noch heute zur genüge gesellschaften, in denen frauen einen schlechteren stand haben, als im filmsparta.

    und versteh mich bitte nicht falsch – in sachen ästhetik und glorifizierung von kampf und heldentum ist dieser film wirklich fragwürdig, da gebe ich dir vollkommen recht. auch wenn ich mich trotzdem gut unterhalten fühlte 😉

  15. .markus sagte am 22. September 2007 um 20:06 Uhr:

    @Herschel: Während Lotta dein kleines sprachliches Mitgeschick “nicht nur – sondern” auf die Schippe nahm, bin ich einfach nur ein von dieser Vorstellung entzückt gewesen, also der Emanzipation hinterm Herd, höhö. Hab ja extra noch ein “hihi” hintendran gehängt, da man ja Humorverständnis im Internet nicht voraussetzen kann. Habe den Film nicht gesehen, freue mich aber immer wieder über Craplogsche Diskussionen.

  16. Sebastian sagte am 30. September 2007 um 15:13 Uhr:

    Zugegeben, Hitler hätte auf diesen Film wahrscheinlich abgespritzt, aber ich fand ihn trotzdem geil.
    Die Szenen, in denen gesprochen wird, hätten sie natürlich auch rausschneiden können, laaaangweilig, aber Gollum zum Beispiel war ziemlich cool.

  17. MuGo sagte am 2. October 2007 um 14:44 Uhr:

    “natürlich muss sie sich vergewaltigen lassen, um vor dem parlament angehört zu werden”

    Geil, wenn ich jemals eine populistische Partei gründen sollte wird dies das Wahlprogramm!

    Vor allem mit dem Nachsatz ABER wirkt das unheimlich geil. Wobei Herschel natürlich Recht hat, aus dem was ich euren Kommentaren entnehmen kann, werden Frauen im Filmsparta nicht als Gebärmaschinen missbraucht, sondern dienen als Beweis der eigenen Potenz. Das ist natürlich fortschrittlich! Überhaupt erinnert mich die ganze Szenerie irgendwie an seltsame Studenten-Verbindungen: Nur eine Frau, die sich vergewaltigen lässt – also demütigen – hat so etwas wie Respekt verdient. Doch, doch, das überzeugt mich immer mehr…

  18. 50AE sagte am 9. October 2007 um 16:59 Uhr:

    Ich fand den Film ganz nett.

  19. maloXP sagte am 9. October 2007 um 17:06 Uhr:

    Ja wie, sonst nix? Darf man wenigstens fragen, warum? Ansonsten bin ich geneigt, deinen Kommentar gleichzusetzen mit einem Strahl aus Harn, den jemand direkt gegen ein jungfräulich mit chemischem Fäkalienzersetzer befülltes Dixi-Klo setzt. Von außen, wohlgemerkt.

    Schnurr: Metapherngott Ich.

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