AW: Eugenik und die allgemeine Gebärpflicht

.markus, 27. December 2007

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Foto:pokpok313 (cc )

Klicke-di-Klick. Such. Klick. Klick. Klick. Such. Klick. Das Internet ist eine phantastische Möglichkeit um auf Dinge zu stoßen, von denen man bisher meinte, sie würden gar nicht existieren. Von den wunderbaren Seiten der Vernetzung mag ich hier nicht reden – wir befinden wir uns auf dem CrapLog – sondern von den Abgründen der freien Meinungsäußerung. Über den Senf von Leuten, die nicht einmal wissen, was Würstchen sind. Über den Wahnsinn, der manchmal nur 2-3 Klicks entfernt ist.
Ich surfte also ganz unbedarft durch politische Foren, was für sich schon oft eine Höllenqual ist und einem die Lust an der Demokratie gehörig verhageln kann. Kaffee links, Laptop in der Mitte, rechts ein Wörterbuch, da man die radikale Rechte, die radikale Linke, und die radikale Ich-weiß-noch-nicht-genau-aber-hauptsache-radikal sonst kaum noch unterscheiden kann, abgesehen eben vom Propaganda-Vokabular. Selbst das jedoch ist nicht einfach.
Ich erschauderte jedesmal, wenn ich “die Deutschen”, runzelte die Hirnrinde, wenn ich “die Türken” las und fühlte mich nur behaglich in dem Glauben, dass die politischen Ambitionen eines Großteils dieser Leute mit dem Beschmieren eines Blogs oder Forums erreicht sind. Man lernt viel im Internet. Unter anderem auch über die Daseinsberechtigung von Bild, RTL II und die Hits der 70er, 80er und das Beste von heute. Dankbar will man den Politikern zurufen, ihr seid zwar scheiße, aber es könnte noch viel schlimmer sein.

Ein wenig beruhigender Gedanke, dass die Leute, die auf solch einen gemeingefährlichen Unsinn kommen, das Wohl der Welt im Sinn haben, denn:

Im folgenden Text schlage ich vor, durch Anwendung eugenischer Geburtenkontrolle und einer allgemeinen Gebärpflicht die Grundlagen für unsere aufgeklärten und materiellen Wohlstand produzierenden Gesellschaften wiederherzustellen und diese dadurch wieder in die Lage zu versetzen, langfristig auch einen stabilisierenden und wohltätigen Einfluß auf die heute immer weiter ins Elend versinkende dritte Welt auszuüben und dadurch Leid zu vermeiden. Gelänge es, diese politischen Maßnahmen konsequent überall auf der Welt einzuführen, würde die Schaffung einer gerechten Welt, in der alle Menschen miteinander in Frieden und Wohlstand leben, tatsächlich langfristig wieder in den Bereich des Möglichen rücken. Ohne diese Maßnahmen jedoch werden Ungerechtigkeit, Leid und Elend jedoch immer weiter zunehmen.

Schreibt ein “Moloch “.

Eine Gefahr, weil es nicht das unüberlegte Gestammel eines jungen Menschen ist, dessen Geist von einer politischen Radikalität zerfressen wird, sondern ausformulierte und durchdachte Gedankengänge einer Überlegung, die im Ansatz bei zu vielen Menschen schon Akzeptanz gefunden hat.
Der nun folgende Text strotzt nur so von gefährlichen Halbwahrheiten, demographischen Fakten, die zu falschen Rückschlüssen herbeigezwungen werden, wahnwitzigen Vergleichen und Absurditäten:

Außerdem sind solche Pflichten, die ohne Ausnahme jeden betreffen, nichts Ungewöhnliches: In den großen Kriegen wurden durch die allgemeine Wehrpflicht alle gesunden Männer dazu gezwungen, ihr Leben auf dem Schlachtfeld zu riskieren, weil die Existenz der Nation davon abhing. Heute hängt die Existenz unserer Nationen von ausreichendem Nachwuchs ab, und da erscheint es mir vertretbar, auch hier eine allgemeine Dienstpflicht durchzusetzen.

Moloch gibt sich aber nicht mit seiner These zufrieden, sondern legt gleich noch ein umfassendes Programm zur Gebärpflicht nach, das seinen perversen nationalistischen Geist voll offenbart. Eine kleine Sammlung des ekelerregenden Vokabulars: Gebärfrist. Mindestkinderzahl. Gebär- bzw. Zeugungspflicht. Gebär- und Zeugungsberechtigung. Sterilisation. Punktesystem zur Ermittlung der Fortpflanzungswürdigkeit.

Die Kunst der Satire scheint kaum noch möglich, wenn karikierende Stilmittel von der grausamen Realsatire verhöhnt und bei weitem übertroffen werden. Bitter.
Wo uns das hinführen soll, weiß Moloch auch noch:

“Brave New World” ist ein Roman, in dem eine mögliche Zukunft der Menschheit beschrieben wird. Da wird weder etwas gutgeheissen, noch etwas verurteilt. Mag sein, daß viele Kritiker die in diesem Buch beschriebene Welt als eine Horrorvision ansehen, aber ich tue das nicht. Es wird eine Welt beschrieben, die friedlich ist, die all ihren Bewohnern ein friedvolles Leben in Wohlstand und ohne großes Leid ermöglicht. Ich finde das ein sehr wünschenswertes Ziel, von dem die Menschheit derzeit leider sehr weit entfernt ist und dem sie m.E. auch nicht näher kommen wird, solange sie nicht die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen anwendet.

Schöne Neue Welt, ja bitte! Ich möchte dann nur der “Wilde” sein. Danke.

6 Kommentare

  1. Henry sagte am 27. December 2007 um 20:43 Uhr:

    Bei welchen anderen Menschen findet diese These denn Akzeptanz? Ich sehe darin nichts weiter als die typischen utopischen Wahnvorstellungen. Dass das wirklich jedoch einmal so umgesetzt werden sollte, ist eher übertrieben als eine ernsthaft begründete Angst.

  2. Frank sagte am 27. December 2007 um 21:06 Uhr:

    Das ist harter Tobak. Aber politikforen.de ist auch ein teigig-braunes Pflaster, der Ton gleicht dem in der grünen p*st genauso wie sich mitunter die Userstämme überschneiden.

  3. Harry Kuntz sagte am 27. December 2007 um 21:26 Uhr:

    Ich erinnere mich an einen ca. 5-stündigen Chat mit einem Utopiker vor etwa 5 Jahren, der ein 500-seitiges Pamphlet mit einer neuen Gesellschaftsordnung verfasst hat. War so eine krude Mischung aus Anarchie, Räterepublik, 3-in-1 Gewaltrückenteilung (also quasi Gewaltzusammensetzung), Kommunismus, dann doch wieder Nationalismus, Herrenmenschentum, halt diese typische Mischung, die man heute so vorfindet. Jedenfalls insgesamt eher eine blutige Angelegenheit. Und genau wie .markus war ich auch geschockt von der Eloquenz, mit der das vorgetragen wurde. Das der wirklich 500 Seiten darüber geschrieben hat, habe ich ihm unumwunden geglaubt. Und, nichts gegen politsches Engagement, aber Leute, die sich so sehr da reinknien, sich da in solche kruden Dinge versteigen, machen mir seitdem irgendwie Angst.

  4. Lotta sagte am 27. December 2007 um 21:44 Uhr:

    @ Frank
    Trotz diverser Streifzüge durch größere politische Foren, ist mir bislang keines unter gekommen, in dem es nicht “teigig-braun” zuging.
    Anfangs war ich noch geneigt anzunehmen, das seien bloß Ausnahmeerscheinungen, ich hätte eben noch nicht das richtige Forum gefunden – aber Pustekuchen, die sind alle so.
    Oder wie .markus ganz richtig bemerkte:

    Ich surfte also ganz unbedarft durch politische Foren, was für sich schon oft eine Höllenqual ist und einem die Lust an der Demokratie gehörig verhageln kann.

  5. ovit sagte am 29. December 2007 um 12:57 Uhr:

    ist der moloch vielleicht der messias?

  6. Besinnliche Feiertage II: Blogs sagte am 5. January 2008 um 14:37 Uhr:

    […] Da fand ich denn heraus, wie man sich durch den politischen Blogdschungel schlägt: „Kaffee links, Laptop in der Mitte, rechts ein Wörterbuch, da man die radikale Rechte, die radik….“ Trotz Hilfsmittel kommt manchmal Verzweiflung auf: „Dankbar will man den Politikern zurufen, […]

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