.markus, 30. Juni 2008
Gäste sind das A und O der Gastronomie und auch noch das G S T R N M I E. Hunderte Bücher informieren, belehren und maßregeln den dienstbeflissenen Bediensteten im Umgang mit dem Kunden. Das Verhalten des Gastes selber, das sich eigentlich nur im Rahmen der natürlichen Höflichkeit und Aufmerksamkeit bewegen braucht, wird leider kaum angesprochen. Die allermeisten Gäste sind unkompliziert, manche gehen aber nur von einem einseitigen Kommunikationsmodell aus. Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf, damit der Kellner nicht irgendwann die Theke mit den Zähnen küsst oder sich mit einer Kuchengabel böse Dinge antut.
Grundlegendes
Artikulation – die erste Silbe betont es – ist eine Kunst. Ein Leitthema, das sich hier durch alle Lektionen ziehen wird. Um grundlegenden Missverständnissen vorzubeugen, hilft es sehr, das Gewünschte in klarer (Aus-)Sprache und einer angemessenen Lautstärke zu bestellen. Selbst Frauen und babypopoglatten Jünglingen muss man allzu oft einen (metaphorischen) Bart andichten, wenn sie mal wieder “Nuschelsuppe” bestellen.
Lektion I – Die Auswahl und Bestellung
Dass Menschen in Verträgen nicht das Kleingedruckte lesen ist bedauerlich, aber nachvollziehbar. Doch auch größere Buchstaben scheinen manchmal keine besondere Anziehungskraft auszuüben. Gewisse Leute müssten unter meterhohen Stahlbetonbuchstaben begraben werden, um das Gewicht der Worte zu begreifen. Die Speisekarte ist keine Unterart der Tischdekoration, sondern tunlichst zu benutzen.
Der ausgesprochenen Bestellung geht ein Entscheidungsprozess voran, den der Gast allein durchmachen muss. Der Kellner (sollte!) kennt zwar Speis und Trank der Speise- und Getränkekarte, kann empfehlen und erklären, muss aber nicht existenziell an grundlegenden persönlichen Entscheidungsschwierigkeiten beteiligt sein. Bevor man also die Hand in die Höhe reckt, demonstrativ die Karte ablegt oder den Kellner mit Blicken anfunkt, sollte man zumindest die Stoßrichtung seiner Expedition in gastronomische Gefilde festlegen. Bei philosophischen Fragen, wie etwa “Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier?” ist der Kellner nur bedingt fähig zu antworten. Ihn als interaktive Dropdown-Menükarte zu benutzen, kann für alle Beteiligten anstrengend sein. Warum erst einen Kaffee bestellen, wenn’s doch ein Cappuccino sein soll? Warum nicht gleich ein Weizen oder Pils bestellen, anstatt nur dumpf “Bier” zu sagen.
Lektion II – Der Tischservice
Die Auswahl ist getroffen, der Gast kann sich nun zurücklehnen und es sich gemütlich machen. Dabei wird gerne der Tascheninhalt über den Tisch ausgebreitet und das Großformat der Tageszeitung voll ausgenutzt. Ungemütlich ist das für den Träger von Speis und Trank, wenn die Stellfläche zwischen den Utensilien nur wenige Quadratzentimeter Tischplatte freilässt. Nicht jeder Kellner ist promovierter Zirkusjongleur und kann drei Teller balancierend mit dem vorderen Glied am kleinen Finger eine Zeitung falten oder Handys, Zigarettenschachteln und Geldbeutel zu einem Platz sparenden Turm stapeln – gerade wenn ihn der Gast dabei anschaut, wie Frühstücksfernsehen auf RTL II. Eine leichte Seitwärtsbewegung des Oberkörpers könnte die Tellerübergabe zudem noch mehr vereinfachen.
Gespeist und getrunken, der Gast ist fertig. Auch hier ist die Ausnutzung der vollen Tischplatte sehr beliebt und die Überreste und Utensilien einer Mahlzeit verteilen sich über diese. Von einem Gast kann man kaum verlangen, dass er die Teller stapelt, aber vielleicht, dass er zumindest eine halbwegs strategisch geschickte Platzierung für das notwendige Abräumen durch den Kellner wählt.
Lektion III – Der Zahlvorgang
Es lustiges Spielchen, spontan und gönnerhaft den Freund zum Essen einzuladen, oder zumindest einen Teil der Rechnung zu übernehmen, für den Kassierenden mitunter jedoch ein anstrengendes Verfahren, wenn sich eine genierte Bezahlungsdiskussion entspinnt, in deren Verlauf sich sekündlich die Bezahlanteile ändern. Die Goldmedaillen in der Kopfrechen-Olympiade sind rar, man darf also nicht unbedingt davon ausgehen, dass gerade dieser Kellner der Träger einer solchen ist. Während des Bezahlvorgangs zusätzlich ins Spiel gebrachte Scheine und Münzen, erhöhen zusätzlich den Verwirrfaktor. Trinkgeld nimmt der Bedienstete gern, aber genuschelte Trinkgeldsummen (siehe Grundlegendes) sorgen leicht für Missverständnisse und kurzzeitigen Unverhältnissen der Geldbörsen.
Lektion IV – Das Verlassen des Lokals
Das Verabschieden bietet ein reiches Repertoire an Wörtern und Sätzen, wovon gerne Gebrauch machen kann, um als Gast dem bemühten Angestellten der Gastronomie eine kleine letzte Höflichkeit zu erweisen.