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Studie entfacht Streit um Witzpopulismus

Sebastian, 30. June 2008

Berlin / Köln. Die Reaktion der Netzgemeinde auf die aktuelle Urlaubsvertretung des führenden Internet-Tagebuchschreibers Stefan Niggemeier ist weiterhin gespalten. “Das sind einfach Witze, die man immer wieder gerne hört!”, jubelt ein Fan. “Niggemeier ist immer so ernst”, stimmt seine Freundin zu, “und diese Hyperlinks konnte ich noch nie leiden. Jetzt gibt’s endlich mal den puren Spaß aus groben Kellen. Toll!”

scary clowns
Bild: trishylicious (cc)

Doch das Lob ist nicht einhellig – Niggemeier-Vertreter Markus Barth ruft auch Kritiker auf den Plan. “Der reinste Witzpopulismus!”, wettert ein “Blogger”, wie die Internet-Tagebuchschreiber sich selbst nennen, aus dem Umfeld des umstrittenen “Craplog”. Er hält die jüngsten Äußerungen des Gastbloggers für “unverantwortlich”; dieser spiele “mit dem Feuer” und habe es sich letztlich selbst zuzuschreiben, wenn immer mehr junge Menschen ihren Glauben an die subversive Kraft des Humors verlören und Rattenfängern wie Bernd Stelter in die Hände fielen.

Die Kritik war erneut aufgeflammt, nachdem vor wenigen Tagen eine Studie bekannt geworden war, in der schwere Vorwürfe gegen die Witze Barths erhoben werden. Dessen Themen Kurt Beck ist unbeliebt, das iPhone lebt vom Hype, Rosamunde Pilcher ist öde, Politiker sind bekloppt, Spam nervt, Männer: Fußball, Frauen: Sex and the City, Fußballerslang, Benzinpreise: Jammern auf hohem Niveau, Microsoft ist scheiße, Apple aber auch sowie Al Gores Klimafilm ist reißerisch seien “so ausgelutscht, wie ein Thema nur ausgelutscht sein” könne, verrieten eine “Witzphilosophie der erstbesten Idee”, bedienten “den kleinsten gemeinsamen Nenner der humoristisch zu kurz Gekommenen” und zeigten die Notwendigkeit, “erneut die Möglichkeit zu prüfen, bestimmte Witze in Sonderfällen vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen”, heißt es darin.

Fans finden diese Kritik naturgemäß überzogen, die Forderung nach einer geheimdienstlichen Überwachung absurd. Einer gewissen Wehmut allerdings können auch sie sich nicht erwehren, vor allem im Hinblick auf die frühen Welterfolge des Komiker-Urgesteins Barth, darunter die Klassiker “Der Zeugendienst der Gemeinde in der Welt”, “Aus den Psalmen leben – Das gemeinsame Gebet von Kirche und Synagoge neu erschlossen” und “Solidarität mit den Sündern – Wesen und Auftrag der Gemeinde nach dem Epheserbrief”. So gibt mancher treuer “Newsblog”-Leser auf Nachfrage unter vorgehaltener Hand zu: “Klar, die alten Nummern waren spritziger”. Aber das sei ja oft so.

Weiß ja eh jeder, was gemeint ist

Sebastian, 1. April 2008

athen

Eine Welt aus Papier

Sebastian, 3. January 2008

In anderem Zusammenhang habe ich einmal Reinhard Mohr als den Franz-Josef Wagner von Spiegel Online bezeichnet. Dazu qualifiziert ihn die Tatsache, dass er wie dieser nichts mehr mitkriegt, nichts mehr mitkriegen will und zugleich als Folge und als Kompensation dieser Verfassung umso meinungsstärker auftreten zu müssen meint und auch zu dürfen glaubt. All dies wird derzeit trefflich illustriert durch den Artikel “Hartz Hunter Reloaded” vom Batz, den ich bei Gelegenheit durchzulesen bitte.

An dieser Stelle ein kurzes Apropos, quasi von “Netzaffe” zu Papieraffe an Herrn Bernd “Qualität” Graff sowie, quasi von “Pawlowschem Hund” zu Pawlowschem Pfau, an Herrn Johannes “lesenswerte Texte, die von Liebe handeln” Boie und all die anderen Verteidiger der Informationshochkultur gegen die Generation Klowand: Sie haben ja in Teilen Recht mit Ihrer Kritik an Bloggern und Blog-Kommentatoren. Aber sicherlich kennen Sie auch jene Redensart, in der Steine und ein Glashaus vorkommen. “Das wirkliche Schlachtfeld ist die Öffentlichkeit in unserem Land” sagte einmal Donald Rumsfeld, also einer, der in Machtfragen wohl als nicht ganz unbedarft angesehen werden kann, in bezug auf den Kampf um die öffentliche Meinung, den zu verlieren in der modernen Gesellschaft bedeutet, überhaupt zu verlieren. Und er sagte es im Kontext eines Gespräches über den Irakkrieg.


Bild: giginger (cc)

Bitte, Herr Graff, Herr Boie, Herr Schirrmacher etc., lesen Sie Batzens Beitrag, überwinden Sie Ihren Abscheu, der sicher toben wird, wenn Sie feststellen, dass darin Kraftausdrücke Verwendung finden und die Ortographie ihre Mängel hat, stoßen Sie bis zum Inhalt vor und – kehren Sie verdammt noch mal vor Ihrer eigenen Tür. Sie haben gesellschaftlichen Einfluss. Sie bereiten Kriege und Pogrome vor, Sie zetteln soziale Konflikte an, Sie impfen tagtäglich Millionen von Menschen die Überzeugung ein, Unrecht sei Recht, indem Sie es mit jener Teilnahmslosigkeit referieren, wiederkäuen und zur Gewohnheit machen, die Sie Professionalität nennen, und es auch gerne mal direkt herbeirufen. Sie schlagen Schlachten, ohne dafür rechenschaftspflichtig zu sein, und proklamieren jetzt, dass die Welt untergeht, wenn Sie dabei auch mal selbst eine kleine, symbolische Ohrfeige abbekommen.

Zählen Sie einfach mal die Leichen, über die die von Ihnen maßgeblich geschaffene öffentliche Meinung immerzu geht, bevor Sie schreibenden Privatleuten Vorhaltungen machen, weil diese den Journalistenknigge nicht gelesen haben, ihn vielleicht auch gar nicht lesen wollen und mit ihren ungehobelten Umgangsformen Ihr Feingefühl düpieren. Dann sähe man sich in diesen Kreisen vielleicht auch stärker veranlasst, Ihnen in dieser Sache überhaupt zuzuhören.

Schießbefehl, anyone?

Sebastian, 7. December 2007

“So’n Quatsch. Wird eh nix bei rumkommen.” Das war in etwa meine Reaktion, als ich von der inzwischen zurückgezogenen Strafanzeige der stellvertretenden Vorsitzenden der leider so textflussfeindlich benannten Partei Die Linke gegen Wikipedia las. Unter dem Motto “Nazis raus aus Wikipedia”, hieß es in der entsprechenden Presseerklärung:

Seine erfreulich offene Struktur macht “Wiki” leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien.

Es kann und darf nicht sein, dass Einträge aus NS-Quellen zitieren und weit über das, rechtlich geschützte, Maß an Aufklärung hinaus Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen Verwendung finden.

Neben meinem Grusel über das Politikersprech “es kann und darf nicht sein” habe ich mich erstmal gefragt, ob das denn der Fall ist, dass Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen weit übers rechtlich geschützte Maß an Aufklärung hinaus Verwendung finden – dass politische Eiferer aller Couleur versuchen, Wikipedia-Artikel in ihrem Sinne zurechtzuschminken, wäre ja nichts Neues. Und in der Tat berichtet Springers Welt, die interessanterweise mehr Wohlwollen für antifaschistische Bemühungen aufzubringen scheint als so manch schönwetterprogressives Webmagazin und Blog:

Das Forum bei Wikipedia gibt Hinweise auf mehrere Attacken von Rechts in den vergangenen Wochen. Eine kritische Autorin hat beispielsweise “eingeschlichenen Nazi-POV” in einem Artikel über HJ-Fahrtenmesser bemerkt und gelöscht. Mit Nazi-POV ist der rechtsextreme Standpunkt des vorigen Verfassers (engl. point of view, abgekürzt POV) gemeint. Früher im November hatte dieselbe Autorin auf die von einem Wikipedia-Benutzer namens OldJo hochgeladenen Hakenkreuze auf Bildern verwiesen. (…) Diese dienten “keinen enzyklopädischen, historisch-kritischen Zwecken”, bemängelte die Beobachterin. Eine andere Nutzerin berichtete über weitere Beiträge, die als “reine Naziemblem-Container” dienten.

Die bloße Möglichkeit ignorierend, dass so etwas ein Problem sein könnte (noch einmal die Welt: “‘Wir sagen nicht, dass es solche Probleme nicht gibt’, sagt Wikipedia-Sprecher Klempert”), und obwohl schnell bekannt wurde, dass auch Schuberts Genossen die Anzeige nicht unbedingt toll finden, erklärten viele die Partei als solche zur Urheberin der Anzeige: “Linkspartei verklagt Wikipedia” (Netzpolitik), “Die Linke zeigt wikipedia an” (Heise); nur wenig richtiger Golem.de: “‘Die Linke’-Führung zeigt Wikipedia an”; und mit bedenklich erhöhtem Blutdruck Probloggerworld: “Wikipedia und die Zensur durch Linksfaschisten”.


“Dienstgrade und Kragenspiegel der Politischen Organisation (PO) der NSDAP” (Quelle: Wikipedia)

Immerhin zeigt dieser Titel schon mal, woher der Wind eigentlich weht, und liefert so zumindest eine Teilerklärung dafür, dass man sich vierlerorts mit dem “so’n Quatsch, wird eh nix bei rumkommen”, das ich weiterhin für angemessen halte, begnügen konnte. Ähnlich z.B. heißt es im Pottblog:

… durch ihre jüngste Aktion dürfte die stellvertretende Vorsitzende der SED/PDS/Linkspartei/wie_die_Mauerpartei_auch_ gerade_immer_heißen_mag schlagartig bekannter werden …

Mauerpartei ist gut – weil die Mauer nichts mit einer weltpolitischen Lage zu tun hatte und nur gebaut wurde, weil eine Sekte von geistig verwirrten Mauerfetischisten an die Macht kam, die Spaß daran hatten, Leute einzusperren, und die außer Mauern zu bauen auch den lieben langen Tag nix gemacht haben, während zu der Zeit, als SED-Leute die Mauer bauten, es in der dann wohl als Nazipartei zu bezeichnenden CDU von Nazis nur so wimmelte.

Ähnlich beispielhaft für den Aufstand der Zwonuller ist der Beitrag im Spreeblick:

Um als Politikerin für Netzschlagzeilen zu sorgen hilft es enorm, wenn man nicht weiß, was ein Browser ist. Noch wirkungsvoller ist es aber, wenn man keinen Schimmer hat, wie die Wikipedia funktioniert.

In der Pressemitteilung ist doch aber von “erfreulich offener Struktur” die Rede, und es heißt, die Wikipedia lebe davon, dass “jede und jeder seinen Beitrag (…) leisten kann”. (Dass jede seinen Beitrag leisten kann? Als Gott den Mann schuf, übte sie nur? Doch ich schweife ab.) Die offene Struktur ist Schubert also bekannt, und wenn sie schreibt, diese mache Wikipedia zu einem “wenig kontrollierbaren Einfallstor…”, dann anscheinend auch, dass es durchaus eine Selbstkontrolle gibt, die sie allerdings für nicht ausreichend befindet. Heißt “Keinen Schimmer” also soviel wie “du bist doof, nimm mir mein Spielzeug nicht weg” – ein Affekt, der möglicherweise die zweite Teilerklärung für die Aufregung darstellt? Und spielt es überhaupt eine Rolle, wenn ich meine, eine Webseite mache braune Propaganda, ob ich weiß, wie das intern und technisch funktioniert?

“Nazis raus!” fordert Schubert nicht nur für die Wikipedia, sondern für das gesamte Internet und lässt die Antwort auf die Frage “Und wohin?” dabei offen.


“Parteisymbol: Adler mit Hakenkreuz im Lorbeerkranz in den Fängen. Nicht zu verwechseln mit dem Reichsadler, da (aus Perspektive des Adlers) der ‘Parteiadler’ nach links, der Reichsadler hingegen nach rechts schaut.” (Quelle: ebenda)

Über diese Bemerkung kann man lange rätseln. Ich persönlich hätte auch kein Problem damit, wenn sich einer meiner Gäste als Nazi outete, ihn hinauszuwerfen und die Frage, wohin er gehen solle, dabei offenzulassen. Worum geht es denn hier, ein Heim für Nazis? Ist der Gedanke so abwegig, dass es einen stärkenden Effekt für Nazis haben könnte, wenn Nazi-Bild- und Textmaterial frei zugänglich ist? Wenn auf einer Webseite gegen Juden gehetzt wird (sorry, aber das tun Nazis manchmal), ist es sinnlos, die Seite zu verbieten/zu schließen, weil man ja nicht weiß, wo die Antisemiten dann hingehen (sollen), die sich zuvor auf dieser Seite wohlgefühlt hatten? Oder geht es gar nicht um Nazis, sondern nur um die Witzischkeit des Wortspiels? Oder liegt der Schluss nahe, den Wolf Schneider einst für den Umgang mit kryptischen Formulierungen empfahl: “Wahrscheinlich ist gar nichts gemeint”?

Gerüchte, dass Frau Schubert im nächsten Schritt Arcor zur Sperrung der Wikipedia zwingen will, sind ebensolche.

Ja, Arcor soll derzeit allen Ernstes den Zugang zu Google sperren, weil über Google Pornos auffindbar sind; damit hat aber Schubert oder sonstwer aus ihrer Partei nichts zu tun – vielmehr geht es dabei um das Wegklagen von Inhalten, die möglicherweise dem guten Geschäft von Geschäftemachern im Weg stehen könnten, ebenso wie derzeit bei Stefan Niggemeier, wobei im ungünstigsten Fall die Folge sein könnte, dass Foren und Blogkommentare künftig grundsätzlich moderiert werden müssen, was den Tod für den lebendigen Austausch im Netz bedeuten könnte – aber nein, die wahre Gefahr, wie auch Arnulf Baring immer wieder betont, kommt von links, in diesem Fall in Gestalt der Liebe zu staatlicher Zensur, die die Linken ja mit der Muttermilch aufgesogen haben; es ist wohl so: Wenn irgendwer eine alberne Strafanzeige in den Wind furzt, sieht man in Deutschland gleich den Ivan ums Haus schleichen.

Disclaimer: Spreeblick arbeitet gerade selbst an diversen Kampagnen, darunter “Arbeitslosigkeit raus!”, “Gewalt niederschlagen!” und “Der Schnupfen soll für immer weggehen!”.

Ach so! Nazis sind so ‘ne Art Schnupfen, quasi! Ha-tschi, kann halt passieren, dass ‘ne 20-jährige Schwangere im Bus herumgeschubst und geschlagen wird, weil Konsens ist, dass man “für Ausländer keinen Platz” habe, oder dass einer 17-jährigen ein Hakenkreuz in die Haut geritzt wird, dass bereits die statistische Kategorie “Nicht-rechte Jugendliche” eingeführt werden musste, weil diese ein gefährdeter Personenkreis sind, dass Schauspieler und Tänzer nach der Premierenfeier krankenhausreif geprügelt werden und die Täter keine ernstzunehmenden Konsequenzen fürchten müssen etc. pp. Ein Schnupfen!

Selbst wenn man die Anzeige als blinden Aktionismus bezeichnen kann – ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich mit zermatschter Fresse im Krankenhaus läge, während die Täter feixend über den Marktplatz spazieren, wäre mir ein blinder Aktionismus lieber als gar keiner, weil ich daran sähe, dass man das Problem wahrnimmt und möglicherweise sogar gewillt ist, dagegen vorzugehen. Wenn man mal mit einem Opfer rechter Gewalt gesprochen hat, das mit Tränen in den Augen beinahe gefleht hat, die Betroffenheits- und Solidaritätsadressen seien ja nett und schön, aber man solle doch auch und vor allem etwas tun, dann hat man begriffen, dass die Apathie der Öffentlichkeit mit ihrer Standby-Betroffenheit auf Dauer brutaler ist als ein Schlag ins Gesicht – denn das blaue Auge heilt, das Unrecht und die Bedrohung bleiben.


“Die Partei. Allegorische Skulptur von Arno Breker.” (Quelle: ebenda. Lizenz: GNU)

Aber klar, man kann das alles auch als Schnupfen betrachten und das wahre Böse eher in einem juristischen Rohrkrepierer von links am Nikolaustag vermuten. So wie der Spreeblick und seine Leser. “Das ist doch bloß ineffiziente Symptombekämpfung. Ich fordere ein Geburtsverbot für Neonazis!” Jahaha, Nazis sind nun mal da, kann man nix machen. “Die PDS aehh SED quatsch Die Linke!!! scheinen noch nicht so ganz in der Demokratie angekommen?” Die Demokratie, deren Behaglichkeit, in der wir digitale Boheme uns gerade so schön eingerichtet haben, nun mal einen Preis hat, zum Beispiel ein paar marodierende Nazis und ein paar Polizisten und Richter, die jene protegieren? “… macht ‘Wiki’ leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien Leider aber auch für linke und linksextreme Ideologien.” Ja, ob nun Autonome gegen schwerbewaffnete Polizisten antreten oder eine Mehrheit von besoffenen Faschos gegen Behinderte, Obdachlose, Schwule und kleine Mädchen: dieselbe Soße, genau wie NS-Deutschland und DDR – als ob Kinkerlitzchen wie Weltkrieg und Genozid einen Unterschied ausmachten, alles dieselbe Soße! “jeez, inzwischen wird mir von den betonköppen von der sed fast genau so schlecht wie von der braunen pest”, “Waren ja schon immer ein wenig realitätsfern. Die Mauer ham se der Welt ja auch als antifaschistischen Schutzwall verkauft”, “Warum die Aufregung? In der DDR hat das doch auch funktioniert. Arbeitslose, Obdachlose, Nazis – gabs doch alles nicht, und das allein durch totschweigen. War eben doch nicht alles schlecht damals Man denke nur an Autobahnen (ach ne, war was anderes)”. Ach Quatsch, was anderes, wieso denn.

Aber dann gibt es natürlich auch Kommentare wie diesen:

Was ich wirklich schlimm finde am Internet: Man erfährt immer sofort, wenn sich irgendein Idiot mal wieder völlig zum Horst gemacht hat. (…)

Man erfährt es allerdings nur deshalb immer sofort, weil kaum ein Blogger es sich verkneifen kann, noch mal anders aufzuschreiben, was er gerade in seinem Nachbarblog gelesen hat. Leute, genau – da hat nicht jemand einen Vorstoß zur Abschaffung der Demokratie oder zum Wiederaufbau der Mauer oder zur Übertragung des Internets in staatliche Verwaltung gemacht, sondern sich zum Horst, ganz einfach. Können wir es dabei bitte belassen? Und wenn wir schon meinen, Nazis gehörten zur Demokratie dazu, hiervon abweichende Auffassungen wenigstens tolerieren? Das wäre herzallerliebst, danke sehr.

Der Schaumschläger mit dem repressiven E

Sebastian, 27. October 2007

Nähme man sämtliche Presseerzeugnisse auf dem Markt einmal genauer unter die Lupe, stellte man womöglich fest, dass sie alle ihren je eigenen Franz Josef Wagner beschäftigen. Dessen unverwechselbare Melange aus radikaler Subjektivität, assoziativer Regellosigkeit, tüddelig-tatteriger Entrückung und couragierter Irrelevanz, gewürzt mit einer Prise Geist, der stets verneint, hat längst Nachahmer gefunden. Der Franz Josef Wagner von Spiegel Online ist, man achte mal drauf, Reinhard Mohr; der Franz Josef Wagner der Satire ist Bernd Zeller; und der Franz Josef Wagner der FAZ ist, wie mir inzwischen klar wurde, Marcel Reich-Ranicki.

Dieser beantwortet in einer Feuilletonkolumne der FAZ-Sonntagsausgabe Leserfragen zum Thema Literatur – mehr oder weniger. Er nimmt die Zuschriften jedenfalls zum Anlass, sich genüsslicher Selbstbespiegelung hinzugeben und in deren Dienst auch das nichtigste Sandkörnchen Substanz mit größtmöglicher Geste zu präsentieren, während sein Namedropping powered by Kindler fast genug Schaum schlägt, um darüber hinwegzutäuschen, dass die literarischen Urteile des Verfassers eines eigentlich nie sind: originell.

schaum

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Latte Corrotto

Sebastian, 4. October 2007

In der Kaffeefrage bin ich wohl punktuell versnobt. Jene handelsüblichen Filterkaffeemaschinen, die nach ein paar Minuten mit lautem Blubbern und Sprotzen verkünden, dass der Kaffee fertig sei, spielen in meinem Leben schon lange keine Rolle mehr. Eine Weile benutzte ich eines der Dinger, die manchmal “Kaffeedrücker” oder sogar mit teutonischer Eleganz “Pressstempelkanne” genannt werden. Doch auch das ist vorbei.

Ich trinke meinen Kaffee immer schon mit Milch. Aber Milch aus dem Kühlschrank kühlt den Kaffee ab, und ein lauwarmer Kaffee ist nicht viel besser als ein lauwarmes Bier, was sich eventuell mitlesende Gastronomen bitte mal – auch im Hinblick auf ihre Gewinnspannen beim Kaffee – nachdrücklich hinter die Ohren schreiben. Als ich dann jedenfalls ein Espresso-Kännchen für den Gasherd geschenkt bekam, sagte ich B, kaufte einen Milchschäumer dazu und trinke nun regelmäßig einen schönen, nun ja, hüstel, Latte Macchiato.

Diese Versnobbung aber wird immer wieder hart bestraft, in meinem Fall z.B. heute. Es gibt im Life Cycle einer handelsüblichen Vollmilch – H-Milch steht in meinen Augen im direkten Widerspruch zur Vorstellbarkeit eines guten Lebens – eine Phase, in der sie zunächst noch normal aussieht, normal riecht und normal schmeckt, aber bereits die hässliche Fratze der bevorstehenden Verderbnis zeigt, sobald man sie erhitzt. Im Topf erblickt man anstelle der erwarteten sanftweißen Schneelandschaft ein Gebräu aus weißer Flüssigkeit, halbdurchsichtig-schlierigem Sud und matschigen Flocken. Man kippt das Zeug weg, testet die kalte Milch noch einmal, befindet sie für doch eigentlich gut und gibt kurzerhand einen Schuss kalter, unaufgeschäumter Milch in den schon wartenden Espresso. Sofort entstehen wieder diese Flocken, doch sie sind recht klein. Der Kaffee schmeckt normal, sieht nur eklig aus. Man kann ihn trinken, wenn man dabei wegsieht, und man möchte nicht auch noch den völlig unschuldigen Espresso wegschütten, zumal die Gelegenheit, einen Morgenkaffee zu trinken, ja nur einmal am Tag kommt.

Man trinkt den Becher nicht ganz aus, denn an seinem Boden hat sich gesammelt, was das Gebräu an Milchmatschfettflocken zu bieten hatte. Man stellt das Gemisch aus dunkler Brühe und hellen Flocken beiseite.

probably disgustWenn man nun eine halbe Stunde später den Becher und den Kochtopf ausspült, stellt man fest, dass der Sud inzwischen fleißig war. Der Matsch hat sich wie Superkleber an die Wände des Topfes geflanscht; die Reste des vorhin Weggeschütteten haben sich zu quallenähnlichen Verdichtungen hochkonzentrierten Abschaums zusammengezogen. Der Becher, durch die jetzt dunkel gewordenen Sedimente an den Innenwänden und die undefinierbare Schleimpfütze an seinem Boden verunstaltet, sieht so aus, als habe man ihn soeben dem Schutt in einem seit Jahren leerstehenden Haus entnommen. Aus ihm wälzt sich träge eine kleine Anzahl griesiger Flatschen ins Waschbecken, wo sie am Blech haften bleiben wie adipöse Nacktschnecken mit Hautekzemen und sich nur mit heißem Wasser unter Hochdruck in den Abfluss bewegen lassen. Während sie dort verschwinden, hört man die verzweifelten Schreie der Verdammten.

Vermutlich ist all das beabsichtigt. Die Milchpackung behauptet, ihr Inhalt sei noch mindestens zwei Tage haltbar. Dicht unter der cremefarbenen Oberfläche von Luxus und Genuss lauert das namenlose Böse – eine Lektion, die wir immer aufs Neue lernen müssen.

Bild: “probably disgust” von brooklyn (cc)

Unverdient untot

Sebastian, 2. October 2007

“Denken Sie links?”, fragt der Kabarettist Rudolf Rolfs in einem seiner Aphorismen, und antwortet sich selbst mit der Gegenfrage: “Kann man rechts denken?”

Zugegeben, das ist etwas hart, aber wohl auch eine Frage der Definition dessen, was man unter “rechts” versteht. Dass es konservative Denker (und natürlich auch linke Dumpfbacken) gibt, sei unbestritten. Doch treibt man das Spiel weiter und fragt, ob man reaktionär denken könne, müsste schon eher ein entschiedenes Nein die Antwort sein, denn das Reaktionäre ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass es Denken durch Reflexe ersetzt. Vollends absurd wird es schließlich, wenn man fragt, ob man reaktionär Satire machen könne.

Einer, der das trotz allem versucht und dabei einigen der größten Kulturschaffenden der bundesrepublikanischen Geschichte aufs Grab gepinkelt hat, ist Anfang September vorerst gescheitert – ironischerweise und ausgerechnet am Markt. Die Rede ist von Bernd Zeller, der von 2004 bis 2007 die verblichene Grand Dame der hiesigen Satire, die Zeitschrift “Pardon”, zu reanimieren versucht hat. Wie es Reanimationen längst Verstorbener so an sich haben, war dabei bestenfalls ein Zombie herausgekommen – ein Wesen mit eingeschränkter Vitalität und dramatisch gewandelter Persönlichkeit, dessen Internet-Arm immer noch zuckt.

Zombie

Die “Pardon” war erstmals 1962 erschienen und hatte hervorragende Zeichner und Autoren wie Loriot, F.K. Waechter, Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, Hans Traxler, Günther Wallraff, Chlodwig Poth und einige mehr zu einer außergewöhnlichen publizistischen Stimme vereint. Auch betätigte sie sich als Satireguerilla, fungierte so unter anderem als Zünder der Anti-Atomkraft-Bewegung und nahm früh den publizistischen Kampf gegen Springers “Bild” auf, der dank Nörgel-Nigge nun seit ein paar Jahren wieder fortgesetzt wird. Nach zunehmendem Zwist unter den Herausgebern in den 70er Jahren boten Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler und Chlodwig Poth ihrer sogenannten “Neuen Frankfurter Schule” ab 1979 in der Titanic ein neues Zuhause. Pardon wurde 1982 eingestellt.

Angesichts der eindrucksvollen Geschichte des Blattes ist es kein Wunder, dass die angekündigte Wiederbelebung vor dreieinhalb Jahren Aufsehen erregte – umso mehr, da Leute wie Harald Schmidt, für den Zeller zuvor als Gagschreiber tätig gewesen war, Götz Alsmann, Roger Willemsen, Doris Dörrie und Wiglaf Droste ihre Mitarbeit zugesagt hatten. Doch das grandiose Comeback, das sich abzuzeichnen schien, fiel aus:

Ein halbes Jahr nach dem Neustart bangt “Pardon” schon um die Existenz. (…) Mit 11 000 verkauften Novemberheften ist die Leserzahl unter die von Chefredakteur und Verleger Zeller genannte Untergrenze von 15 000 Lesern gefallen. (…) Die prominenten Köpfe waren Zeller schon nach der ersten Ausgabe weggebrochen.

Dieses plötzliche Wegbrechen ist ähnlich bemerkenswert wie Zellers Weggang aus der Titanic-Redaktion nach nur einem Monat als Redakteur. Zeichnete sich vielleicht doch damals schon die bevorstehende Mutation des einstigen Zentralorgans kritischer Intelligenz zu etwas ab, das ungefähr so progressiv war wie die “Junge Freiheit” und sich auch humoristisch bald auf deren Niveau einpendeln sollte? Hier eine Kostprobe dessen, was zuletzt in Form des Webtickers von dem Projekt übrig blieb:

Abschuss bei Entführung [19.9.2007]

Verteidigungsminister Jung will entführte und als Waffe eingesetzte Flugzeuge vor Erreichen des Anschlagziels abschießen lassen. Die Terroristen brauchen dann gar keine Pilotenausbildung mehr zu machen, weil schon bei der Kaperung der Abschuss erfolgt.

Das ist der vollständige Beitrag, sic. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts mehr zu sehen. Und wenn folgende Miniatur auch einen gewissen Anfangsreiz aus ihrer dadaistisch Franz Josef Wagnerschen Tatterigkeit gewinnt, verfehlt sie dessen poetische Leichtfüßigkeit und vor allem die relative Modernität seines Konservatismus dennoch um Längen:

Kein Terror [9.9.2007]

In Deutschland wurden Terrorverdächtige festgenommen. Sie planten Anschläge als Reaktion auf die terrorfeindliche Hetze.
Sie gehören einer befreundeten Religion an, deshalb ist der offizielle Sprachgebrauch Terror des Friedens.
Von den Milliarden Gläubigen waren es nur drei, das ist statistisch gesehen überhaupt niemand.

Doch Anfang September 2007 stand ja das Aus für “Pardon” schon fest; begreiflich also, wenn Zeller nicht in Bestform und -laune war. Spulen wir also ein Jahr zurück und steigen am 21.9.2006 ein. Hier ging es zur Abwechslung mal um den

Islam. Unsere muslimischen Freunde reagierten beleidigt auf Papst Benedikt, der in einer Vorlesung eine kritische Dialogzeile aus dem 14. Jahrhundert zitierte. (…) Um die Moslems wieder zu beschwichtigen, verweisen wir auf die Papst-Fotostory in der nächsten Titanic.

Das Islam-Muffeln (“Muffeln” scheint wegen des müden Stils passender als “Bashing”), das im Schnitt die Kernsubstanz von etwa zwei Dritteln der Tickerbeiträge und Cartoons ausmacht, paart sich hier mit einem Feindbegünstigungsvorwurf an die Adresse der Ex-Kollegen von der Titanic. Mit ihnen hat Zeller auch ein knappes Jahr später noch keinen Frieden gemacht. So schreibt er am 10. August:

Ein guter Satiriker ist [Titanic-Chefredakteur a.D. Martin] Sonneborn zweifellos, denn immerhin war der bei Titanic, und die Jungs bei Titanic sind bekanntlich die neue Neue Frankfurter Schule. Ihm gelang ein toller Streich: er bezeichnete sich in einem Handbuch der Medienschaffenden als Linker Moralist. Das war eine großartige Persiflage auf den dumpflinken Moralanspruch.

Was damit gemeint ist, wird nicht erläutert, also offensichtlich vorausgesetzt. In dumpflinker Spitzfindigkeit könnte man einwenden, dass es “…als linken Moralisten” heißen müsste; es sei aber nur noch schnell ein dritter Kollegendiss erwähnt, als nämlich Zeller im April von einem Blog der Grumpy Man TVAxel-Springer-Akademie gelobt wurde und die Gelegenheit nutzte, im Kommentarbereich zu betonen, dass er nichts von Martin Sonneborn und sehr viel mehr von sich selbst hält. Hiermit im Einklang behauptet die Unterzeile des Pardon-Titels weiter unbeirrt: “Deutschlands führendes Satiremagazin”, ergänzt durch die Mutter aller Werbeslogans, die daneben steht: “Besser als die Konkurrenz”.

Zwischenzeitlich verteilte die Online-“Pardon” auch gerne mal Unterschichtwatschen. Über eine Studie, der zufolge sozial benachteiligte Kinder schlechter schlafen, hieß es, diese gingen wohl “noch was trinken, weil sie unter Schlaflosigkeit leiden”. Mit mehr Sympathie wurde im Rahmen eines Wettbewerbs die deutsche Opferbürgerseele bedacht, als “Pardon” dazu aufrief, “ein politischkorrektes Wort für Migrant / Migrationshintergrund” einzureichen, denn “in fünf Jahren wird auch dieser Ausdruck wieder negativ besetzt sein und man darf ihn nicht mehr sagen, weil das diskriminierend und rassistisch ist”. Auf gelegentliche Leserbriefschreiber, die sich über dieses Vordringen des einstigen Satiremagazins in Dimensionen des Braunbräsigen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, beschwerten, reagierte Zeller mit Publikumsbeschimpfung. In den Briefen dieser “Blogwarte” komme nur ein “Schrei nach Liebe” zum Ausdruck, spottete er, und legte ihnen nahe, sich doch zu taz.de – sinngemäß – zu verpissen. Angesichts der real existierenden “Pardon” zu diesem Zeitpunkt ein gar nicht mal so schlechter Rat.

Während die Medienwelt weitgehend ratlos schwieg, erschrak im Juni immerhin unser Co-Craplogger Pantoffelpunk über die dominanten Werbebanner auf der “Pardon”-Webseite: Achse des Guten, Lizas Welt, Politically Incorrect. Ja. Und wenn Zeller nun ankündigt, der “Geist von ‘Pardon'” werde “im Internet weiterleben”, und zwar in einer “Art von satirischem Blog” namens “Darvins Illustrierte”, steht zu befürchten, dass irgendwo im intellektuellen Bermudadreieck zwischen Neocons, Antideutschen und Brachialrassisten tatsächlich noch eine Nische frei ist.

“Das sind unsere Leser? Da kann man nur aufhören”, schrieb Zeller, als sich jemand über die “Pardon”-Kooperation mit “Politically Incorrect” beschwert hatte. Auf den ersten Blick eine beglückwünschenswerte Idee, auf den zweiten noch ein Beschwerdegrund: Von Wiederanfangen war nie die Rede.

Bilder: “Zombie” von Scurzuzu (cc), “Grumpy Man TV Flyer” von edmittance (cc)

Verdammte Axt

Sebastian, 16. September 2007

paranoya

Gerade wieder im überfüllten Supermarkt voller Schweinebacken ein unverschämt überteuertes Stück Butter gekauft und mich noch mit der Zicke von Kassiererin gezofft, und erst dannach viel mir ein, dass ich mit den Antibiotika gar keine Milchp rodukte kombinieren darf, Mist hab nen scheiß Hunger und weiß jetzt nicht was ich essen soll lauter Werberamschim Briefkasten, weg mit dem Zeug, weg, verklagen sollte man euch, aberma richtig.,. Erstmal diese dumme Packungsbeilage weiterlesen die ungfähr so lang ist wie ne rolle kLopapier weiter ach nee ich hatte ja noch die Brötchen im Ofen, wann war das Mistding noch? Zumutung!, diese Penner bestimmt stehen irgendwo ganz billige Kräuter am wegesrand die gegen entzündung ganz einfach helfen, aber die Dreckpharmainsdustrie würden nix dran verdienen und die Ärzte lernens nicht im Studiumj also zack, Antibiotika hau wech die Scheiße Welche Nebenwirkungen sind möglich? Häufig: Müdigkeit, Agitiertheit, Verwirrung ich geb euch gleich müdigkeit, Agitiertheit Verwirrung und überteuerte butter ihr Gesindel, auch gerde erst ewider gleesen wiodln ldskll ah! chatte s hier irgendwo moment so vielzutun . boah nee dss krnf zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz

Disclaimer: Als ich diesen Text im Alarmschrei las, fand ich ihn sofort toll und zu 100% Craplog-kompatibel. Auf die freundliche Bitte hin, ihn hier parallel veröffentlichen zu dürfen, die ich an Sebastian mit allen mir bekannten Varianten von Nötigung und Erpressung herantrug, stimmte der Guteste schließlich zu. Das bringt mich dazu, noch einmal darauf hinzuweisen, dass wir immer auf der Suche nach schlechtgelaunten Gastbeiträgen sind sowie nach häufiger schlecht gelaunten Autoren sind. Bewerbungsmodalitäten hier. -maloXP

Bild: “Paranoya” von yell saccani (cc)