Autorenarchiv

Faster, Harder, Philosophischer?

.markus, 18. Februar 2007

rave

Foto: Dave Bullock, eecue.com (cc)

Scooter über ihr neues Album “The Ultimate Aural Orgasm”:

Beim schnellen Durchzappen des neuen Albums bleibt besonders ein Track hängen: “Lass uns tanzen”. Und H.P. verkündet froh: “Das wird sehr wahrscheinlich die nächste Single werden”. Doch der besagte Song könnte zum Radio-Boykott vieler Stationen führen. Denn hinter dem harmlosen Titel verbergen sich prägnante Textzeilen à la “Lass uns tanzen und ficken, denn morgen sind wir tot“. Wer glaubt, hiermit sei die unterste Geschmacksgrenze erreicht, wird von Baxxter eines Besseren belehrt: “Im Grunde ist das ein Text, der fast schon zu philosophisch ist für uns. Die Botschaft ist doch, dass du Spaß haben sollst im Leben.”

(Hervorhebungen von mir)

“How much is the fish?” hielt ich schon für die oberste Grenze aller metaphysischen Lebensessenz. Aber ich lasse mich immer wieder eines Besseren belehren. Hyper Hyper!

20,07 Euro

.markus, 13. Februar 2007

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(Quelle/Lizenz)

Der alchemistische Wunschtraum Blei in Gold zu verwandeln, war jahrhundertelang die Triebkraft eines Prinzips, das wir nun in der Postmoderne schlussendlich doch noch erreicht haben: Wir können aus Scheiße Geld machen.

Während die Alchemisten versuchten Elemente zu extrahieren und zu kombinieren, braucht es heutzutage nur Dummheit in Schwarmgröße und etwa das Appellieren an eine verkrüppelte Empfindung von Heimatstolz.

Original Final-Boden des Endspiels der Handball-WM in der Kölnarena

(via)

Put Your Hand(y)s Up In The Air

.markus, 2. Februar 2007

CellPhoneZombies

Als ich jung jünger war, trafen sich direkt vor der Bühne die eingefleischten Fans, die Verwegenen, die Rocker und die Hörgeschädigten. Es wurde gebangt, gemosht und getanzt. Wer sich nicht bewegte ging gnadenlos unter. Es zählte der Moment, der Rausch der Musik und der Tanz der Emotionen. Live, verdammt noch mal ja, live hier und jetzt.
Weiter hinten wurde das Publikum zu Kopnickern, Fußwippern und Brusthöheklatschern, aber das ist auch heute noch so.
Der richtig harte Kern vorne an der Bühne wurde von seelenlosen, einarmigen Cell Phone Zombies infiltriert, die bewegungslos ihr Mobiltelefon mit Kamerafunktion oder die 5.0 Megapixel Digitalkameras in die Höhe recken, um maschinengewehrfeuerartig Bilder zu (ver-)schießen.

Dabei sein ist alles, Bilderbeweise davon zu haben, wohl noch mehr! Was macht man eigentlich mit diesem verwackelten digitalen Bilderrauschen, auf dem man höchstens ein paar Lichtschleifen, eine schemenhafte Schattenband und die fettigen Haare des Vordermanns sehen kann?

Schreibt man damit eine Rund-MMS an seine Freunde?

hey leutz,
voll geil hier aufm gig von oasis, hier mal nen foddo

handy show

Warum habt ihr aufgehört zu tanzen, zu springen, zu rocken, als ob es kein morgen mehr gäbe? Warum meint ihr, dass ein Konzert schöner wäre, wenn man es durch ein LCD-Display betrachtet? Und welche verdammte Hand soll dann euer Bier halten?

(Bildquelle)

Chop Suey

.markus, 29. Januar 2007

Originalität ist nicht reproduzierbar und das macht sie zu einem so seltenen Gut in der Copy & Paste-Netzkultur.
Die ungemein wichtige Vereinfachung der Technik, die plötzlich jedermann Publikationsmöglichkeiten und Publikum im Internet bietet, hätte Joseph “Jeder-Mensch-ist-ein-Künstler” Beuys gefallen. Aber lassen wir den werten Herrn Beuys erstmal aussprechen:

„…damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt…Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.“

Der Begriff Originalität ist per Definition mit dem Schöpferischen verbunden, aber wir wären hier nicht auf der Plattform der ungeschminkten Abrechnungen, wenn es jetzt nicht um das genaue Gegenteil gehen würde.

Auf YouTube.com

Am Anfang waren Lippensynchronisationen bekannter Songs ja noch originell und witzig.

YouTube gab es noch nicht, man zog sich kurze Funclips mit (bestenfalls) ISDN-Geschwindigkeit von statischen HTML-Seiten. Damals war nicht alles besser, aber der Wald (Metapher!) war wenigstens kleiner. Einen letzten Hauch von Originalität hatte etwa dieses Video hier:


(YouTube-Direktlink)

Danach versank die Idee im Morast der 3-Minuten-Youtube-Ruhm-Fraktion und wurde zu einem der größten Misthaufen in der schönen neuen Welt des User-Generated-Content.

Die einzige Hemmschwelle zum Veröffentlichen von grausigen Versuchen der Lippensynchronisation scheint heute das Drücken des Aufnahmeknopfes zu sein – und das ist für eine intuitiv-technikaffine Jugend wahrlich ein geringes Hindernis.

Und so ziehen in meinen dunkelsten Träumen Heere von Abmahnanwälten durch die Kloaken von Youtube, verklagen alles auf Urheberrecht und Schmerzensgeld und Richter verhängen die Prügelstrafe.

Proper Garden

.markus, 29. November 2006

wallbash[1]

We don’t need no education sangen Pink Floyd in ihrem wohl größten Hit “Another Brick in the Wall (Part two)” und lieferten Millionen von Schülern die musikalische Untermalung für ihre Hausaufgaben.

Wie wichtig Bildung aber ist, zeigt sich vor allem an der Unbildung, die manche ihr eigen nennen. Respekt, Geschmack und Stil können geschult werden. Diese Unterpunkte sind bewusst ausgewählt, denn ein jungen Mann aus Schweden hat in dieser Hinsicht gewaltige Defizite.
Es handelt sich um den Künstler Musiker Produzenten Eric Prydz.

Eric wer?

Eric “Call on me” Prydz. Ja genau dieser, der monatelang die Klingeltonhitparaden anführte und mit seinem dauerwiederholten Softgymnastikpornovideo für Arme, einem einstmals gewesenen, erträglichen Musikfernsehen endgültig den Todesstoß gab.

Pink Floyd und Eric Prydz haben eigentlich nichts gemeinsam, außer dass beide Namen aus zwei Worten bestehen und sie Musik (Eric so etwas ähnliches) machen.

Aber:

Und jetzt kommt der schlimme Teil: Mmmmmmashup. Eric Prydz wird erlaubt “Another Brick in the Wall (Part two)” zu samplen. Oh ja, so schlimm wie wahr und das schaurige Machwerk trägt die Bezeichnung “Proper Education“. Du denkst, dass es richtig scheiße klingt. Nein, es ist noch viel schlimmer, glaub mir.

Stell dir vor du hast einen wunderschönen Garten mit alten Rosensträuchern, Bäumen und seltenen Pflanzen und Hunderte von Besuchern erfreuen sich daran. Plötzlich kommt einer daher, nennt sich Landschaftsarchitekt und plättet mit Bulldozern das komplette Gelände, pflügt die Rosen unter und lässt nur noch kahle Bäume stehen und nennt das dann “Proper Garden – Moderne Kunst“.

Verstehst du, was ich meine?

Krampflachen

.markus, 27. November 2006

Er ist der wohl begnadetste Komiker aller Zeiten. Die Pointen seiner Gags sind subtil und treffen voll ins Schwarze. Das Programm mit dem er quer durch Deutschland tourt, ist ein Feuerwerk an genialen Wortspielen, es sprüht nur so von Witz, es überschlagen sich die gelungenen Seitenhiebe auf bisher unbekannte Abgründe der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Und wenn er erst mal auf der Bühne steht, merkt man, dass es außer ihm keinen zweiten geben kann. Er ist der geborene – was sag ich – der berufene Entertainer. Von seiner Gestik, seinem Sinn für Dramaturgie und seiner Bühnenpräsenz, könnte sich jeder Komödiant vom Schwäbischen Meer bis zur Nordsee eine gewaltige Scheibe abschneiden.

Es soll ja Komiker geben, die einen Holzhammer-Humor praktizieren, ich nenne dies das “Haha-Vorlachen”, eine Art von Humor, den man bei Gemeinderatsversammlungen und Firmenbesprechungen antrifft, damit die Untergebenen wissen, an welcher Stelle sie gefälligst laut prustend zu lachen haben. Dieser Humor wirkt vor allem in einer Atmosphäre, in der die Leute von 2-3 Bier schon ein bisschen betüdelt sind und die stickige Luft für Sauerstoffmangel auf der Großhirnrinde sorgt. Es ist die selbe Atmosphäre, die Leute kollektiv im Takt klatschen lässt, sobald eine Musik im Vierviertel-Takt einsetzt.

Nicht so dieser Komiker. Die Gags zünden auf großartige und hinterhältige Weise und eh sichs der Zuschauer versieht, rollt er kugelnd, kringelnd und lachend über den Boden. Eine Show dieses Entertainers ist für die Bauchmuskeln so gut, dass sie 150 Sit-Ups im Fitnesscenter ersetzt.

Komiker sind heute viele. Er hat aber auch noch ein Buch geschrieben, das man mit Fug und Recht als die Bibel der Komik bezeichnen kann, aber ich habe es nie geschafft es ganz durchgelesen, weil man mit Tränen in den Augen (vor Lachen natürlich!) schlecht lesen kann. Es ist wohl das beste humoristische Machwerk seit dem “Buch der Komödie” von Aristoteles, das aber leider verschollen ist.

Ach?

Von welchem Komiker ich spreche?

Ich spreche nicht von Mario Barth.

Bestimmt nicht. In keinster Weise. Im Gegenteil. Er ist für mich langweiliger, als es das ‘Warten auf Godot‘ der beiden Landstreicher Wladimir und Estragon sein muss, oder eine Echtzeitinszenierung des Archaikums.