Anarchy in the BRD

Frank, 5. March 2008

BVG-Streik
Bild: thosch66 (cc)

In Berlin wird der Nahverkehr bestreikt. Ab heute stehen die Busse, U-Bahnen, Straßenbahnen und Fahren still, ab Montag, falls die GDL Eier hat, auch die S- und Regionalbahnen. Dass dadurch umso mehr Autos auf den Straßen sein werden, ist abzusehen, genau wie die dadurch noch derberen Staus zu Berufsverkehrzeiten. Hallelujah, das war ja gestern schon ein Gewusel. Man ahnte, dass die vielen Leute in der U5 alle nochmal wichtige Besorgungen machen wollten, am Alex oder so, bevor’s für 10 Tage nicht mehr geht. Als ob uns jetzt irgendwas Atomares bevorstünde: Schnell noch mal ein Kaffeeservice im Kaufhof erstanden, ein Uhrenradio bei Saturn ergattert, Rinderhack in Weißmehltunke bei Burger King vertilgt. Das Ende ist nah, carpe fucking diem!

Mich fragt ja keiner, aber ich finde so lange wir Freunde haben, auf die wir uns verlassen können, ist noch nicht alles verloren. Drum müssen wir jetzt auch bei den Amis fragen, ob sie uns vielleicht mit einigen liebevoll “Rosinenbomber 2.0” genannt werdenden Armeeflugzeugen aushelfen, welche die ganz besonders dringend Transportbedürftigen von einem Punkt zum anderen befördern. Die Achse Tegel – Schönefeld, mit Zwischenstopp in Tempelhof wäre doch ganz effizient, einmal quer über Berlin, und auch Fridolf, nein – Friehelm, nein – Friedbert Pflüger (Nichtberliner wissen aus gutem Grund nicht, wer das ist) hätte sein Steckenpferd befriedigt, innerstädtische Lärm- und Dreckherde in relevanter, geschichtsbewusster Nutzung zu erhalten. Was gewiss ein angenehmes Gefühl in ihm hervorruft.

Okay, der Osten würde zwar weitgehend ausgelassen auf dieser “Luftbrücke 2.0”, welche sich aufgrund der M-förmigen Flugbahn von McDonalds sponsern lassen könnte, aber die Marzahner will sowieso niemand anderswo sehen und die urbanen Schluffis aus Prenzlberg haben eh alle Fahrräder. Verrostet zwar und die Lampen gehen nicht mehr, aber Fahrräder. Die Zehlendorfer Bürgerschaft und anderes südwestberliner Pack hingegen rekrutieren schnell ein paar Sänftenträger und sind somit auch wieder mobil. Ist ja auch wesentlich komfortabler so. “Normalerweise fahre ich auch nicht mit der Bahn, aber nun da der Pöbel aus den U-Bahnschächten quillt und die Straßen verstopft, muss man sich eben anderweitig seines Status versichern”.

Die Stuttgarter Schulklassen haben jetzt leider ein Problem. Wenn ich daran denke, wie verloren diese 25-köpfige Gruppe aus allesamt Koffertrolley-bewaffneten Teenagern bereits neulich waren, als sie sich in dumpfer Resignation und mit leerem Blick von ihrer Lehrerin im Windbreaker breit schwäbelnd erklären lassen mussten, dass die U-Bahn immer in die Richtung fährt “wo vorne druffstehd”, während sie den engsten Aufgang des gesamten, verdammt weitläufigen U-Bahnhofes Alexanderplatz verstopften. Nun, da sie nicht mehr mit den Öffis fahren und Einheimische nerven können, müssen sie wohl auf ihren Jugendherbergszimmern verbleiben und sich anderweitig beschäftigen. Vielleicht mit dem Kernzweck des Konzepts Klassenfahrt: Saufen.

Für die 100.000 Besucher dieser Reisemesse habe ich kein Mitleid.

Möglicherweise bleibt ja die eine oder andere Bürobüffelclique auch mal bis in die Zeit nach dem Streik auf ‘ner Fahrgemeinschaft hängen. Man lernt sich ja doch gut kennen, so zu fünft in der Karre, auf der Avus oder der B1, im fünfstündigen Stau. Da spielt man dann Stadt, Land, Fluß, lacht über Minderheitenwitze und beschließt das mal öfter zu machen und flugs ist der Klimawandel Schnee von gestern. Die Fahrradverleiher und -werkstätten, die Rikscha- und die Taxifahrer dieser Stadt werden auch alle einen enormen Reibach machen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn Hans-Werner Sack vom Deutschen Institut für Wirtschaftsmüll in der Dreckswische aus dem Hause Axel Spanner wieder den VOLKSWIRTSCHAFTLICHEN SCHADEN aufsummiert, den ein solcher Streik verursacht. Mir ist das egal, denn ich muss mich ausnahmsweise nicht über die verblendeten Deppen aufregen, die in der Bahn Tag für Tag diesen Dreck lesen. Denn die Bahn fährt ja nicht.

10 Kommentare

  1. Harry Kuntz sagte am 5. March 2008 um 10:01 Uhr:

    Verrückte Stadt, dieses Berlin.

  2. Niko sagte am 5. March 2008 um 16:01 Uhr:

    Ich glaub Hubschrauber wären praktischer als Flugzeuge.

  3. Frank sagte am 5. March 2008 um 19:48 Uhr:

    Und Jetpacks wären besser als Hubschrauber.

  4. Lotta sagte am 5. March 2008 um 20:05 Uhr:

    Niemals zuvor hab ich Berlin so voller Radler und Taxen gesehen. Und morgen muss ich über Friedrichstraße fahren, da, wo heut die Polizei eingreifen musste um die Menschenmassen zu den jeweiligen Bahnen zu dirigieren.
    Ich freu mich irgendwie auf Montag, wenn wirklich keine S-Bahnen mehr fahren… Dann ist alles so hübsch durcheinander, da macht’s gar nichts mehr, wenn man selber wirr ist.

  5. olli sagte am 5. March 2008 um 21:53 Uhr:

    “Nichtberliner wissen aus gutem Grund nicht, wer das ist”, nett gesagt — aber war der Kerl nicht ein Import?

  6. Lotta sagte am 5. March 2008 um 22:02 Uhr:

    Import schon, aber der klebt ja jetzt so penetrant an Berlin, und brüstet sich mit seiner Berlinerichkeit, dass der nirgendwo anders mehr auftaucht.

  7. ovit sagte am 7. March 2008 um 20:45 Uhr:

    ich gehe gerade jeden tag die friedrichstraße hoch und es fehlt da nicht mehr viel, bis die soziale ordnung wie ein kartenhaus zusammenfällt. da kochts auch langsam in mir.

  8. sm sagte am 10. March 2008 um 21:39 Uhr:

    Lustiger wärs, wenn die belegschaft des axel ficker verlags streiken würde.

  9. ich weiß nicht wie ich euch so hasse, fahradfahrer dieser stadt - Craplog.de sagte am 14. March 2008 um 11:35 Uhr:

    […] über den streik aufzuregen, das ist zu einfach, dachte ich, das haben wir ja auch schon gemacht, dachte ich, da kannst du dich ja gleich über jedes dahergelaufen popsternchen aufregen, […]

  10. Wie sich Berlin auf dem Kopf stehend anfühlt: Gut - Citronengras sagte am 15. March 2008 um 13:12 Uhr:

    […] bestreikten öffentlichen Verkehrsmittel jucken mich immer noch nicht so sehr. Gut, ich habe jetzt auch keine Arbeitsstelle in Hellerdorf oder eine […]

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