Archiv für den January 2007

Es ist wie eine Sucht

Gastautor, 31. January 2007

Der folgende Text stammt von der jungen Dame “S.”, die ich persönlich kenne. Ich bat sie um Kontribution fürs Craplog und sie erfüllte mir diesen Wunsch. – maloXP

Max Goldt war es, der Inforadio und mich zusammen brachte. In einer Geschichte beschreibt er, dass er bei Haushaltstätigkeiten gerne diesen Berliner Sender höre. Da ich seinerzeit die unlustigen Scherze der sich selbst belachenden „RadioEins“-Moderatoren („Nur für Erwachsene”) satt hatte, dachte ich gespannt: Das will ich wohl mal ausprobieren.

Doch trotz Empfangsbalkenwurfnähe zum Fernsehturm wollte das Küchenradio kein Inforadio ausstrahlen; stattdessen spie es auf der kolportierten Frequenz eine absonderliche Mischung aus Kuschelrock-Hitsender und dem immergutdraufen Gekeife einer Mittdreißigjährigen, die vermutlich zu grell geschminkt in ihrem miefigen Studiokabuff hockte, auf die Küchenfensterbank. So sieht sie aus – zu 90%, die Radiolandschaft in der Hauptstadt.

Weiterlesen »

Wirf mal das Stöckchen rüber!

ovit, 31. January 2007

Die Beantwortung von Fragebögen scheint dem Menschen von Natur aus im Blut zu liegen. Nachdem eine kurze Hemmschwelle überwunden und mit dem Ausfüllen eines Fragebogen begonnen wurde, wird alles was möglich ist, angekreuzt und ausgefüllt und mit bestem Gewissen beantwortet. Als Ausnahme muss das Befüllen von Amtsformularen gelten. Die sehen zwar manchmal aus wie Fragebögen und werden mit ähnlichem Unwissen ausgefüllt, haben einen unterirdischen Spaßfaktor und sind eher ein Horrortrip.

Um die eigenen Antworten aber auch richtig einzuschätzen, bringt ein Fragebogen auch nur dann etwas, wenn möglichst viele ihn ausfüllen. Das ist wie in der Marktforschung. Da befragt man zur Sonntagsfrage nicht nur eine Person, sondern eher mal lieber ein paar Hundert. Das nennt man dann repräsentative Umfrage. Darum enden diese neuen, digitalen Fragebögen üblicherweise mit der Frage, wer denn noch bitte die eben gerade beantworteten Fragen beantworten soll. Bis hierhin kann man über die Blödheit der Fragen, die Unlust in den Antworten und die Unsinnigkeit des Weiterreichens schimpfen, doch dann landen alle Menschen üblicherweise in der Tierwelt. Da wird der Fragebogen nicht von dem Herrn XY übernommen oder man hat ihn nicht bei Frau YX gefunden sondern man bekommt STÖCKCHEN zugeworfen. Und die hebt man dann auf, abgerichtet wie man ist, aber bringt dieses eben nicht zurück (Hunde können sowas!) sondern kaut lieber selbst etwas auf diesem STÖCKCHEN herum, um es am Ende wieder weg zu schmeißen, also zu den nächsten Menschen, die auf Hund machen.

Das ist mittlerweile so ein geflügeltes Wort und so von der breiten Masse akzeptiert, dass das Schneeballsystem in der Fachsprache schon in Stöckchensystem umbenannt wurde. Denn darauf fällt der abgerichtete Hund Mensch wieder herein. Bei dem Wort Schneeballsystem läuten direkt die Alarmglocken, liegt irgendwo aber so ein STÖCKCHEN herum, hebt er es schnell auf und wirft es an mindestens fünf Leute weiter. Denn wenn man das nicht macht, dann passiert in den nächsten 48 Stunden ein Unglück, das Konto wird zum Beispiel ausgeraubt, oder ein Kind stirbt in Afrika, oder die Hunde übernehmen die Kontrolle über die Menschheit. Verübeln würde ich es ihnen nicht.

links for 2007-01-29

del.icio.us, 30. January 2007

Chop Suey

.markus, 29. January 2007

Originalität ist nicht reproduzierbar und das macht sie zu einem so seltenen Gut in der Copy & Paste-Netzkultur.
Die ungemein wichtige Vereinfachung der Technik, die plötzlich jedermann Publikationsmöglichkeiten und Publikum im Internet bietet, hätte Joseph “Jeder-Mensch-ist-ein-Künstler” Beuys gefallen. Aber lassen wir den werten Herrn Beuys erstmal aussprechen:

„…damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt…Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.“

Der Begriff Originalität ist per Definition mit dem Schöpferischen verbunden, aber wir wären hier nicht auf der Plattform der ungeschminkten Abrechnungen, wenn es jetzt nicht um das genaue Gegenteil gehen würde.

Auf YouTube.com

Am Anfang waren Lippensynchronisationen bekannter Songs ja noch originell und witzig.

YouTube gab es noch nicht, man zog sich kurze Funclips mit (bestenfalls) ISDN-Geschwindigkeit von statischen HTML-Seiten. Damals war nicht alles besser, aber der Wald (Metapher!) war wenigstens kleiner. Einen letzten Hauch von Originalität hatte etwa dieses Video hier:


(YouTube-Direktlink)

Danach versank die Idee im Morast der 3-Minuten-Youtube-Ruhm-Fraktion und wurde zu einem der größten Misthaufen in der schönen neuen Welt des User-Generated-Content.

Die einzige Hemmschwelle zum Veröffentlichen von grausigen Versuchen der Lippensynchronisation scheint heute das Drücken des Aufnahmeknopfes zu sein – und das ist für eine intuitiv-technikaffine Jugend wahrlich ein geringes Hindernis.

Und so ziehen in meinen dunkelsten Träumen Heere von Abmahnanwälten durch die Kloaken von Youtube, verklagen alles auf Urheberrecht und Schmerzensgeld und Richter verhängen die Prügelstrafe.

Vorstellungsumtrunk bei Familie Z.

silent-diva, 29. January 2007

Beim heutigen rituellen Ausmisten einer meiner sogenannten “Tabu-Schubladen” fand ich eine interessante Aufzeichnung aus dem Jahre 2002. Anscheinend – nein, ich erinnere mich sogar! – war ich zu dieser Zeit fest entschlossen, ein Buch über die Komik des Aussiedlertums zu schreiben. Mit größtem Ems sammelte ich Anekdoten, Erinnerungen und Zitate aus dem Schatz meiner jugendlichen Erfahrung. Ich verwarf die Idee irgendwann, wohl weil der Schmock des Lebens mich überrannt hatte und weil ich erfuhr, dass auch “Der Junge mit der Gitarre” vor hatte, ein Buch zu schreiben, diese arme Wurst, hinter die ich mich stellte, denn er hatte schon ein Album draussen und ich nicht. Jedenfalls fiel mir heute ein loses Blatt zwischen die Finger, auf dem ich gelistet hatte, was ich unbedingt nicht vergessen darf, wenn ich meinen Hauptcharakter, namentlich Familie Z., benannt nach einer polnischen Suppe aus Roggen und groben Kartoffeln, zum ersten Mal auftreten lasse. Zu arg ist, was ich dort las – zumal es sich um nichts als die Wahrheit handelt. Nun werde ich, Stichpunkt für Stichpunkt abarbeitend, jene Familie aus meinen liebsten Erinnerungen zum neuen Leben erwecken.

Familie Z. lernte meine Familie auf einer Tupperware-Party kennen. Es hatte sich herumgesprochen, dass eine polnische Hausfrau alle benachbarten polnischen Hausfrauen in ihre Wohnung zum Kennenlernen lud. Froh, dass jemand einen ersten Schritt unternahm, die Nation in fremdem Land zu vereinen, zog meine Mutter los, die großzügige Gastgeberin kennen zu lernen. “Guttän Tack!” – so wurde Mama in Empfang genommen, begleitet von einem Duft nach öffentlicher Toilette, dem sogleich die Erklärung folgte: “Wier habbän Problämme miet Kanalisazionn.” Meine Mutter brachte von ihrem Treffen mit der hardcore-blondierten, grinsebärigen und auch sonst sehr herbzügigen Frau Z. einen OTTO-Katalog mit und erzählte uns, wie sie gezwungen worden war, sich im Beisein von Frau Z. telefonisch einen Ganzkörper-Overall mit Goldpailetten zu bestellen. Der Grund dafür war herzzerreissender Natur: Frau Z. besaß auch so einen und fände es bockstark, wenn meiner Mutter die textilen Freuden nicht entgingen.

Recht bald lernte ich den für mich relevanten Teil der Familie Z. kennen: die geistesschwache A. (ein Jahr älter als ich) und ihre übermäßig kecke Schwester E. (ein Jahr jünger als ich). Getroffen habe ich mich immer nur mit einer der beiden, da es sonst Krawall gegeben hätte. Mit E. verband mich Albernheit und Kreativität, während mit A. nicht viel zu machen war. Waren wir bei mir, wollte A. immer nur “Spiel des Wissens” spielen, was sie folgendermaßen kundgab: “Äääh de Wissä..!” – “Ich will ä wir de Wissens spieeeeeeeeeelöööön!” – das Spiel, wie man sich unschwer denken kann, hatte nicht die Chance, gemäß der Regeln stattzfinden, und so beschrenkten wir uns daraf, Planeten zu sortieren. Bei uns zuhause ging es aber allgemein nicht wirklich lustig zu. Ein Abenteuer war es dagegen, Familie Z. in ihrem Kabuff zu besuchen. Frau Z. hatte einen griechischen Fruchtbarkeitsgott mit einem Ständer bis zur Decke auf dem Fernsehapparat stationiert, an dem sie bestimmt viel Freude hatte, während sie im Blumensessel sitzend die Asche ihrer selbstgedrehten Zigarette in den überdimensionalen goldenen Fliegen-Aschenbächer bröckeln ließ. Und sah sie nach oben, wurde ihr die Exklusivität ihres neuen Lebens umso mehr bewusst – dort baumelte und bimmelte nämlich ein Christallkronleuchter, wie ihn sich vor hunderttausend Jahren nur Könige leisten konnten. Und apropos Royal, in der Vitrine winkte ihr eine aufgedonnerte Barbie-Puppe zu. Eine von diesen, die 50 Mark gekostet haben. Mit ausladendem Kleid aus Tüll und einer Frisur wie das Dreiwettertaft-Model.

Auch im Schlafzimmer ging es christlich und unchristlich zugleich zu. Frau Z. hatte – um ihren Lebensstandard dramatisch zu erhöhen, im OTTO-Katalog auch das weiße Puffbett mit eingebautem Radio und passendem Himmelbettgeschmeide bestellt. Ein drapierter Traum aus Rosa, auf der man bestimmt prima “Schiffbruch auf Kaffeefahrt” spielen konnte. In den Schubladen lagen meist benutzte Kondome, vorn zusammengeknotet. Über dem Bett hing ein riesengroßes Bild, das Jesus bei einer seiner Aktionen zeigte. Herr Z. war nämlich Hobbymaler. Er malte eigentlich alles. Am liebsten seine Frau. Diese starrte den Betrachter im engen Flur von einem garstigen Gemälde an, an das sie in Ritterrüstung gebannt worden war. Herr Z. übrigens trug einen fönhaubenmäßigen Afro und lief ständig furzend hin und her, wie es sich für einen Artisten seines Standes gehört. In der Tat übertraf sein Einfallsreichtum jede normalbegabte Vorstellung. Als E. und A. eines Tages die Tatsache beknatschten, keinen Tesafilm im Hause zu haben, um ihre Ponyposter aufzuhängen, griff Herr Z. einfach zu Hammer und Nägeln.

Als die Wohnung aufgrund der unerwarteten Belastungen zusammenzufallen begann, gewann Familie Z. im Lotto eine hübsche Summe und kaufte sich im benachbarten Kaff ein richtiges Haus. Dieses war so “richtig” nicht, denn es war eines dieser Häuser, die gebaut wurden für Menschen, die mir bis zum Nabel reichen. Null problemo!, dachte sich der Hobbyhandwerker Herr Z. und riss einfach die Decke raus. Betrat man nun das neue Haus zum ersten Mal, wähnte man sich in einem Spuk von ungeheurem Ausmaß. Jede Beschreibung des Gesamteindrucks erscheint mir an dieser Stelle euphemistisch. Es war eine misslungene, ekelerregende, Ästhetik negierende, magenverdrehende, Mensch, Sittich und Hamster verschreckende Mischung aus Hundertwasser, Munsters-Haus und “Eine schrecklich nette Familie”. Doch irgendwo hat man gedacht: joa, passt scho, wenn man den neusten Sprößling der Familie Z. auf dem Teppich sitzen sah, mit der Hand im Maul des ebenfalls neuen Köters. A. war inzwischen schwanger und erwartete ihren Auswurf mit nahender Mutterliebe, während E. sich den Bauchnabel, die Nase und die Augenbraue piercen ließ. Hing nunmehr nur noch mit E. ab und wir schnüffelten in ihrem seltsamen Zimmer, das nichts als schmuddeligen Teenagersex-Flair verstrahlte, Himbeerduftöl. Da kam sie auf die Idee, mir Homevideos zu zeigen. Ich musste gehen, nachdem sie mir die Stelle zeigte, an der sie am offenen Sarg ihres überfahrenen Onkels hockt und dessen Hand immer hebt und runterpatschen lässt. Es ist eine der letzten Episoden, an die ich mich erinnern kann, wenn nicht gar DIE letzte.

Hier liegt noch einiges im Argen, und noch sind so einige Stichpunkte offen. Vielleicht wird ja doch irgendwann ein Buch draus. Denn die tatsächliche Existenz dieser Familie macht mich einfach.. überglücklich.

Krisenexperiment Deutschland

silent-diva, 28. January 2007

schlandhaus

Wir Migranten.. wir wissen nicht, wohin mit unseren verformten Körpern und ausgedünnten Seelen, und haben schrullige Identitäten nötig die uns und Andere davon ablenken, dass wir auf anderen Wellen surfen als die Bewohner des Landes, das uns geschluckt hat. Ich fühle mich nicht als Deutsche, nicht als Polin, nicht als Kosmonautin, und ich glaube dass es ein Irrtum ist, anzunehmen, zumindest wenn man nach Identität fragt, dass Integration irgendetwas damit zu tun hat, es sich in einer Schnittmenge zwischen den Kulturen gemütlich zu machen, etwas Altes zu behalten, etwas Neues zu assimilieren und sich daraus ein Süppchen zu kochen. Von mir selbst weiß ich zu berichten, dass ich mich schon immer in einem Konflikt mit „Deutschland“ befand, dies jedoch nicht zur Folge hatte, dass ich verstärkt Kontakt zu meinen Landsleuten suchte. Ich glaube dass es über die mehr oder weniger einverleibte nationale Identität hinaus, die man aus der Heimat mitbringt, so etwas wie eine Migranten-Identität gibt, die viel stärkeren Einfluss auf das So-und-nicht-anders-fühlen hat als irgendwelche nationalen Spezialitäten. Das erklärt auch, dass diese kollektive Migranten-Identität dazu führt, dass Menschen sehr verschiedener kultureller Backgrounds – geeint durch die gemeinsame Migrationserfahrung – sich ausgezeichnet verstehen. Eine Freudseeligkeit, die selten anzutreffen ist in der Kombination Ausländer + Kartoffel. Wie komme ich auf all das? Ich möchte zum Thema Krisenexperiment hinführen, und für diejenigen, die Soziologie für eine lauschige Variante der Hausfrauen-Psychologie halten und therefore keine Ahnung haben, soll hier eine Definition des Wortes Krisenexperiment vorangestellt werden: Ein Krisenexperiment ist ein Verfahren das prüfen will, wo Normen bestehen und wie ihre Brechung die sozialen Akteure zu triezen vermag. Hierzu begibt man sich in die unter allen anderen Umständen kompromittierende Rolle des Störenfrieds und verhält sich in bestimmten Situationen der Situation nicht angemessen, z.B. siezt man seine Eltern, duzt seine Professoren (nicht zu empfehlen) oder bedient sich an der Trinkflasche des fremden Gegenübers in der Mensa. Über die Reaktionen bringt man dann in Erfahrung, wie stark oder flexibel soziale Regeln in einer Gesellschaft verankert sind. Soweit, so Augen verdrehen machend. Deutschland war für mich schon immer ein riesiges Krisenexperiment, ohne dass ich mir meiner Forscherrolle je bewusst war. Nun beginne ich zu begreifen. Ein Beispiel, das für das Krisenexperiment immer gerne herangezogen wird, ist das von der Grußformel „Wie geht’s?“ – laut Auskunft des Didaktikers würde man große Irritationen auslösen, wenn man diese Frage ehrlich beantworten würde, z.B. wie: „Ach, frag lieber nicht. Mein Sohn hat sich die Zähne ausgeschlagen und Fiffy wird morgen eingeschläfert…“ Angeblich, heißt es, dürfe man in dieser Situation mit „Ääähs..“ und „Öööhms…“ rechnen. Die einzig legitime Antwort sei: „Danke, gut.“ WIE BITTE…!? Als ich dieses erfuhr, wurde mir schlagartig klar, warum so viele Menschen mich komisch finden!!!! Ich habe auf die Frage „Wie geht’s?“ nämlich bisher immer mit der Wahrheit oder mit soviel Wahrheit wie ich für vertretbar hielt, geantwortet. Im Übrigen bin ich nicht die Einzige, die das alles nicht ganz verstanden hat. Mein Vater antwortete auf die Frage einmal mit „Geht so.“, worauf es entsetzt hieß: „WAS IST DENN PASSIERT!?!??“ – es führte zu viel Gelächter im Kreise der Familie und zu den ersten Ahnungen, dass in Deutschland alles bis zur Unmenschlichkeit verfloskelt ist. Mit alledem sei nur angedeutet, dass ich mich häufig in einer Situation wiedergefunden habe, die mich seltsam agieren ließ weil ich anders dachte als die da, allerdings möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass mir fast noch häufiger Situationen unterkommen, in denen nicht ich der Freak des Anstoßes bin, sondern Andere die des meinen! S. wird es mir wieder einmal dankend bestätigen: wir haben allzu oft das Gefühl, dass Andere ihre Spielchen mit uns treiben, wenn ihr Verhalten uns mal wieder nicht in den Kopf will und nun wissen wir es: sie treiben bestimmt Krisenexperimente. Zum Beispiel heute wieder. Ich betrete den etwas vollen PC-Saal und stelle mich an, auf einen frei werdenden Platz wartend. Plötzlich sehe ich, wie drei Tussis mich und den Rest der Schlange austricksen wollen, indem sie umherwuseln und dann wie von der Tarantel gestochen die freien Plätze ansteuern, sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sie sich hinten anstellen müssten und die Fresse zu halten hätten. HALLO!?? DAS IST HIER NICHT REISE NACH JERUSALEM!!?? Traurig aber wahr: in den meisten solcher Fälle handelt es sich um pure Dummheit und keine Krisenexperimente. Ich wüsste ja auch gern, was in den Leuten vorgeht, die sich in einem zur Stille gemahnendem Saal niederlassen, und dann ihr Handy klingelt, und dann fangen sie an zu quatschen, richtig laut und ungeniert, ohne irgendwas zu merken. Wie weit kann man’s treiben? Schlimm genug sind ja auch die Fotzen, die sich gemeinsam im PC-Saal niederlassen und dann ihren üblichen Kaffeetratsch abhalten nicht einen Gedanken an die fiesen Blicke verschwendend, die sie von den Stillesuchenden und Lernenden ernten. Beleidigt wird mit dem gefiederten Popo gewackelt, wenn einer mal was sagt wie: „Fresse.“ – naja.

Mal ein anderes Thema, schon längst fällig geworden: wir haben eine neue Putzfrau (im „privaten“ Studentenwohnheim). Besser gesagt: die Alte ist raus. Treue Leser werden sich gewiss an meine Erfahrungen mit der rot geschminkten Hühnerfrisur-Trulla erinnern, ich berichtete ausführlich und in O-Tönen. Wie erfuhr ich von meinem menschlichen Verlust? Ich wollte beim Vermieter ein Päckchen abholen, als mir seine Haushälterin aus dem Fenster einen Batzen unverständlichen Zeugs zuwarf. Dann stieg sie hinab zu meiner tropfregennassen Erscheinung (Märchenfans denken an die Prinzessin auf der Erbse und sie haben Recht, genau so will ich gesehen werden), informierte mich über den gar schrecklichen Zustand meines Zimmers (sie hätte mal „reingeschaut“) und den Fortgang von der putzenden Frau. Angeblich hätte sie den ganzen Putztag („DIENSTAG IST PUTZTAG! BITTE SORGEN SIE FÜR UNGEHINDERTES ARBEITEN!“) nur in irgendwelchen leeren und halbleeren Zimmern gesessen und getratscht, nicht richtig geputzt, nie irgendwas zu ende gemacht. Fand ich jetzt nicht völlig meinem Eindruck widersprechend, ich weiß noch, wie sie bei mir die Fenster putzte, die hernach um einiges dreckiger aussahen als zuvor…). Jedenfalls kam die Haushälterin dann auf den Trockner zu sprechen, der unten bei uns steht und von allen Hausbewohnern genutzt wird. Sie ließ sich darüber aus, dass der Trockner nie richtig trocknen würde, was ja auch kein Wunder sei, wenn anscheinend alle zu DUMM seien, um den Kanister zu leeren und das Sieb zu reinigen. Diese verdummende Verallgemeinerung der augenscheinlich um mindestens 100 IQ-Punkte reicheren Mithausbewohner ließ ich mir nicht bieten und wies die Frau darauf hin, dass ein Trockner in den meisten Haushalten immer noch nicht Gang und Gäbe sei und deshalb viele ganz einfach nicht wüssten, wie man einen Trockner bedient, die denken eben, Wäsche rein, Ding an, Wäsche raus, und das könne man ihnen schlecht zum Vorwurf machen, ich würde – nett wie ich bin – einen Zettel mit kurzer Gebrauchsanweisung anbringen. Darauf die Haushälterin: „Joh dann säje Se’s doch mol werrer!! isch sag blous PISA-Studie!! Ne?? isch will joh nedd böse sein, awwer die Kinner verdabbische in Deitschland!!“ – BRUAHAHAHA.

Standesdünkelzentralpostillenbashing

Frank, 28. January 2007


Foto: otzberg (cc)

Ein Grund dafür, warum ich die FAZ – trotz einiger guter Artikel – verachte, ist der intellektuell-abgehobene Nimbus, der das Blatt umgibt und auch umgeben soll. Den finde ich kaum erträglich.

Ein paar Zielgruppen-Klischees? Gerne. Es fängt beim Format an: 371 × 528 Millimeter darf man schon fast als separatistische Tendenz bezeichnen. Ein mit Rührei gefüllter Mund wird beim Frühstück niemals “Schatz, reichst Du mir mal bitte den FAZ-Sportteil?” hauchen, sie ist einfach zu großformatig um bei Tisch gelesen zu werden (wobei, die “Bild” ist noch größer – aber die hat auch eine höhere Schriftgröße und weniger Schachtelsätze). Im öffentlichen Raum sieht man das Blatt deswegen meist zusammengefaltet anzugstoffgefilterten Achselhöhlenmief atmen. Nein, die Frankfurter Allgemeine wird entweder vorgezeigt oder in schweren Ledermöbeln “genossen”, am besten mit Pfeife im Mundwinkel. FAZ-Leser sind über fünfzig, männlich, beruflich erfolgreich und fahren BMW oder Mercedes. Sie glauben an die Gesetze der Ökonomie und die Faulheit der anderen. Sie sind stets hart gegen sich selbst, allein schon indem sie das vollkommen unbunte und gediegen-steife Layout ertragen. Die dezente, aber prägnante Werbung spricht sie deswegen an, weil sie genau auf das Selbstbild der intellektuellen Elite abzielt: “Gehen Sie in Meinungsführung”, “Kopfstütze”. Alles klar, ihr mich auch.

Über Frank Schirrmacher reden wir gar nicht erst. Das kann die taz besser.

Dass das Feuilleton als links und/oder progressiv gilt – meinetwegen, mir egal. Solange, die Nase hart am Wind, für Bücher mit vollkommen abgehobenen FAZ-Zitaten wie diesem geworben wird, die keinen Zweifel zulassen, wer die Mehrzahl sein soll und wer die Minderheit:

faz die korrekturen

Spiegel-Leser wissen mehr, FAZ-Leser wissen alles. Und zwar besser. Eklig.

No matter what I do, I do it just for you

Frank, 22. January 2007

klaws

Castingshows sind nicht deswegen blöd, weil sie Müll sind. Der Großteil aktueller Fernsehunterhaltung ist das.

Castingshows sind blöd, weil man sich immer mal wieder dann doch verschämt dabei erwischt, sabbertriefend und vakuösen Hirnes “mitzufiebern”, wenn sich ein paar arme Tropfe von minderbemittelten Nord- oder Ostdeutschen dauer-ankacken lassen, weil sie sich zu wenig aufopfern für den Fast-Food-Popkultur-Endsieg, der bloß aus weiterer Selbstaufopferung, Prostitution und andauerndem Kampf gegen die Selbsterkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit besteht. Mir ging’s zuletzt in der Pizzeria so, dass ich den Blick nicht abwenden konnte. Drei runde Fladen zu belegen, zu backen und einzupacken dauert schon so seine Zeit. Im TV lief RTL, eine Tanzshow. Ein schwuler Schwarzer wird in einem Intro als “Alessandro – Der Schweigsame” o.Ä. charakterisiert. Anschließend hüpft dieser mit überzeichnenden Gesten (die dort wohl verlangt werden) zu irgendwelchen beliebigen Tönen auf einer Turnmatte herum. Nach einer Minute fragt die Moderatorin, blond, Perlweißgrinsen, den Atomlesen Atemlosen, wie’s denn so war. Nichsozufrieden, Publikum spitze, danke an meinen Freund… Der nächste bitte! Pizza fertig.

Weißt Du was? Manchmal schau ich sowas gerne.

Warum sollte man leugnen, dass man das tut, “wenn’s halt grad kommt”? Ein kleiner sensationsgeiler Voyeur steckt doch in uns allen. Man muss die Schwachmaten da ja nicht mögen. Popstars, DSDS und alle Klonformate taugen 2007 genauso wenig, den Niedergang von Kultur und Jugend zu konstatieren wie z.B. Klingeltöne. Es gibt das einfach, ein Unterschichtsphänomen, das Alltagskultur geworden ist, so what? Wesentlich anstrengender als blechernes Rapgedudel oder bleiernes Popgefistel sind die, die sich als Gralshüter des guten Geschmacks aufspielen (während sie in anderen Kontexten Ironie und die topmoderne Koketterie mit Trashkultur zum Stil erheben). Wer sich dessen schämt, Bohlen zu gucken, dem D! beim Quengeln zuzuhören, Leuten beim Rumhampeln und Schlittschuhlaufen zuzusehen – sollte besser schweigen, anstatt in despektierlicher Ironie über andere zu urteilen, die dazu stehen. Was nicht heißen soll, dass dort nicht ausnahmslos Dreck produziert würde. Nur ist es eben unterhaltsamer Dreck, wenn man gerade für Dreck empfänglich ist.

Nebenbei: Das Erzeugnis von Castingshows sind Perversionen der Popmusik. Wenn das dort vermittelte Stilbild aber noch weiter verzerrt wird – so etwa wie wenn man Brei immer und immer wieder püriert – dann kommt so etwas heraus wie das, was Mr. Batz da fand: Ein Kobold mit “Superstar”-Frisurpracht namens Declan Galbraith trällert das Nationalheiligtum “An Angel” von der Kelly Family (Remember Angelo?), stilistisch ein brünftiger Lemming, der zuviel gekokst hat (Man beachte den Gesichtsausdruck!), in Flori Silbereisens neuer Stadlstation “Am laufenden Band”. Sieh selbst, geht das noch schlimmer? Ich habe es mir bis zum Schluß angesehen.

(Bild und Titel dieses Beitrags entstammen dem furchtbaren “Behind the Sun” von Alexander Klaws)