Archiv für den December 2006

Burtal

Frank, 27. December 2006

Hört man deutschen Hip Hop, lauscht man einer eigentümliche Form von energetischer Eloquenz und extremer Eleganz. Wilde Poesie mit mannhafter Pose vermengt, vermochten im letzten Jahrzehnt (und ja auch in diesem) eine ganze Jugendbewegung zu prägen. Ein Stil, eine Lebensauffassung gar, verbreitete sich, sprang über von Vorstadt zu Vorstadt, gewann immer mehr an Substanz und vermochte es, Würdenträger wie Sido und andere in die Feuilletons der Burgeoisie zu hieven. Die wurden in solchen Haushalten gelesen, deren Nachwuchs, oben im Jugendzimmer unter dem Dach, den Hip Hop schon längst verinnerlicht hatte. Und wenn man heute durch Zufall auf ein offenes Weblog trifft, in dem das gewaltlose, das verbale Kräftemessen zelebriert wird, wenn man die komplexen Syntaxen und Metren, die stilvollendeten Reime erblickt, dann geht einem das Herz über und man vermeint, den ersten Regungen eines neuen Hölderlin beizuwohnen:

ich spürh den frosch in meinen halz mein herz lässt sich nicht öffnen /
mein schwanz is lang wie vom pferd und er presst mich in die höhe /
der grund meines lebens ist leiden und denn sinn des leben zu finden /
wer sich mir in den weg stellt den werd ich ess geben von hinten/

(…)

egal ich kämpf weiter mit hass, ich glaub ich werder nicht normal /
beim battel werden deine kleider ganz nass, und ich werde dann burtal/
ihr wisst nicht was für eine dreprission mich dann nachts anfällt /
es ist nicht normal wie wenn von deinem unterleib, dein schwanz abfällt/

BloodyP: Schmerz

[Bild: revraikes (cc)]

Betrifft: Tokio Hotel

Frank, 25. December 2006

th1

Quelle: http://www.zeit.de/online/2006/45/bildergalerie-tokiohotel?9

Wen die Dame in der Mitte wohl anbetet? Ganz klar: den Toooooooom!

Rolltreppen

Frank, 20. December 2006

Meistens geht die unmotorisierte Treppe schneller. ‘S liegt in der Natur der Sache: In touristischen Einzugsgebieten offenbart sich häufig die Inkompatibilität des Touristen-an-sich mit dem urbanen Leben eindrucksvoll, indem auf einer Rolltreppe gestanden wird.


Argh: Menschen auf einer Rolltreppe
[Foto: herrtobe (cc)]

Im gleißenden Licht der Lebens-, aber auch der Rolltreppenmitte in das Obergeschoss S-Bahnsteig am Alexanderplatz fährt er oder sie aufwärts, bepackt mit La Fayette- und KaDeWe-Tüten und scheint es zu genießen, das die Sonne in prachtvoller Langsamkeit immer mehr Partien seines Oberkörpers erhellt und Fragen nach der Relativität von Bewegung ihren/seinen Geist stroboskopartig durchzucken, während ich innerlich, wenige Zentimeter hinter bewusster Person, Go fuck yourself fluche.

Artig darum bittend, vorbei gelassen zu werden, ist mir schon im Ansatz klar, dass es zwecklos ist. Dass die blockierende Person sich erst einmal umdrehen wird und mir mit latent dümmlichem, fragendem Blick etwas Irrelevantes mitteilen will, dass entweder Shoppingabsicht, Herkunft oder “Müsst ihr Städter immer so hektisch sein?” sein könnte, ehe sie mich vorbeilässt, ich aber sowieso keine Chance habe die Bahn zu erwischen, die mich als letzte hätte pünktlich zum Uniseminar befördern können, weil in dem Moment in dem ich den Bahnsteig erreiche – die Tür schließt.

Diese Situation ist weder Einzelfall, noch gibt es für sie keine Steigerungen: Schlimm wird’s bei Paaren, die halten Händchen. Oder Schulklassen, die blöken, blockieren und riechen schlecht.

Links gehen, rechts stehen ist eine alte Weisheit, die uns Marie von Ebner-Eschenbach oder irgendjemand anders hinterließ. Eine Regel, die zwar schlecht ist für die Rolltreppe wegen der ungleichmäßigen Gewichtsbelastung des Geräts, gut hingegen für das Nervenkostum der Mitmenschen, vor allem der “Ureinwohner”. Wegen der viel beschworenen Eigenverantwortung aber, wie gesagt, sollte man – wenn in Eile – am besten gleich die “normale” Treppe nehmen. Wenn es denn eine gibt! Die nagenden Fragen jedoch verbleiben unverzagt: Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass es in Berlin Menschen gibt, die keinen Urlaub machen, die Ziele im wörtlichen Sinn haben? Ja, gibt’s denn nicht wenigstens ein paar Rolltreppen als Anschauungs- und Lernobjekt bei euch? Oder anders: Hat Baden-Würtemberg keine Einkaufszentren?