Hat Deutschlands Jugend eine Zukunft?
Stimmung schlechter als die Realität
Deutschlands Jugend ist die pessimistischste. Einer aktuellen internationalen Vergleichsstudie von UNICEF zufolge, in der die Situation von Kindern in 21 Industrieländern betrachtet wird, wirkt ein Faktor besonders besorgniserregend: knapp 25 Prozent erwarten, dass sie nach Beendigung der Schule und Ausbildung nur Arbeiten mit niedriger Qualifikation ausüben werden. Die Bundesrepublik landet so auf dem letzten Platz, nirgendwo sonst wird die persönliche Zukunft so düster bewertet.
Auch subjektiv gibt es keine schönen Ergebnisse: Die Lebenszufriedenheit der Kinder und Jugendlichen ist schlechter geworden, Deutschland erreicht den viertletzten Platz und landet nur auf Position 18. Das ist nochmal sechs Plätze schlechter als vier Jahre zuvor. Sechs Prozent der befragten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler betrachten sich selbst als Außenseiter, elf Prozent fühlen sich „unbehaglich und fehl am Platz“. Etwa jeder dritte gibt an, er sei „alleine“. Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einem „fast depressiven Zukunftsbild“. Ist diese negative Einstellung berechtigt? Hat Deutschlands Jugend eine Zukunft?
Thema Arbeit: Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) mit Sitz in Genf rechnet für 2009 weltweit mit 240 Millionen Arbeitslosen. Dabei sind im Schnitt Frauen und Männer unter 25 Jahren mit einem Plus von bis zu 15 Prozent doppelt so stark betroffen wie der Durchschnitt. Die Arbeitsmarktexperten zeichnen vor allem für Europa ein düsteres Szenario, während in Asien und Lateinamerika die Folgen moderater ausfallen dürften. Von jeher waren Jugendliche dreimal stärker von Arbeitslosigkeit bedroht als ältere, so die ILO.
Untermauert werden diese Annahmen auch durch die Zahlen des Europäischen Statistikamtes „Eurostat“: Im ersten Quartal 2009 waren in der Europäischen Union fünf Millionen Menschen unter 25 arbeitslos gemeldet; das sind eine Million mehr als im selben Zeitraum ein Jahr zuvor. Die spezifische Arbeitslosenquote der insgesamt 27 Mitgliedsstaaten stieg um vier Prozentpunkte auf 18,3 Prozent. Ingo Kuhnert von „Eurostat“ kommentiert diese Entwicklung so: „In dieser Schärfe und Gleichmäßigkeit haben wir das in Europa noch nicht gesehen“.
Und dennoch: Mit rund 10 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gehört die Quote aus Deutschland zu den niedrigsten in ganz Europa. Auch der Abstand zu anderen Altersklassen ist im europäischen Vergleich geringer. Im Juli 2009 waren insgesamt 429000 arbeitslos, das sind 67000 mehr als im Jahr 2008 und daher nur ein moderater Anstieg. Das liegt laut Arbeitsamt jedoch auch an der Überbrückungszeit bis zur Lehre oder Studium. So besänftigt BA-Chef Weise: „Es bleibt die Erkenntnis, dass junge Menschen mit Ausbildung oder mit Berufserfahrung auch in dieser Rezession wieder Arbeit finden.“
Thema materielles Wohlbefinden: Hier sind vor allem Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen, überproportional von Armut betroffen. Der Armutsdruck auf diese Kontrollgruppe ist seit zwölf Jahren nahezu unverändert, selbst wenn eine Berufstätigkeit besteht. Bei rund zwei Millionen Kindern und Jugendlichen mit nur einem Elternteil muss rund die Hälfte mit 60% oder weniger des Einkommens auskommen, wie wenn beide Elternteile arbeiten.
Das Statistische Bundesamt konnte trotz Wirtschaftskrise keine Rückgänge des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf verzeichnen. Seit 1950 ist das BIP kontinuierlich gestiegen und liegt heute bei über 30000 €; ein guter Wert für den Faktor Wohlstand in Deutschland. Das Problem liegt laut Klaus von Dohnanyi (SPD), ehemaliger Bildungsminister und früherer Hamburger Bürgermeister, in der falschen Nutzung dieses Wohlstands:
„Der heutige Wohlstand führt in vielen Bereichen auch zu nicht unerheblicher Verwahrlosung der Kinder. Ich bin viel “ärmlicher” aufgewachsen als der Durchschnitt des deutschen Bürgertums heute. Aber ich bin von meinen Eltern anders erzogen worden und zwar mit Ansprüchen und mit Zuneigung. Wenn Sie vergleichen, mit welchen finanziellen Möglichkeiten meine Eltern ihre drei Kinder aufgezogen haben, dann sind die Leute, die heute im unteren Durchschnitt des Bürgertums leben, vergleichsweise reich. Und trotzdem hat man uns Bücher zur Verfügung gestellt, wir sind auf gute Schulen gegangen und so weiter.“
Die subjektive Schwarzmalerei der Jugend stammt aber nicht nur von der Erziehung der Eltern, sondern deren Projektionen auf die Kinder. Das sieht auch der Sozialwissenschaftler Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität so: „Eltern und Lehrer müssen sich fragen, ob sie nicht möglicherweise zu hohe Leistungserwartungen in die Kinder projizieren, die sie dann gar nicht erfüllen können.“ Wichtiger sei es Kindern den Glauben an sich selbst zu vermitteln, um sie so stark zu machen für eine unsichere Zukunft.
Thema Bildung und Ausbildung: Deutschland ist nach Polen das Land mit den meisten Kindern und Jugendlichen, die sich in einer Schule oder Ausbildung befinden. Mit 92,4 Prozent werden klar mehr erreicht als in anderen europäischen Ländern. Die Maßnahmen nach der schlechten Pisa-Studie haben ebenfalls gewirkt, die neuesten Daten zeigen Leistungsverbesserungen in den Naturwissenschaften allgemein, vor allem Mathematik.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen jedoch in keiner Vorreiterrolle: Nirgendwo gibt es weniger Studienanfänger, 2007 lag die Quote bei 34 Prozent des Jahrgangs. Nur in Belgien, Mexiko und der Türkei studieren noch weniger. Dafür gibt es Gründe: Gemessen an der Wirtschaftskraft investiert Deutschland zu wenig in Bildung. Im Jahr 2006 lagen die gesamten öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildung bei 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der OECD-Schnitt liegt hingegen bei 5,5 Prozent. Hier steht die Bundesrepublik an fünftletzter Stelle, lediglich die Türkei, Spanien, Irland und Slowakei geben noch weniger aus.
Laut OECD gibt es in Deutschland erheblichen Bedarf für Reformen: „Wenn Deutschland gestärkt aus dieser Wirtschaftskrise hervorgehen will, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, in Bildung und höhere Qualifikation zu investieren”, sagte OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger.
Reicht da eine einzige Bafög-Erhöhung um 2 Prozent zum 1. Oktober 2010, die das Bildungsministerium garantiert hat? Hier ist die Politik in der Pflicht attraktivere Angebote zu machen. Der österreichische Hochschullehrer Adolf Haslinger hat es so formuliert:
„Wer an der Jugend spart, wird in Zukunft verarmen.“
CIP (Cipha Independent Press), Januar 2010



